{"id":16014,"date":"2026-08-01T12:02:22","date_gmt":"2026-08-01T10:02:22","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/sturm-auf-die-festung-europa-von-dirk-c-fleck\/"},"modified":"2026-08-01T12:02:22","modified_gmt":"2026-08-01T10:02:22","slug":"sturm-auf-die-festung-europa-von-dirk-c-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/sturm-auf-die-festung-europa-von-dirk-c-fleck\/","title":{"rendered":"Sturm auf die \u201eFestung Europa\u201c | Von Dirk C. Fleck"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Dies ist das Anfangskapitel meines Romans \u201eGO!-Die \u00d6kodiktatur\u201c aus dem Jahre 1993, f\u00fcr den mich die Kritik damals durchweg zerrissen hat. Der Spiegel schrieb: \u201eFleck geh\u00f6rt mit diesem Machwerk in die gelbe Tonne des dualen Systems getreten.\u201c 22 Jahre sp\u00e4ter erschien Michel Houellebecqs Roman <em>Unterwerfung<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Informationsminister Martin Heiland stocherte nerv\u00f6s in seinem Essen. \u201eSiehst blass aus,\u201c bemerkte Peter Buchholz. Als sein Freund nicht reagierte, versuchte er es mit einem Scherz: \u201eIch werde den Piloten bitten, die Kiste so richtig ins Trudeln zu bringen, das belebt. Die Spanier verstehen sich auf solche Kunstst\u00fcckchen.\u201c<\/p>\n<p>Heiland schob den Teller beiseite: \u201eDu fliegst allein,\u201c sagte er und stand auf.<\/p>\n<p>\u201eO nein, mein Lieber! Wir sind gemeinsam geladen, also sehen wir uns die Sache auch gemeinsam an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVergiss es,\u201c entgegnete Heiland. \u201eSie wollen, dass wir uns an der Schweinerei beteiligen, also werden wir es tun. Haben wir eine Wahl?\u201c Er legte seinem Kabinettskollegen die Hand auf den Arm: \u201eKeine zehn Pferde kriegen mich in diesen Helikopter&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eZu sp\u00e4t\u201c, fl\u00fcsterte Buchholz. Zwei Herren n\u00e4herten sich ihrem Tisch, der eine im Anzug, der andere in offener Lederjacke. Buchholz stellte sie vor: \u201eS\u00e9nor Vargas vom spanischen Informationsministerium, Miguel, unser Pilot.\u201c<\/p>\n<p>Der Bell Jet Ranger stand mit h\u00e4ngenden Rotorbl\u00e4ttern auf dem Flugfeld wie ein fl\u00fcgellahmes Insekt. Heiland dr\u00fcckte sich neben Buchholz auf die r\u00fcckw\u00e4rtige Sitzbank. Der Pilot entfernte den \u00dcberzug vom Staurohr und drehte an der Benzinzufuhr. Seine Hand fuhr unter das Kabinendach, wo sie nach einer genau festgeschriebenen Choreographie zwischen Kipp- und Drehschaltern virtuos hin und her tanzte. Heiland vertraute sich dem Piloten an wie einem Arzt, der vor der Operation die Instrumente sortiert. In der Luft war ein Zwitschern, als h\u00e4tte sich ein Vogelschwarm in der Kabine nieder gelassen.<\/p>\n<p>Heiland krallte sich in den Sessel. Trotz aller Angst verursachte der Kurvenflug, in dem Algeciras wie ein Tischtuch unter ihnen weggezogen wurde, ein wohliges Kribbeln im Bauch. Die Schaumkronen auf dem Meer schienen schr\u00e4g vom Himmel zu fallen, um gleich darauf, dem kippenden Horizont folgend, waagerecht auf sie zuzurollen. Er bekam eine Ahnung davon, wie es sich anf\u00fchlte, aus der Welt katapultiert zu werden, und es gefiel ihm. Insbesondere gefiel ihm, dass sich seine Verantwortung f\u00fcr diese Welt dabei in Nichts aufl\u00f6sen w\u00fcrde\u2026<\/p>\n<p>\u201eIn einer Stunde wird es dunkel,\u201c h\u00f6rte er Vargas sagen, \u201eallm\u00e4hlich d\u00fcrften sie sich bereit machen da dr\u00fcben. Die meisten versuchen es nachts. Sie kapieren einfach nicht, dass wir sie genau so gut im Dunkeln aufsp\u00fcren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie viele sind es inzwischen pro Tag?