{"id":14158,"date":"2026-07-19T17:03:40","date_gmt":"2026-07-19T15:03:40","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/startup-gruender-altkleider-verbrennen-ist-das-primitivste-was-man-machen-kann-37963752-html\/"},"modified":"2026-07-19T17:03:40","modified_gmt":"2026-07-19T15:03:40","slug":"startup-gruender-altkleider-verbrennen-ist-das-primitivste-was-man-machen-kann-37963752-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/startup-gruender-altkleider-verbrennen-ist-das-primitivste-was-man-machen-kann-37963752-html\/","title":{"rendered":"Textilbranche: Startup-Gr\u00fcnder: \u201eAltkleider verbrennen ist das Primitivste, was man machen kann\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Eine neue EU-Verordnung verbietet gro\u00dfen Modeproduzenten, Textilien zu vernichten. Profitieren k\u00f6nnte davon Lars Conzendorf. Sein Start-up wandelt Altkleider in ein vielseitiges Granulat um<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Jedes Jahr landen 120 Mio. Tonnen Kleidung im M\u00fcll \u2013 80 Prozent davon auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen. Nur ein Prozent wird zu neuen Fasern recycelt. Seit dem 19. Juli ist die Vernichtung unverkaufter Textilien f\u00fcr Gro\u00dfunternehmen in der EU per Gesetz verboten: Die neue EU-\u00d6kodesign-Verordnung ESPR zwingt Modemarken erstmals, \u00dcberbest\u00e4nde und Retouren in den Kreislauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, statt sie zu schreddern. F\u00fcr das K\u00f6lner Startup CRCL k\u00f6nnte dieser Stichtag der entscheidende Schub sein.\u00a0<\/p>\n<p>Mitgr\u00fcnder Lars Conzendorf, zust\u00e4ndig f\u00fcr Business Development, und sein Team haben ein Verfahren entwickelt, das aus Alttextilien \u2013 genau jener Ware, die bisher planm\u00e4\u00dfig in der Verbrennungsanlage landete \u2013 ein industriell verwertbares Kunststoffsubstitut macht. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Gesetze mit Schlupfl\u00f6chern, die Frage, ob Recycling wirklich besser ist als Verbrennen \u2013 und wie man sich lukrativ gegen 120 Mio. Tonnen Textilm\u00fcll stemmt.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>CAPITAL: Herr Conzendorf, ab diesem Sonntag ist die Vernichtung unverkaufter Kleidung f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne in der EU verboten. War das eine \u00dcberraschung?<\/strong><br \/>LARS CONZENDORF: F\u00fcr uns auf gar keinen Fall. Wir scannen den Markt seit Jahren, EU-Regulatorik ist f\u00fcr uns ein zentrales Thema. Die meisten solcher Gesetze und Verordnungen bek\u00e4mpfen Symptome, nicht die Ursache, denn die lautet \u00dcberproduktion. Dennoch haben solche Schritte und drohende Strafgeb\u00fchren eine gewisse Signalwirkung und zwingen Unternehmen zum Handeln. Auch wenn Strafgeb\u00fchren bei zu geringer H\u00f6he oft eingepreist werden, ohne dass sich wirklich etwas \u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Was genau wird verboten \u2013 und was nicht?<\/strong><br \/>Unverkaufte Ware darf nicht mehr vernichtet werden: weder verbrannt noch deponiert. Kleidung, Schuhe, Bekleidungszubeh\u00f6r. Ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnt werden auch Retouren. Daf\u00fcr gibt es zehn Ausnahmen, etwa wenn die Reparatur \u201enicht kosteneffektiv\u201c ist oder Spendenangebote erfolglos blieben. Beides ist interpretierbar. Ebenso ausgenommen sind Kleinstunternehmen, also solche mit unter 50 Besch\u00e4ftigten und maximal zehn Millionen Euro. Das hat seinen marktwirtschaftlichen Sinn, birgt aber das Risiko schlauer Konzernstrukturierung.<\/p>\n<p><strong>Wer zahlt am Ende \u2013 und wie?<\/strong><br \/>Bisher zahlt beispielsweise die Stadt K\u00f6ln, wenn man als Verbraucher Altkleider in den Container wirft. K\u00fcnftig werden die gro\u00dfen Marken zur Kasse gebeten \u2013 das regelt die sogenannte Erweiterte Herstellerverantwortung. [EPR: ab 2027 EU-weit verpflichtend einzuf\u00fchrendes System, das Textilhersteller an Sammel- und Recyclingkosten beteiligt]. Das l\u00e4uft \u00fcber Mittlerorganisationen, die das Bindeglied darstellen zwischen beispielsweise Adidas als Produzent eines Deutschlandtrikots, dessen K\u00e4ufer und Tr\u00e4gers sowie den sammelnden und sortierenden Betrieben.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Und wer stellt sicher, dass das kein zahnloser Ablasshandel wird?<\/strong><br \/>Idealerweise wird das \u00f6komoduliert: Wer Fast Fashion produziert, zahlt h\u00f6here S\u00e4tze als Produzenten, die auf Qualit\u00e4t und Naturmaterialien setzen. Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Wie viel Lobbydruck hat die Modeindustrie? Was wird am Ende wirklich in diese Geb\u00fchren reinverhandelt? Da wird es noch spannend.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt man auf die Idee, sich mit einem Start-up in dieses Business zu st\u00fcrzen?<\/strong><br \/>Das klingt skurriler, als es ist. Ich habe famili\u00e4r einen Bezug zur Kreislaufwirtschaft: Mein Vater ist Vorstand bei Remondis, unser Investor war CEO von PreZero, der Entsorgungssparte der Schwarz-Gruppe, und wir wollen als junge Gr\u00fcnder gemeinsam etwas f\u00fcr die Zukunft tun. Aber es ist trotzdem eine Garagengeschichte. F\u00fcr den allerersten Prototyp haben wir im K\u00fcchenmixer Altkleiderreste zerkleinert und vermischt mit Kleber aus dem Internet in eine Gipsform gegossen. Aus dem daraus entstandenen Kleiderb\u00fcgel ist die ganze Idee entsprungen.<\/p>\n<p><strong>Was wandert f\u00fcr das Granulat in die mittlerweile gro\u00dfen Schredder hinein?<\/strong><br \/>Alttextilien der schlechtesten Qualit\u00e4tskategorie 4, die f\u00fcr Second Hand ungeeignet sind und bisher direkt auf der Deponie oder im Verbrennungsofen landeten. Das Besondere: Unser mechanischer Prozess verarbeitet Mischfasern \u2013 Polyester, Elastan oder Baumwolle \u2013 in einem Schritt. Diese Mischfasern sind f\u00fcr andere L\u00f6sungsans\u00e4tze, etwa die Gewinnung neuer Garne, oft eine gro\u00dfe Herausforderung, weil sie sich nicht oder nur sehr aufwendig trennen lassen. Wir haben eine L\u00f6sung f\u00fcr eben dieses globale Mischfaserproblem.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Und heraus kommt?<\/strong><br \/>Ein Granulat namens Apatura, das im Spritzgussverfahren zu Endprodukten weiterverarbeitet werden kann: Sitzschalen, Kleiderb\u00fcgel, Aufbewahrungsboxen. Mit laut unserer Berechnung 50 Prozent weniger CO\u2082 als konventioneller Neukunststoff. In einem Pilotprojekt haben wir gemeinsam mit Vitra eine Sitzschale entwickelt, die als Referenz beweist, dass unser Granulat hohen industriellen Qualit\u00e4tsanforderungen standhalten kann. Der Endkonsument hat uns noch nicht im Regal gesehen. Das kommt.<\/p>\n<p><strong>Bei 120 Mio. Tonnen Textilm\u00fcll weltweit j\u00e4hrlich, bleibt das nicht ein Tropfen auf dem gl\u00fchend hei\u00dfen Stein?<\/strong><br \/>Das w\u00fcrde ich so nicht sagen, aber ich sehe uns als Pioniere. Und man muss bedenken, worum es geht: Eine Tonne Altkleider in einer deutschen Verbrennungsanlage erzeugt zweieinhalb Tonnen CO\u2082. Jede Tonne, die wir herausziehen, spart das. In anderen Teilen der Welt, wo es keine Hochleistungsverbrennungsanlage gibt, sind die Umwelteinfl\u00fcsse noch massiver.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re Verbrennung mit maximaler Energier\u00fcckgewinnung trotzdem die effizientere L\u00f6sung?<\/strong><br \/>Auf gar keinen Fall. Baumwolle w\u00e4chst in L\u00e4ndern mit extremem Wasserstress. Diese ressourcenintensive Faser anzubauen, zu f\u00e4rben, um die halbe Welt zu schicken \u2013 und sie dann f\u00fcr Strom oder W\u00e4rme quasi \u201everpuffen\u201c zu lassen, ist keine Antwort. Daf\u00fcr sind wir mit Windkraft und Sonnenenergie auf gutem Weg. Altkleider zu verbrennen, ist das Primitivste, was wir damit machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Was m\u00fcsste politisch noch kommen \u2013 \u00fcber das Vernichtungsverbot hinaus?<\/strong><br \/>Die Modeindustrie muss aufh\u00f6ren, das Problem in die Kreislaufwirtschaft zu schieben. Was wirklich helfen w\u00fcrde, ist eine progressive Bepreisung: Wer das erste T-Shirt auf den Markt bringt, zahlt eine Geb\u00fchr \u2013 aber wer das millionste bringt, zahlt deutlich mehr. Um zu verhindern, dass \u00fcberhaupt so viele Textilien entstehen. Es muss eine Begrenzung der Produktionsmengen geben!<\/p>\n<p><strong>Kaufen Sie selbst noch Fast Fashion?<\/strong><br \/>Nein, schon lange nicht mehr. Ich wei\u00df, wie viele Kollektionen manche Marken im Jahr herausschie\u00dfen. Was da vor Ort unter welchen Bedingungen passiert, das entspricht nicht mehr den Menschenrechten. Also bestelle ich meine Garderobe fast ausschlie\u00dflich \u00fcber Second-Hand-Plattformen wie Vinted. Und das auch nicht sehr oft.<\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Eine neue EU-Verordnung verbietet gro\u00dfen Modeproduzenten, Textilien zu vernichten. Profitieren k\u00f6nnte davon Lars Conzendorf. 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