{"id":15542,"date":"2026-07-29T09:03:07","date_gmt":"2026-07-29T07:03:07","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/stepan-bandera-warum-sein-kult-europas-glaubwuerdigkeit-beschaedigt-von-uwe-froschauer\/"},"modified":"2026-07-29T09:03:07","modified_gmt":"2026-07-29T07:03:07","slug":"stepan-bandera-warum-sein-kult-europas-glaubwuerdigkeit-beschaedigt-von-uwe-froschauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/stepan-bandera-warum-sein-kult-europas-glaubwuerdigkeit-beschaedigt-von-uwe-froschauer\/","title":{"rendered":"Stepan Bandera \u2013 Warum sein Kult Europas Glaubw\u00fcrdigkeit besch\u00e4digt | Von Uwe Froschauer"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Uwe Froschauer<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Europa erkl\u00e4rt den Kampf gegen Rechtsextremismus zu einem seiner wichtigsten politischen Ziele. Kaum eine gesellschaftliche Entwicklung wird so entschieden bek\u00e4mpft wie Nationalismus, Antisemitismus und die Verherrlichung faschistischer Ideologien. Politiker beschw\u00f6ren regelm\u00e4\u00dfig die historische Verantwortung Europas und betonen, dass sich die Verbrechen des Nationalsozialismus niemals wiederholen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wie kann es dann sein, dass dieselben Regierungen seit Jahren einen Staat politisch, finanziell und milit\u00e4risch unterst\u00fctzen, in dem Stepan Bandera \u2013 eine der umstrittensten Figuren des Zweiten Weltkriegs \u2013 von Teilen der Gesellschaft und Politik als Nationalheld verehrt wird. Stra\u00dfen, Denkm\u00e4ler und Gedenkveranstaltungen erinnern an einen Mann, dessen Name au\u00dferhalb der Ukraine vor allem mit ethnischem Nationalismus sowie den Verbrechen der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) verbunden wird.<\/p>\n<p>Besonders in Polen st\u00f6\u00dft diese Erinnerungspolitik seit Jahren auf scharfe Kritik. Dort gelten die Massaker an der polnischen Zivilbev\u00f6lkerung in Wolhynien und Ostgalizien als eines der dunkelsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Dennoch ist die Bandera-Verehrung in der Ukraine f\u00fcr viele westliche Regierungen selten ein Thema.<\/p>\n<p>Wie passt es zusammen, dass Europa jede Form der Verherrlichung nationalsozialistischer Ideologien im eigenen Land entschieden verurteilt, gleichzeitig aber kaum Kritik daran \u00fcbt, wenn in einem eng unterst\u00fctzten Partnerstaat Pers\u00f6nlichkeiten geehrt werden, deren historische Rolle international h\u00f6chst umstritten ist? Dieser Frage geht dieser Beitrag nach.<\/p>\n<p><strong>Stepan Bandera \u2013 Die Geschichte hinter dem Mythos<\/strong><\/p>\n<p>Um zu verstehen, warum Stepan Bandera bis heute in gro\u00dfen Teilen der Ukraine verehrt wird und zugleich in vielen anderen L\u00e4ndern als Symbol eines radikalen Nationalismus gilt, sollte man seine Lebensgeschichte kennen. Sie ist gepr\u00e4gt von dem Streben nach einem unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staat, aber auch von politischen B\u00fcndnissen und Entscheidungen, die mehr als fragw\u00fcrdig sind.<\/p>\n<p>Stepan Bandera wurde am 1. Januar 1909 im damals zu \u00d6sterreich-Ungarn geh\u00f6renden Dorf Staryj Uhryniw in Galizien geboren. Er wuchs in einer Zeit auf, in der die Ukraine zwischen verschiedenen Gro\u00dfm\u00e4chten aufgeteilt war. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fiel seine Heimat an Polen. Viele ukrainische Nationalisten empfanden die polnische Herrschaft als Fremdbestimmung und k\u00e4mpften f\u00fcr einen eigenen Staat.