{"id":15758,"date":"2026-07-30T16:02:17","date_gmt":"2026-07-30T14:02:17","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/die-wahre-front-am-bab-al-mandab-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-07-30T16:02:17","modified_gmt":"2026-07-30T14:02:17","slug":"die-wahre-front-am-bab-al-mandab-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/die-wahre-front-am-bab-al-mandab-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Die wahre Front am Bab al-Mandab | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Nacht als Symptom<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Iranische Raketen auf einen US-St\u00fctzpunkt in Jordanien. Eine Drohne auf einen amerikanischen LNG-Tanker im \u00e4gyptischen Hafen von Damiette. US-saudische Angriffe im Irak. Drohgesten aus Washington, formuliert in der Sprache einer Kneipenschl\u00e4gerei. All das in einer einzigen Nacht. Wer diese Ereignisfolge als Kette von Einzelvorf\u00e4llen liest, wird sie nicht verstehen. Sie ist kein Nachrichtenticker, sie ist ein Bild: das Bild einer Ordnungsmacht, die an immer mehr Punkten gleichzeitig reagieren muss, w\u00e4hrend sie an keinem einzigen davon noch die Initiative besitzt.<\/p>\n<p>Der eigentliche Schauplatz dieses Krieges liegt jedoch nicht in Jordanien und auch nicht vor Damiette. Er liegt an einer 30 Kilometer breiten Meerenge zwischen Jemen und Dschibuti, die kaum jemand auf einer Weltkarte spontan verorten k\u00f6nnte: Bab al-Mandab, das &#8222;Tor der Tr\u00e4nen&#8220;.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Zwei Denkweisen, eine Meerenge<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wer die Reaktionen der beteiligten M\u00e4chte auf die St\u00f6rung dieser Passage nebeneinanderlegt, erkennt zwei grundverschiedene Betriebssysteme. Washington reagiert mit dem, was es kennt: Pr\u00e4senz, Drohgeb\u00e4rde, die Verlegung von Tr\u00e4gergruppen, die Ank\u00fcndigung von Vergeltung. Die Grundannahme dahinter ist ein Jahrhundert alt \u2013 wer die Meerenge kontrolliert, kontrolliert den Handel, der durch sie flie\u00dft.<\/p>\n<p>Peking und Moskau reagieren anders. Sie bauen. Nicht Kriegsschiffe f\u00fcr die umk\u00e4mpfte Passage, sondern Schienen und Eisbrecher f\u00fcr Routen, die an ihr vorbeif\u00fchren. Diese Asymmetrie \u2013 Kontrolle des Nadel\u00f6hrs versus Umgehung des Nadel\u00f6hrs \u2013 ist der eigentliche analytische Kern dessen, was sich gerade am Roten Meer abspielt.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Die historische Blaupause<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Muster ist nicht neu. Handelsm\u00e4chte, die auf gewaltsam gesicherte Meerengen und ihre Zollgeb\u00fchren setzten, wurden in der Geschichte wiederholt von Akteuren unterlaufen, die sich stattdessen den Aufbau eigener Landrouten leisteten. Genau das vollzieht sich derzeit erneut, nur mit vertauschten Rollen: Die fr\u00fchere Kontrollmacht sitzt heute in Washington, nicht in Lissabon.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Gegenwart I \u2013 das Nadel\u00f6hr wird enger<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Zahlen sprechen f\u00fcr sich. Durch Bab al-Mandab l\u00e4uft nach Sch\u00e4tzungen rund ein Sechstel des Welthandels, phasenweise war bis zu einem Viertel der globalen \u00d6l- und Gasversorgung betroffen, als die Huthi-Miliz Ende Juli eine Blockade gegen saudische Schiffe verk\u00fcndete.<\/p>\n<p>Die Folgen sind l\u00e4ngst sichtbar: Der Verkehr durch den Suezkanal liegt inzwischen deutlich unter dem Niveau von 2023, weil gro\u00dfe Reedereien dauerhaft auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung ausweichen. \u00d6konomen warnen bereits vor &#8222;gravierend negativen Folgen&#8220; f\u00fcr den Welthandel, sollte die Blockade \u00fcber \u00d6ltanker hinaus auf den gesamten Schiffsverkehr ausgeweitet werden. Das Muster ist damit nicht neu, sondern eine Wiederholung: Bereits seit dem Beginn des Gaza-Kriegs meiden Containerreedereien die Route durch das Rote Meer aus Sicherheitsgr\u00fcnden und fahren stattdessen den langen Weg um Afrika. Die aktuelle Eskalation versch\u00e4rft nur, was seit fast zwei Jahren schon Praxis ist.