\u201c fragte Buchholz.<\/p>\n<p>\u201eWer wei\u00df das schon. Einige Tausend. Die meisten stammen aus Schwarzafrika. Die Marokkaner gehen nicht gerade zimperlich mit denen um. Erst letzte Woche haben sie an der senegalesischen Grenze ein Fl\u00fcchtlingscamp bombardiert. Allm\u00e4hlich aber geht ihnen Treibstoff und Munition aus. Wenn wir das Problem im Griff behalten wollen, m\u00fcssen wir liefern&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie GO!-Staaten haben ein striktes Waffenembargo verabschiedet,\u201c antwortete Buchholz irritiert.<\/p>\n<p>\u201eEin Fehler,\u201c bemerkte Vargas trocken. \u201eEs mag f\u00fcr Sie makaber klingen, aber ohne die Dezimierung im Vorfeld unserer Grenzen w\u00e4re Europa verloren. Die Menschen dr\u00e4ngen zu Millionen an die nordafrikanischen K\u00fcsten. Marokko, Algerien und Tunesien sehen aus wie nach einem Heuschreckenangriff. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird geklaut und zu Fl\u00f6\u00dfen umfunktioniert.\u201c Der Spanier reichte seinen deutschen G\u00e4sten die Karte. \u201eWir patrouillieren mit zwanzig Schnellbooten in der Stra\u00dfe von Gibraltar, au\u00dferdem sind st\u00e4ndig sechs Hubschrauber im Einsatz. Trotzdem gelingt es einem betr\u00e4chtlichen Teil von Fl\u00fcchtlingen, bei uns anzulanden. Womit wir beim Punkt w\u00e4ren: Der spanische \u00d6ko-Rat hat beschlossen, eine zus\u00e4tzliche Pufferzone einzurichten. Der gesamte K\u00fcstenstreifen zwischen Huelva im Westen und Benidorm im Osten wird bis zu zwanzig Kilometer ins Landesinnere ger\u00e4umt. Das macht nat\u00fcrlich nur Sinn, wenn dort gen\u00fcgend Milit\u00e4r pr\u00e4sent ist, um die Eindringlinge aufzusp\u00fcren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd dabei dachten Sie an uns?\u201c nuschelte Buchholz \u00fcber die Karte gebeugt.<\/p>\n<p>\u201eAn Sie, an die Franzosen, die Engl\u00e4nder, die Schweizer, egal&#8230; Alleine schaffen wir es nicht. Die Alternative w\u00e4re f\u00fcr niemanden verlockend.\u201c<\/p>\n<p>Heiland lauschte den Ausf\u00fchrungen des Spaniers eher beil\u00e4ufig, er war viel zu sehr damit besch\u00e4ftigt, Miguels Flugman\u00f6ver auszubalancieren. Als der Helikopter unvermutet nieder sackte, um pl\u00f6tzlich mit erhobenem Schwanz in niedriger H\u00f6he stehen zu bleiben, wurde ihm schlecht. Buchholz reichte ihm eine Kotzt\u00fcte.<\/p>\n<p>\u201eHier haben wir es mit einem der typischen Fl\u00f6\u00dfe zu tun,\u201c dozierte Vargas im Tonfall eines Museumsf\u00fchrers. \u201eVier, f\u00fcnf kr\u00e4ftige Balken aneinander genagelt, das ist es meist schon. Viele werden von der Str\u00f6mung in den Atlantik gerissen.\u201c<\/p>\n<p>Heiland w\u00fcrgte eine gallige Fl\u00fcssigkeit hervor und blickte mit tr\u00e4nenden Augen auf die See, die sich unter ihnen kr\u00e4uselte. Inmitten dieses von peitschenden Rotorbl\u00e4ttern entfachten Sturms kauerte eine Gruppe ver\u00e4ngstigter Gestalten auf schaukelnden Planken. F\u00fcnf junge M\u00e4nner, eine Frau. Sie sa\u00df als einzige aufrecht. Ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet. Heiland kam sich in seiner Glaskuppel wie ein Alien auf Stippvisite vor.<\/p>\n<p>Der Pilot zog die Maschine behutsam hoch, als sei ihm der Anblick peinlich. Von Backbord n\u00e4herte sich in rasender Fahrt ein Schnellboot. Es hielt direkt auf das Flo\u00df zu und pfl\u00fcgte es unter. Sekunden sp\u00e4ter stob der Helikopter mit gesenktem Haupt auf die afrikanische K\u00fcste zu. Heiland erbrach sich erneut. \u201eEs sind Hunderte!