{"id":16663,"date":"2026-08-06T14:04:26","date_gmt":"2026-08-06T12:04:26","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/der-ursprung-von-erdoel-teil-2-was-das-labor-wirklich-beweist-von-jochen-mitschka\/"},"modified":"2026-08-06T14:04:26","modified_gmt":"2026-08-06T12:04:26","slug":"der-ursprung-von-erdoel-teil-2-was-das-labor-wirklich-beweist-von-jochen-mitschka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/der-ursprung-von-erdoel-teil-2-was-das-labor-wirklich-beweist-von-jochen-mitschka\/","title":{"rendered":"Der Ursprung von Erd\u00f6l (Teil 2): Was das Labor wirklich beweist | Von Jochen Mitschka"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Die Frage dar\u00fcber, wie Erd\u00f6l entstand, spaltet die Gem\u00fcter, teilweise bis ins Extreme. Zwei Lager stehen sich gegen\u00fcber, ohne das Offensichtliche sehen zu wollen. In diesem zweiten Artikel der Serie \u00fcber die Entstehung von Kohlenwasserstoffen soll deutlich gemacht werden, dass, wie in so vielen anderen F\u00e4llen, Absolutheitsanspr\u00fcche falsch sind.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Jochen Mitschka<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/apolut.net\/woher-kommt-erdol-wirtschaftliche-interessen-hinter-bio-und-abiogenese-von-jochen-mitschka\"><u>Im ersten Teil dieser Untersuchung<\/u><\/a> haben wir die massiven wirtschaftlichen, geopolitischen und strategischen Interessen analysiert, die hinter den Kulissen der Geowissenschaften wirken. Es wurde deutlich: Die etablierte Energiewirtschaft ben\u00f6tigt das berechenbare, endliche Modell der biogenen Entstehung f\u00fcr ihre B\u00f6rsenbewertungen und zur Risikominimierung bei Explorationen. Auf der anderen Seite nutzen geopolitische Herausforderer das abiogene Narrativ, um Marktmonopole anzugreifen und das Konzept der absoluten Ressourcenknappheit infrage zu stellen.<\/p>\n<p>Wie bereits am Beispiel des skandinavischen <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Siljan_Ring?ref=apolut.net\"><u>Siljan-Ring-Projekts<\/u><\/a> dargelegt, scheitern rein abiogene Vorhersagen in der Praxis bislang an der wirtschaftlichen Realit\u00e4t und geochemischen Kontaminationen. Doch wenn man den Vorhang der \u00f6konomischen Interessen beiseitel\u00e4sst, bleibt eine rein naturwissenschaftliche Frage \u00fcbrig: Was davon l\u00e4sst sich im Labor tats\u00e4chlich beweisen? Stehen wir vor einem unvers\u00f6hnlichen Dogma, bei dem eine Seite komplett irren muss \u2013 oder erlaubt die Natur hier ein \u201e<em>Sowohl-als-auch<\/em>\u201c, das in anderen Bereichen der Chemie l\u00e4ngst allt\u00e4glich ist?<\/p>\n<p>Die biogene These im Labor: Das Rezept f\u00fcr fossiles \u00d6l<\/p>\n<p>Die etablierte Lehre besagt, dass Erd\u00f6l das Produkt von Jahrmillionen der Transformation ist. Mikroskopisch kleines marines Plankton und Algen sterben ab, sinken auf den sauerstoffarmen Grund von Urzeit-Ozeanen und vermischen sich mit feinen Sedimenten. Unter dem Ausschluss von Sauerstoff entsteht zun\u00e4chst Faulschlamm, der im Laufe der Jahrmillionen durch Absenkung in tiefere Erdschichten immer h\u00f6herem Druck und steigenden Temperaturen ausgesetzt wird.