<\/p>\n<p>Schon als junger Mann schloss sich Bandera der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an. Die OUN verfolgte das Ziel, einen unabh\u00e4ngigen ukrainischen Nationalstaat zu errichten. Dabei vertrat sie einen radikalen Nationalismus, der demokratische Prinzipien ablehnte und den bewaffneten Kampf als legitimes Mittel zur Erreichung politischer Ziele betrachtete. Innerhalb der Organisation gewann Bandera rasch an Einfluss. 1940 spaltete sich die OUN in zwei Fl\u00fcgel: den gem\u00e4\u00dfigteren Fl\u00fcgel unter Andrij Melnyk (OUN-M) und den radikaleren Fl\u00fcgel unter Stepan Bandera (OUN-B).<\/p>\n<p>Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 sahen viele ukrainische Nationalisten die Chance gekommen, die sowjetische Herrschaft abzusch\u00fctteln und einen eigenen Staat zu errichten. Teile der OUN arbeiteten zun\u00e4chst mit dem Deutschen Reich zusammen und hofften, Deutschland werde die Gr\u00fcndung eines unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staates unterst\u00fctzen. Am 30. Juni 1941 riefen Anh\u00e4nger Banderas in Lemberg ein unabh\u00e4ngiges ukrainisches Staatswesen aus.<\/p>\n<p>Diese Hoffnung erf\u00fcllte sich jedoch nicht. Die nationalsozialistische F\u00fchrung verfolgte eigene Pl\u00e4ne f\u00fcr die besetzten Gebiete und lehnte einen souver\u00e4nen ukrainischen Staat ab. Bandera weigerte sich, die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung zur\u00fcckzunehmen. Daraufhin wurde er im Juli 1941 von den deutschen Beh\u00f6rden verhaftet und sp\u00e4ter im Konzentrationslager Sachsenhausen in einem Sonderbereich f\u00fcr prominente H\u00e4ftlinge interniert. Dort blieb er bis zum Herbst 1944, als er im Zuge der sich verschlechternden Kriegslage freigelassen wurde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Bandera interniert war, entwickelten sich die von seinem Fl\u00fcgel der OUN gepr\u00e4gten Strukturen weiter. Aus diesem Umfeld ging die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) hervor, die sowohl gegen die deutsche Besatzung als auch gegen sowjetische Truppen k\u00e4mpfte, deren Schwerpunkt sich jedoch zunehmend auf den Kampf gegen die Sowjetunion verlagerte.<\/p>\n<p>Zu den dunkelsten Kapiteln dieser Zeit geh\u00f6ren die Massaker an der polnischen Zivilbev\u00f6lkerung in Wolhynien und Ostgalizien in den Jahren 1943 und 1944. Historiker schreiben Einheiten der UPA und Angeh\u00f6rigen der OUN eine zentrale Rolle bei diesen Verbrechen zu. Die Sch\u00e4tzungen der Opferzahlen reichen \u2013 je nach Quelle \u2013 von mehreren Zehntausend bis zu \u00fcber 100.000 \u00fcberwiegend polnischen Zivilisten. Polen bewertet die Ereignisse heute offiziell als V\u00f6lkermord. \u00dcber die genaue pers\u00f6nliche Verantwortung Stepan Banderas bestehen in der historischen Forschung unterschiedliche Auffassungen. Unstrittig ist jedoch, dass die Verbrechen im Umfeld der von seinem Fl\u00fcgel gepr\u00e4gten nationalistischen Bewegung stattfanden und bis heute das Verh\u00e4ltnis zwischen Polen und der Ukraine belasten.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Bandera im Exil in M\u00fcnchen. Der beginnende Kalte Krieg verlieh dem ukrainischen Nationalismus eine neue geopolitische Bedeutung. Westliche Geheimdienste, insbesondere britische und amerikanische Dienste, unterhielten Kontakte zu verschiedenen ukrainischen Exilgruppen und unterst\u00fctzten einzelne antikommunistische Netzwerke im Kampf gegen die Sowjetunion. Auch das Umfeld Banderas spielte in diesen Zusammenh\u00e4ngen eine Rolle.