\u201c schrie Vargas, \u201ez\u00e4hlen Sie mal mit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAb wo werden sie angegriffen?\u201c fragte Buchholz, um Kontenance bem\u00fcht.<\/p>\n<p>\u201eSie werden gestellt, wo immer wir ihrer habhaft werden, S\u00e9nores! Was dachten Sie denn?\u201c<\/p>\n<p>Sie nahmen an der K\u00fcste Kurs auf die spanische Enklave Melilla. \u201eIch denke, wir haben genug gesehen\u201c, sagte Heiland, als sie wieder einmal in geringer H\u00f6he \u00fcber die K\u00f6pfe der Fl\u00fcchtlinge donnerten. Vargas gab dem Piloten das Zeichen zur Umkehr.<\/p>\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter sa\u00dfen die beiden Deutschen im G\u00e4stehaus des spanischen \u00d6ko-Rats und a\u00dfen zu Abend. \u201eWie viel Soldaten k\u00f6nnen wir ihnen bewilligen?\u201c fragte Heiland, \u201ezwanzigtausend?\u201c Er schnupperte am Vino Tinto und blickte seinen Freund \u00fcber den Rand des Glases belustigt an.<\/p>\n<p>Buchholz verschwand auf sein Zimmer. Er wurde nicht schlau aus diesem Mann. Im Helikopter hatte Heiland H\u00f6llenqualen gelitten beim Anblick der verzweifelten Menschen, und jetzt erteilte er mit einem Augenzwinkern Unterst\u00fctzung f\u00fcr dieses Schlachtfest an Europas verwundbarster Stelle.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Zaun von Ceuta (spanische Stadt an der Nordk\u00fcste Afrikas)<br \/>Bildquelle: JUAN ANTONIO ORIHUELA \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Dies ist das Anfangskapitel meines Romans \u201eGO!-Die \u00d6kodiktatur\u201c aus dem Jahre 1993, f\u00fcr den mich die Kritik damals durchweg zerrissen hat. Der Spiegel schrieb: \u201eFleck geh\u00f6rt mit diesem Machwerk in die gelbe Tonne des dualen Systems getreten.\u201c 22 Jahre sp&amp;<\/strong><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":4846,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_gspb_post_css":"","_uag_custom_page_level_css":"","fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-16014","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienkritik"],"blocksy_meta":[],"uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1920&resize=1920,1080&ssl=1",1920,1080,true],"thumbnail":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=150&resize=150,150&ssl=1",150,150,true],"medium":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=300&resize=300,300&ssl=1",300,300,true],"medium_large":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=768&resize=768,0&ssl=1",768,0,true],"large":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1024&resize=1024,1024&ssl=1",1024,1024,true],"1536x1536":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=1536&resize=1536,1536&ssl=1",1536,1536,true],"2048x2048":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=2048&resize=2048,2048&ssl=1",2048,2048,true],"trp-custom-language-flag":["https:\/\/i3.wp.com\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/RSS-Hintergrund.jpg?w=18&resize=18,12&ssl=1",18,12,true]},"uagb_author_info":{"display_name":"admin","author_link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/author\/admin\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Dies ist das Anfangskapitel meines Romans \u201eGO!-Die \u00d6kodiktatur\u201c aus dem Jahre 1993, f\u00fcr den mich die Kritik damals durchweg zerrissen hat. 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