{"id":14611,"date":"2026-07-22T14:08:15","date_gmt":"2026-07-22T12:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/klimaluege-und-klimadiktatur-teil-1-vom-denken-zum-glauben-von-uwe-froschauer\/"},"modified":"2026-07-22T14:08:15","modified_gmt":"2026-07-22T12:08:15","slug":"klimaluege-und-klimadiktatur-teil-1-vom-denken-zum-glauben-von-uwe-froschauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/klimaluege-und-klimadiktatur-teil-1-vom-denken-zum-glauben-von-uwe-froschauer\/","title":{"rendered":"Klimal\u00fcge und Klimadiktatur (Teil 1): Vom Denken zum Glauben | Von Uwe Froschauer"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Uwe Froschauer<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie Sprache die Klimadebatte lenkt<\/strong><\/p>\n<p>Eine bequeme L\u00fcge ist f\u00fcr viele Menschen leichter zu ertragen als eine unbequeme Wahrheit. Die Wahrheit verlangt, dass man nachdenkt, zweifelt, recherchiert und m\u00f6glicherweise sogar lieb gewonnene \u00dcberzeugungen aufgibt. Eine fertige Erz\u00e4hlung ist angenehmer. Sie teilt die Welt in Gut und B\u00f6se, T\u00e4ter und Retter, Wissende und Leugner.<\/p>\n<p>Deshalb beginne ich diese Artikelserie \u00fcber Klimal\u00fcge und Klimadiktatur nicht mit Temperaturkurven, CO\u2082-Werten oder Klimamodellen. Ich beginne mit der Sprache. Bevor Menschen bereit sind, politische Ma\u00dfnahmen zu akzeptieren, m\u00fcssen sie zun\u00e4chst lernen, die Welt in den daf\u00fcr vorgesehenen, den Politikern genehmen Begriffen zu betrachten.<\/p>\n<p>George Orwell schrieb in seinem Roman <em>1984<\/em> \u00fcber den Zweck des sogenannten Neusprechs (1):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas ganze Ziel des Neusprechs besteht darin, den Bereich des Denkens einzuengen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Orwell beschreibt eine Sprache, deren Wortschatz nicht erweitert, sondern gezielt verkleinert wird. Bestimmte Gedanken sollen schlie\u00dflich nicht mehr ausgesprochen werden k\u00f6nnen, weil die daf\u00fcr notwendigen Begriffe fehlen. Der Roman handelt von einem totalit\u00e4ren Staat. Der von ihm beschriebene Mechanismus \u2013 wer die Sprache verengt, verengt auch den Raum der zul\u00e4ssigen Gedanken \u2013 wird von den Macht- und Besitzeliten und ihren politischen, medialen und wissenschaftlichen Handlangern umfangreich genutzt.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus ist auch in der Klimadebatte zu erkennen. Wer Zweifel an einzelnen Klimaprognosen, politischen Ma\u00dfnahmen oder Berechnungsmodellen \u00e4u\u00dfert, wird h\u00e4ufig nicht mehr als Kritiker oder Skeptiker bezeichnet. Er wird zum \u201eKlimaleugner\u201c. Damit ist die Diskussion im Grunde bereits beendet. Ein Leugner pr\u00fcft nicht, zweifelt nicht und argumentiert nicht. Er verweigert sich einer angeblichen, offenkundigen Wahrheit. Der Begriff Klimaleugner in einer \u201eScheindebatte\u201c ersetzt eventuell fehlende evidenzbasierte Argumente, welche die Argumente des \u201eLeugners\u201c widerlegen k\u00f6nnten. In der Corona-\u00c4ra war bei Politikern und Medien diese unredliche und im Faschismus gerne angewendete Umgangsweise mit Andersdenkenden t\u00e4glich zu beobachten. Sie bezeichneten andersdenkende Personen als Coronaleugner, Schwurbler, Verschw\u00f6rungstheoretiker und dergleichen mehr.<\/p>\n<p>Aus dem B\u00fcrger, der nach der Wirksamkeit deutscher Klimapolitik fragt, wird ein \u201eKlimas\u00fcnder\u201c. Wer h\u00f6here Abgaben, Verbote oder staatliche Eingriffe unterst\u00fctzt, darf sich dagegen als \u201eKlimasch\u00fctzer\u201c oder sogar als \u201eKlimaretter\u201c f\u00fchlen. Der eine wird moralisch herabgesetzt, der andere moralisch erh\u00f6ht. Noch bevor Zahlen auf dem Tisch liegen, sind die Rollen verteilt.<\/p>\n<p>Auch der Begriff \u201eKlimanotstand\u201c ist keineswegs neutral. Ein Notstand verlangt keine lange Diskussion. Er verlangt schnelles Handeln. In einem Notstand erscheinen Einschr\u00e4nkungen, Abgaben und Verbote leichter begr\u00fcndbar als im politischen Normalbetrieb. Wer widerspricht, wirkt dann nicht mehr wie ein kritischer B\u00fcrger, sondern wie jemand, der die angeblich notwendige Rettung behindert.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich funktioniert das Wort \u201ealternativlos\u201c. Wo eine Ma\u00dfnahme alternativlos ist, braucht man nicht mehr \u00fcber Alternativen zu sprechen. Was in dieser Welt ist bitte alternativlos? Schwachsinn Frau Merkel! Bl\u00f6dsinn, Herr Merz! Ob CO\u2082-Bepreisung, Heizungsgesetz, Verbrennerverbot, Emissionshandel oder milliardenschwere Transformationsprogramme: Sobald eine politische Entscheidung als einzig m\u00f6gliche Antwort auf eine existenzielle Gefahr dargestellt wird, schrumpft der demokratische Raum. Und das ist vom Imperium der L\u00fcgen \u2013 den Macht- und Besitzeliten und ihren politischen, medialen und wissenschaftlichen Prostituierten \u2013 so gewollt. Welcher D\u00e4mon wiederum die Macht- und Besitzeliten reitet, steht auf einem anderen Blatt, und ist nicht Gegenstand dieser Betrachtung.