{"id":16090,"date":"2026-08-02T12:03:03","date_gmt":"2026-08-02T10:03:03","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/asien-und-europa-haben-fuer-russland-eine-ganz-unterschiedliche-bedeutung\/"},"modified":"2026-08-02T12:03:03","modified_gmt":"2026-08-02T10:03:03","slug":"asien-und-europa-haben-fuer-russland-eine-ganz-unterschiedliche-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/asien-und-europa-haben-fuer-russland-eine-ganz-unterschiedliche-bedeutung\/","title":{"rendered":"Asien und Europa haben f\u00fcr Russland eine ganz unterschiedliche Bedeutung"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Timofei Bordatschjow<\/em><\/p>\n<p>Vor 40 Jahren, am 28. Juli 1986, erkl\u00e4rte der Generalsekret\u00e4r der KPdSU, Michail Gorbatschow, in einer Rede in Wladiwostok erstmals lautstark die Notwendigkeit und Bereitschaft der UdSSR, die Zusammenarbeit mit China und anderen asiatischen L\u00e4ndern auszubauen. Gleichzeitig wurde der Wunsch bekundet, die politischen Beziehungen zu Peking wiederherzustellen, die seit Mitte der 1960er Jahre grundlegend getr\u00fcbt waren.<\/p>\n<p>Es begann eine langsame, aber stetige Entwicklung der Beziehungen zu den \u00f6stlichen Nachbarn Russlands, die unter der F\u00fchrung von Pr\u00e4sident Wladimir Putin Ende der 2000er Jahre den Charakter einer vollwertigen Hinwendung Russlands zum Osten annahm. Das wichtigste Ergebnis dieser &#8222;Wende&#8220; ist heute, dass Russland, nachdem der Konflikt mit dem Westen im Jahr 2022 in eine milit\u00e4risch-technische Phase \u00fcbergegangen war, nicht in internationale Isolation geraten ist. China, Indien und die L\u00e4nder S\u00fcdostasiens sind f\u00fcr uns zu neuen und sehr vorteilhaften Partnern geworden.<\/p>\n<p>Diejenigen, die auf der Bedeutung einer St\u00e4rkung der Beziehungen zu Asien bestanden haben und weiterhin darauf bestehen, verf\u00fcgen \u00fcber ein sehr gewichtiges Argument. Die in dieser Richtung geleistete Arbeit hat tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Rolle bei der Widerstandsf\u00e4higkeit des Landes gegen\u00fcber dem Druck aus dem Westen gespielt. Aber bedeutet das, dass Russland erstens erneut eine Entscheidung treffen muss, dieses Mal zugunsten des Ostens, und zweitens, dass die Diplomatie in Richtung Westen gescheitert ist? Ich denke, dass die Antwort in beiden F\u00e4llen &#8222;nein&#8220; lauten muss.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit dem Wesentlichen: Die aktuelle Krise in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen, insbesondere zwischen Russland und Europa, ist das Ergebnis der weltpolitischen Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991. Diese Krise ist, ebenso wie der Krieg in der Ukraine, kein Ergebnis diplomatischer Fehler oder b\u00f6swilliger Absichten. Genauer gesagt gab es zwar b\u00f6se Absichten bei dem Versuch, die Ukraine zu einem &#8222;Rammbock&#8220; gegen Russland zu machen, doch dies ist nur ein Instrument in einer Konfrontation, die ohnehin unvermeidlich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die USA und Europa k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich die Unabh\u00e4ngigkeit eines anderen gro\u00dfen Akteurs auf der Weltb\u00fchne nicht anerkennen. China beispielsweise vermeidet im Gegensatz zu uns konsequent einen Konflikt mit dem Westen, doch das \u00e4ndert nichts. In Washington wird Peking dennoch als strategischer Gegner angesehen. Und sie bem\u00fchen sich mit allen Mitteln, ihm zu schaden. Was Europa betrifft, kann man der Ansicht zustimmen, dass die Konfrontation mit Russland f\u00fcr die europ\u00e4ischen Eliten, die sich in ihrer eigenen Inkompetenz verstrickt haben, einen Ausweg aus der Sackgasse darstellte.