<\/p>\n<p>Kritiker in alternativen Medien bem\u00e4ngeln oft, dass ein Prozess, der per Definition Jahrmillionen dauert, im Labor nicht bewiesen werden k\u00f6nne. Das ist geochemisch jedoch unzutreffend. In der organischen Geochemie wird dieser Reifeprozess seit Jahrzehnten mittels der sogenannten \u201e<em>Hydrous Pyrolysis<\/em>\u201c (wasserunterst\u00fctzte Pyrolyse) pr\u00e4zise simuliert.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Experiment:<\/strong> In hermetisch abgedichteten Stahlreaktoren (Autoklaven) werden Proben von unreifem organischem Sedimentgestein (Kerogen) mit Wasser versetzt. Das System wird auf Temperaturen zwischen 200 \u00b0C und 350 \u00b0C erhitzt \u2013 oft \u00fcber mehrere Tage oder Wochen. Durch die erh\u00f6hte Temperatur wird der Faktor Zeit thermodynamisch komprimiert.<\/li>\n<li><strong>Das Ergebnis:<\/strong> Am Ende des Versuchs spaltet sich das feste Kerogen exakt so auf, wie es in der Natur vermutet wird. Es entsteht eine fl\u00fcssige Phase, die in ihrer molekularen Zusammensetzung, Dichte und Viskosit\u00e4t echtem, nat\u00fcrlichem Roh\u00f6l entspricht. Das Labor zeigt: Der thermische Zerfall biologischer Materie erzeugt fl\u00fcssige Kohlenwasserstoffe.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dar\u00fcber hinaus liefert die biogene Lehre einen chemischen Fingerabdruck, den sogenannten <strong>Biomarker-Nachweis<\/strong>. Roh\u00f6l enth\u00e4lt komplexe Molek\u00fcle wie <em>Sterane<\/em> (die aus den Cholesterinen von Zellw\u00e4nden stammen) und <em>Porphyrine<\/em> (die strukturell direkt vom pflanzlichen Chlorophyll oder dem H\u00e4moglobin abstammen). Diese Molek\u00fcle sind im Labor k\u00fcnstlich extrem schwer fehlerfrei anorganisch nachzubauen, da sie eine spezifische r\u00e4umliche Ausrichtung (optische Aktivit\u00e4t) aufweisen, die typisch f\u00fcr lebende Organismen ist. Bei der Hydrous Pyrolysis im Labor l\u00e4sst sich Schritt f\u00fcr Schritt beobachten, wie diese biologischen Molek\u00fcle vom Ausgangssediment fast unver\u00e4ndert in die fl\u00fcssige \u00d6lphase \u00fcbergehen.<\/p>\n<p><em>Die Gegenargumente<\/em><\/p>\n<p>Da die Hydrous Pyrolysis das st\u00e4rkste experimentelle Argument f\u00fcr die biogene Entstehung von Erd\u00f6l liefert, versuchen Skeptiker, die \u00dcbertragbarkeit dieser Laborversuche auf die reale Natur anhand von vier zentralen Argumenten zu <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/royalsocietypublishing.org\/rsta\/article-pdf\/315\/1531\/123\/279079\/rsta.1985.0033.pdf?ref=apolut.net\"><u>widerlegen<\/u><\/a>:<\/p>\n<p><strong>A. Das Temperatur-Zeit-Paradoxon (Thermodynamische Kritik)<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Argument:<\/strong> Im Labor wird das Jahrmillionen dauernde organische Reifen durch extreme Temperaturen (oft 300 \u00b0C bis 360 \u00b0C) auf wenige Tage oder Wochen komprimiert. Kritiker argumentieren, dass chemische Reaktionen bei hohen Temperaturen fundamental anders ablaufen als bei niedrigen Temperaturen \u00fcber lange <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/royalsocietypublishing.org\/rsta\/article-pdf\/315\/1531\/123\/279079\/rsta.1985.0033.pdf?ref=apolut.net\"><u>Zeitr\u00e4ume<\/u><\/a>.