<\/p>\n<p>An diesem Punkt wird mithilfe begrifflicher Instrumente aus Politik Glauben. Wissenschaftlicher Konsens wird dann nicht mehr als gegenw\u00e4rtiger Stand wissenschaftlicher Erkenntnis verstanden, der grunds\u00e4tzlich \u00fcberpr\u00fcfbar und korrigierbar bleiben muss. Er wird zu einer Art Glaubenssatz. Wer ihn infrage stellt, gilt als \u201ewissenschaftsfeindlich\u201c. Wer auf Unsicherheiten hinweist, verbreitet angeblich \u201eDesinformation\u201c. Wer nach Interessenkonflikten, Modellannahmen oder wirtschaftlichen Folgen fragt, ger\u00e4t unter Rechtfertigungsdruck.<\/p>\n<p>Orwell schrieb bereits 1946, politische Sprache k\u00f6nne dazu verwendet werden, L\u00fcgen wahr erscheinen zu lassen und blo\u00dfen Behauptungen den Anschein von Festigkeit zu geben. Damit meinte er nicht die Klimadebatte. Aber sein Gedanke l\u00e4sst sich auf jede politische Auseinandersetzung anwenden, in der Sprache nicht mehr der Kl\u00e4rung, sondern der Verschleierung dient. Mit der Sprache wurde auch gleichzeitig die L\u00fcge geboren.<\/p>\n<p>Deshalb lohnt es sich, in der Klimadebatte genau auf die verwendeten Begriffe zu achten.<\/p>\n<p>Was bedeutet \u201eklimaneutral\u201c tats\u00e4chlich?<\/p>\n<p>Kann ein Staat, ein Unternehmen oder ein Flug klimaneutral sein, oder handelt es sich teilweise um rechnerische Kompensationen?<\/p>\n<p>Was bedeutet \u201eerneuerbare Energie\u201c, wenn Windr\u00e4der, Solaranlagen, Stromnetze, Speicher und Rohstoffe keineswegs ohne endlichen Materialverbrauch entstehen?<\/p>\n<p>Was bedeutet \u201eKlimaschutz\u201c, wenn zugleich aufger\u00fcstet, Krieg gef\u00fchrt und zerst\u00f6rte Infrastruktur anschlie\u00dfend wieder aufgebaut wird?<\/p>\n<p>Und was bedeutet \u201ewissenschaftlicher Konsens\u201c, wenn wissenschaftliche Erkenntnis ihrem Wesen nach nicht durch Mehrheitsbeschluss endg\u00fcltig abgeschlossen ist, wenn der in einer Demokratie notwendige Meinungspluralismus nicht mehr zugelassen wird?<\/p>\n<p>Ich gebe in dieser Artikelserie nicht vor, die endg\u00fcltige Wahrheit zu kennen. Niemand kennt sie. Ich suche nach ihr. Dazu geh\u00f6rt f\u00fcr mich, auch unbequeme Fragen zu stellen und Begriffe nicht deshalb zu \u00fcbernehmen, weil sie t\u00e4glich wiederholt werden.<\/p>\n<p>Orwells Warnung beginnt nicht erst bei offener Zensur. Sie beginnt dort, wo Menschen ihre Gedanken bereits selbst begrenzen, weil sie wissen, welche Fragen gesellschaftlich erw\u00fcnscht sind und welche nicht. Hier wirkt die von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebene \u201eSchweigespirale\u201c, die stille Selbstzensur, auf die ich im n\u00e4chsten Kapitel eingehen werde.<\/p>\n<p>Die Gedankenpolizei aus <em>1984<\/em> musste in die K\u00f6pfe der Menschen eindringen. Die wirkungsvollere Form der Kontrolle beginnt jedoch dort, wo der Mensch selbst darauf achtet, keinen verd\u00e4chtigen Gedanken mehr zuzulassen.<\/p>\n<p>Wer nicht als Klimaleugner gelten m\u00f6chte, schweigt.<\/p>\n<p>Wer seine berufliche Stellung nicht gef\u00e4hrden m\u00f6chte, passt sich an.<\/p>\n<p>Wer gesellschaftlich dazugeh\u00f6ren m\u00f6chte, wiederholt die anerkannten Begriffe.<\/p>\n<p>Und irgendwann wird nicht mehr gefragt, ob eine Aussage richtig ist. Es wird nur noch gepr\u00fcft, ob sie innerhalb des erlaubten Meinungskorridors liegt.<\/p>\n<p>Dann hat der Glaube das Denken ersetzt.<\/p>\n<p><strong>Warum Angst st\u00e4rker wirkt als Argumente<\/strong><\/p>\n<p>Warum lassen sich Millionen Menschen von denselben Botschaften beeinflussen? Warum l\u00f6sen manche Bilder eine gewaltige \u00f6ffentliche Reaktion aus, w\u00e4hrend n\u00fcchterne Zahlen kaum Beachtung finden? Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigte sich der franz\u00f6sische Arzt und Sozialpsychologe Gustave Le Bon bereits vor mehr als hundert Jahren. Seine Erkenntnisse \u00fcber das Verhalten von Menschenmengen geh\u00f6ren bis heute zu den Grundlagen der Massenpsychologie.<\/p>\n<p>Le Bon schrieb (2):<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDie Massen denken in Bildern, und die hervorgerufenen Bilder rufen ihrerseits weitere Bilder hervor, ohne irgendeinen logischen Zusammenhang.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>An anderer Stelle beschreibt er:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eNicht Tatsachen, sondern die Art, wie sie dargestellt werden, beherrscht die Vorstellungskraft der Massen.