{"id":15172,"date":"2026-07-26T11:02:19","date_gmt":"2026-07-26T09:02:19","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/der-erschoepfte-leviathan-zur-strukturellen-krise-des-westens\/"},"modified":"2026-07-26T11:02:19","modified_gmt":"2026-07-26T09:02:19","slug":"der-erschoepfte-leviathan-zur-strukturellen-krise-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/der-erschoepfte-leviathan-zur-strukturellen-krise-des-westens\/","title":{"rendered":"Der ersch\u00f6pfte Leviathan: Zur strukturellen Krise des Westens | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die transatlantische Allianz steht heute nicht allein vor Herausforderungen von au\u00dfen. Sie sieht sich zugleich mit einer tiefgreifenden Krise ihres eigenen politischen und wirtschaftlichen Modells konfrontiert. Was von seinen Verteidigern als sch\u00fctzenswerte Erhaltung der &#8222;liberalen, regelbasierten Ordnung&#8220; verstanden wird, erweist sich aus kritischer Perspektive zunehmend als Ausdruck innerer, struktureller Widerspr\u00fcche. Thomas Hobbes&#8216; Sinnbild des Leviathan beruhte auf einem klaren Versprechen: Der Staat garantiert Schutz, soziale Ordnung und Wohlstand \u2013 im Gegenzug ernten seine Institutionen Loyalit\u00e4t. Wenn dieser Schutzvertrag jedoch br\u00f6ckelt, ger\u00e4t das gesamte Gef\u00fcge ins Schwanken.<\/p>\n<p>Aus unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln \u2013 von der Postdemokratiekritik Colin Crouchs \u00fcber Sheldon Wolins Analyse des &#8222;umgekehrten Totalitarismus&#8220; bis hin zu John Mearsheimers Kritik der liberalen Hegemonie \u2013 lassen sich dabei mehrere miteinander verbundene Problemlagen erkennen: die Entfremdung zwischen B\u00fcrgern und Institutionen, die Verengung des \u00f6ffentlichen Diskurses, die Konzentration wirtschaftlicher Macht, die Entkopplung der Finanzm\u00e4rkte von der realen G\u00fcterproduktion sowie eine Au\u00dfenpolitik, deren globale Gestaltungsanspr\u00fcche zunehmend an materielle und diplomatische Grenzen sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Die These dieses Essays lautet daher nicht, dass der Westen unmittelbar vor seinem Zusammenbruch steht. Vielmehr stellt sich die Frage, ob seine institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen noch \u00fcber ausreichende F\u00e4higkeiten zur Selbstkorrektur verf\u00fcgen. Diese Frage ist zun\u00e4chst eine der politischen \u00d6konomie und der Institutionen. Sie ber\u00fchrt aber, sekund\u00e4r, auch eine psychologische Dimension: die Frage, warum B\u00fcrger und Eliten notwendige Korrekturen selbst dann verweigern oder sabotieren, wenn deren materielle Grundlage l\u00e4ngst erkannt ist.<\/p>\n<p><strong>I. Die Erosion demokratischer Legitimit\u00e4t: Postdemokratie, Diskursverengung und die Grenzen der Selbstkorrektur<\/strong><\/p>\n<p>Nach au\u00dfen pr\u00e4sentieren sich die westlichen Demokratien weiterhin als Systeme, die auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und B\u00fcrgerbeteiligung beruhen. Gleichzeitig ist im Inneren eine fortschreitende Entfremdung zwischen Bev\u00f6lkerung und politischen Entscheidungstr\u00e4gern zu beobachten.<\/p>\n<p>Der britische Soziologe Colin Crouch hat diese Entwicklung mit dem Begriff der &#8222;Postdemokratie&#8220; beschrieben. Gemeint ist damit keine formale Abschaffung der Demokratie \u2013 Wahlen, Parlamente und Parteien bestehen fort. Doch die tats\u00e4chlichen Handlungskorridore verengen sich, wenn wesentliche Entscheidungen zunehmend in technokratische Gremien, Lobbynetzwerke und supranationale Institutionen verlagert werden. Demokratische Verfahren bleiben als H\u00fclle bestehen, w\u00e4hrend sich die Machtverh\u00e4ltnisse von ihnen entkoppeln.