<\/p>\n<p>Daher f\u00e4llt es schwer, der Ansicht zuzustimmen, dass die derzeitige Konfrontation in Richtung Westen das Ergebnis einer falschen Politik Russlands und der Versuche sei, sich mit Europa und den USA zu einigen. Mehr noch: In den vergangenen Jahrzehnten hat die russische Au\u00dfenpolitik in Richtung Westen Aufgaben gel\u00f6st, die f\u00fcr die Erreichung der Ziele der inneren Entwicklung notwendig waren.<\/p>\n<p>Genau genommen begann die Politik der beschleunigten &#8222;Wende nach Osten&#8220; in Russland in den Jahren 2009 und 2010, denn erst damals erm\u00f6glichte eine objektive Einsch\u00e4tzung des Potenzials der asiatischen M\u00e4rkte f\u00fcr russische Produkte die Idee, dass diese M\u00e4rkte Europa f\u00fcr uns ernsthaft ersetzen k\u00f6nnten. Zuvor waren die asiatischen L\u00e4nder selbst nicht bereit, aktiv mit Russland Handel zu treiben, und konnten uns die ben\u00f6tigten Produkte nicht anbieten.<\/p>\n<p>Und teilweise k\u00f6nnen sie es auch heute noch nicht \u2013 so ist China trotz all seiner wirtschaftlichen Errungenschaften der Entwicklung von Langstrecken-Passagierflugzeugen, wie sie von Boeing oder Airbus hergestellt werden und die Russland nun in Irkutsk zu produzieren beginnt, noch immer nicht n\u00e4her gekommen.<\/p>\n<p>Die Beziehungen zu den USA und Europa waren nur bei einem sehr kleinen Teil der russischen Gesellschaft von emotionalen Sehns\u00fcchten gepr\u00e4gt \u2013 man sollte die Naivit\u00e4t einer Gro\u00dfmacht mit 500-j\u00e4hriger Souver\u00e4nit\u00e4t und ihrer B\u00fcrger nicht \u00fcberbewerten. Die Mehrheit der Russen betrachtete Europa hingegen als einen attraktiven Raum des Wohlstands, des Wissens und der Investitionen. Doch als das Wissen und die Investitionen zur Neige gingen und der Wohlstand in Europa nachlie\u00df, begann auch das Ausma\u00df der &#8222;Liebe&#8220; f\u00fcr diese Richtung abzunehmen.<\/p>\n<p>Und dieser R\u00fcckgang h\u00e4tte sich weiter sanft fortgesetzt, wenn die Europ\u00e4er nicht selbst beschlossen h\u00e4tten, die objektiv gegenseitige Entfremdung nach 2022 zu beschleunigen. Wir sehen jetzt, wie sich unsere Mitb\u00fcrger ganz selbstverst\u00e4ndlich auf die Suche nach einem angenehmen Urlaubsziel in anderen geografischen Regionen begeben haben. Dazu geh\u00f6ren auch die eigenen, russischen Regionen, obwohl der Zugang zu wirklich warmen Meeren bei uns durch die geografische Lage des Landes eingeschr\u00e4nkt ist, was bedauerlich ist.<\/p>\n<p>Die intensive Entwicklung von Beziehungen zu L\u00e4ndern au\u00dferhalb des Westens bedeutet jedoch nicht, dass Russland eine neue strategische Entscheidung trifft, die nun in Richtung Asien geht. Erstens, weil ein Land wie das unsere sich gar nicht f\u00fcr eine bestimmte geografische Richtung entscheiden kann. Die einzigartige geopolitische Lage Russlands ist dadurch gekennzeichnet, dass es gleichzeitig in vier Richtungen ausgerichtet ist: nach Westen, nach Asien, in den Nahen und in den Mittleren Osten. Und dementsprechend kann keine dieser Richtungen aus Sicht der strategischen Entwicklung des Landes als die wichtigste gelten.<\/p>\n<p>Daher ist f\u00fcr Russland die Zusammenarbeit in jeder dieser geografischen Richtungen eine Frage der Wahl und keine existenzielle Notwendigkeit. Wir k\u00f6nnen \u00fcber Jahrhunderte hinweg mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen in alle Richtungen blicken, ohne auch nur im Geringsten zu riskieren, vollst\u00e4ndig von nur einem unserer geopolitischen Nachbarn abh\u00e4ngig zu werden.<\/p>\n<p>Sie werden immer miteinander konkurrieren. Und wer sehen will, wie eine schlechte geopolitische Lage tats\u00e4chlich aussieht, kann einen Blick auf die T\u00fcrkei werfen: Das Land sieht sich selbst als Teil Europas und ist vollst\u00e4ndig von diesem abh\u00e4ngig, wird aber von allen nur als Teil Asiens betrachtet.