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In diesen Worten ist ein entscheidender Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der heutigen Klimadebatte zu erkennen. Ich habe den Eindruck, dass kaum jemand seine Meinung \u00fcber den Klimawandel aufgrund wissenschaftlicher Originalarbeiten bildet. Die meisten Menschen orientieren sich an Bildern, Schlagzeilen und emotionalen Botschaften. Das ist kein Vorwurf, sondern eine menschliche Eigenschaft. Niemand kann t\u00e4glich Hunderte wissenschaftlicher Ver\u00f6ffentlichungen lesen. Also verlassen sich die meisten auf das, was ihnen Medien, Politik oder sogenannte Experten vermitteln.<\/p>\n<p>Deshalb pr\u00e4gen sich nicht Diagramme oder Messreihen in unser Ged\u00e4chtnis ein, sondern Bilder: brennende W\u00e4lder, schmelzende Gletscher, ausgetrocknete Flussbetten, \u00fcberflutete Stra\u00dfen oder leidende Eisb\u00e4ren. Solche Bilder wirken unmittelbar. Sie l\u00f6sen Betroffenheit, Angst oder Schuldgef\u00fchle aus. Statistische Einordnungen oder wissenschaftliche Unsicherheiten wirken dagegen oft abstrakt und erreichen nur einen kleinen Teil der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Le Bon war das schon vor gut 130 Jahren klar. Er beschrieb bereits Ende des 19. Jahrhunderts, dass Menschenmengen weniger auf logische Argumente reagieren als auf starke Bilder, einfache Botschaften und wiederholte Erz\u00e4hlungen. Je h\u00e4ufiger eine Aussage wiederholt wird, desto vertrauter erscheint sie \u2013 und Vertrautheit wird leicht mit Wahrheit verwechselt.<\/p>\n<p>Deshalb sollte man in der Klimadebatte nicht nur fragen, welche Bilder gezeigt werden, sondern auch, welche Bilder kaum gezeigt werden.<\/p>\n<p>Warum sehen wir wochenlang brennende W\u00e4lder, aber seltener Berichte \u00fcber Regionen, in denen sich W\u00e4lder erholen?<\/p>\n<p>Warum werden einzelne Extremwetterereignisse oft sofort als Beleg f\u00fcr den Klimawandel interpretiert, w\u00e4hrend historische Vergleiche oder nat\u00fcrliche Klimaschwankungen in der \u00f6ffentlichen Debatte h\u00e4ufig weniger Raum einnehmen?<\/p>\n<p>Warum erzeugt eine dramatische Schlagzeile mehr Aufmerksamkeit als eine differenzierte wissenschaftliche Einordnung?<\/p>\n<p>Das sind keine rhetorischen Fragen. Es sind Fragen, die jeder Leser f\u00fcr sich selbst beantworten sollte.<\/p>\n<p>Le Bon macht noch auf einen weiteren Mechanismus aufmerksam: Die Masse sucht nach einfachen Erkl\u00e4rungen. Komplexit\u00e4t ist anstrengend. Deshalb setzen sich einfache Erz\u00e4hlungen meist leichter durch als differenzierte Analysen. Auch in der Klimadebatte ist dieser Wunsch nach Einfachheit immer wieder zu sehen: Hier das CO\u2082 als zentrale Ursache, dort die CO\u2082-Reduktion als zentrale L\u00f6sung. Ob komplexe klimatische Prozesse tats\u00e4chlich so einfach erkl\u00e4rt und auch gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, ist eine der Fragen, denen ich in den folgenden Kapiteln nachgehen werde.<\/p>\n<p>Le Bons Werk liefert keine Antworten auf die Klimafrage. Es liefert jedoch einen Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis, warum bestimmte Botschaften so gro\u00dfe Wirkung entfalten k\u00f6nnen. Wer verstehen will, wie \u00f6ffentliche Meinungen entstehen, sollte deshalb nicht nur Klimaforscher lesen, sondern auch Psychologen und Soziologen. Bevor Menschen politische Ma\u00dfnahmen akzeptieren, m\u00fcssen sie zun\u00e4chst \u00fcberzeugt werden, dass eine bestimmte Wirklichkeit existiert. Die Psychologie besch\u00e4ftigt sich mit diesem Weg \u2013 vom Bild im Kopf bis zur festen \u00dcberzeugung, und die Soziologie mit den Mechanismen, die zwischen Menschen ablaufen.<\/p>\n<p>Damit stellt sich die n\u00e4chste Frage: Was geschieht, wenn aus der nat\u00fcrlichen Neigung des Menschen zur Anpassung ein gesellschaftlicher Konformit\u00e4tsdruck wird? An diesem Punkt setzt der deutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit dem Begriff der Normopathie an. Dieser Begriff wurde bereits Anfang der 1970er-Jahre gepr\u00e4gt. Der deutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hat ihn jedoch aufgegriffen, weiterentwickelt und wie kaum ein anderer auf gesellschaftliche Entwicklungen angewendet.<\/p>\n<p><strong>Wenn Anpassung zur Krankheit wird<\/strong><\/p>\n<p>Warum schweigen so viele Menschen, obwohl sie Zweifel haben? Warum stellen sie Fragen nur noch im privaten Kreis, aber kaum noch \u00f6ffentlich? Warum \u00fcbernehmen sie Meinungen, die sie selbst nie \u00fcberpr\u00fcft haben?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt sich der deutsche Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz seit vielen Jahren. Er kn\u00fcpft dabei an den Begriff der Normopathie an, den er zu einem zentralen Bestandteil seiner Gesellschaftsanalyse gemacht hat.<\/p>\n<p>Maaz beschreibt Normopathie als eine \u00fcbersteigerte Anpassung an gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Menschen \u00fcbernehmen Verhaltensweisen und \u00dcberzeugungen nicht deshalb, weil sie sie nach sorgf\u00e4ltiger Pr\u00fcfung f\u00fcr richtig halten, sondern weil sie dazugeh\u00f6ren m\u00f6chten. Anpassung wird zur Normalit\u00e4t \u2013 und darin liegt nach Maaz die eigentliche Gefahr.