{"id":14528,"date":"2026-07-21T22:03:08","date_gmt":"2026-07-21T20:03:08","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/nuklearer-ring-um-russland-die-nato-zieht-atomwaffen-an-den-russischen-grenzen-zusammen\/"},"modified":"2026-07-21T22:03:08","modified_gmt":"2026-07-21T20:03:08","slug":"nuklearer-ring-um-russland-die-nato-zieht-atomwaffen-an-den-russischen-grenzen-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/nuklearer-ring-um-russland-die-nato-zieht-atomwaffen-an-den-russischen-grenzen-zusammen\/","title":{"rendered":"Nuklearer Ring um Russland: Die NATO zieht Atomwaffen an den russischen Grenzen zusammen"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dmitri Rodionow<\/em><\/p>\n<p>Die NATO r\u00fcckt Atomwaffen n\u00e4her an die Grenzen Russlands heran. Die L\u00e4nder der Allianz haben eine Reihe entsprechender Gesetze verabschiedet und bereiten die Verabschiedung weiterer vor.<\/p>\n<p>Litauen und Lettland haben ihre Absicht bekundet, Kr\u00e4fte zur &#8222;nuklearen Abschreckung&#8220; auf ihrem Territorium zu stationieren. Dazu muss Litauen allerdings Artikel 137 aus der Verfassung streichen, der ein Verbot der Stationierung von Massenvernichtungswaffen, einschlie\u00dflich Atomwaffen, im Land vorsieht. Das litauische Parlament hat sich bereits f\u00fcr die Aufhebung dieses Verbots ausgesprochen.<\/p>\n<p>Zuvor hatte der finnische Pr\u00e4sident Alexander Stubb die vom Parlament verabschiedeten \u00c4nderungen des Atomenergiegesetzes und des Strafgesetzbuchs gebilligt, mit denen das Verbot der Einfuhr, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes von Atomwaffen auf finnischem Staatsgebiet aufgehoben wird.<\/p>\n<p>In Lettland ist es noch einfacher \u2013 dort gibt es ein solches Verbot gar nicht.<\/p>\n<p>Estland wiederum ist bereit, auf seinem Staatsgebiet Flugzeuge der NATO-Verb\u00fcndeten aufzunehmen, die Atomwaffen transportieren k\u00f6nnen \u2013 dies erkl\u00e4rte der Verteidigungsminister der Republik, Hanno Pevkur. Dies erm\u00f6glicht dem Land de facto, am NATO-Programm &#8222;Nuclear Sharing&#8220; teilzunehmen, das Mitgliedern des B\u00fcndnisses, die \u00fcber keine eigenen Atomwaffen verf\u00fcgen, die Gelegenheit gibt, an der Planung des Einsatzes von Atomwaffen anderer B\u00fcndnisstaaten sowie am Transport von Atomwaffen im Falle eines Einsatzes mitzuwirken.<\/p>\n<p>Polen hat erneut an seine nuklearen Ambitionen erinnert. Der Leiter des polnischen B\u00fcros f\u00fcr Sicherheit, Bartosz Grodecki, erkl\u00e4rte nach Gespr\u00e4chen mit dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister f\u00fcr politische Angelegenheiten, Elbridge Colby, dass die USA angeblich ihre Bereitschaft bekundet h\u00e4tten, Polen in das Programm &#8222;Nuclear Sharing&#8220; aufzunehmen.<\/p>\n<p>Grodecki antwortete ausweichend auf die Frage nach einer m\u00f6glichen Stationierung von Atomsprengk\u00f6pfen auf dem Staatsgebiet und merkte an, dass es blo\u00df um den Beitritt zum Programm &#8222;Nuclear Sharing&#8220; gehe. Obwohl die Teilnahme an diesem Programm eigentlich genau die Stationierung von Atomwaffen beinhaltet.<\/p>\n<p>Polen tr\u00e4umt schon lange von Atombomben. Dabei ist es eigentlich egal, wessen. Die USA haben die ganze Zeit \u00fcber zu den offenen Appellen aus Warschau geschwiegen \u2013 unter anderem m\u00f6glicherweise deshalb, weil dies Deutschland kaum gefallen h\u00e4tte, obwohl sie im Dialog mit Berlin die Verlegung von Atombomben aus der BRD nach Polen als Druckmittel einsetzten, um Berlin zu mehr Entgegenkommen zu bewegen.<\/p>\n<p>In Warschau wiederum deutete man an, dass man ein Auge auf franz\u00f6sische Atomwaffen geworfen habe \u2013 schlie\u00dflich hatte der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron den europ\u00e4ischen NATO-Verb\u00fcndeten offen angeboten, den franz\u00f6sischen &#8222;Atomschutzschirm&#8220; in Anspruch zu nehmen. M\u00f6glicherweise war es die Gefahr, das Monopol in diesem Bereich zu verlieren, die Washington dazu zwang, Verhandlungen mit Warschau und gleichzeitig auch mit Vilnius, Riga, Tallinn und Helsinki aufzunehmen.