{"id":16018,"date":"2026-08-01T12:07:46","date_gmt":"2026-08-01T10:07:46","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/ceuta-die-sprache-der-festung-und-der-preis-der-erpressung-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-01T12:07:46","modified_gmt":"2026-08-01T10:07:46","slug":"ceuta-die-sprache-der-festung-und-der-preis-der-erpressung-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/ceuta-die-sprache-der-festung-und-der-preis-der-erpressung-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Ceuta: Die Sprache der Festung und der Preis der Erpressung | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Wenn ein Regierungschef das Sterben von Menschen als &#8222;Angriff auf die territoriale Integrit\u00e4t&#8220; bezeichnet, hat er nicht nur ein Wort gew\u00e4hlt. Er hat eine Weltordnung verteidigt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Was geschah<\/strong><\/p>\n<p>Seit Donnerstag versuchten nach spanischen Angaben rund 50.000 bis 60.000 Menschen, von Marokko aus die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta zu erreichen \u2013 viele schwimmend, an den Absperrungen im Meer vorbei. Innerhalb von 24 Stunden zog die Guardia Civil mindestens 38 Leichen aus dem Wasser, womit die Zahl der seit Jahresbeginn vor Ceuta Ertrunkenen auf \u00fcber 40 stieg \u2013 so viele wie seit der Trag\u00f6die von Tarajal 2014 nicht mehr. Unter den Fliehenden waren \u00fcberwiegend junge Erwachsene, aber auch Familien mit Babys, alte Menschen und Personen mit eingeschr\u00e4nkter Mobilit\u00e4t, die sich zuvor Schwimmreifen kauften, bevor sie ins Wasser gingen.<\/p>\n<p>Ministerpr\u00e4sident Pedro S\u00e1nchez reiste nach Ceuta und sprach von einem &#8222;Angriff auf die territoriale Integrit\u00e4t&#8220; Spaniens. Er erkl\u00e4rte, eine bestimmte Auslegung eines Gerichtsurteils habe sich &#8222;wie ein Lauffeuer \u00fcber die Netzwerke von Menschenh\u00e4ndlerorganisationen verbreitet&#8220; und den Ansturm ausgel\u00f6st. <\/p>\n<p>Hintergrund ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von Anfang Juli, wonach \u00fcber das Meer eintreffende Migranten nicht mehr ohne ordnungsgem\u00e4\u00dfes Verfahren sofort zur\u00fcckgeschickt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Die T\u00e4ter-Opfer-Umkehr als Regierungssprache<\/strong><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist nicht das Urteil, sondern die Reaktion darauf. Ein Gericht stellt fest, dass Ertrinkende ein Recht auf ein Verfahren haben, bevor man sie zur\u00fcckschickt \u2013 ein minimaler rechtsstaatlicher Standard. Die politische Antwort darauf ist, dieses Recht als Sicherheitsrisiko zu behandeln. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte postwendend, Spanien m\u00fcsse &#8222;die Situation in Ceuta schnellstm\u00f6glich wieder in den Griff bekommen&#8220;, w\u00e4hrend EVP-Fraktionschef Manfred Weber dem Urteil unterstellte, es habe einen &#8222;Pull-Faktor&#8220; geschaffen, und von einer &#8222;Zulassung von Illegalen&#8220; sprach, die &#8222;Summen von 1,5 bis 2 Millionen Menschen&#8220; betr\u00e4fe.<\/p>\n<p>Das ist das moralische Betriebssystem der europ\u00e4ischen Migrationspolitik in Reinform: Spaltung (Rechtssicherheit f\u00fcr Ertrinkende gegen &#8222;Sicherheit&#8220; des Staates), Bewertung (&#8222;Illegale&#8220;, &#8222;Ansturm&#8220;, &#8222;Angriff&#8220;), Legitimation (die Schleusermafia als S\u00fcndenbock, nicht die t\u00f6dliche Grenze selbst) und Sanktionierung (beschleunigte R\u00fcckf\u00fchrungen). Selbst die Gewerkschaft der Guardia Civil bediente sich martialischer Rhetorik und warf Marokko &#8222;hybride Kriegsf\u00fchrung&#8220; vor \u2013 als handle es sich um einen milit\u00e4rischen Akt und nicht um Menschen auf der Flucht.