<\/p>\n<p>Maaz formuliert dazu (3):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMit \u201aNormopathie\u2018 ist eine Anpassung einer Mehrheit von Menschen einer Gesellschaft an eine Fehlentwicklung, an pathogenes psychosoziales Verhalten gemeint, dessen St\u00f6rung nicht mehr erkannt und akzeptiert wird, weil eine Mehrheit so denkt und handelt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Gedanke hat mich insbesondere w\u00e4hrend der Coronazeit nachdenklich gemacht.<\/p>\n<p>Nicht weil ich glaube, dass jede Mehrheitsmeinung falsch w\u00e4re \u2013 auch wenn die Geschichte lehrt, dass die Mehrheit meist irrte. Das w\u00e4re jedoch ebenso unscharf wie die Behauptung, jede Mehrheitsmeinung m\u00fcsse richtig sein. Entscheidend ist etwas anderes:<\/p>\n<p>Wie viele Menschen bilden sich ihre Meinung tats\u00e4chlich selbst?<\/p>\n<p>In der Klimadebatte beobachte ich h\u00e4ufig folgenden Mechanismus. Viele Menschen sagen nicht: \u201eIch habe mich intensiv mit Klimamodellen, Messreihen oder der Erdgeschichte besch\u00e4ftigt und bin deshalb zu dieser \u00dcberzeugung gekommen.\u201c<\/p>\n<p>Sie sagen vielmehr:<\/p>\n<p>\u201eDie Wissenschaft ist sich doch einig.\u201c<br \/>Ist sie \u00fcbrigens absolut nicht.<\/p>\n<p>\u201eDas sagen doch alle Experten.\u201c<br \/>Bei solchen Aussagen sollte man vorsichtshalber der Spur des Geldes folgen.<\/p>\n<p>\u201eDas wei\u00df man doch inzwischen.\u201c<br \/>Wer ist bitte \u201eman\u201c? Ich? Sie?<\/p>\n<p>An dieser Stelle beginnt f\u00fcr mich das eigentliche Problem. Nicht echte \u00dcberzeugung steht hinter diesen Aussagen \u2013 deswegen muss ihre Herkunft hinterfragt werden. Stammen sie aus eigener Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema oder aus gesellschaftlicher Anpassung?<\/p>\n<p>Maaz beschreibt den Menschen als soziales Wesen. Jeder m\u00f6chte dazugeh\u00f6ren. Niemand wird gerne ausgegrenzt, verspottet oder als Au\u00dfenseiter behandelt. Dieses Bed\u00fcrfnis ist zutiefst menschlich. Gleichzeitig macht es uns anf\u00e4llig f\u00fcr Konformit\u00e4tsdruck. Je gr\u00f6\u00dfer der gesellschaftliche Druck wird, desto gr\u00f6\u00dfer wird die Versuchung, sich der Mehrheitsmeinung anzuschlie\u00dfen \u2013 selbst dann, wenn man innerlich Zweifel hat.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus ist auch in der Klimadebatte zu erkennen. Wer heute grundlegende Fragen stellt \u2013 etwa zur Aussagekraft von Klimamodellen, zur Wirksamkeit einzelner Ma\u00dfnahmen oder zu den wirtschaftlichen Folgen der Klimapolitik \u2013, muss damit rechnen, als \u201eKlimaleugner\u201c, \u201ewissenschaftsfeindlich\u201c oder \u201eunsolidarisch\u201c abgestempelt zu werden. Dass diese Etiketten in den meisten F\u00e4llen nicht gerechtfertigt sind \u2013 damit besch\u00e4ftige ich mich in sp\u00e4teren Kapiteln. Es ist auch nicht so wichtig, ob man mit seiner Meinung eher falsch oder richtig liegt, entscheidend ist die Wirkung der Diffamierung, Diskreditierung und Etikettierung: Viele Menschen vermeiden kritische Fragen, weil sie die sozialen Konsequenzen f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Maaz ist das ein Kennzeichen normopathischer Entwicklungen. Nicht der offene Zwang ist das eigentliche Problem. Sondern der innere Zwang, sich anzupassen.<\/p>\n<p>Besonders hellh\u00f6rig wurde ich bei einem weiteren Gedanken von Hans-Joachim Maaz. Er weist darauf hin, dass gesellschaftliche Krisen h\u00e4ufig dazu f\u00fchren, dass dieselben Institutionen oder politischen Akteure, die eine Bedrohung definieren oder in den Mittelpunkt der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit r\u00fccken, sich zugleich als diejenigen pr\u00e4sentieren, die \u00fcber die einzig richtige L\u00f6sung verf\u00fcgen. Daraus folgt nicht automatisch, dass Krisen bewusst erzeugt oder inszeniert werden \u2013 auch wenn das bei Corona zweifelsfrei der Fall war. Es zeigt jedoch einen Mechanismus politischer Macht: Wer die Krise \u2013 auch bei Nicht-Existenz \u2013 definiert und eventuell auch an deren Planung beteiligt war, gewinnt h\u00e4ufig erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der L\u00f6sung. Der Retter!<\/p>\n<p>Deshalb sollten vorgeschlagene L\u00f6sungen niemals ungepr\u00fcft \u00fcbernommen werden. Die Coronazeit hat aus meiner Sicht viele Menschen gelehrt, staatliche Ma\u00dfnahmen, mediale Narrative und politische Begr\u00fcndungen kritischer zu hinterfragen. Wer einmal beginnt, eigenst\u00e4ndig zu denken, gibt sich nicht mehr so leicht mit einfachen Erkl\u00e4rungen oder vermeintlich alternativlosen L\u00f6sungen zufrieden. Die politische Philosophin Hannah Arendt sah im eigenst\u00e4ndigen Denken die wichtigste Voraussetzung menschlicher Urteilskraft. F\u00fcr sie bestand die eigentliche Gefahr nicht im Denken, sondern im Nicht-Denken. Ihr ber\u00fchmter Satz \u201eEs gibt keine gef\u00e4hrlichen Gedanken; das Denken selbst ist gef\u00e4hrlich\u201c bringt genau das zum Ausdruck. Wer beginnt, selbst zu denken, hinterfragt Gewissheiten, pr\u00fcft Begr\u00fcndungen und gibt sich nicht mehr mit einfachen Antworten zufrieden. Darin liegt die befreiende Kraft des Denkens.