<\/p>\n<p>Am 15. Oktober 1959 wurde Stepan Bandera vor seinem Wohnhaus in M\u00fcnchen vom KGB-Agenten Bohdan Staschynskyj mit einer speziell konstruierten Giftwaffe ermordet. Sein Tod machte ihn f\u00fcr viele ukrainische Nationalisten endg\u00fcltig zu einer M\u00e4rtyrerfigur. Bis heute wird Bandera von Teilen der ukrainischen Gesellschaft als Symbol des Unabh\u00e4ngigkeitskampfes verehrt, w\u00e4hrend andere in ihm einen Vertreter eines radikalen Nationalismus sehen, dessen politische Bewegung mit schweren Kriegsverbrechen verbunden war. Diese gegens\u00e4tzlichen Deutungen bilden den Hintergrund f\u00fcr die bis heute andauernden Kontroversen um seine Person.<\/p>\n<p><strong>Vom Nationalisten zur Ikone \u2013 Der Bandera-Kult in der heutigen Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Tod Stepan Banderas im Jahr 1959 endete sein Leben, nicht jedoch seine politische Wirkung. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und insbesondere seit der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine entwickelte sich Bandera f\u00fcr Teile der ukrainischen Gesellschaft zunehmend zu einer Symbolfigur des nationalen Unabh\u00e4ngigkeitskampfes. Gleichzeitig wuchs au\u00dferhalb der Ukraine die Kritik daran, dass bei seiner Verehrung h\u00e4ufig jene Kapitel ausgeblendet werden, die seine politische Bewegung mit schweren Verbrechen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs verbinden.<\/p>\n<p>Besonders in der Westukraine begann eine systematische Aufwertung Banderas und anderer f\u00fchrender Vertreter der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) sowie der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Zahlreiche Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und \u00f6ffentliche Einrichtungen wurden nach Bandera benannt. In mehreren St\u00e4dten entstanden Denkm\u00e4ler und B\u00fcsten, w\u00e4hrend bereits vorhandene Erinnerungsst\u00e4tten restauriert oder erweitert wurden. Wer durch St\u00e4dte wie Lwiw (Lemberg) oder Iwano-Frankiwsk reist, begegnet dem Namen Bandera an vielen Stellen des \u00f6ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>Jedes Jahr am 1. Januar, dem Geburtstag Stepan Banderas, finden in verschiedenen ukrainischen St\u00e4dten Gedenkveranstaltungen statt. Am Bandera-Denkmal in Lwiw versammeln sich regelm\u00e4\u00dfig Politiker, Vertreter regionaler Beh\u00f6rden, Veteranenverb\u00e4nde und Unterst\u00fctzer nationalistischer Organisationen. Kr\u00e4nze werden niedergelegt, Reden gehalten und Bandera als Symbol des ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitskampfes gew\u00fcrdigt. Auch zum 117. Geburtstag am 1. Januar 2026 fanden erneut offizielle Gedenkveranstaltungen statt. Der Bandera-Kult beschr\u00e4nkt sich dabei l\u00e4ngst nicht auf einen symbolischen Feiertag. Symboltr\u00e4chtig war auch der Besuch des damaligen ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, am Grab Stepan Banderas auf dem M\u00fcnchner Waldfriedhof im Jahr 2015. Dort legte er Blumen nieder und bezeichnete Bandera anschlie\u00dfend \u00f6ffentlich als \u201eunseren Helden\u201c. W\u00e4hrend des Ukraine-Kriegs 2022 wurde Melnyk jedoch erneut zum Gegenstand einer breiten Debatte \u2013 allerdings nicht wegen eines weiteren Grabbesuchs, sondern weil er in Interviews, insbesondere bei Jung &amp; Naiv, Bandera als Freiheitsk\u00e4mpfer verteidigte und historische Vorw\u00fcrfe gegen ihn bestritt oder relativierte.<\/p>\n<p>Nach meiner Auffassung handelt es sich um die Verherrlichung einer historischen Pers\u00f6nlichkeit, deren politisches Umfeld mit ethnischem Nationalismus und schweren Kriegsverbrechen verbunden war.