<\/li>\n<li><strong>Der Einwand:<\/strong> Nach dem Arrhenius-Gesetz der chemischen Kinetik f\u00fchrt eine Temperaturerh\u00f6hung zwar zu einer linearen Beschleunigung der Reaktion. Skeptiker behaupten jedoch, dass bei \u00fcber 300 \u00b0C im Labor unnat\u00fcrliche &#8222;<em>Cracking<\/em>&#8222;-Prozesse (thermisches Spalten) erzwungen werden, die es in der &#8222;<em>k\u00fchlen<\/em>&#8220; Natur (wo \u00d6l meist im &#8222;<em>\u00d6lfenster<\/em>&#8220; zwischen 60 \u00b0C und 120 \u00b0C entsteht) so gar nicht g\u00e4be. Sie sehen das Laborprodukt daher als ein k\u00fcnstlich erzeugtes Pyrolyse\u00f6l (Bio-\u00d6l) und <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YuAvgwvtJH8&amp;t=1&amp;ref=apolut.net\"><u>nicht als echtes Roh\u00f6l<\/u><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>B. Das Problem der k\u00fcnstlichen Biomarker-Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Argument:<\/strong> Wie j\u00fcngste Studien zeigen (z. B. eine geochemische Untersuchung von <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11631-026-00893-z?ref=apolut.net\"><u>Fedulov et al., Juli 2026<\/u><\/a>), ver\u00e4ndert eine wiederholte oder lang anhaltende Hydrous Pyrolysis im Labor die Zusammensetzung der biologischen Molek\u00fcle (Biomarker wie Sterane und Terpane) massiv.<\/li>\n<li><strong>Der Einwand:<\/strong> Da die Biomarker-Raten im Labor durch die Hitzeeinwirkung &#8222;<em>verzerrt<\/em>&#8220; werden und vom Zustand im echten Muttergestein abweichen, argumentieren Kritiker, dass die Methode als &#8222;<em>Beweis<\/em>&#8220; f\u00fcr eine direkte biologische Korrelation unzuverl\u00e4ssig sei. Wenn das Labor die Biomarker-Muster der Natur verf\u00e4lscht, sei die darauf aufbauende biogene Beweiskette <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11631-026-00893-z?ref=apolut.net\"><u>l\u00fcckenhaft<\/u><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>C. Fehlende geologische Rahmenbedingungen (Druck und offene Systeme)<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Argument:<\/strong> Hydrous-Pyrolysis-Experimente finden fast immer in geschlossenen Stahlbeh\u00e4ltern (Autoklaven) statt. In der realen Erde wandert das entstehende \u00d6l jedoch kontinuierlich ab (Migration).<\/li>\n<li><strong>Der Einwand:<\/strong> Studien zur Geochemie zeigen, dass der immense lithostatische Druck der Erdkruste und das Ph\u00e4nomen der Kohlenwasserstoff-Migration (ein offenes System) die Entstehung von \u00d6l stark beeinflussen, verlangsamen oder ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Da das statische Laborexperiment diese Dynamik nicht exakt abbilden kann, wird ihm von Kritikern die geologische Validit\u00e4t <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/royalsocietypublishing.org\/rsta\/article-pdf\/315\/1531\/123\/279079\/rsta.1985.0033.pdf?ref=apolut.net\"><u>abgesprochen<\/u><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>D. Die These der nachtr\u00e4glichen bakteriellen Kontamination<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Argument:<\/strong> Dieses Argument geht direkt auf Thomas Golds Idee der <em>Deep Hot Biosphere<\/em> zur\u00fcck. Er bestritt nicht, dass bei der <em>Hydrous Pyrolysis<\/em> aus organischem Kerogen \u00f6l\u00e4hnliche Substanzen entstehen. Er argumentierte jedoch, dass das organische Ausgangsmaterial (Kerogen) in Sedimenten von Natur aus bereits mit den \u00dcberresten von Tiefenbakterien durchsetzt ist, die sich von aufsteigenden <em>abiogenen<\/em> Gasen ern\u00e4hrt haben.