{"id":15438,"date":"2026-07-28T15:02:07","date_gmt":"2026-07-28T13:02:07","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/mehr-arbeiten-warum-appelle-an-die-arbeitsmoral-wenig-bringen-38020058-html\/"},"modified":"2026-07-28T15:02:07","modified_gmt":"2026-07-28T13:02:07","slug":"mehr-arbeiten-warum-appelle-an-die-arbeitsmoral-wenig-bringen-38020058-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/mehr-arbeiten-warum-appelle-an-die-arbeitsmoral-wenig-bringen-38020058-html\/","title":{"rendered":"Leistungsbereitschaft: Mehr Arbeiten? Warum Appelle an die Arbeitsmoral wenig bringen"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Regierung und Arbeitgeber fordern mehr Einsatz \u2013 doch der Appell kann nach hinten losgehen. Ein Psychologe erkl\u00e4rt, warum das selten funktioniert und was stattdessen n\u00f6tig ist<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p><strong>Bundesregierung und Arbeitgeber fordern angesichts der Wirtschaftskrise, dass die B\u00fcrger mehr arbeiten. Wie erfolgversprechend sind diese Appelle?<\/strong><br \/>ALEXANDER H\u00c4FNER: Ver\u00e4nderungsappelle\u00a0von Regierungen\u00a0sto\u00dfen oft auf Widerstand. Sie sind gut gemeint, k\u00f6nnen die Situation aber sogar verschlechtern. Denn Menschen nehmen solche Aufforderungen meist als belehrend, vielleicht auch \u00fcbergriffig wahr. Das kann den Effekt haben, \u201edann arbeite ich erst recht nicht mehr\u201c. Von Vorbildern, die wir pers\u00f6nlich sch\u00e4tzen, lassen wir uns leichter zu Verhaltens\u00e4nderungen motivieren. Ver\u00e4nderungsappelle allein werden sicher nicht reichen.<\/p>\n<p><strong>Wie lassen sich die Menschen eher umstimmen?<\/strong><br \/>Hilfreicher ist, die Rahmenbedingungen zu \u00e4ndern, zum Beispiel b\u00fcrokratische Hemmnisse abzubauen. Es ist ein gro\u00dfer Stressfaktor f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, wenn sie Dinge tun m\u00fcssen, nur um irgendwelche Vorschriften zu erf\u00fcllen. Solche Regeln zu reduzieren, kann motivierend wirken. Oder die Bedingungen f\u00fcr \u00e4ltere Besch\u00e4ftigte oder Eltern so zu \u00e4ndern, dass sie gern l\u00e4nger arbeiten und das auch k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Steckt im Vorwurf der verloren gegangenen Arbeitsmoral auch ein St\u00fcck Wahrheit?<\/strong><br \/>Mir sind keine belastbaren Studien dazu bekannt, in welchen Gruppen in welchen Phasen \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte die Leistungsbereitschaft h\u00f6her oder niedriger war. Wahrscheinlich ist, dass es bei der Leistungsbereitschaft schon immer eine beachtliche Streuung gab.\u00a0Die Frage f\u00fchrt auch nicht weiter. Die entscheidende Frage ist: Wie l\u00e4sst sich Leistungsbereitschaft f\u00f6rdern? Gerade in Krisenzeiten sollten wir uns damit besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Und wie l\u00e4sst sich Leistungsbereitschaft f\u00f6rdern?<\/strong><br \/>F\u00fchrung spielt eine gro\u00dfe Rolle. Aus Studien wissen wir seit Jahrzehnten sehr viel, wie F\u00fchrung gestaltet sein muss. Daneben spielen auch andere Rahmenbedingungen eine Rolle. Ganz grob gesagt machen die Bedingungen etwa die H\u00e4lfte an der Leistungsbereitschaft aus, die andere H\u00e4lfte liegt in der Pers\u00f6nlichkeit. Beides ist substanziell.<\/p>\n<p><strong>Welcher F\u00fchrungsstil steigert die Leistungsbereitschaft?<\/strong><br \/>Dazu geh\u00f6ren verschiedene Aspekte: Bin ich als F\u00fchrungskraft vorbildlich und glaubw\u00fcrdig in meinem Verhalten? Bin ich im Topmanagement auch selbst bereit, Opfer zu bringen? Ber\u00fccksichtige ich moralische Standards? Erkl\u00e4re ich gut die Unternehmensvision und wie die Ziele erreicht werden k\u00f6nnen? Ermuntere ich, Bestehendes zu hinterfragen, eigene Ideen und auch Kritik einzubringen? Kann ich selbst Fehler zugeben und mich korrigieren? Ganz wichtig ist auch die individuelle Unterst\u00fctzung: Die Mitarbeiter m\u00fcssen sp\u00fcren, dass sie keine Nummer sind, sondern sich die F\u00fchrung f\u00fcr sie interessiert und um ihre individuelle Entwicklung k\u00fcmmert. Das alles nennt sich transformationale F\u00fchrung und hilft besonders, wenn es um die Extrameile geht. Daneben ist seit vielen Jahren das Konzept Empowerment gut erforscht, zu Deutsch Erm\u00e4chtigung: Wenn Mitarbeiter ermuntert und bef\u00e4higt werden, Entscheidungskompetenzen erhalten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mehr, vor allem kreative Leistung entsteht. Gerade in Krisen brauchen wir Innovation.