<\/p>\n<p>Allerdings passt der Begriff &#8222;Verhandlungen&#8220; hier nicht wirklich. Denn letztendlich entscheiden die USA selbst, wo ihre Atomwaffen stationiert werden und wo nicht \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig von den W\u00fcnschen des potenziellen Gastlandes.<\/p>\n<p>Ein weiterer Standort f\u00fcr US-Atomwaffen k\u00f6nnte Schweden werden. Obwohl sich die F\u00fchrung der regierenden Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bereits im Mai 2022, als der Beitrittsprozess Stockholms zur NATO gerade erst eingeleitet wurde, offiziell gegen die Stationierung von Atomwaffen und Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten auf dem Staatsgebiet ausgesprochen hatte. Angeblich sei Schweden der NATO mit Vorbehalten beigetreten, doch die Satzung des B\u00fcndnisses kennt keine Vorbehalte. Dies gilt umso mehr f\u00fcr die tats\u00e4chliche interne Hierarchie, nach der Washington alle Entscheidungen trifft.<\/p>\n<p>Zur selben Zeit erkl\u00e4rte der stellvertretende Generalsekret\u00e4r der Organisation, Camille Grand, dass die NATO Moskau keine Garantien daf\u00fcr gebe, dass im Falle einer Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands in der Allianz keine Atomwaffen in diesen L\u00e4ndern stationiert w\u00fcrden. Er erkl\u00e4rte, dass jedes Land im nuklearen Bereich die Freiheit habe, Atomwaffen anzunehmen oder abzulehnen. Au\u00dferdem entscheide jeder NATO-Mitgliedstaat &#8222;souver\u00e4n&#8220; \u00fcber die Frage der Atomwaffen.<\/p>\n<p>Wie man im Russischen so sch\u00f6n sagt: &#8222;Es w\u00e4re ja zum Lachen, wenn das alles nicht so traurig w\u00e4re.&#8220; Denn ein Beitritt zur NATO bedeutet einen vollst\u00e4ndigen Verzicht auf Souver\u00e4nit\u00e4t, auch im nuklearen Bereich.<\/p>\n<p>Es gehe nicht darum, Beschr\u00e4nkungen festzulegen, betonte Grand damals. Genau, denn f\u00fcr Washington gibt es in der NATO keinerlei Beschr\u00e4nkungen und keinerlei Vorbehalte, ganz gleich, was sich seine Verb\u00fcndeten dort auch immer ausmalen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die einzige Einschr\u00e4nkung ist der Vertrag \u00fcber die Nichtverbreitung von Atomwaffen aus dem Jahr 1968, der es den Atomwaffenbesitzern verbietet, Atomwaffen, deren Bestandteile und die Technologien zu ihrer Herstellung an andere L\u00e4nder weiterzugeben, und den L\u00e4ndern, die keine Atomwaffen besitzen, verbietet, all das anzunehmen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens haben zwar alle NATO-Mitglieder den Vertrag unterzeichnet, doch das Programm &#8222;Nuclear Sharing&#8220; ignoriert den Vertrag de facto. Als Rechtfertigung f\u00fchren die USA allerdings das Argument an, dass ihre Atomwaffen, die auf St\u00fctzpunkten in der T\u00fcrkei, in Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden gelagert sind, bereits vor Inkrafttreten des Vertrags dort stationiert waren. Das hei\u00dft, dass der Beitritt neuer Staaten zum &#8222;Nuclear Sharing&#8220; sich mit diesem Argument nicht mehr rechtfertigen l\u00e4sst. Allerdings gibt es noch ein zweites Argument: Die Atombomben st\u00fcnden unter der vollst\u00e4ndigen Kontrolle der USA, und die Empf\u00e4ngerstaaten h\u00e4tten keinen Zugriff darauf, was bedeutet, die Waffen w\u00fcrden nicht an die Staaten \u00fcbergeben, sondern &#8222;lediglich&#8220; auf deren Territorium stationiert. Es bleiben nur noch innerstaatliche Gesetze, die die Einfuhr von Atomwaffen auf jegliches Hoheitsgebiet ausdr\u00fccklich verbieten. Genau diese Gesetze werden derzeit eilig aufgehoben und angepasst.<\/p>\n<p>Es sei noch an einen weiteren Fall eines direkten Versto\u00dfes gegen den Atomwaffensperrvertrag erinnert \u2013 die Stationierung US-amerikanischer Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges: in Belgien, Gro\u00dfbritannien, Italien, den Niederlanden und der BRD (und vor der Kubakrise auch noch in der T\u00fcrkei), und dies stellte eine weitaus ernstere Bedrohung dar als Fliegerbomben. Die Bedrohung wurde 1987 mit der Unterzeichnung des Vertrags \u00fcber die Vernichtung von Mittel- und Kurzstreckenraketen (INF-Vertrag) beseitigt, doch mit dem Austritt der USA aus diesem Vertrag im Jahr 2019 ist sie erneut entstanden.