<\/p>\n<p>Eine radikalere Diagnose formulierte der US-Politikwissenschaftler Sheldon Wolin mit seinem Konzept des &#8222;umgekehrten Totalitarismus&#8220; (Inverted Totalitarianism). Anders als klassische totalit\u00e4re Regimes, die auf offener Massenmobilisierung und zentraler Ideologie beruhen, beschreibt Wolin eine Ordnung, die auf Entpolitisierung setzt. Macht verschmilzt mit Konzerninteressen (Corporate Power), w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung durch mediale Dauerbeschallung und das Aufrechterhalten eines permanenten Notstandsbewusstseins passiv gehalten wird.<\/p>\n<p>Diese Mechanik erkl\u00e4rt sich zun\u00e4chst aus sich selbst: Sie funktioniert, weil sie im materiellen Interesse konzentrierter Macht liegt, nicht weil die Bev\u00f6lkerung eine bestimmte seelische Disposition mitbringen m\u00fcsste. Doch die Frage, warum diese Entpolitisierung auf so wenig wirksamen Widerstand trifft, f\u00fchrt an einen Punkt, an dem die Sozialpsychologie eine erg\u00e4nzende, nachgeordnete Beobachtung beisteuern kann \u2013 nicht als Ursache der Postdemokratie, sondern als Erkl\u00e4rung ihrer geringen Angreifbarkeit. Erich Fromm beschrieb mit der &#8222;autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit&#8220; eine fr\u00fchkindlich erworbene Disposition, die Sicherheit in Unterwerfung und Klarheit in eindeutigen Feindbildern sucht. Wo eine solche Disposition verbreitet ist, trifft die Entpolitisierung auf weniger Gegenwehr \u2013 sie erkl\u00e4rt aber nicht deren Ursache, sondern ihre Verwundbarkeit.<\/p>\n<p>Diese Entpolitisierung geht heute mit einer schleichenden Verengung des \u00f6ffentlichen Diskurses einher. Wo die sachliche Abw\u00e4gung \u00f6konomischer oder geopolitischer Alternativen zunehmend durch morallogische Alternativlosigkeit ersetzt wird, verliert die Demokratie ihre wichtigste St\u00e4rke: die F\u00e4higkeit zur rationalen Selbstkritik. Auch Wolfgang Streecks Analysen verdeutlichen, dass Regierungen im Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgerinteressen und Marktfordernissen die M\u00e4rkte bevorzugen \u2013 eine institutionelle, interessengeleitete Entscheidung, die keiner psychologischen Zusatzerkl\u00e4rung bedarf, um verst\u00e4ndlich zu sein.<\/p>\n<p><strong>II. Der milit\u00e4risch-finanzielle Komplex: Die \u00d6konomie der reellen \u00dcberdehnung<\/strong><\/p>\n<p>Die politische Krise ist eng verwoben mit dem \u00f6konomischen Strukturwandel der letzten Jahrzehnte. Die Finanzialisierung der Wirtschaft, die Konzentration von Verm\u00f6gen und die Verschiebung von der industriellen Wertsch\u00f6pfung hin zu spekulativen M\u00e4rkten haben die Machtverh\u00e4ltnisse fundamental ver\u00e4ndert.<br \/>Der US-\u00d6konom Michael Hudson zeigt auf, wie die globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten \u00fcber Jahrzehnte durch die Sonderrolle des Dollars und die Dominanz des US-Finanzsektors abgesichert wurde. Diese Architektur erlaubte es, hohe Handels- und R\u00fcstungsdefizite auf den Rest der Welt abzuw\u00e4lzen. Der britische Geograf David Harvey erg\u00e4nzt diesen Befund um das Konzept der &#8222;Akkumulation durch Enteignung&#8220;: Unter neoliberalem Vorzeichen wurden \u00f6ffentliche G\u00fcter privatisiert und Verm\u00f6gen systematisch nach oben umverteilt, was den Sozialstaat nachhaltig schw\u00e4chte.