<\/li>\n<li><strong>Der Einwand:<\/strong> Laut Gold beweist das Laborergebnis nur, dass man die darin enthaltenen Bakterienzellen &#8222;<em>kocht<\/em>&#8220; und daraus \u00d6l gewinnt. Das eigentliche Kerogen sei aber kein fossiles Plankton, sondern eine Ansammlung von Tiefenbiomasse, die durch anorganischen Kohlenstoff gef\u00fcttert wurde. Das Experiment beweise somit nur die Biologie der Mikroben, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/royalsocietypublishing.org\/rsta\/article-pdf\/315\/1531\/123\/279079\/rsta.1985.0033.pdf?ref=apolut.net\"><u>nicht aber den fossilen Ursprung des Erd\u00f6ls<\/u><\/a>. Was m\u00f6glicherweise eines der st\u00e4rksten Argumente ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Zusammenfassung der Kritik<\/strong><\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Die Gegenseite versucht nicht zu bestreiten, dass man im Labor aus biologischem Material \u00d6l erzeugen kann. Sie versucht zu beweisen, dass die Bedingungen im Labor (Siedepunkt, k\u00fcnstliche Zeitkompression, geschlossene Reaktoren) zu weit von der echten Geologie entfernt sind, um als unumst\u00f6\u00dflicher Beweis f\u00fcr die Entstehung von Billiarden Litern fl\u00fcssigen Erd\u00f6ls in der Natur zu dienen.<\/p>\n<p>Die abiogene These im Labor: Kohlenwasserstoffe aus der Ursuppe<\/p>\n<p>Die von Thomas Gold in seinem Werk <em>\u201eThe Deep Hot Biosphere\u201c<\/em> popularisierte und ma\u00dfgeblich von der russisch-ukrainischen Schule entwickelte abiogene These behauptet das Gegenteil: Kohlenwasserstoffe seien fundamentale Bausteine, die bereits bei der Entstehung der Erde im Erdmantel eingeschlossen wurden. Sie steigen kontinuierlich nach oben und lagern sich in der Erdkruste ab.<\/p>\n<p>Kann die unbelebte Natur komplexe Kohlenwasserstoffe erzeugen? Auch hier gibt das Labor eine klare Antwort: <strong>Ja, rein theoretisch ist das m\u00f6glich.<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das Experiment:<\/strong> Anorganische Geochemiker nutzen f\u00fcr diese Versuche hochmoderne <strong>Diamantstempelzellen<\/strong>. Damit lassen sich extrem kleine Materialproben Bedingungen aussetzen, wie sie im oberen Erdmantel in 100 bis 150 Kilometern Tiefe herrschen \u2013 Dr\u00fccke von mehreren Gigapascal und Temperaturen von weit \u00fcber 1.000 \u00b0C. Wegweisende Versuche der Forschergruppen um <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/231125345_Synthesis_of_hydrocarbons_under_upper_mantle_conditions_Evidence_for_the_theory_of_abiotic_deep_petroleum_origin?ref=apolut.net\"><u>Kutcherov et al. (2002)<\/u><\/a> und <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/235968214_Synthesis_of_complex_hydrocarbon_systems_at_temperatures_and_pressures_corresponding_to_the_Earth's_upper_mantle_conditions?ref=apolut.net\"><u>Kolesnikov et al. (2009)<\/u><\/a> gaben anorganische Ausgangsstoffe wie Eisenoxid (W\u00fcstit), Calciumcarbonat (Calcit) und reines Wasser in diese Zellen.<\/li>\n<li><strong>Das Ergebnis:<\/strong> Unter diesen extremen Mantelbedingungen reagieren die Komponenten. Die Kohlenstoffatome des Minerals verbinden sich mit dem Wasserstoff des Wassers. Das Ergebnis im Labor zeigt die Entstehung von Methan, Ethan, Propan und in geringen Spuren sogar schwereren Alkanketten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit ist experimentell bewiesen: Um Kohlenwasserstoffe zu erzeugen, braucht es nicht zwingend eine biologische Vorstufe. Die reine Thermodynamik des Erdmantels ist imstande, organische Molek\u00fcle aus anorganischen Steinen und Wasser zu synthetisieren.