<\/p>\n<p><strong>Wie verbreitet ist gute F\u00fchrung?<\/strong><br \/>Der Umsetzungsgrad liegt bei grob 50 Prozent, in Bezug auf die einzelnen Aspekte, wobei die Streuung gro\u00df ist. Pauschale Aussagen sind schwierig. Die Erkenntnisse werden durchaus umgesetzt, es ist aber auch noch viel Luft nach oben.<\/p>\n<p><strong>Warum ist so viel Luft nach oben?<\/strong><br \/>Wir m\u00fcssen die Ausbildung von F\u00fchrungskr\u00e4ften ernster nehmen. Viele Unternehmen tun schon einiges daf\u00fcr, aber in vielen l\u00e4uft es noch nicht so gut. Mit zwei, drei Seminaren f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte ist es nicht getan. Wir m\u00fcssen F\u00fchrung als Beruf begreifen, in dem man sich bis zur Rente weiterqualifizieren muss. Geeignete Leute auszuw\u00e4hlen, ist ein weiterer Hebel.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Wie findet ein Arbeitgeber geeignete F\u00fchrungskr\u00e4fte?<\/strong><br \/>Da ist auch noch viel Luft nach oben. Es ist leider so: je h\u00f6her die F\u00fchrungsebene, umso schlechter der Auswahlprozess.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt das?<\/strong><br \/>Bewerbern f\u00fcr eine Ausbildung wird eher ein umfangreiches Auswahlverfahren\u00a0zugemutet als Hochqualifizierten bei F\u00fchrungspositionen. Unternehmen bef\u00fcrchten eine zu geringe Akzeptanz systematischer Verfahren.\u00a0Dabei w\u00e4re es in beiderseitigem Interesse. Die Forschung zeigt, dass gut gestaltete Auswahlprozesse zu guter F\u00fchrungsleistung beitragen.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht schlechte F\u00fchrung aus?<\/strong><br \/>Ganz schlecht ist Laissez-faire, also maximale Freiheit und nur in Notf\u00e4llen einzugreifen \u2013 wenn es keine Zielvereinbarungen und regelm\u00e4\u00dfigen R\u00fccksprachen gibt. Dann fallen bei manchen Mitarbeitern Dinge hinten runter, andere f\u00fchlen sich als Nummer. Koordination und F\u00f6rderung brauchen gemeinsame Zeit und Gespr\u00e4che: Wie k\u00f6nnen Kompetenzen weiterentwickelt werden, aber auch, was demotiviert? Gibt es zum Beispiel Konflikte im Team? Als F\u00fchrungskraft nur zu sagen, wenn ihr ein Problem habt, kommt ihr zu mir, ist gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>Welche weiteren typischen Fehler unterlaufen F\u00fchrungskr\u00e4ften?<\/strong><br \/>Jede Form von Abwertung sollte ich vermeiden. Zum Beispiel jemanden vor der Gruppe l\u00e4cherlich zu machen, eine Teamleistung als die eigene zu verkaufen oder nicht zuzuh\u00f6ren, sondern nur die eigenen Gedanken zu transportieren. Das wirkt maximal demotivierend und treibt Menschen in die innere K\u00fcndigung. Ein dritter wichtiger Punkt ist Fairness. Wenn ich viel einbringe, sogar Mehrarbeit leiste und das weder immateriell noch materiell anerkannt wird, zerst\u00f6rt das Leistungsbereitschaft. \u00dcberdurchschnittlicher Einsatz muss sowohl materiell als auch immateriell anerkannt werden.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Eine innere K\u00fcndigung kann zum Blaumachen verleiten. <\/strong><a rel=\"noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Krankschreibung-schon-ab-dem-ersten-Fehltag-Das-plant-die-Bundesregierung-id31038508.html\" class=\"external-link\"><strong>Krankschreibungen werden nun erschwert<\/strong><\/a><strong>. Wie verbreitet ist Krankfeiern, und wie l\u00e4sst es sich am besten unterbinden?