{"id":14484,"date":"2026-07-21T17:02:44","date_gmt":"2026-07-21T15:02:44","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/merz-und-das-200-stunden-maerchen\/"},"modified":"2026-07-21T17:02:44","modified_gmt":"2026-07-21T15:02:44","slug":"merz-und-das-200-stunden-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/merz-und-das-200-stunden-maerchen\/","title":{"rendered":"Merz und das 200-Stunden-M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Hans-Ueli L\u00e4ppli<\/em><\/p>\n<p>Friedrich Merz liebt einfache Botschaften. Deutschland m\u00fcsse wieder mehr arbeiten, mehr leisten, produktiver werden. Als Kronzeugen f\u00fchrt er die Schweiz an. Im <em>ZDF<\/em>-Sommerinterview behauptete der Kanzler:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8222;Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen.&#8220;<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das klingt nach einer klaren Ansage. Es ist aber eine gezielt unvollst\u00e4ndige Zahl \u2013 und damit politisch unredlich.<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7atb7c\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<p>Die 200\u00a0Stunden ergeben sich tats\u00e4chlich, wenn man nur Vollzeitkr\u00e4fte vergleicht. Schweizer Vollzeitkr\u00e4fte arbeiten im Schnitt 42,5\u00a0Stunden pro Woche, deutsche 38,4. Hochgerechnet ergibt das die ber\u00fchmte Differenz.<\/p>\n<p>Doch Volkswirtschaften bestehen nicht allein aus Vollzeitkr\u00e4ften. Sobald man alle Erwerbst\u00e4tigen einbezieht und damit auch die Teilzeitkr\u00e4fte ber\u00fccksichtigt, schrumpft der Unterschied auf weniger als eine Stunde pro Woche, knapp 50\u00a0Stunden im Jahr. Von einem dramatischen Leistungsvorsprung bleibt nichts \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Merz kennt diese Zahlen. Oder er sollte sie kennen. Wer als Regierungschef mit Arbeitszeitvergleichen Politik macht, darf nicht die Zahl ausw\u00e4hlen, die am besten in die eigene Erz\u00e4hlung passt. Das ist kein Versehen, das ist selektive Wahrheit.<\/p>\n<p>Merz verschweigt systematisch, dass die Schweiz eine der h\u00f6chsten Teilzeitquoten Europas hat. Viele, vor allem Frauen, reduzieren ihr Pensum, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch dort unzureichend gel\u00f6st ist. Gleichzeitig liegt das effektive Rentenalter in Teilen der Schweiz unter dem deutschen. Diese Realit\u00e4ten passen nicht ins Bild vom flei\u00dfigen Schweizer und dem faulen Deutschen. Also bleiben sie unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Noch entscheidender ist der grunds\u00e4tzliche Denkfehler, wonach mehr Arbeitsstunden automatisch zu mehr Wohlstand f\u00fchren. Die OECD und die Weltbank weisen seit Jahren darauf hin, dass langfristiges Wachstum vor allem von der Produktivit\u00e4t pro Arbeitsstunde abh\u00e4ngt und nicht von der L\u00e4nge der Arbeitswoche. Diesen Punkt hat auch die Schweizer Zeitung <em>20Min<\/em>\u00a0richtig erkannt. Wer l\u00e4nger arbeitet, produziert keineswegs zwingend mehr. Im Gegenteil: Oft sinkt die Stundenproduktivit\u00e4t sogar.<\/p>\n<p>Ein Blick nach S\u00fcdosteuropa gen\u00fcgt. Griechenland, Rum\u00e4nien und Bulgarien haben einige der l\u00e4ngsten Arbeitszeiten in Europa \u2013 und geh\u00f6ren keineswegs zu den wirtschaftlich st\u00e4rksten L\u00e4ndern. Umgekehrt erzielen L\u00e4nder mit k\u00fcrzeren Wochenarbeitszeiten h\u00e4ufig eine deutlich h\u00f6here Wertsch\u00f6pfung pro Stunde.<\/p>\n<p>Die Probleme der deutschen Wirtschaft liegen deshalb nicht darin, dass die Menschen zu wenig arbeiten. Sie liegen in hohen Energiepreisen, \u00fcberbordender B\u00fcrokratie, schleppender Digitalisierung, zu geringen privaten und \u00f6ffentlichen Investitionen und einer Innovationsschw\u00e4che, die sich seit Jahren aufbaut. 50 zus\u00e4tzliche Stunden im Jahr w\u00fcrden an diesen strukturellen Defiziten kaum etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Schweiz kann durchaus als Vorbild dienen, aber aus anderen Gr\u00fcnden. Stabile Institutionen, eine starke duale Berufsbildung, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, vergleichsweise niedrige Steuern und eine Verwaltung, die nicht jeden Fortschritt erstickt, machen den Unterschied. Nicht, dass ihre Arbeitnehmer angeblich 200 Stunden mehr &#8222;schuften&#8220;.<\/p>\n<p>Merz hat recht, wenn er fordert, dass Deutschland seine Wettbewerbsf\u00e4higkeit zur\u00fcckgewinnen muss. Doch wer daf\u00fcr mit verzerrten Vergleichen arbeitet, verspielt Glaubw\u00fcrdigkeit. Wirtschaftspolitik braucht Fakten, keine griffigen Halbwahrheiten.<\/p>\n<p>Am Ende entscheidet nicht die Zahl der Stunden \u00fcber den Erfolg einer Volkswirtschaft, sondern was in jeder einzelnen Stunde geschaffen wird. Das zu verstehen, w\u00e4re der eigentliche Fortschritt.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/schweiz\/285843-duerresommer-2026-futterknappheit-in-alpen\/\">D\u00fcrresommer 2026: Futterknappheit in den Alpen\u00a0\u2013 Mehr Tiere landen beim Metzger<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7au2u2\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Hans-Ueli L\u00e4ppli Friedrich Merz liebt einfache Botschaften. 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