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Gegenwart II \u2013 der Systemwechsel<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>W\u00e4hrend in Washington \u00fcber Vergeltung diskutiert wird, ist in China l\u00e4ngst etwas in Betrieb, das die Meerenge strategisch entwertet: der China-Europe Railway Express. Das Schienennetz verbindet inzwischen 128 St\u00e4dte in 25 L\u00e4ndern und f\u00fchrt von chinesischen Fabriken bis in europ\u00e4ische Lagerhallen, ohne einen einzigen Ozean, Kanal oder Hafen zu ber\u00fchren, den westliche Marinestrategie jahrzehntelang zu dominieren versuchte. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Das System war bereits voll ausgebaut, als die gegenw\u00e4rtige H\u00e4ufung von Krisen \u2013 Iran-Krieg, Sperrung von Hormus, St\u00f6rung am Roten Meer, Zollkonflikte \u2013 2026 gleichzeitig eintraf. Die Infrastruktur stand also nicht als Reaktion bereit, sondern als Vorbereitung.<\/p>\n<p>Der Geschwindigkeitsvorteil ist real, aber nicht der Punkt. Seetransport von China nach Europa dauert 30 bis 40 Tage, die Bahnroute schafft dieselbe Strecke in etwa der halben Zeit. Der eigentliche Punkt ist ein struktureller: Peking hat, w\u00e4hrend der Westen seine Machtprojektion auf See f\u00fcr alternativlos hielt, systematisch an einer zweiten Achse gebaut, auf der diese Machtprojektion gar nicht greift. Erg\u00e4nzt wird das Schienennetz durch neue s\u00fcdliche Korridore \u00fcber Kasachstan und den Iran sowie durch den Ausbau von Bahnverbindungen durch Laos und S\u00fcdostasien, die auch die Stra\u00dfe von Malakka umgehen \u2013 ein Muster, das sich seit dem Ukraine-Krieg 2022 bereits an der zentralasiatischen Nordroute gezeigt hat, als China auf die &#8222;Mittlere Route&#8220; \u00fcber den Kaukasus auswich, nachdem die Route durch Russland politisch riskanter wurde.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Gegenwart III \u2013 die zweite Fluchtroute<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Parallel dazu entsteht eine zweite Umgehung, diesmal wieder auf See, aber au\u00dferhalb der Reichweite westlicher Flottenpr\u00e4senz: die Nordostpassage entlang der russischen Arktisk\u00fcste. Erst 2025 durchquerte erstmals ein regul\u00e4res Containerschiff, die &#8222;Istanbul Bridge&#8220;, die Route von China bis nach Gro\u00dfbritannien \u2013 in rund 20 Tagen, deutlich schneller als \u00fcber Suez. Russland baut daf\u00fcr seine Eisbrecherflotte aus, unter anderem mit Schiffen der neuen &#8222;Lider&#8220;-Klasse, um die Passage k\u00fcnftig ganzj\u00e4hrig statt nur saisonal befahrbar zu machen. Moskau und Peking haben die Zusammenarbeit dazu ausdr\u00fccklich vertieft: Ein Abkommen zwischen dem russischen Staatskonzern Rosatom und einer chinesischen Reederei zielt darauf, die Route dauerhaft zu etablieren, und chinesische Planer bezeichnen sie inzwischen offen als Teil einer &#8222;polaren Seidenstra\u00dfe&#8220;.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist der ausdr\u00fcckliche Zusammenhang, den russische Berichterstattung selbst herstellt: Nach den Huthi-Angriffen im Roten Meer r\u00fccke die Nordostpassage f\u00fcr China als Alternative erst richtig in den Fokus. Die St\u00f6rung der einen Route beschleunigt sichtbar den Ausbau der anderen.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>Die Pointe: Eskalation als Beschleuniger der eigenen Entmachtung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Damit schlie\u00dft sich der Kreis. Jede weitere Eskalationsstufe am Roten Meer \u2013 jede Blockadeank\u00fcndigung, jeder beschossene Tanker, jede amerikanische Drohung \u2013 macht die Landroute durch Zentralasien und die Seeroute durch die Arktis \u00f6konomisch rationaler. Der Versuch, die Kontrolle \u00fcber die alte Route mit harter Hand zu erzwingen, treibt die Fracht in Korridore, die au\u00dferhalb jeder westlichen Reichweite liegen. Das ist keine Frage von Fehleinsch\u00e4tzung oder mangelndem politischem Willen. Es ist die Systemlogik einer Ordnungsmacht, die auf St\u00f6rungen nur mit einem einzigen Repertoire antworten kann: mehr Druck auf denselben Punkt \u2013 w\u00e4hrend sich das eigentliche Problem l\u00e4ngst in mehrere neue Richtungen verteilt hat.<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li><strong>Logistik schl\u00e4gt Ideologie<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Am Ende entscheidet sich dieser Konflikt nicht an der Frage, wer die lauteste Drohung ausspricht, sondern daran, wer die belastbarere Infrastruktur besitzt, wenn die alte nicht mehr verl\u00e4sslich ist. W\u00e4hrend in Washington weiter die Sprache der Konfrontation dominiert, verschiebt sich die materielle Basis des Welthandels bereits \u2013 Schiene um Schiene, Eisbrecher um Eisbrecher \u2013 auf ein Gleis, das mit der Meerenge, um die gerade gek\u00e4mpft wird, immer weniger zu tun hat.