<\/p>\n<p>Diese finanzielle Dominanz verdeckt jedoch eine materiell-industrielle Verwundbarkeit. W\u00e4hrend der Westen Dienstleistungs- und Finanzsektoren perfektionierte, lagerte er wesentliche Teile der industriellen Basis, der Rohstofff\u00f6rderung und der physischen Lieferketten aus. In einer \u00c4ra wiederkehrender geopolitischer Machtprojektionen erweist sich diese Deindustrialisierung als gravierende Achillesferse.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rische Macht erfordert reale Produktionskapazit\u00e4ten. Die dauerhafte Ausweitung von R\u00fcstungsausgaben erzeugt nicht nur immense Opportunit\u00e4tskosten \u2013 da diese Mittel f\u00fcr Infrastruktur, Bildung und Sozialstaat fehlen \u2013, sondern st\u00f6\u00dft auch an die physischen Grenzen einer geschrumpften Industriebasis. Wo der wirtschaftliche Ausgleich misslingt, f\u00fchrt \u00e4u\u00dfere Aufr\u00fcstung zur inneren Substanzerosion. Ein Leviathan, der seine milit\u00e4rische St\u00e4rke nicht aus eigener produktiver Kraft speisen kann, sondern auf finanzielle Kunstgriffe und internationale Verschuldung angewiesen ist, lebt \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse \u2013 und gef\u00e4hrdet langfristig die Stabilit\u00e4t, die er zu sichern vorgibt.<\/p>\n<p><strong>III. Die Illusion der Hegemonie: Geopolitische \u00dcberdehnung und die Grenzen selektiver Moral<\/strong><\/p>\n<p>Diese inneren Spannungen spiegeln sich in einer zunehmend isolierten Au\u00dfenpolitik wider. Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer kritisiert seit Langem die Doktrin der &#8222;liberalen Hegemonie&#8220;. Der Versuch, die Welt nach westlichen Vorstellungen umzugestalten \u2013 sei es durch B\u00fcndnisausweitungen oder milit\u00e4rische Interventionen \u2013, hat aus realistischer Perspektive Gegenreaktionen anderer Gro\u00dfm\u00e4chte provoziert und die internationale Ordnung instabiler gemacht. Der franz\u00f6sische Historiker Emmanuel Todd interpretiert die geopolitische \u00dcberdehnung des Westens ebenfalls als Symptom einer tieferen gesellschaftlichen und moralischen Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Wie Noam Chomsky regelm\u00e4\u00dfig aufzeigt, untergr\u00e4bt die selektive Anwendung des V\u00f6lkerrechts \u2013 die Einforderung von Normen gegen\u00fcber Gegnern bei gleichzeitiger Nachsicht gegen\u00fcber eigenen Verb\u00fcndeten \u2013 das Fundament der &#8222;regelbasierten Ordnung&#8220;. Diese Doppelmoral ist zun\u00e4chst und vor allem instrumentell: Sie dient der Absicherung konkreter B\u00fcndnis- und Rohstoffinteressen, die in Abschnitt II beschrieben wurden, und bedarf daf\u00fcr keiner psychologischen Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Wo diese Doppelmoral jedoch nicht blo\u00df praktiziert, sondern glaubhaft als &#8222;Verteidigung westlicher Werte&#8220; empfunden werden soll, tritt ein zweiter, begleitender Mechanismus hinzu: Carl Gustav Jung beschrieb den Schatten als jenen verdr\u00e4ngten Teil der Pers\u00f6nlichkeit, der nach au\u00dfen projiziert und dort als bedrohlicher Fremder bek\u00e4mpft wird. Als individualpsychologisches Konzept l\u00e4sst sich der Begriff nicht unmittelbar auf Staaten \u00fcbertragen \u2013 wohl aber auf die Rhetorik, mit der Interessenpolitik moralisch eingekleidet wird. Die Erz\u00e4hlung vom &#8222;Schurkenstaat&#8220; oder vom &#8222;Kampf f\u00fcr die Demokratie&#8220; macht handfeste geopolitische Interessen f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung erst erz\u00e4hlbar und ertr\u00e4glich. Die Projektion erkl\u00e4rt also nicht das Interesse selbst, sondern die Form, in der es sich legitimiert und dadurch schwerer korrigierbar wird.