<\/p>\n<p>Ein \u00e4u\u00dferst kluger US-amerikanischer Wissenschaftler \u2013 einer der Begr\u00fcnder der Geopolitik, Niklas Spykman \u2013 schrieb seinerzeit, dass &#8222;die Geografie eines Landes der Stoff der Politik ist, nicht deren Ursache&#8220;. So wird auch im Falle Russlands unsere geografische Lage stets Anlass geben, dar\u00fcber nachzudenken, was nun eigentlich wichtiger ist \u2013 Europa oder Asien. In der Realit\u00e4t geht es jedoch darum, Beziehungen dort auszubauen, wo gerade jetzt der gr\u00f6\u00dfte Nutzen erzielt werden kann.<\/p>\n<p>Dabei ist das konkrete &#8222;Jetzt&#8220; ebenfalls immer eine Entscheidung Russlands. Der Anstieg der Exporte unserer Energieressourcen beispielsweise nach Indien hat sich in den vergangenen Jahren als gutes Mittel zur Abwehr der sogenannten Sanktionen des Westens erwiesen. Doch auch diese waren letztlich eine Reaktion auf die Entscheidung Russlands, sich nicht Br\u00fcssel und Washington zu unterwerfen, sondern seine unabh\u00e4ngige Stellung in der Welt mit Waffengewalt zu verteidigen.<\/p>\n<p>Ob es uns gef\u00e4llt oder nicht: Ein Staat blickt, genau wie ein einzelner Mensch, stets am aufmerksamsten in jene Richtung, aus der die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr ihn ausgeht. Im Falle Russlands ist dies genau der Westen, was der F\u00fcrst Alexander Newski bereits im 13. Jahrhundert brillant erkannt hatte. Bei aller Macht der Goldenen Horde konnte diese f\u00fcr die Existenz des russischen Volkes nicht einmal einen Bruchteil jener Bedrohung darstellen, die vom deutsch-katholischen &#8222;Drang nach Osten&#8220; ausging.<\/p>\n<p>Der Westen war, ist und bleibt der wichtigste Schwerpunkt der russischen Au\u00dfenpolitik, solange er eine Bedrohung f\u00fcr unsere wichtigsten Interessen und Werte darstellt. Und da die Wertegrundlage der Au\u00dfenpolitik der USA und Europas in der Ablehnung des Rechts anderer V\u00f6lker auf eine eigenst\u00e4ndige Entwicklung \u2013 sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht \u2013 besteht, wird diese Bedrohung immer bestehen bleiben. China und andere L\u00e4nder Asiens sind bereits wichtige und hervorragende Nachbarn und Freunde f\u00fcr Russland und werden es auch bleiben. Aber sie haben keineswegs die Absicht, Russland zu bedrohen und es damit zu zwingen, sich ernsthaft Sorgen um sich selbst zu machen.<\/p>\n<p>F\u00fcr absolut jedes Land der Welt \u2013 und Russland bildet hier keine Ausnahme \u2013 ist jeder Partner auf der internationalen B\u00fchne nicht um seiner selbst willen wichtig, sondern aufgrund dessen, was er Gutes oder Schlechtes bewirken kann. Die gr\u00f6\u00dfte Wachsamkeit verdient, so traurig es auch sein mag, gerade jener Nachbar, der Schaden anrichten kann \u2013 derzeit ist das der Westen. Dabei muss die Wahl \u00fcber die Richtung der Wachsamkeit immer ausschlie\u00dflich im Sinne der eigenen inneren Interessen der Entwicklung und Stabilit\u00e4t getroffen werden. Hier sind die Beziehungen zum Osten eine wichtige St\u00fctze \u2013 und da bedarf es keiner weiteren Wahl.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/opinions\/2026\/7\/30\/1438866.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 30. Juli 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Timofei Bordatschjow<\/strong> ist Programmdirektor des internationalen Diskussionsclubs Waldai.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/286880-russlands-exil-im-fussball-endet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russlands Exil im Fu\u00dfball endet \u2013 aber Europa \u00fcberlebt das vielleicht nicht <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7b9l0m\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Timofei Bordatschjow Vor 40 Jahren, am 28. 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