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren gab das Wei\u00dfe Haus offiziell bekannt, dass die USA damit beginnen w\u00fcrden, auf deutschem Territorium &#8222;neue Waffensysteme mit gr\u00f6\u00dferer Reichweite als die derzeit irgendwo in Europa stationierten&#8220; aufzustellen. Die Rede war insbesondere von SM-6-Mehrzweckraketen, Tomahawk-Marschflugk\u00f6rpern und Hyperschallraketen mit nichtnuklearen Waffen. Diese j\u00fcngste Einschr\u00e4nkung h\u00e4lt einer kritischen Pr\u00fcfung nicht stand: Die Umr\u00fcstung solcher nichtnuklearer Waffen ist im Handumdrehen erledigt \u2013 wenn die Rakete erst einmal da ist, findet sich auch der passende Sprengkopf.<\/p>\n<p>Bislang handelt es sich jedoch noch um ein Projekt. Vor dem Hintergrund der erneuten Versch\u00e4rfung der Beziehungen zwischen US-Pr\u00e4sident Donald Trump und Berlin sowie des Abzugs eines Teils des Milit\u00e4rkontingents wurde die Stationierung der neuen Raketen vorerst auf Eis gelegt. Eine Pause bedeutet jedoch nicht, dass die Pl\u00e4ne aufgegeben werden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr haben die USA im Jahr 2024 zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg landgest\u00fctzte Mittelstreckenraketen im Ausland \u2013 auf den Philippinen \u2013 stationiert. Dies geschah allerdings nur vor\u00fcbergehend und unter dem Vorwand von Man\u00f6vern. Und dies ist in erster Linie eine Bedrohung f\u00fcr China. Aber es ist ein wichtiger Pr\u00e4zedenzfall, der sich in Europa wiederholen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was Asien betrifft, so wird in letzter Zeit viel \u00fcber eine m\u00f6gliche Stationierung von Raketen in Japan und S\u00fcdkorea gesprochen, angeblich &#8222;zur Eind\u00e4mmung Chinas&#8220;. Doch von dort aus k\u00f6nnten US-amerikanische Raketen bereits auch gegen Russland eingesetzt werden, sodass dies nicht nur ein Problem f\u00fcr Peking oder Pj\u00f6ngjang darstellt.<\/p>\n<p>Hinzu kommen die Mk-41-Anlagen des Aegis-Systems in Polen und Rum\u00e4nien, die nicht nur Raketenabwehrraketen, sondern auch Tomahawk-Marschflugk\u00f6rper mittlerer Reichweite einsetzen k\u00f6nnen, darunter auch in nuklearer Ausf\u00fchrung. Ich wiederhole: Es ist nur eine Frage der operativen Anlieferung der erforderlichen Sprengk\u00f6pfe, sofern diese nicht sogar bereits vor Ort sind. Insgesamt ergibt sich das Bild, dass es statt der drei NATO-Staaten, die rechtlich und faktisch \u00fcber Atomwaffen verf\u00fcgen, nun f\u00fcnf weitere mit US-amerikanischen Atombomben gibt. Zwei weitere NATO-Staaten k\u00f6nnen Raketen starten und inzwischen haben auch noch vier weitere NATO-Mitglieder die gesetzlichen Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Stationierung von Atomwaffen aufgehoben. Insgesamt sind es somit 14 Staaten, die Atomwaffenstaaten sind oder diesen Status beanspruchen.<\/p>\n<p>Angesichts der Tatsache, dass die NATO offen einen Kurs zur Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland verk\u00fcndet hat, darf dies nicht unbeachtet bleiben. Umso mehr, als unter den gegebenen Umst\u00e4nden das Potenzial f\u00fcr einen Dialog offenbar vollst\u00e4ndig ausgesch\u00f6pft ist und die einzige Antwortm\u00f6glichkeit \u2013 wie in den angespanntesten Jahren des Kalten Krieges \u2013 darin besteht, russische Raketen dort zu stationieren, wo dies m\u00f6glich ist. Nur befinden sich die Bedrohungsquellen jetzt nicht mehr irgendwo 1.500 Kilometer entfernt, sondern direkt an unseren Grenzen.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/opinions\/2026\/7\/21\/1436236.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist zuerst am 21. Juli 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Dmitri Rodionow<\/strong> ist ein russischer Politikwissenschaftler.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/international\/285292-gefaehrliche-logik-nato-30\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die gef\u00e4hrliche Logik der &#8222;NATO 3.0&#8220; <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7atwvo\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dmitri Rodionow Die NATO r\u00fcckt Atomwaffen n\u00e4her an die Grenzen Russlands heran. Die L\u00e4nder der Allianz haben eine Reihe entsprechender Gesetze verabschiedet und bereiten die Verabschiedung weiterer vor. 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