<\/p>\n<p>Hinzu kommen zahlreiche Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und \u00f6ffentliche Einrichtungen, die seinen Namen tragen. Im Zuge der sogenannten Dekommunisierung nach 2014 wurden tausende Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze umbenannt, sowjetische Denkm\u00e4ler entfernt und zahlreiche Pers\u00f6nlichkeiten des ukrainischen Nationalismus st\u00e4rker in das \u00f6ffentliche Geschichtsbild integriert. Bef\u00fcrworter sehen darin eine Losl\u00f6sung von der sowjetischen Vergangenheit und die St\u00e4rkung einer eigenst\u00e4ndigen nationalen Identit\u00e4t. Ich werfe den Verantwortlichen dagegen vor, die dunklen Seiten einzelner historischer Pers\u00f6nlichkeiten zu relativieren oder bewusst auszublenden.<\/p>\n<p>Diese Erinnerungspolitik richtet sich nicht allein an Erwachsene. Sie pr\u00e4gt auch das \u00f6ffentliche Geschichtsverst\u00e4ndnis j\u00fcngerer Generationen. \u00d6ffentliche Gedenkveranstaltungen, schulische Aktivit\u00e4ten und Jugendorganisationen vermitteln vielerorts ein Bild Banderas als Nationalheld und Freiheitsk\u00e4mpfer. Die kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die Historiker Angeh\u00f6rigen der OUN und der UPA zuschreiben, tritt dabei nach meiner Einsch\u00e4tzung in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Auch Angeh\u00f6rige der ukrainischen Streitkr\u00e4fte haben sich in der Vergangenheit \u00f6ffentlich mit Bandera identifiziert. Fotos und Beitr\u00e4ge in sozialen Medien, auf denen hochrangige Milit\u00e4rangeh\u00f6rige oder milit\u00e4rische Einheiten vor Bandera-Portr\u00e4ts oder entsprechenden Symbolen auftreten, sorgten wiederholt f\u00fcr internationale Kritik. Solche Darstellungen verst\u00e4rken den Eindruck, dass Bandera nicht nur als historische Pers\u00f6nlichkeit betrachtet wird, sondern bis heute eine identit\u00e4tsstiftende Symbolfigur f\u00fcr Teile des ukrainischen Staats- und Sicherheitsapparates geblieben ist.<\/p>\n<p>Nicht nur Bandera wird auf diese Weise geehrt. Auch Roman Schuchewytsch, einer der f\u00fchrenden Kommandeure der UPA, ist Namensgeber zahlreicher Stra\u00dfen, Denkm\u00e4ler und \u00f6ffentlicher Einrichtungen. F\u00fcr viele Ukrainer verk\u00f6rpern Bandera und Schuchewytsch den jahrzehntelangen Kampf gegen die sowjetische Herrschaft. F\u00fcr Polen und zahlreiche Historiker stehen ihre Namen dagegen untrennbar mit den Massakern an der polnischen Zivilbev\u00f6lkerung in Wolhynien und Ostgalizien in Verbindung \u2013 einem der schwersten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa.<\/p>\n<p>Diese gegens\u00e4tzliche Erinnerungskultur macht deutlich, warum der Bandera-Kult bis heute weit \u00fcber die Grenzen der Ukraine hinaus kontrovers diskutiert wird. W\u00e4hrend seine Anh\u00e4nger ihn als Freiheitsk\u00e4mpfer verehren, sehen seine Kritiker in der staatlichen Ehrung Banderas und weiterer OUN- beziehungsweise UPA-F\u00fchrer eine problematische Verkl\u00e4rung historischer Pers\u00f6nlichkeiten, deren politisches Umfeld mit schweren Verbrechen verbunden war.<\/p>\n<p>Besonders scharf f\u00e4llt die Kritik aus Polen aus. Dort gelten die Verbrechen der UPA an der polnischen Bev\u00f6lkerung als historisch gesichert und werden offiziell als V\u00f6lkermord bewertet. Polnische Regierungen \u2013 unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Ausrichtung \u2013 haben die fortdauernde Verehrung Banderas und anderer OUN- beziehungsweise UPA-F\u00fchrer wiederholt kritisiert. Warschau fordert seit Jahren eine umfassende historische Aufarbeitung sowie die uneingeschr\u00e4nkte M\u00f6glichkeit, die Opfer der Massaker zu exhumieren und w\u00fcrdig zu bestatten. Immer wieder f\u00fchren neue Ehrungen oder Stra\u00dfenbenennungen in der Ukraine zu diplomatischen Spannungen zwischen beiden L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass diese Kritik nicht von vom \u201eWertewesten\u201c d\u00e4monisierten Russland ausgeht, sondern von einem der engsten Verb\u00fcndeten der Ukraine in Europa. Polen geh\u00f6rt seit Beginn des russischen Angriffskrieges zu den entschiedensten Unterst\u00fctzern Kiews \u2013 milit\u00e4risch, finanziell und politisch. Umso gr\u00f6\u00dfer ist dort das Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, dass Pers\u00f6nlichkeiten geehrt werden, die in Polen als Mitverantwortliche f\u00fcr eines der schwersten Verbrechen an der eigenen Zivilbev\u00f6lkerung gelten.<\/p>\n<p>An diesem Punkt beginnt die eigentliche politische Frage. Wenn europ\u00e4ische Regierungen jede Form der Verherrlichung nationalsozialistischer oder faschistischer Ideologien im eigenen Land zurecht entschieden ablehnen, warum wird die anhaltende Verehrung Stepan Banderas in der Ukraine nur selten zum Gegenstand \u00f6ffentlicher Kritik? Diese Frage f\u00fchrt unmittelbar zum n\u00e4chsten Abschnitt.<\/p>\n<p><strong>Europas Schweigen \u2013 Wenn Werte pl\u00f6tzlich relativ werden<\/strong><\/p>\n<p>Die Verehrung Stepan Banderas und anderer f\u00fchrender Vertreter der OUN und UPA ist l\u00e4ngst keine ausschlie\u00dflich ukrainische Angelegenheit mehr. Sp\u00e4testens seit die Europ\u00e4ische Union die Ukraine politisch, finanziell und milit\u00e4risch in beispielloser Weise unterst\u00fctzt und ihr zugleich eine Beitrittsperspektive er\u00f6ffnet hat, stellt sich zwangsl\u00e4ufig die Frage, wie Europa mit diesem Teil der ukrainischen Erinnerungspolitik umgeht.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngste Auseinandersetzung zwischen Polen und der Ukraine zeigt, dass es sich keineswegs um eine historische Randnotiz handelt. Nachdem Pr\u00e4sident Selenskyj Ende Mai 2026 eine Eliteeinheit nach den \u201eHelden der UPA\u201c benennen lie\u00df, reagierte die polnische Regierung berechtigterweise mit scharfer Kritik. Warschau sprach von einer Provokation gegen\u00fcber einem Land, dessen Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zehntausende Opfer der UPA zu beklagen hatte. Auch das Europ\u00e4ische Parlament \u00e4u\u00dferte Bedauern und bezeichnete die Entscheidung als eine \u201eunn\u00f6tige und unprovozierte Eskalation\u201c. Doch bei diesem Bedauern blieb es. Weder hatte die Entscheidung erkennbare politische Folgen f\u00fcr den EU-Beitrittsprozess der Ukraine, noch f\u00fchrte sie zu einer grunds\u00e4tzlichen Debatte \u00fcber die ukrainische Erinnerungspolitik.<\/p>\n<p>Diese Reaktion befremdet mich doch sehr. Die Europ\u00e4ische Union versteht sich als Wertegemeinschaft \u2013 dieses Verst\u00e4ndnis verabschiedet sich bei mir als bedingungslosen Pazifisten aufgrund der bellizistischen Ausrichtung der Protagonisten der EU zunehmend. Die EU fordert von Beitrittskandidaten die Achtung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten und tritt entschieden gegen jede Form der Verherrlichung nationalsozialistischer Ideologien auf. Umso scheinheiliger ist es, dass die anhaltende Verehrung historischer Pers\u00f6nlichkeiten wie Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch zwar gelegentlich kritisiert wird, daraus jedoch bislang kaum politische Konsequenzen erwachsen.<\/p>\n<p>Hier stellt sich eine grunds\u00e4tzliche Frage: W\u00fcrde die Europ\u00e4ische Union ebenso reagieren, wenn ein Mitgliedstaat der EU eine milit\u00e4rische Einheit nach einer Organisation benennen w\u00fcrde, die mit schweren Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht wird? W\u00fcrde ein blo\u00dfes Bedauern gen\u00fcgen, oder w\u00e4ren massive politische Reaktionen die Folge?