{"id":16094,"date":"2026-08-02T13:02:20","date_gmt":"2026-08-02T11:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/der-irak-als-naechstes-standbein-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-02T13:02:20","modified_gmt":"2026-08-02T11:02:20","slug":"der-irak-als-naechstes-standbein-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/der-irak-als-naechstes-standbein-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Der Irak als n\u00e4chstes Standbein | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Warum Washington den fiskalischen Nervenstrang nicht loslassen kann<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt einen Unterschied zwischen einem Land, das man verloren hat, und einem Land, das man nie wirklich besa\u00df, aber trotzdem ausblutet. Der Irak ist der zweite Fall, und genau das macht ihn f\u00fcr Washington zu einem der gef\u00e4hrlichsten offenen Fronten der gegenw\u00e4rtigen Ordnung.<\/p>\n<p><strong>Ein besetzter Staat ohne Besatzung<\/strong><\/p>\n<p>Seit \u00fcber zwanzig Jahren funktioniert die irakische Souver\u00e4nit\u00e4t nach einem eigent\u00fcmlichen Muster: Bagdad hat eine gew\u00e4hlte Regierung, eine eigene Armee, eine eigene Verfassung \u2013 und trotzdem verl\u00e4uft der gr\u00f6\u00dfte Teil seines fiskalischen Nervenstrangs au\u00dferhalb seiner eigenen Kontrolle. Der \u00d6lertrag, der neun Zehntel der Staatseinnahmen ausmacht, wird nicht direkt vereinnahmt, sondern l\u00e4uft \u00fcber ein Dollar-Clearing-System, das seit der Besatzung 2003 institutionell verankert ist. Der Irak ist also nicht besetzt im milit\u00e4rischen Sinn des Wortes. Er ist etwas Unauff\u00e4lligeres: fiskalisch gefangen, w\u00e4hrend er sich politisch souver\u00e4n nennen darf.<\/p>\n<p>Diese Konstruktion ist kein Kollateralschaden der Besatzungsjahre, sondern ihr eigentliches Verm\u00e4chtnis. Sie erlaubt es, auf sichtbare Truppenpr\u00e4senz weitgehend zu verzichten und trotzdem die entscheidende Frage \u2013 wer \u00fcber die gr\u00f6\u00dften \u00d6leinnahmen der Region verf\u00fcgt \u2013 von au\u00dfen zu beantworten. Genau deshalb ist die Reaktion, die eine irakische Regierung im Ernstfall zeigen darf, so eng bemessen: Ein Ministerpr\u00e4sident, der sich gegen Iran positioniert, gilt als verl\u00e4sslich. Einer, der sich zu weit in die andere Richtung bewegt, riskiert innerhalb weniger Stunden seine Regierungsf\u00e4higkeit \u2013 nicht durch einen Putsch, sondern schlicht, weil der Geldfluss, von dem der Staat lebt, jederzeit gedrosselt werden kann.<\/p>\n<p><strong>Die doppelte Souver\u00e4nit\u00e4t als Symptom<\/strong><\/p>\n<p>Aus dieser Zwangslage erw\u00e4chst die eigent\u00fcmlichste Institution im heutigen Irak: die Volksmobilisierungskr\u00e4fte (PMF). Formal sind sie seit 2018\/19 per Dekret der regul\u00e4ren Kommandokette unter dem Premierminister unterstellt \u2013 kein Milizenkonstrukt, sondern integrierter Teil der Sicherheitskr\u00e4fte. Faktisch operieren sie mit einer Handlungsautonomie, die der Regierung erlaubt, Vergeltung zuzulassen, ohne offiziell daf\u00fcr geradezustehen. Das ist kein taktischer Winkelzug, sondern der einzig verf\u00fcgbare Mechanismus f\u00fcr einen Staat, der genug Souver\u00e4nit\u00e4t besitzt, um sich auf sie zu berufen, aber nicht genug, um sie ungestraft auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Diese doppelte Staatlichkeit ist eine \u00dcbergangsform. Sie existiert, solange die fiskalische Gefangenschaft nicht gebrochen ist \u2013 und sie verliert ihre Funktion in dem Moment, in dem entweder die milit\u00e4rische Durchsetzungsgarantie (die amerikanische Pr\u00e4senz, die F\u00e4higkeit, eine unbotm\u00e4\u00dfige