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/g\/Aerial+Viewer?ref=apolut.net\">Aerial Viewer<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>20 Minuten: &#8222;Bab al-Mandab: Huthi-Blockade bedroht den Welthandel&#8220;, 22.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/bab-al-mandab-huthi-blockade-bedroht-den-welthandel-103607158?ref=apolut.net\">https:\/\/www.20min.ch\/story\/bab-al-mandab-huthi-blockade-bedroht-den-welthandel-103607158<\/a><\/p>\n<p>t-online: &#8222;Huthis blockieren Bab al-Mandab: Warum das auch f\u00fcr Deutschland teuer wird&#8220;, 24.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.t-online.de\/finanzen\/aktuelles\/wirtschaft\/id_101354416\/huthis-blockieren-bab-al-mandab-warum-das-auch-fuer-deutschland-teuer-wird.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.t-online.de\/finanzen\/aktuelles\/wirtschaft\/id_101354416\/huthis-blockieren-bab-al-mandab-warum-das-auch-fuer-deutschland-teuer-wird.html<\/a><\/p>\n<p>t-online: &#8222;Arktis-Machtkampf droht: Putin und Xi greifen nach der Nordostpassage&#8220;, 17.01.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/internationale-politik\/id_101085656\/arktis-machtkampf-droht-putin-und-xi-greifen-nach-der-nordostpassage.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/internationale-politik\/id_101085656\/arktis-machtkampf-droht-putin-und-xi-greifen-nach-der-nordostpassage.html<\/a><\/p>\n<p>Pravda DE: &#8222;Und pl\u00f6tzlich geht hier nichts mehr \u2013 Was wenn Bab al-Mandab geschlossen wird?&#8220;, 22.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/deutsch.news-pravda.com\/world\/2026\/07\/22\/767485.html?ref=apolut.net\">https:\/\/deutsch.news-pravda.com\/world\/2026\/07\/22\/767485.html<\/a><\/p>\n<p>European Business Magazine: &#8222;China Built a New Route to Europe \u2014 Now It Will Reshape Global Trade&#8220;, 20.03.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/europeanbusinessmagazine.com\/china-built-a-new-route-to-europe-now-it-will-reshape-global-trade\/?ref=apolut.net\">https:\/\/europeanbusinessmagazine.com\/china-built-a-new-route-to-europe-now-it-will-reshape-global-trade\/<\/a><\/p>\n<p>RT DE: &#8222;Nordostpassage: China und Russland profitieren \u2013 Europa verschl\u00e4ft n\u00e4chste Chance&#8220;, 02.12.2025 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de.rt.com\/international\/263487-nordostpassage-china-und-russland-profitieren\/?ref=apolut.net\">https:\/\/de.rt.com\/international\/263487-nordostpassage-china-und-russland-profitieren\/<\/a><\/p>\n<p>finanzmarktwelt.de: &#8222;China und Russland treiben eisige Arktis-Handelsroute voran&#8220;, 13.09.2024 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/finanzmarktwelt.de\/china-und-russland-treiben-eisige-arktis-handelsroute-voran-322471\/?ref=apolut.net\">https:\/\/finanzmarktwelt.de\/china-und-russland-treiben-eisige-arktis-handelsroute-voran-322471\/<\/a><\/p>\n<p>finanzmarktwelt.de: &#8222;China verk\u00fcrzt Handelswege nach Europa: Neue Arktis-Route&#8220;, 23.02.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/finanzmarktwelt.de\/china-verkuerzt-handelswege-nach-europa-neue-arktis-route-361382\/?ref=apolut.net\">https:\/\/finanzmarktwelt.de\/china-verkuerzt-handelswege-nach-europa-neue-arktis-route-361382\/<\/a><\/p>\n<p>Wikipedia: &#8222;Neue Seidenstra\u00dfe&#8220; (Abschnitt Mittlere Route\/S\u00fcdliche Route) \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Seidenstra%C3%9Fe?ref=apolut.net\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Seidenstra\u00dfe<\/a><\/p>\n<p>RFE\/RL: &#8222;China&#8217;s Belt And Road Focuses On New Eurasian Trade Routes Due To Ukraine War&#8220;, 18.07.2022 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.globalsecurity.org\/wmd\/library\/news\/china\/2022\/07\/china-220718-rferl01.htm?ref=apolut.net\">https:\/\/www.globalsecurity.org\/wmd\/library\/news\/china\/2022\/07\/china-220718-rferl01.htm<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Iranische Raketen auf einen US-St\u00fctzpunkt in Jordanien. 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