<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union hat in der Vergangenheit immer wieder betont, dass die Verherrlichung totalit\u00e4rer Regime und ihrer Repr\u00e4sentanten mit den europ\u00e4ischen Grundwerten unvereinbar ist. So wurden etwa Ehrungen von Pers\u00f6nlichkeiten des Ustascha-Regimes auf dem westlichen Balkan wiederholt zum Gegenstand politischer Debatten und parlamentarischer Anfragen auf europ\u00e4ischer Ebene. Deshalb stellt sich die Frage, warum die Ehrung von OUN- und UPA-F\u00fchrern in der Ukraine bislang weitgehend ohne vergleichbare politische Konsequenzen geblieben ist.<\/p>\n<p>In meinen Augen misst die Europ\u00e4ische Union hier mit zweierlei Ma\u00df. Dieselben Handlungen, die andernorts scharfe Verurteilungen nach sich ziehen, werden im Fall der Ukraine nachsichtig behandelt. F\u00fcr mich ist das Doppelmoral. Historische Ma\u00dfst\u00e4be werden in diesem Fall nicht unabh\u00e4ngig von aktuellen politischen Interessen angewendet. Un\u00fcbersehbar ist, dass die Debatte \u00fcber den Bandera-Kult weit \u00fcber eine historische Auseinandersetzung hinausreicht. Sie ber\u00fchrt die Glaubw\u00fcrdigkeit jener Werte, auf die sich die Europ\u00e4ische Union immer wieder beruft.<\/p>\n<p>Diese Zur\u00fcckhaltung zeigt sich nicht nur in den Institutionen der Europ\u00e4ischen Union, sondern auch im Verhalten zahlreicher europ\u00e4ischer Regierungschefs. W\u00e4hrend in den eigenen L\u00e4ndern jede N\u00e4he zu rechtsextremen Symbolen oder historischen Pers\u00f6nlichkeiten des Nationalsozialismus regelm\u00e4\u00dfig zu heftigen politischen Debatten f\u00fchrt, spielt der Bandera-Kult in der Ukraine im Umgang westlicher Spitzenpolitiker praktisch keine Rolle.<\/p>\n<p>Bundeskanzler Friedrich Merz z\u00e4hlt ebenso wie Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron, EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und der damalige britische Premierminister Keir Starmer zu den entschiedensten politischen Unterst\u00fctzern der Ukraine. Milliardenhilfen, umfangreiche steuer- und kreditfinanzierte Waffenlieferungen, demonstrative Solidarit\u00e4tsbesuche und die klare Unterst\u00fctzung eines k\u00fcnftigen EU-Beitritts pr\u00e4gen seit Jahren die europ\u00e4ische kriegsverl\u00e4ngernde Ukraine-Politik. Die fortdauernde Verehrung Stepan Banderas oder anderer f\u00fchrender Vertreter der OUN und UPA wird dabei allenfalls am Rande thematisiert.<\/p>\n<p>Dieser Kontrast schreit zum Himmel. W\u00fcrde eine vergleichbare Form der staatlichen Erinnerungspolitik in einem Mitgliedstaat der Europ\u00e4ischen Union ebenso zur\u00fcckhaltend behandelt? Oder w\u00fcrden politische Konsequenzen folgen? Der unterschiedliche Umgang mit vergleichbaren historischen Symbolen zeigt, dass moralische Ma\u00dfst\u00e4be nicht unabh\u00e4ngig von aktuellen geopolitischen Interessen angewendet werden.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wurde dies am 14.Juli 2026, dem franz\u00f6sischen Nationalfeiertag, als Pr\u00e4sident Selenskyj als Ehrengast in Paris empfangen wurde. Solche Gesten unterstreichen die enge politische Partnerschaft zwischen der Ukraine und ihren europ\u00e4ischen Unterst\u00fctzern. Ich frage mich ernsthaft, warum die ukrainische Erinnerungspolitik gegen\u00fcber Stepan Bandera und der UPA im politischen Dialog kaum eine erkennbare Rolle spielt. W\u00fcrde sie eine Rolle spielen, d\u00fcrfte ein Regierungschef eines faschistisch unterminierten Regimes wie Wolodymyr Selenskyj zu Feierlichkeiten wie dem franz\u00f6sischen Bastille-Tag nicht eingeladen werden.