<\/p>\n<p><em>Die Grundkritik an dieser These<\/em><\/p>\n<p>Obwohl Laborexperimente die anorganische Entstehung von Kohlenwasserstoffen unter Erdmantelbedingungen belegen, fechten Geologen die geologische Relevanz und quantitative \u00dcbertragbarkeit an. <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.oekosystem-erde.de\/html\/gestein.html?ref=apolut.net\"><u>Die Kritik fokussiert sich<\/u><\/a> auf die Unm\u00f6glichkeit, gigantische \u00d6lmengen zu erzeugen, die Nutzung biologisch entstandener Karbonate als Ausgangsmaterial, das Fehlen von \u00d6l in Mantelgesteinsproben und den Vergleich von Methan mit komplexem Erd\u00f6l.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen der Dualit\u00e4t: Ein Blick \u00fcber den Tellerrand der Chemie<\/p>\n<p>Dass ein und derselbe Stoff sowohl biologisch als auch rein anorganisch entstehen kann, ist in der Naturwissenschaft keineswegs eine Sensation, sondern ein Standardph\u00e4nomen. Die Natur nutzt oft mehrere Wege, um zu denselben chemischen Endprodukten zu gelangen. Ein Vergleich mit anderen Stoffen verdeutlicht dies:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Methan:<\/strong> Entsteht biogen durch F\u00e4ulnisprozesse oder den mikrobiellen Abbau in S\u00fcmpfen. Abiogen entsteht es durch die sogenannte Serpentinisierung \u2013 eine chemische Reaktion von Meerwasser mit Mantelgestein, wie sie eindrucksvoll am unterseeischen Hydrothermalfeld <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lost_City_Hydrothermal_Field?ref=apolut.net\"><u>Lost City Field<\/u><\/a> im Atlantik nachgewiesen wurde. Auch die gigantischen Methanseen auf dem Saturnmond Titan sind zweifellos abiotischen Ursprungs.<\/li>\n<li><strong>Kohlendioxid:<\/strong> Entsteht biogen durch die Zellatmung von Mensch und Tier sowie die Verbrennung von Biomasse. Abiogen wird es durch vulkanische Ausgasungen aus dem Erdmantel oder die thermische Zersetzung von Karbonatgestein durch Magma freigesetzt.<\/li>\n<li><strong>Kohlenwasserstoff-Ketten (Synthetische Kraftstoffe):<\/strong> Die Industrie kopiert diese Dualit\u00e4t seit fast einem Jahrhundert. Bei der 1925 entwickelten <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fischer-Tropsch-Synthese?ref=apolut.net\"><u>Fischer-Tropsch-Synthese<\/u><\/a> reagieren Kohlenmonoxid und Wasserstoff an anorganischen Katalysatoren (wie Eisen oder Kobalt) zu fl\u00fcssigen Kraftstoffen, die in ihrer Struktur fossilem Diesel oder Benzin gleichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wasserstoff und Aminos\u00e4uren sind weitere Beispiele f\u00fcr eine duale Entstehung. Wenn also Gase, Gesteine und k\u00fcnstliche Treibstoffe \u00fcber beide Pfade entstehen k\u00f6nnen, warum sollte dies bei den komplexen Stoffgemischen des Erd\u00f6ls anders sein? Wissenschaftlich gesehen spricht absolut nichts gegen eine Koexistenz beider Entstehungsprozesse. Die Natur betreibt keine Ideologie; sie folgt schlicht den Gesetzen der Thermodynamik.