<\/p>\n<p>Deshalb halte ich es f\u00fcr gef\u00e4hrlich, wenn Skepsis von Machthabern bewusst zum Makel degradiert wird. Skepsis ist wichtig und gut! Nicht die Skepsis ist gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Demokratie, sondern derartig agierende Machthaber. Demokratie lebt nicht vom Mitlaufen. Demokratie lebt davon, dass B\u00fcrger Fragen stellen \u2013 besonders dann, wenn nahezu alle dieselbe Antwort zu kennen glauben.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWo all dasselbe denken, wird nicht viel gedacht\u201c (<\/em>Karl Valentin)<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht ist kritisches Denken heute weniger eine Frage der Intelligenz als vielmehr eine Frage des Mutes. Denn gegen die Mehrheit zu denken war noch nie bequem.<\/p>\n<p><strong>Wenn Angst den Blick verengt<\/strong><\/p>\n<p>Warum f\u00e4llt es Gesellschaften in Krisenzeiten so schwer, kritische Fragen \u00fcberhaupt noch zuzulassen? Warum entsteht h\u00e4ufig der Eindruck, es gebe nur noch eine richtige Sichtweise und nur noch einen akzeptablen L\u00f6sungsweg?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt sich der belgische Psychologe Mattias Desmet. Er entwickelte seine Theorie der <em>Massenbildung<\/em> aus der Beobachtung, dass Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen bereit sind, einfache Erkl\u00e4rungen und weitreichende Ma\u00dfnahmen zu akzeptieren (4).<\/p>\n<p>Desmet beschreibt vier Voraussetzungen, unter denen Massenbildung besonders beg\u00fcnstigt wird: weit verbreitete soziale Isolation, das Gef\u00fchl mangelnder Sinnhaftigkeit, frei schwebende Angst und eine allgemeine Unzufriedenheit, die sich keinem konkreten Ausl\u00f6ser zuordnen l\u00e4sst. Treffen diese Faktoren zusammen, steigt nach seiner Auffassung die Bereitschaft vieler Menschen, sich hinter einer gemeinsamen Erz\u00e4hlung zu versammeln und einer zentralen L\u00f6sung zu folgen.<\/p>\n<p>Seinen Denkansatz halte ich f\u00fcr \u00e4u\u00dferst aufschlussreich. Er lenkt den Blick weg von der Frage, ob eine bestimmte politische Ma\u00dfnahme richtig oder falsch ist, und hin zu einer viel grunds\u00e4tzlicheren Frage: Warum schlie\u00dfen sich in Krisenzeiten pl\u00f6tzlich so viele Menschen derselben Sichtweise an? Warum werden komplexe Zusammenh\u00e4nge h\u00e4ufig auf wenige, scheinbar eindeutige Erkl\u00e4rungen reduziert? Die Klimadebatte bietet ein anschauliches Beispiel daf\u00fcr. <\/p>\n<p>Seit Jahren wird sie von Begriffen gepr\u00e4gt, die ein Gef\u00fchl permanenter Bedrohung vermitteln: Klimanotstand, Kipppunkte, Hitzekatastrophen, Jahrhundertd\u00fcrre, Artensterben oder gar das drohende Ende unseres Planeten. Wo Angst entsteht, w\u00e4chst verst\u00e4ndlicherweise auch der Wunsch nach Sicherheit \u2013 und mit ihm die Bereitschaft, weitreichende politische Ma\u00dfnahmen zu akzeptieren \u2013 auch wenn sie mit der Einschr\u00e4nkung der pers\u00f6nlichen Freiheit und des eigenen Wohlbefindens verbunden sind. Man k\u00e4mpft ja schlie\u00dflich gegen einen gemeinsamen Feind, nicht wahr, ob das jetzt das b\u00f6se Virus und seine Verharmloser, der b\u00f6se Putin und seine Versteher, oder der \u201emenschengemachte\u201c Klimawandel und seine Leugner sind. Schulter an Schulter, Br\u00fcder und Schwestern, das schafft Verbundenheit! So einfach ist das! Nein, ist es nicht!<\/p>\n<p>Desmet weist darauf hin, dass Angst den Blick des Menschen ver\u00e4ndern kann. Wer sich bedroht f\u00fchlt, sucht Orientierung. Komplexe Zusammenh\u00e4nge erscheinen dann oft weniger attraktiv als einfache Erkl\u00e4rungen. Gleichzeitig w\u00e4chst die Bereitschaft, Ma\u00dfnahmen zu akzeptieren, die unter normalen Umst\u00e4nden wahrscheinlich deutlich kritischer diskutiert und eventuell nicht durchgesetzt werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Eine demokratische Gesellschaft sollte darauf achten, dass Angst niemals zum dauerhaften politischen Instrument wird. Politikern wie Karl Lauterbach, Boris Pistorius, Roderich Kiesewetter und Konsorten, die bewusst Angst verbreiten, sollte das Handwerk gelegt werden. Angst kann kurzfristig mobilisieren. Sie ist jedoch ein schlechter Ratgeber, wenn es darum geht, langfristige Entscheidungen mit weitreichenden Folgen f\u00fcr Freiheit, Wohlstand und gesellschaftliches Zusammenleben zu treffen.<\/p>\n<p>Desmets Arbeiten liefern keine Antwort auf die Frage, wie sich das Klima entwickelt. Sie erkl\u00e4ren jedoch, warum Krisenkommunikation eine so gro\u00dfe Wirkung entfalten kann. Wer verstehen m\u00f6chte, weshalb Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit dieselben Begriffe \u00fcbernehmen und dieselben politischen Forderungen unterst\u00fctzen, kommt an Erkenntnissen der Psychologie kaum vorbei.