<\/p>\n<p><strong>Migration als geopolitischer Hebel<\/strong><\/p>\n<p>Hier beginnt der eigentlich interessante Teil, den die Emp\u00f6rungsrhetorik verdeckt: Marokko hat Migration in der Vergangenheit wiederholt als Druckmittel eingesetzt \u2013 und tut es wom\u00f6glich wieder. Nach den Massenanst\u00fcrmen auf Ceuta und Melilla 2005 setzte sich Spanien innerhalb der EU f\u00fcr Programme ein, die Marokkos Interessen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigten. Der Mechanismus wiederholte sich 2017, als ein Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs die Anwendung von EU-Handelsvorteilen auf die besetzte Westsahara infrage stellte: Der damalige marokkanische Landwirtschaftsminister und heutige Regierungschef Aziz Akhannouch warnte offen, Behinderungen des Abkommens k\u00f6nnten zur &#8222;Wiederaufnahme der Migrationsstr\u00f6me&#8220; f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Drohung ist also kein Geheimnis, sondern etablierte Praxis: Wer Marokkos Interessen an der Westsahara \u2013 Phosphat, Fischereirechte, Agrarexporte \u2013 infrage stellt, riskiert offene Grenzen. Bezeichnend ist auch der Zeitpunkt: Der Ansturm fiel mit einem Besuch des spanischen Regierungschefs in Algerien zusammen \u2013 jenem Land, mit dem Marokko 2021 wegen der Westsahara-Frage die diplomatischen Beziehungen abbrach. Wer sich an das Jahr 2021 erinnert, kennt das Muster: Damals \u00f6ffnete Marokko nach der Aufnahme eines Polisario-F\u00fchrers in einem spanischen Krankenhaus f\u00fcr Tage die Grenze bei Ceuta \u2013 Zehntausende kamen, bis Madrid einlenkte.<\/p>\n<p><strong>Wer zahlt den Preis<\/strong><\/p>\n<p>Das Perfide an diesem System ist seine Arbeitsteilung. Marokko instrumentalisiert Menschen als Verhandlungsmasse. Die EU beantwortet das nicht mit einer Neubewertung ihrer postkolonialen Rohstoff- und Handelsabh\u00e4ngigkeiten, sondern mit noch mehr Grenzschutz, noch schnelleren Abschiebungen, noch h\u00e4rterer Sprache. Beide Seiten einigen sich stillschweigend darauf, dass die Fliehenden selbst nicht die Partei sind, deren Interessen z\u00e4hlen \u2013 sie sind das Material, an dem zwei Staaten ihre jeweiligen Interessenkonflikte austragen.<\/p>\n<p>S\u00e1nchez&#8216; Satz von der &#8222;territorialen Integrit\u00e4t&#8220; markiert also keinen Ausnahmezustand, sondern den Normalzustand eines Systems, das Grenzsicherung \u00fcber Menschenleben stellt und das genau dann am lautesten von &#8222;Angriffen&#8220; spricht, wenn die eigene Verwundbarkeit \u2013 wirtschaftlich, diplomatisch, migrationspolitisch \u2013 gegen\u00fcber einem strategisch \u00fcberlegenen Nachbarn sichtbar wird. Die Toten von Ceuta sind kein Kollateralschaden dieses Spiels. Sie sind sein vorhersehbares, wiederkehrendes Ergebnis.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/g\/rloesche?ref=apolut.net\">AustralianCamera<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>ZDFheute, Liveblog &#8222;Migranten in Ceuta: 25.000 wieder in Marokko&#8220;, 31.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/spanien-ceuta-migranten-100.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/spanien-ceuta-migranten-100.html<\/a><\/p>\n<p>ZDFheute, &#8222;Migrantenandrang in Ceuta: Was sind m\u00f6gliche Gr\u00fcnde?&#8220;, 31.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/ausland\/ceuta-migranten-faq-100.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/ausland\/ceuta-migranten-faq-100.html<\/a><\/p>\n<p>ORF, &#8222;Zehntausende Migranten in Ceuta: Mehrere Ausl\u00f6ser f\u00fcr Ansturm&#8220;, 31.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3437816\/?ref=apolut.net\">https:\/\/orf.at\/stories\/3437816\/<\/a><\/p>\n<p>Euronews (deutsch), &#8222;Etwa 60.000 Migranten st\u00fcrmen Spaniens Exklave Ceuta: Mindestens 38 Tote&#8220;, 31.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de.euronews.com\/my-europe\/2026\/07\/31\/migration-ceuta-tote-marroko-flucht?ref=apolut.net\">https:\/\/de.euronews.com\/my-europe\/2026\/07\/31\/migration-ceuta-tote-marroko-flucht<\/a><\/p>\n<p>Nau.ch, &#8222;Deshalb kommt es jetzt zum Ansturm auf Ceuta&#8220; \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.nau.ch\/news\/europa\/deshalb-kommt-es-jetzt-zum-ansturm-auf-ceuta-67153616?ref=apolut.net\">https:\/\/www.nau.ch\/news\/europa\/deshalb-kommt-es-jetzt-zum-ansturm-auf-ceuta-67153616<\/a><\/p>\n<p>Tichys Einblick, &#8222;Marokkos Machtdemonstration: Die Hand an der Invasionsschleuse&#8220;, 31.07.2026 \u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.tichyseinblick.de\/kolumnen\/aus-aller-welt\/ceuta-marokko-schleuse-europa\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.tichyseinblick.de\/kolumnen\/aus-aller-welt\/ceuta-marokko-schleuse-europa\/<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ein Regierungschef das Sterben von Menschen als &#8222;Angriff auf die territoriale Integrit\u00e4t&#8220; bezeichnet, hat er nicht nur ein Wort gew\u00e4hlt. 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