<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine doppelte Krise der diplomatischen Glaubw\u00fcrdigkeit. Dieser Vertrauensverlust trifft heute auf ein ver\u00e4ndertes globales Umfeld. Wie der indische Historiker Vijay Prashad darlegt, verweigert sich der Globale S\u00fcden zunehmend der Unterordnung unter transatlantische Interessen. Mehr noch: Mit Zusammenschl\u00fcssen wie den BRICS+ oder der Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit (SOZ) entsteht eine institutionelle Gegenwelt, die alternative Finanzarchitekturen, Handelsrouten und diplomatische Foren bereitstellt. Die Welt wird nicht zwangsl\u00e4ufig geschlossen antiwestlich, aber sie wird multipolarer \u2013 und der Einfluss des Westens verliert seine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p><strong>IV. Die Gegenhypothese: Krise oder Anpassungsf\u00e4higkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Eine ernsthafte Analyse darf die existierenden St\u00e4rken des transatlantischen B\u00fcndnisses jedoch nicht ausblenden. Die Staaten der westlichen Allianz verf\u00fcgen weiterhin \u00fcber gewaltige wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche und milit\u00e4rische Ressourcen. Anders als autokratische Systeme besitzen Demokratien theoretisch die institutionellen Voraussetzungen zur Selbsterneuerung: Transparenz, Machtwechsel durch Wahlen und die Einbindung zivilgesellschaftlicher Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Geschichte verl\u00e4uft selten geradlinig, und der Schluss auf einen zwangsl\u00e4ufigen Niedergang w\u00e4re verfr\u00fcht. Anpassungsprozesse \u2013 etwa durch die Re-Industrialisierung strategischer Sektoren, die Wiederaufnahme diplomatischer Dialoge oder eine Erneuerung sozialer Schutzversprechen \u2013 sind historisch keineswegs ausgeschlossen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Westen unaufhaltsam zerf\u00e4llt, sondern ob seine Eliten und Institutionen den Willen und die Flexibilit\u00e4t aufbringen, bestehende Fehlentwicklungen rechtzeitig zu korrigieren.<\/p>\n<p>Diese Korrektur ist zuerst eine Frage politischer \u00d6konomie: der Eind\u00e4mmung konzentrierter Kapitalmacht, der Re-Industrialisierung, der Anpassung geopolitischer Anspr\u00fcche an eine multipolare Welt. Doch selbst dort, wo diese Diagnose l\u00e4ngst vorliegt und die notwendigen Schritte bekannt sind, bleibt eine zweite Frage offen: warum Eliten und Bev\u00f6lkerungen bekannte, an sich m\u00f6gliche Korrekturen dennoch verz\u00f6gern oder blockieren. Hier \u2013 nicht als Ursache, sondern als Erkl\u00e4rung des Ausbleibens der Korrektur \u2013 wird die psychologische Ebene wieder relevant: die Angst vor Kontrollverlust, die Sehnsucht nach eindeutigen Feindbildern, die Schwierigkeit, liebgewonnene Selbstbilder infrage zu stellen. Diese Disposition ersetzt keine wirtschafts- und sicherheitspolitische Reform. Aber sie kann eine an sich m\u00f6gliche Reform sabotieren, verw\u00e4ssern oder im entscheidenden Moment wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p><strong>Fazit: Das Dilemma des ersch\u00f6pften Leviathan und die Frage nach der inneren Erneuerung<\/strong><\/p>\n<p>Die Krise der transatlantischen Allianz ist kein oberfl\u00e4chliches Ph\u00e4nomen, das sich durch Regierungswechsel oder die Erh\u00f6hung von Milit\u00e4rbudgets l\u00f6sen lie\u00dfe. Sie wurzelt in der Gleichzeitigkeit von politischer Entfremdung, wirtschaftlicher Machtkonzentration, physischer Deindustrialisierung und au\u00dfenpolitischer \u00dcberdehnung.