Regierung zu destabilisieren) oder die fiskalische Bindung selbst wegf\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Warum der Irak mehr wiegt als Jemen oder Libanon<\/strong><\/p>\n<p>Der Jemen hat unter jahrelanger Blockade eine eigene Produktionskapazit\u00e4t f\u00fcr Raketen und Drohnen aufgebaut und ist inzwischen von iranischer Zulieferung weitgehend unabh\u00e4ngig. Seine Bedeutung liegt in geographischer Hebelwirkung \u00fcber eine der wichtigsten Meerengen der Welt \u2013 nicht in eigener \u00f6konomischer Substanz. Die libanesische Widerstandsbewegung ist milit\u00e4risch und politisch zentral, verf\u00fcgt aber \u00fcber keine eigene Rohstoffbasis. Beide sind, bei aller Schlagkraft, \u00f6konomisch von au\u00dfen abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Der Irak ist der einzige Akteur in diesem Feld, der auf einer der gr\u00f6\u00dften \u00d6lreserven der Welt sitzt, geographisch die Landbr\u00fccke zwischen Iran und der Levante bildet und \u00fcber das \u00f6konomische Gewicht verf\u00fcgt, ein zweites materielles Standbein neben Iran selbst zu werden \u2013 nicht nur ein weiterer bewaffneter, aber abh\u00e4ngiger Vorposten. Ein Irak, der seine \u00d6lertr\u00e4ge au\u00dferhalb des Dollar-Clearings abwickelt, w\u00fcrde nicht nur sich selbst aus der fiskalischen Gefangenschaft l\u00f6sen. Er w\u00fcrde der gesamten Konstellation, die sich zunehmend gegen die amerikanische Pr\u00e4senz in der Region formiert, zum ersten Mal einen zweiten souver\u00e4nen Kapitalstrom verschaffen \u2013 einen, der nicht an die iranische Kernwirtschaft gebunden und damit nicht allein \u00fcber Sanktionen gegen Teheran zu treffen ist. Das w\u00e4re der qualitative Sprung von einer Struktur mit einem sanktionierten Zentrum und mehreren \u00f6konomisch abh\u00e4ngigen Peripherien zu einer Struktur mit zwei eigenst\u00e4ndigen \u00f6konomischen Zentren.<\/p>\n<p>Genau das ist es, was Washington am Irak nicht verlieren darf \u2013 nicht Truppenstandorte, nicht symbolische Pr\u00e4senz, sondern die Kontrolle \u00fcber den fiskalischen Mechanismus, der verhindert, dass ein \u00f6lreicher Staat mit ausgepr\u00e4gter Eigenst\u00e4ndigkeit zu einem zweiten, unabh\u00e4ngigen Zentrum der Gegenmacht wird.<\/p>\n<p><strong>Die Gefahr eines Sieges der Hashd al-Sha&#8217;bi (PMF)<\/strong><\/p>\n<p>Was w\u00fcrde ein Sieg der PMF \u2013 verstanden nicht als einzelne Gefechte, sondern als erfolgreiche Vertreibung der amerikanischen Durchsetzungsgarantie \u2013 tats\u00e4chlich bedeuten? Zun\u00e4chst weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Milit\u00e4rische Souver\u00e4nit\u00e4t und fiskalische Souver\u00e4nit\u00e4t sind zwei getrennte Schichten. Iran selbst ist das Studienobjekt daf\u00fcr: Seit 47 Jahren ohne US-Truppen im eigenen Land, hat es trotzdem Jahrzehnte gebraucht, um sich aus der finanziellen Einhegung zu l\u00f6sen \u2013 \u00fcber Bartersysteme, Umgehungsbanken, eigene Exportnetzwerke. Ein Truppenabzug \u00f6ffnet ein Fenster. Er ersetzt nicht automatisch die Infrastruktur, \u00fcber die der \u00d6lertrag tats\u00e4chlich flie\u00dft.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Irak liegt darin die eigentliche Gefahr aus Sicht Washingtons \u2013 und gleichzeitig die eigentliche Chance f\u00fcr die Gegenseite: Sollte in diesem Fenster eine alternative Abwicklung entstehen \u2013 yuan-denominierte Vertr\u00e4ge, neue Korrespondenzbankbeziehungen mit iranischen oder chinesischen Instituten \u2013, w\u00e4re der Bruch nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Und hier kommt eine Infrastruktur ins Spiel, die bereits besteht und nicht erst aufgebaut werden m\u00fcsste: die religi\u00f6s-institutionellen Verbindungen zwischen Nadschaf und Ghom, die Wallfahrts\u00f6konomie um Kerbala, an der j\u00e4hrlich Millionen Menschen teilnehmen und die l\u00e4ngst ein informelles, staatsfernes Transfersystem tr\u00e4gt. Diese Kan\u00e4le senken die Transaktionskosten einer wirtschaftlichen Neuausrichtung erheblich \u2013 nicht weil Konfession an sich B\u00fcndnisse erzwingt, sondern weil vorhandene Kan\u00e4le eine materiell motivierte Losl\u00f6sung beschleunigen, die ohnehin in der Logik der Sache liegt.