<\/p>\n<p>Damit gelangen wir zu einer weiteren entscheidenden Frage: Wie entstehen eigentlich die Bilder in unseren K\u00f6pfen, die unser Weltbild pr\u00e4gen? Mit diesem Mechanismus besch\u00e4ftigte sich bereits vor \u00fcber hundert Jahren der amerikanische Publizist Walter Lippmann.<\/p>\n<p><strong>Die Bilder in unseren K\u00f6pfen<\/strong><\/p>\n<p>Wie entsteht eigentlich unsere Vorstellung von der Realit\u00e4t?<\/p>\n<p>Diese Frage stellte sich der amerikanische Publizist und Politikwissenschaftler Walter Lippmann bereits im Jahr 1922 in seinem Werk <em>Public Opinion<\/em>. Seine Antwort ist ebenso einfach wie tiefgr\u00fcndig: Die meisten Menschen reagieren nicht auf die Realit\u00e4t selbst, sondern auf das Bild von der Realit\u00e4t, das sich in ihren K\u00f6pfen gebildet hat. Dieses auf sie \u201ewirkende\u201c Bild der Realit\u00e4t wird dann zu ihrer \u201eWirklichkeit\u201c.<\/p>\n<p>Lippmann schrieb (5):<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWir reagieren nicht zuerst auf die Welt, sondern auf das Bild, das wir uns von ihr gemacht haben.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Gedanke ist von zeitloser Aktualit\u00e4t. Kein Mensch kann die gesamte Realit\u00e4t erfassen. Niemand kann alle wissenschaftlichen Studien lesen, s\u00e4mtliche Messdaten auswerten oder jedes politische Ereignis selbst \u00fcberpr\u00fcfen. Deshalb sind wir zwangsl\u00e4ufig darauf angewiesen, dass uns andere die Welt erkl\u00e4ren. Medien, Wissenschaftler, Politiker, Experten oder soziale Netzwerke liefern uns t\u00e4glich eine Vielzahl von Informationen, aus denen sich nach und nach ein Bild unserer Wirklichkeit zusammensetzt.<\/p>\n<p>Das ist zun\u00e4chst weder gut noch schlecht. Problematisch wird es erst dann, wenn wir dieses vermittelte Bild mit der Realit\u00e4t selbst verwechseln. Darin sehe ich eine der entscheidenden Fragen der heutigen Klimadebatte. Die meisten Menschen kennen den Klimawandel nicht aus eigener Anschauung. Sie kennen ihn aus Fernsehnachrichten, Zeitungsberichten, Dokumentationen, Internetportalen oder den sozialen Medien. Das Bild, das sie sich vom Klima machen, entsteht daher \u00fcberwiegend aus Informationen, die andere ausgew\u00e4hlt, eingeordnet und vermittelt haben.<\/p>\n<p>Damit stellen sich zwangsl\u00e4ufig weitere Fragen:<\/p>\n<p>Welche Ereignisse werden immer wieder gezeigt \u2013 und welche kaum?<\/p>\n<p>Welche wissenschaftlichen Studien schaffen es in die Hauptnachrichten \u2013 und welche bleiben weitgehend unbeachtet?<\/p>\n<p>Welche Experten erhalten regelm\u00e4\u00dfig eine B\u00fchne \u2013 und welche kommen kaum zu Wort?<\/p>\n<p>Diese Fragen richten sich gegen die Vorstellung mancher Menschen, dass \u00f6ffentliche Darstellungen automatisch die gesamte Realit\u00e4t abbilden.<br \/>Mehr hierzu im n\u00e4chsten Teil.<\/p>\n<p>Lippmann machte darauf aufmerksam, dass zwischen der Realit\u00e4t und unserer Wahrnehmung immer ein Filter liegt. Diesen Filter bilden unsere Erfahrungen, unsere Erwartungen, aber auch die Informationen, die wir t\u00e4glich erhalten. Je einseitiger dieser Filter wird, desto einseitiger wird zwangsl\u00e4ufig auch unser Bild der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Deshalb halte ich es f\u00fcr gef\u00e4hrlich und verantwortungslos, wenn in der Klimadebatte bestimmte Positionen vorschnell als unzul\u00e4ssig oder wissenschaftlich erledigt erkl\u00e4rt werden. Wissenschaft lebt vom Vergleich unterschiedlicher Hypothesen. Dissens ist die Essenz der Wissenschaft. Wer den Blick auf eine einzige Erkl\u00e4rung verengt, l\u00e4uft Gefahr, den Unterschied zwischen Realit\u00e4t und ihrer Darstellung aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p>Lippmann wollte die \u00d6ffentlichkeit nicht entmutigen. Im Gegenteil. Sein Werk ist eine Einladung zu mehr Urteilskraft. Es erinnert daran, dass zwischen dem, was tats\u00e4chlich geschieht, und dem, was wir dar\u00fcber wahrnehmen, oft ein erheblicher Unterschied bestehen kann.<\/p>\n<p>Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe eines m\u00fcndigen B\u00fcrgers deshalb nicht darin, m\u00f6glichst viele Informationen aufzunehmen. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, sich immer wieder zu fragen, ob das Bild im eigenen Kopf tats\u00e4chlich die ganze Wirklichkeit widerspiegelt \u2013 oder nur einen Ausschnitt davon. Es trifft \u2013 auch bei mir \u2013 immer Letzteres zu.<\/p>\n<p>Doch wer entscheidet nach welchen Kriterien, welche Informationen hervorgehoben, welche Themen wiederholt und welche Fragen in den Hintergrund gedr\u00e4ngt werden? Mit dieser Form der Aufmerksamkeitslenkung besch\u00e4ftigte sich der Psychologe und Kognitionsforscher Rainer Mausfeld.