{"id":14359,"date":"2026-07-20T22:03:54","date_gmt":"2026-07-20T20:03:54","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/warum-spaetere-messerstecher-oft-aus-der-psychiatrie-entlassen-werden\/"},"modified":"2026-07-20T22:03:54","modified_gmt":"2026-07-20T20:03:54","slug":"warum-spaetere-messerstecher-oft-aus-der-psychiatrie-entlassen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/warum-spaetere-messerstecher-oft-aus-der-psychiatrie-entlassen-werden\/","title":{"rendered":"Warum sp\u00e4tere Messerstecher oft aus der Psychiatrie entlassen werden"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Man liest auch im Zusammenhang mit dem Mord an dem Trierer Studenten Marius wieder eine inzwischen vertraute Aussage: Der T\u00e4ter, in diesem Fall ein 22-j\u00e4hriger Afghane, war nicht nur polizeibekannt, er war auch erst vor kurzem in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Jetzt befindet er sich in der forensischen Psychiatrie, und es ist schon anzunehmen, dass er f\u00fcr schuldunf\u00e4hig erkl\u00e4rt wird, wie so viele andere vor ihm.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings eine Reihe harter Fakten, die erst zu diesem Ergebnis f\u00fchrten, das kein zwangsl\u00e4ufiges ist. Aber diese Fakten sind nur selten Teil der \u00f6ffentlichen Debatte.<\/p>\n<p>Der erste Punkt ist, dass Anfang der 1980er ein Paradigmenwechsel stattfand. Bis ins Jahr 2010 wurden immer weitere Betten in der station\u00e4ren Unterbringung abgebaut, sodass die Zahl der Pl\u00e4tze in der Psychiatrie nur noch halb so hoch ist wie 1980. Das Ziel war damals, die \u2012 extrem teure \u2012 station\u00e4re Behandlung so weit wie m\u00f6glich durch ambulante zu ersetzen. Die Zahl der Psychotherapeuten ist seitdem deutlich gestiegen, allerdings sind auch dort l\u00e4ngst Wartezeiten die Regel, die mehrere Monate bis ein Jahr betragen k\u00f6nnen. Keine g\u00fcnstige Lage, wenn von dem die Rede ist, was das Recht &#8222;Selbst- oder Fremdgef\u00e4hrdung&#8220; nennt.<\/p>\n<p>Zudem wurde\u00a0der Abrechnungsmodus ver\u00e4ndert, wie in allen Kliniken. Was bedeutet, dass auch die Psychiatrien in den bis zu 80 Prozent der F\u00e4lle, die \u00fcber die gesetzliche Krankenversicherung finanziert werden, nach Fallpauschalen abrechnen. In den &#8222;normalen&#8220; Krankenh\u00e4usern hat das nachweislich einen Anreiz, unter anderem f\u00fcr H\u00fcftoperationen, gesetzt\u00a0\u2012 planbare Eingriffe mit m\u00f6glichst kurzem station\u00e4rem Aufenthalt und daher verl\u00e4sslichem Entgelt. Auch die Tatsache, dass immer wieder gr\u00f6\u00dfere Zahlen von Patienten im Krankenwagen durch die Gegend irren, ehe sie irgendwo aufgenommen werden, ist ein Nebeneffekt der Fallpauschalen.<\/p>\n<p>Im Falle der psychiatrischen Kliniken hei\u00dft das: Es gibt einen starken, materiellen Anreiz, einfache und kurzfristige F\u00e4lle vorzuziehen. Sprachliche Kommunikationsprobleme, wie bei den meisten Fl\u00fcchtlingen und Migranten zu erwarten, verschieben die Rechnung von Aufwand und Ertrag in eine ung\u00fcnstige Richtung. Die schwer essgest\u00f6rte bessere Tochter ist bedeutend pflegeleichter als der nicht deutsch sprechende, verschiedenste Drogen konsumierende, wom\u00f6glich gewaltt\u00e4tige Fl\u00fcchtling und beansprucht weniger Arbeitszeit des oft \u00fcberlasteten Personals. Das bedeutet, wenn der f\u00fcr seine Umwelt und sich selbst gef\u00e4hrliche, psychisch kranke Fl\u00fcchtling oft entlassen wird, kann die finanzielle Struktur der Abrechnung mit der Krankenkasse der Grund sein.