<\/p>\n<p>In Deutschland gen\u00fcgt h\u00e4ufig bereits das Auftauchen einzelner rechtsextremer Symbole oder Fahnen bei einer Demonstration, um die \u00f6ffentliche Debatte ma\u00dfgeblich zu pr\u00e4gen. Medien berichten ausf\u00fchrlich dar\u00fcber, Politiker verurteilen solche Erscheinungen scharf, und meist ger\u00e4t dadurch die eigentliche Botschaft einer Veranstaltung bei den Medien und damit bei gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung in den Hintergrund.<\/p>\n<p>So wurde beispielsweise auch bei Kundgebungen der Friedensbewegung oder bei den Protesten gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen intensiv \u00fcber das Auftreten einzelner Personen mit rechtsextremen Symbolen berichtet. Unabh\u00e4ngig davon, wie repr\u00e4sentativ diese f\u00fcr die jeweiligen Demonstrationen waren, bestand in Politik und Medien weitgehend Einigkeit dar\u00fcber, dass jede Form der Verherrlichung oder Verharmlosung rechtsextremer Symbolik entschieden zur\u00fcckgewiesen werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Deshalb ist in meinen Augen der Umgang mit der ukrainischen Erinnerungspolitik widerspr\u00fcchlich. W\u00e4hrend in Deutschland bereits einzelne rechtsextreme Symbole zu scharfer \u00f6ffentlicher Kritik f\u00fchren, wird die staatliche Ehrung historischer Pers\u00f6nlichkeiten wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch im politischen Dialog mit der Ukraine nur selten zum zentralen Thema gemacht.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich dr\u00e4ngt sich deshalb die Frage auf, ob hier mit unterschiedlichen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen wird. Wenn historische Symbolik im eigenen Land zu Recht sensibel bewertet wird, sollte dieselbe Sensibilit\u00e4t auch gegen\u00fcber einem engen politischen Partner gelten.<\/p>\n<p><strong>Wie glaubw\u00fcrdig sind Europas Werte?<\/strong><\/p>\n<p>Der Kern dieses Beitrags ist nicht die historische Bewertung Stepan Banderas. Ebenso wenig geht es darum, die komplexe Geschichte der Ukraine auf eine einzige Pers\u00f6nlichkeit zu reduzieren. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Gilt der Wertekanon der Europ\u00e4ischen Union ausnahmslos \u2013 oder h\u00e4ngt seine Anwendung davon ab, ob es sich um einen politischen Verb\u00fcndeten oder einen politischen Gegner handelt?<\/p>\n<p>Wer Antisemitismus, Nationalsozialismus und die Verherrlichung faschistischer Ideologien zu Recht verurteilt, muss dies ohne Ausnahme tun. Dieselben moralischen Ma\u00dfst\u00e4be m\u00fcssen f\u00fcr Freunde ebenso gelten wie f\u00fcr Gegner. Andernfalls verlieren sie ihren universellen Charakter und werden zu politischen Instrumenten.<\/p>\n<p>Deshalb muss die ukrainische Erinnerungspolitik offen und ehrlich diskutiert werden. Polen \u2013 eines der L\u00e4nder, das die Ukraine seit Beginn des Krieges am st\u00e4rksten unterst\u00fctzt \u2013 weist seit Jahren auf die Verbrechen in Wolhynien und Ostgalizien hin und kritisiert die anhaltende Verehrung Stepan Banderas und anderer OUN- beziehungsweise UPA-F\u00fchrer scharf. Dennoch bleibt dieses Thema im politischen Dialog zwischen der Europ\u00e4ischen Union und der Ukraine randst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Geschichte l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern. Der Umgang mit ihr jedoch schon. Wer historische Verbrechen verschweigt, relativiert oder je nach politischer Interessenlage unterschiedlich bewertet, untergr\u00e4bt die Glaubw\u00fcrdigkeit der Werte, auf die er sich selbst beruft.