<\/p>\n<p><strong>Die Macht \u00fcber unsere Wahrnehmung<\/strong><\/p>\n<p>Wer bestimmt eigentlich, was wir f\u00fcr wichtig halten oder f\u00fcr wichtig zu halten haben? Und warum besch\u00e4ftigen manche Themen wochenlang die Schlagzeilen, w\u00e4hrend andere kaum \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erhalten?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen befasst sich der Wahrnehmungspsychologe Rainer Mausfeld. In seinen Arbeiten zeigt er, dass Macht in modernen Demokratien immer seltener durch offene Zensur ausge\u00fcbt wird. Weitaus wirkungsvoller ist es, die Aufmerksamkeit der Menschen zu lenken: Welche Themen stehen im Mittelpunkt? Welche Informationen werden wiederholt? Welche Zusammenh\u00e4nge werden hervorgehoben \u2013 und welche bleiben weitgehend unsichtbar?<\/p>\n<p>Mausfeld macht deutlich, dass unser Bild von der Realit\u00e4t nicht nur von den vorhandenen Fakten gepr\u00e4gt wird, sondern ebenso von deren Auswahl, Gewichtung und Einordnung. Dieselben Informationen k\u00f6nnen \u2013 je nach Kontext \u2013 zu v\u00f6llig unterschiedlichen Schlussfolgerungen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Rainer Mausfeld beschreibt damit einen Mechanismus, der weit \u00fcber einzelne politische Themen hinausreicht. Wer die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit lenkt, beeinflusst auch die Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Nicht weil Fakten erfunden werden, sondern weil nie alle Fakten gleichzeitig im Mittelpunkt stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Klimadebatte l\u00e4sst sich dieser Mechanismus gut beobachten. Kaum ein Tag vergeht ohne Berichte \u00fcber Hitzewellen, D\u00fcrren, Waldbr\u00e4nde, schmelzende Gletscher oder Extremwetterereignisse. Solche Entwicklungen verdienen selbstverst\u00e4ndlich Aufmerksamkeit. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob gleichzeitig auch jene, eher gegenteilige oder auch positive Informationen angemessen ber\u00fccksichtigt werden, die das Gesamtbild erg\u00e4nzen oder differenzieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>So stellt sich beispielsweise die Frage, wie h\u00e4ufig \u00fcber nat\u00fcrliche Klimaschwankungen, historische Warm- und Kaltzeiten, Unsicherheiten in Klimamodellen oder unterschiedliche wissenschaftliche Bewertungen berichtet wird. Nicht weil diese Aspekte die Existenz des Klimawandels widerlegen w\u00fcrden, sondern weil sie zu einem umfassenderen Verst\u00e4ndnis beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mausfeld erinnert uns daran, dass eine demokratische Gesellschaft nicht nur von der Freiheit lebt, Informationen zu verbreiten, sondern auch von der Freiheit, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen und miteinander vergleichen zu k\u00f6nnen. Erst der Vergleich verschiedener Sichtweisen erm\u00f6glicht eigenst\u00e4ndige Urteile.<\/p>\n<p>Sein Gedanke kn\u00fcpft unmittelbar an Walter Lippmann an. Wenn unser Weltbild aus den Bildern entsteht, die wir im Kopf tragen, dann entscheidet die Auswahl dieser Bilder wesentlich dar\u00fcber, wie wir die Wirklichkeit beurteilen. Kritisches Denken beginnt deshalb nicht erst bei den Antworten, sondern bereits bei der Frage, ob wir \u00fcberhaupt das ganze Bild sehen, und aus welchen Quellen wir dieses Bild speisen und zusammensetzen.<\/p>\n<p>Wie gelingt es, \u00f6ffentliche Meinungen nicht nur zu beeinflussen, sondern gezielt Zustimmung f\u00fcr politische und wirtschaftliche Ziele zu erzeugen? Mit dieser Frage besch\u00e4ftigte sich bereits vor rund hundert Jahren ein Mann, der als Begr\u00fcnder der modernen Public Relations gilt: Edward Bernays.<\/p>\n<p><strong>Zustimmung l\u00e4sst sich organisieren<\/strong><\/p>\n<p>Wie gelingt es, ganze Gesellschaften von einer bestimmten Idee zu \u00fcberzeugen? Wie entsteht \u00f6ffentlicher Konsens? Und warum \u00fcbernehmen Menschen mitunter \u00dcberzeugungen, die sie ohne gezielte Beeinflussung m\u00f6glicherweise nie entwickelt h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigte sich der amerikanische PR-Pionier Edward Bernays. Der Neffe des ber\u00fchmten Psychoanalytikers Sigmund Freud verband Erkenntnisse \u00fcber das menschliche Unbewusste mit den M\u00f6glichkeiten moderner Massenkommunikation. W\u00e4hrend Freud erforschte, welche verborgenen Motive menschliches Handeln beeinflussen, fragte Bernays, wie sich dieses Wissen gezielt nutzen l\u00e4sst, um die \u00f6ffentliche Meinung zu formen.<\/p>\n<p>Sein bekanntestes Werk tr\u00e4gt den mittlerweile negativ besetzten Titel <em>Propaganda <\/em>(7). Der Titel wirkt heute befremdlich. Doch in den 1920er-Jahren hatte der Begriff noch nicht die eindeutig negative Bedeutung, die er nach den Erfahrungen mit den totalit\u00e4ren Regimen des 20. Jahrhunderts erhielt.