<\/p>\n<p>Aus amerikanischer Warte ist das der eigentliche Albtraum-Fall: nicht ein weiterer milit\u00e4rischer R\u00fcckschlag in einer ohnehin \u00fcberdehnten Region, sondern der Verlust des letzten gro\u00dfen fiskalischen Hebels in einem \u00f6lreichen Land \u2013 mit einer eurasischen Auffangstruktur (Iran als erster Vermittler, dar\u00fcber Zugang zu chinesischen Yuan-\u00d6lkontrakten und russisch-chinesischer Clearing-Infrastruktur), die l\u00e4ngst existiert und nur noch angeschlossen werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><strong>Die saudische Wette<\/strong><\/p>\n<p>Was den saudischen Angriff auf PMF-Stellungen in dieser Lage besonders bemerkenswert macht, ist seine Kurzsichtigkeit. Riad handelt nicht als blo\u00dfes Werkzeug Washingtons, sondern verfolgt eigene, unmittelbare Interessen: den Schutz der eigenen \u00d6linfrastruktur vor weiteren Angriffen, das Schaffen vollendeter Tatsachen vor dem Entwaffnungstermin Ende September, und den Kauf weiterer amerikanischer R\u00fcckendeckung in einem Moment, in dem genau diese R\u00fcckendeckung sichtbar br\u00fcchig wird. Das ist keine Fremdsteuerung, sondern eine Wette unter Zeitdruck \u2013 die aber genau jene Eskalationsdynamik in Gang setzt, die einen langfristig stabilen, nicht-feindseligen Irak als Nachbarn unwahrscheinlicher macht. Wer regul\u00e4re Sicherheitskr\u00e4fte eines Nachbarstaats bombardiert und sie \u00f6ffentlich zu Milizen erkl\u00e4rt, um die eigene Aktion zu legitimieren, riskiert genau die Konsolidierung einer Vergeltungslogik, die er eigentlich verhindern wollte. Ob daraus am Ende der Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Bruch wird, den Washington am meisten f\u00fcrchtet, ist offen.<\/p>\n<p>Sicher ist nur: Wenn sich die Lage nicht binnen weniger Wochen beruhigt, wird Riad f\u00fcr einen kurzfristigen Vorteil einen dauerhaft feindseligen Nachbarn eingehandelt haben \u2013 ein schlechtes Gesch\u00e4ft, wie kurzsichtig es auch begonnen wurde.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/g\/TheLightWriter?ref=apolut.net\">Sunshine Seeds<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Al Jazeera: \u201eUS and Saudi Arabia strike &#8218;Iran-aligned&#8216; groups in Iraq&#8220;, 29.07.2026<\/p>\n<p>Al Jazeera: \u201eIraqi armed groups condemn &#8218;dangerous escalation&#8216; after US-Saudi strikes&#8220;, 29.07.2026<\/p>\n<p>The Times of Israel: \u201eUS and Saudis hit back at Iraqi pro-Iran militias, as Iran renews attacks on US forces in Jordan&#8220;, 30.07.2026<\/p>\n<p>Al Arabiya English: \u201eHow the US controls Iraq&#8217;s oil revenues&#8220;, 23.01.2026 \u2013 zur Entwicklung, Funktionsweise und fortbestehenden Kontrolle des Development Fund for Iraq (DFI) bei der Federal Reserve Bank of New York<\/p>\n<p>Reuters\/U.S. News: \u201eExplainer \u2013 How the U.S. Controls Iraq&#8217;s Oil Revenues&#8220;, 23.01.2026<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Es gibt einen Unterschied zwischen einem Land, das man verloren hat, und einem Land, das man nie wirklich besa\u00df, aber trotzdem ausblutet. 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