<\/p>\n<p>Allerdings verschwinden die Sprachprobleme auch bei der ambulanten Versorgung nicht. Selbst f\u00fcr eine Verhaltenstherapie ist es erforderlich, dass Therapeut und Patient miteinander sprechen k\u00f6nnen, von komplexeren Formen wie einer Psychoanalyse ganz zu schweigen. Das Angebot an qualifizierten Therapeuten in den unterschiedlichen Muttersprachen ist aber ausgesprochen gering.<\/p>\n<p>Insgesamt gibt es um die 40.000 Therapeuten verschiedenster Richtungen in Deutschland. Aber nur ein Bruchteil davon bedient auch noch andere Sprachen. Selbst f\u00fcr T\u00fcrkisch gibt es bundesweit vielleicht 400 Therapeuten. Sicher, ein Gro\u00dfteil der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung in Deutschland spricht inzwischen gut Deutsch. Dennoch d\u00fcrfte f\u00fcr den verbliebenen Teil, der das zumindest nicht perfekt tut, ein Prozent der Therapeuten kaum reichen \u2012 3,8 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Deutschland sind t\u00fcrkischer Abstammung.<\/p>\n<p>Nachdem niemand gesondert ukrainischsprachige Therapeuten auff\u00fchrt\u00a0\u2012 und die Ukrainer in Wirklichkeit ohnehin Russisch sprechen k\u00f6nnen \u2012, sind sie mit den Russen mit einem Bev\u00f6lkerungsanteil von zusammen 3,4 Prozent mit ebenfalls bis zu 400 Therapeuten etwa gleich schlecht versorgt. Richtig \u00fcbel wird es bei den Polen, die immerhin ein Prozent der deutschen Bev\u00f6lkerung ausmachen\u00a0\u2012 da gibt es nur ein paar Dutzend. F\u00fcr Arabisch bestenfalls 250, und f\u00fcr persische Dialekte (die ein Gro\u00dfteil der Afghanen spricht) in ganz Deutschland weniger als 100.<\/p>\n<p>Die ambulante Versorgung, die im psychiatrischen System vorgesehen ist, findet also bestenfalls bruchst\u00fcckhaft statt\u00a0\u2012 es mag m\u00f6glich sein, Pillen auszuh\u00e4ndigen, aber therapeutische Ans\u00e4tze d\u00fcrften im Regelfall an einer Mischung aus zu geringem Angebot und wom\u00f6glich zu gro\u00dfer Entfernung scheitern. Wie also soll sichergestellt werden, dass ein an schwerer Schizophrenie erkrankter Afghane tats\u00e4chlich seine Tabletten nimmt, wenn es nicht einmal m\u00f6glich ist, sicherzustellen, dass es eine therapeutische Ansprechperson gibt, mit der er ausreichend kommunizieren kann, um Vertrauen aufzubauen?<\/p>\n<p>Auf der einen Ebene\u00a0\u2012 der station\u00e4ren Behandlung \u2012 gibt es also den Anreiz, diese Patienten m\u00f6glichst schnell loszuwerden, auf der ambulanten Ebene gibt es aber keine Strukturen, die das auffangen k\u00f6nnen. Oder, genauer gesagt, es gibt sie f\u00fcr Deutsche, aber dann wird es schwierig. Nat\u00fcrlich wurde der Umbau hin zu einer ambulanten Versorgung zu einem Zeitpunkt begonnen, als dieses Problem nicht akut schien. Aber seit 2015 h\u00e4tte man sich durchaus den einen oder anderen Gedanken machen k\u00f6nnen und m\u00fcssen und beispielsweise \u00fcber bundesweit zentrale psychiatrische Unterbringungen nach Sprachgruppen nachdenken. Dass der Attent\u00e4ter von Magdeburg jahrelang als Psychiater in einer Klinik praktizieren konnte, hat sicher auch mit dem extremen Mangel an Therapeuten mit derartigen Sprachkenntnissen zu tun.