<\/strong><br \/>In Befragungen gibt ein kleiner Teil der Besch\u00e4ftigten zu, blauzumachen. Es geht um einen einstelligen Prozentbereich, aber immerhin f\u00fcnf bis zehn Prozent der Befragten. Vorbeugen l\u00e4sst sich durch das beschriebene konstruktive F\u00fchrungsverhalten: das Signal, dass jeder gebraucht wird; vertrauensvolle, stabile Beziehungen, ein Wir-Gef\u00fchl zu f\u00f6rdern im Team, aber auch die Norm zu setzen, dass es sich um kein Kavaliersdelikt handelt. Bei Auff\u00e4lligkeiten, wenn zum Beispiel jemand geh\u00e4uft Montag oder Freitag krank ist, sollte ich fr\u00fch, also nicht erst nach Monaten oder gar Jahren, nachfragen: Hat es was mit der Arbeit zu tun, k\u00f6nnen wir etwas ver\u00e4ndern? Leider findet auch Missbrauch statt, eine ganz schwierige Herausforderung f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte.<\/p>\n<p><strong>Ganz akut mehr Einsatz verlangt die kriselnde Autoindustrie von ihren Mitarbeitern: eine neue \u201eGewinnermentalit\u00e4t\u201c, aber auch schlicht mehr zu arbeiten als 35 Stunden pro Woche. Ist die einstige Vorzeigeindustrie wegen mangelndem Einsatz der Besch\u00e4ftigten zu langsam geworden?<\/strong><br \/>In den R\u00fcckspiegel zu gucken, hilft nicht, sondern zu fragen, was jeder beitragen kann, um aus der Krise zu kommen: auf allen Ebenen, also die Besch\u00e4ftigten, das mittlere Management, bis hin zum Topmanagement.<\/p>\n<p><strong>Der ein oder andere Manager, nicht nur in der Autoindustrie, d\u00fcrfte von Verh\u00e4ltnissen wie teilweise in Asien tr\u00e4umen, in denen Arbeitskr\u00e4fte quasi rund um die Uhr zur Verf\u00fcgung stehen m\u00fcssen. Sollten wir uns davon eine Scheibe abschneiden, um wieder wettbewerbsf\u00e4higer zu werden?<\/strong><br \/>Da wollen wir nicht hin, Studien zeigen klare Grenzen. Ich bezweifle, dass bei uns in Deutschland Manager mit der Idee st\u00e4ndiger Verf\u00fcgbarkeit ihrer Mitarbeiter wirklich sympathisieren.\u00a0Bei \u00fcberlangen Arbeitszeiten leidet die Gesundheit und die Fehlerh\u00e4ufigkeit steigt: In meiner elften Arbeitsstunde mache ich mehr Fehler als in meiner neunten. Wenn ich dahin komme, dass ich keine Pausen mehr mache, die Wochenenden durcharbeite, ist das ohne Frage gesundheitssch\u00e4dlich. Regeneration ist unverzichtbar. Sonst ist auch die Leistung in Gefahr.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt bei der Leistungsbereitschaft unser Wohlstand \u2013 nimmt es uns den Antrieb, alles in die Wiege gelegt zu bekommen?<\/strong><br \/>Wichtig f\u00fcr Leistung und Erfolg ist, zu lernen, Steine selbst aus dem Weg zu r\u00e4umen. Nur wenn ich in der Kindheit und Jugend lerne, Hindernisse zu \u00fcberwinden und anstrengende Aufgaben zu meistern, kann ich Ausdauer und Hartn\u00e4ckigkeit entwickeln. Eltern helfen ihren Kindern also nicht, wenn sie ihnen alle Steine aus dem Weg r\u00e4umen. Darunter leidet die Leistungsbereitschaft. Wenn Kinder und Jugendliche etwas erfolgreich meistern, sollten Eltern ihre Kinder keinesfalls f\u00fcr ihre Intelligenz loben, sondern vor allem f\u00fcr ihre Anstregungen, falls sie sich tats\u00e4chlich angestrengt haben.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was vermissen Sie in der Debatte \u00fcber die vermeintlich faulen Deutschen?<\/strong><br \/>Arbeit an sich ist etwas sehr Positives und Gesundes. Es tut gut, etwas zu leisten, sich als kompetent und wirksam zu erleben. Arbeit hat also eine sehr wichtige Funktion, sie steigert unser Selbstwertgef\u00fchl und damit unsere Gesundheit. Das Bild des \u201egl\u00fccklichen Arbeitslosen\u201c ist falsch. Arbeitslosigkeit ist sehr belastend und hochgradig ungesund.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal geh\u00f6rt wie Capital zu RTL Deutschland.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Regierung und Arbeitgeber fordern mehr Einsatz \u2013 doch der Appell kann nach hinten losgehen. 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