<\/p>\n<p>Diese Faktoren verst\u00e4rken sich gegenseitig. Ein Leviathan, der im Inneren soziale Sicherheit und Diskursfreiheit einb\u00fc\u00dft und nach au\u00dfen hin auf milit\u00e4rische Abschreckung setzt, ohne \u00fcber die n\u00f6tige materielle und diplomatische Basis zu verf\u00fcgen, verbraucht seine eigenen Reserven. Diese Ersch\u00f6pfung ist zun\u00e4chst eine strukturelle \u2013 eine Frage von Kapitalfl\u00fcssen, Industriebasis und geopolitischer Statik, wie die Abschnitte II und III gezeigt haben.<\/p>\n<p>Doch selbst eine zutreffende strukturelle Diagnose f\u00fchrt nicht von selbst zu ihrer Korrektur. Genau hier setzt die psychologische Beobachtung an, als nachgeordnete, aber nicht unwichtige Erg\u00e4nzung: Eine Politik, die ihre eigenen Interessen und Fehlentwicklungen zwar erkennt, aber aus Angst vor Kontrollverlust oder aus der Sehnsucht nach eindeutigen Feindbildern an alten Mustern festh\u00e4lt, wird die an sich m\u00f6gliche Korrektur immer wieder verraten. Das ist kein Ersatz f\u00fcr politische \u00d6konomie \u2013 es ist die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum eine bekannte, machbare Korrektur ausbleiben kann.<\/p>\n<p>Der Westen steht vor einer Richtungsentscheidung. Gelingt es den Demokratien nicht, die Macht wirtschaftlicher Eliten einzud\u00e4mmen, den \u00f6ffentlichen Debattenraum zu \u00f6ffnen, soziale Stabilit\u00e4t wiederherzustellen und die eigenen geopolitischen Anspr\u00fcche an die Realit\u00e4ten einer multipolaren Welt anzupassen, wird die Erosion seiner Position fortschreiten.<\/p>\n<p>Diese \u00e4u\u00dferen Reformen bleiben der prim\u00e4re Hebel. Doch sie halten sich selbst nur, wenn sie nicht durch Angst, Feindbild-Sehnsucht und die Unf\u00e4higkeit zur Selbstkritik immer wieder unterlaufen werden. Die gro\u00dfen Weisheitstraditionen aller Kulturen beschreiben einen Zustand, den sie &#8222;Unmittelbarkeit&#8220; nennen \u2013 eine Wahrnehmung, die nicht spaltet, nicht bewertet, nicht projiziert. Das ist keine esoterische Flucht aus der Politik, sondern deren stille Voraussetzung: Es ist leichter, eine richtige Reform zu beschlie\u00dfen als sie durchzuhalten, wenn die erste Krise das alte Verlangen nach einfachen Feinden und schneller Sicherheit wieder weckt.<\/p>\n<p>Die Philosophie des Taoismus nennt dies Wu Wei \u2013 das Handeln ohne den kontrollierenden Eingriff des urteilsgew\u00f6hnten Egos. Es ist kein R\u00fcckzug aus der Politik, sondern eine praktische F\u00e4higkeit: die F\u00e4higkeit, in einer komplexen, un\u00fcbersichtlichen Welt nicht reflexhaft nach einfachen Feindbildern zu greifen, sondern angemessen und flexibel zu handeln \u2013 auch wenn das bedeutet, liebgewonnene Selbstbilder und Sicherheiten infrage zu stellen.<\/p>\n<p>Der ersch\u00f6pfte Leviathan ist noch nicht gescheitert. Seine Zukunft entscheidet sich an \u00f6konomischen Kennziffern, milit\u00e4rischen Potenzialen und institutionellen Reformen \u2013 prim\u00e4r dort. Aber ob diese Reformen tats\u00e4chlich durchgehalten werden, entscheidet sich auch an der F\u00e4higkeit seiner B\u00fcrger und Eliten, die eigene Angst und die eigene Projektion zu durchschauen, statt ihnen erneut zu erliegen.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/g\/Shutterstock+AI?ref=apolut.net\">Shutterstock AI<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Die transatlantische Allianz steht heute nicht allein vor Herausforderungen von au\u00dfen. 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