<\/p>\n<p>Dazu kommt dann auch noch, dass sich die Verteilung von Fremdgef\u00e4hrdung bei psychiatrischen Patienten nicht von jener bei sonstigen Straftaten unterscheidet: M\u00e4nner bis 35 sind am gef\u00e4hrlichsten\u00a0\u2012 danach geht das Risiko zur\u00fcck \u2012, und bei Frauen ist es grunds\u00e4tzlich niedriger. Gerade die Migrationsgruppen, die die schlechtesten Voraussetzungen f\u00fcr eine ambulante psychische Versorgung haben, bestehen vor allem aus alleinstehenden jungen M\u00e4nnern unter 35. Afghanen, Eritreer, Syrer, Nordafrikaner \u2012 junge M\u00e4nner in genau jenem Alter, in dem das Risiko, das eine Fehleinsch\u00e4tzung f\u00fcr die Gesellschaft mit sich bringt, am h\u00f6chsten ist.<\/p>\n<p>Ein weiterer Faktor, der das Problem weiter versch\u00e4rft, ist, dass allgemein die Zahl psychischer Erkrankungen immer weiter zunimmt. Zum Teil sind das noch Folgen von Corona beziehungsweise des Ma\u00dfnahmenirrsinns, aber es ist auch die Folge einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft, die eine realistische Selbstwahrnehmung immer weiter erschwert. Je sch\u00e4rfer aber die Konkurrenz um den Zugang zur Ressource Psychiatrie, desto st\u00e4rker wirken all die oben erw\u00e4hnten Anreize.<\/p>\n<p>Im Falle von geduldeten, abgelehnten Asylbewerbern kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Bei ihnen erfolgt die Abrechnung mit dem Sozialamt nach dem SGB XII. Das ist auch administrativ ein gr\u00f6\u00dferer Aufwand, also ein weiterer Faktor, der zu einer gesamtgesellschaftlich ung\u00fcnstigen Auswahl f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dabei ist das System der Fallpauschalen inzwischen alt genug, dass sich wom\u00f6glich jene, die danach filtern, nicht einmal mehr dessen bewusst sind und die Entscheidung, eventuell zu teure Patienten loszuwerden, rationalisieren. Etwa indem sie sich selbst einreden, eine l\u00e4ngere station\u00e4re Unterbringung nur aufgrund eigener Vorurteile in Betracht zu ziehen. Das Resultat ist jedenfalls, dass sich seit Jahren die F\u00e4lle aneinanderreihen, bei denen offenkundig zwar Kontakte sowohl mit Polizei als auch mit Psychiatrie stattgefunden hatten, aber niemand die Gef\u00e4hrlichkeit erkannt oder richtig eingesch\u00e4tzt hat.<\/p>\n<p>Den Preis daf\u00fcr bezahlen dann die Menschen, die den Entlassenen zum falschen Zeitpunkt begegnen. Und in der Presse finden sich erneut die\u00a0Angaben &#8222;polizeibekannt, war vor kurzem in der Psychiatrie&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema\u00a0\u2012<\/strong>\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/inland\/278597-zugmoerder-von-friedland-kommt-in\/\">Zugm\u00f6rder von Friedland kommt in die Psychiatrie<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v79kcuc\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Man liest auch im Zusammenhang mit dem Mord an dem Trierer Studenten Marius wieder eine inzwischen vertraute Aussage: Der T\u00e4ter, in diesem Fall ein 22-j\u00e4hriger Afghane, war nicht nur polizeibekannt, er war auch erst vor kurzem in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. 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