<\/p>\n<p>Bernays vertrat die Auffassung, dass demokratische Gesellschaften nicht allein durch Argumente zusammengehalten werden, sondern dass \u00f6ffentliche Zustimmung aktiv organisiert werden m\u00fcsse. Seine ber\u00fchmte Formulierung von der \u201ebewussten und intelligenten Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen\u201c geh\u00f6rt bis heute zu den meistdiskutierten S\u00e4tzen der Kommunikationswissenschaft.<\/p>\n<p>Bernays Erkenntnisse machen deutlich, dass politische \u00dcberzeugungen nicht ausschlie\u00dflich das Ergebnis freier, unabh\u00e4ngiger Meinungsbildung sind. Sie k\u00f6nnen ebenso das Resultat professioneller Kommunikationsstrategien sein, die Emotionen ansprechen, Bilder erzeugen und bestimmte Deutungen immer wieder in den Vordergrund r\u00fccken.<\/p>\n<p>Bernays berichtete sp\u00e4ter selbst, Joseph Goebbels habe seine Schriften studiert und propagandistische Methoden daraus \u00fcbernommen. Ob und in welchem Umfang dies geschah, ist historisch unterschiedlich bewertet. Unstrittig ist jedoch, dass psychologische Erkenntnisse zur Beeinflussung \u00f6ffentlicher Meinungen sowohl f\u00fcr legitime \u00d6ffentlichkeitsarbeit als auch f\u00fcr manipulative Propaganda eingesetzt werden k\u00f6nnen. Nicht die Methode oder Technik entscheidet \u00fcber ihre moralische Bewertung, sondern der Zweck, dem sie dient. Mit einem Messer kann man sich ein Brot schmieren oder auch jemanden damit umbringen.<\/p>\n<p>Deshalb lohnt sich der Blick auf die heutige Klimadebatte. Wer \u00fcber Monate und Jahre hinweg dieselben Bilder, dieselben Schlagworte und dieselben Botschaften wiederholt, pr\u00e4gt zwangsl\u00e4ufig die Wahrnehmung der Bev\u00f6lkerung. Schmelzende Gletscher, brennende W\u00e4lder, \u00fcberflutete Stra\u00dfen oder vertrocknete Landschaften sind reale und eindrucksvolle Bilder. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Vermitteln sie ein umfassendes Bild einer komplexen Realit\u00e4t, oder zeigen sie nur einen kleinen Teil davon?<\/p>\n<p>Bernays h\u00e4tte vermutlich gesagt, dass erfolgreiche Kommunikation nicht dadurch entsteht, dass m\u00f6glichst viele Fakten pr\u00e4sentiert werden. Entscheidend ist vielmehr, welche Botschaften emotional verankert werden und sich dauerhaft im Bewusstsein der Menschen festsetzen.<\/p>\n<p>Deshalb gen\u00fcgt es in einer Demokratie nicht, Informationen lediglich aufzunehmen. Es ist ebenso wichtig zu fragen, wer sie ausw\u00e4hlt, wie sie pr\u00e4sentiert werden und welches Ziel mit ihrer Vermittlung verfolgt wird. Kritisches Denken bedeutet nicht, jede Botschaft zur\u00fcckzuweisen. Es bedeutet vielmehr, auch die Mechanismen ihrer Entstehung zu hinterfragen.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Nach Orwell, Le Bon, Maaz, Arendt, Desmet, Lippmann, Mausfeld und Bernays zeichnet sich ein gemeinsamer Gedanke ab: \u00d6ffentliche Meinungen entstehen selten zuf\u00e4llig. Sie werden durch Sprache, Bilder, Emotionen, Aufmerksamkeit und Kommunikation gepr\u00e4gt und gelenkt.<\/p>\n<p>Wissen \u00fcber Menschen ist nicht vor Missbrauch gesch\u00fctzt, wie die Geschichte zeigt. Andererseits, wer diese Mechanismen kennt, wird politische Debatten mit anderen Augen betrachten \u2013 auch die \u00fcber das Klima.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<h3 id=\"quellen-und-anmerkungen\">Quellen und Anmerkungen<\/h3>\n<p>(1) Orwell, George (1949): <em>1984<\/em>. London: Secker &amp; Warburg<\/p>\n<p>(2) Le Bon, Gustave (1895): <em>Psychologie der Massen<\/em> (frz. <em>Psychologie des Foules<\/em>)<\/p>\n<p>(3) Maaz, Hans-Joachim (2017): <em>Das falsche Leben \u2013 Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft<\/em>. M\u00fcnchen: C.H. Beck. Die zentrale These des Buches ist, dass \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Anpassungsdruck zu einer \u201enormopathischen\u201c Gesellschaft f\u00fchren kann<\/p>\n<p>(4) Desmet, Mattias (2022): <em>The Psychology of Totalitarianism<\/em>. White River Junction (VT): Chelsea Green Publishing<\/p>\n<p>(5) Lippmann, Walter (1922): <em>Public Opinion<\/em>. New York: Harcourt, Brace and Company<\/p>\n<p>(6) Mausfeld, Rainer (2018): <em>Warum schweigen die L\u00e4mmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerst\u00f6ren<\/em>. Frankfurt am Main: Westend Verlag<\/p>\n<p>(7) Bernays, Edward L. (1928): <em>Propaganda<\/em>. New York: Horace Liveright<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Demonstration gegen Klimakrise<br \/>Bildquelle: rongreenbergphotography \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer. Wie Sprache die Klimadebatte lenkt Eine bequeme L\u00fcge ist f\u00fcr viele Menschen leichter zu ertragen als eine unbequeme Wahrheit. Die Wahrheit verlangt, dass man nachdenkt, zweifelt, recherchiert und m\u00f6glicherweise sogar lieb gewonnene \u00dcberzeugungen aufgibt. Eine fertige Erz\u00e4hlung ist angenehmer. 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