<\/p>\n<p>Der Praxistest im Feld: Warum die Praxis der Geologie hinkt<\/p>\n<p>Obwohl das Labor die chemische Machbarkeit beider Theorien untermauert, klafft in der Praxis eine gewaltige L\u00fccke. Wie im ersten Artikel am historischen Fehlschlag des schwedischen Siljan-Ring-Projekts aufgezeigt, liefert die abiogene Theorie bisher keine wirtschaftlich erschlie\u00dfbaren Mengen. Doch wie reagieren Bef\u00fcrworter der Erdmantel-These auf diesen Befund?<\/p>\n<p><strong>Das Argument der russischen Schule und die Migrationslehre<\/strong><\/p>\n<p>Vertreter der abiogenen Hypothese verweisen h\u00e4ufig auf osteurop\u00e4ische Berichte, wonach im Dnjepr-Donez-Becken oder in der russischen Teilrepublik Tatarstan Bohrungen direkt im kristallinen Grundgebirge (Granit) erfolgreich \u00d6l zutage f\u00f6rderten. Sie argumentieren, dass diese Funde den kontinuierlichen Aufstrom aus dem Erdmantel beweisen.<\/p>\n<p>Die moderne Erd\u00f6lgeologie widerspricht dieser Interpretation nicht bez\u00fcglich des Fundortes, wohl aber bez\u00fcglich der Ursache. In der Geologie ist das Ph\u00e4nomen der <strong>lateralen und vertikalen Migration<\/strong> im Detail erforscht:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00d6l ist spezifisch leichter als Wasser und steht in tiefen Schichten unter massivem Druck.<\/li>\n<li>\u00dcber Jahrmillionen wandert generiertes \u00d6l entlang von tektonischen Rissen, Verwerfungen und Spalten kilometerweit in jede verf\u00fcgbare Richtung.<\/li>\n<li>Liegt ein extrem por\u00f6ses oder durch Risse aufgebrochenes Granitgestein direkt unter oder neben einem klassischen, biogenen Sedimentbecken, wird das fl\u00fcssige \u00d6l regelrecht in diese Gesteinsrisse hineingepresst.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die erfolgreichen russischen Bohrungen wurden allesamt mit herk\u00f6mmlichen seismischen Explorationsmethoden durchgef\u00fchrt, die nach geologischen Barrieren und Fallen Ausschau hielten \u2013 also exakt jenen Werkzeugen, die auf der biogenen Migrations- und Sedimentlehre basieren. Das Auffinden von \u00d6l im Urgestein ist somit kein zwingender Beleg f\u00fcr dessen dortige Entstehung.<\/p>\n<p><strong>Was wir in Teil 3 noch beleuchten m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p>Das Auffinden von \u00d6l im kristallinen Urgestein beweist demnach zun\u00e4chst nur, dass an dieser Stelle die richtige geologische Struktur vorhanden ist \u2013 nicht, woher die Fl\u00fcssigkeit urspr\u00fcnglich stammt. Damit ist die Debatte allerdings noch lange nicht entschieden: Im dritten und letzten Teil dieser Serie geht es um Thomas Golds provokante Antwort auf das Biomarker-Problem, um die Frage, ob die immer wiederkehrende Deckungsgleichheit beider Theorien am Ende nur Zufall sein kann \u2013 und um das Fazit der gesamten wissenschaftlichen Debatte.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: gro\u00dfe Erd\u00f6lraffinerie plus Lagertanks<br \/>Bildquelle: Strikernia \/ shutterstock<\/p>\n<p><!--kg-card-begin: html--><br \/>\n<img data-opt-id=1437380035  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/7425d444ecd740aeb18f30f5a4aab2cb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"Der Ursprung von Erd\u00f6l (Teil 2): Was das Labor wirklich beweist | Von Jochen Mitschka\"><br \/>\n<!--kg-card-end: html--><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage dar\u00fcber, wie Erd\u00f6l entstand, spaltet die Gem\u00fcter, teilweise bis ins Extreme. 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