<\/p>\n<p>Hier entscheidet sich die Glaubw\u00fcrdigkeit einer Wertegemeinschaft. Der wahre Pr\u00fcfstein von Werten ist nicht der Umgang mit politischen Gegnern \u2013 dort f\u00e4llt moralische Emp\u00f6rung leicht. Er zeigt sich vielmehr im Umgang mit den eigenen Verb\u00fcndeten. Entweder gelten dieselben Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr Freunde und Gegner \u2013 oder es sind keine universellen Werte.<\/p>\n<p>Wer bei Freunden gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcber historische Verherrlichung hinwegsieht, dieselben Vorg\u00e4nge bei politischen Gegnern jedoch scharf verurteilt, misst mit zweierlei Ma\u00df. Dann geht es nicht mehr um Werte, sondern um politische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n<p>Eine Wertegemeinschaft kann nur dann glaubw\u00fcrdig sein, wenn ihre Ma\u00dfst\u00e4be unabh\u00e4ngig von politischen Interessen gelten. Glaubw\u00fcrdigkeit entsteht nicht durch wohlklingende Erkl\u00e4rungen, sondern durch konsequentes Handeln \u2013 insbesondere dann, wenn es gegen\u00fcber den eigenen Verb\u00fcndeten unbequem wird.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<h3 id=\"anmerkungen-und-quellen\">Anmerkungen und Quellen<\/h3>\n<p>Mein Buch \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B0H761YF9H\/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=&amp;ref=apolut.net\"><u>Eine Reise zum Selbst<\/u><\/a>\u201c wurde am 2. Juli 2026 ver\u00f6ffentlicht. Die Texte dieses Buches laden dazu ein, gewohnte Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen, ohne neue Dogmen zu schaffen. Sie verbinden Erkenntnisse aus Philosophie, Spiritualit\u00e4t, Psychologie und Lebenserfahrung zu einer verst\u00e4ndlichen und lebensnahen Reflexion \u00fcber das Menschsein. Themen wie Selbstreflexion, die Kraft des gegenw\u00e4rtigen Augenblicks, Geben und Empfangen, Dankbarkeit, Liebe, Toleranz, pers\u00f6nliches Wachstum und der Umgang mit den Herausforderungen des Lebens bilden die Wegmarken dieser Reise.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz und Anfang April 2025 wurden meine beiden B\u00fccher<br \/>\u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Friedensunt%C3%BCchtigen-Kriegstreiber-Deutschland-Europa\/dp\/B0F3XG6Q8Z\/ref=sr_1_1?__mk_de_&amp;ref=apolut.net\"><u>Die Friedensunt\u00fcchtigen<\/u><\/a>\u201c und \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Taumel-Niedergangs-Demokratischer-wirtschaftlicher-Deutschlands\/dp\/B0F32JS87R\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=3JJ04002EWR69&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.Oj5YLI-ra13Jo1-hO3-QxpjVbqW4Zp-PgBoc_HkFZ0vRUAWpRhr9t_FAukNDd-Kjcz24yajuJ0MGZH2qtGzmxpn7IHu4XH4zz7p1a1MmegCroLWfM0lg0S7-NKT7bzhndp4CWW4gSeOmVn4mEJkRb4EDuTDPcwlTL9C2uagF3SY.y1TkrGl-reGDcZECS28yDUvz5-L9ZR9OorjTu71NTfk&amp;dib_tag=se&amp;keywords=Im+Taumel+des+Niedergangs&amp;qid=1744634000&amp;s=books&amp;sprefix=im+taumel+des+niedergangs,stripbooks,110&amp;sr=1-1&amp;ref=apolut.net\"><u>Im Taumel des Niedergangs<\/u><\/a>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Ende September 2024 erschien das Buch \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Gef%C3%A4hrliche-Nullen-Kriegstreiber-Elitenvertreter-Deutschlands\/dp\/B0DJ374G6K\/ref=sr_1_2?__mk_de_&amp;ref=apolut.net\"><u>Gef\u00e4hrliche Nullen \u2013 Kriegstreiber und Elitenvertreter<\/u><\/a>\u201c.<\/p>\n<p><strong>+++\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Kiew, 1. Januar 2018: ukrainische Nationalisten feiern den 109. Geburtstag von Stepan Bandera (Bild)<\/p>\n<p>Bildquelle: Drop of Light \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer. Europa erkl\u00e4rt den Kampf gegen Rechtsextremismus zu einem seiner wichtigsten politischen Ziele. 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