{"id":16910,"date":"2026-08-08T09:02:18","date_gmt":"2026-08-08T07:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/die-falle-der-spaltung-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-08T09:02:18","modified_gmt":"2026-08-08T07:02:18","slug":"die-falle-der-spaltung-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/die-falle-der-spaltung-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Die Falle der Spaltung | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Warum der Versuch, das Absolute zu besitzen, in die Gewalt f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>1. Die Sehnsucht nach dem Absoluten \u2013 und ihre gef\u00e4hrlichste Verkleidung<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Denkfigur, die in spirituellen, esoterischen und manchmal auch philosophischen Texten immer wieder auftaucht. Sie beginnt mit einer scheinbar dem\u00fctigen Einsicht: Die absolute Wirklichkeit \u2013 jenseits von Raum und Zeit, jenseits aller Begrenzung \u2013 entziehe sich der objektiven Beweisbarkeit. Sie sei nur subjektiv erfahrbar, nur in der Tiefe des eigenen Bewusstseins.<\/p>\n<p>Bis hierhin ist das eine nachvollziehbare, ja traditionsreiche Position, die sich bei Mystikern aller Kulturen findet.<\/p>\n<p>Doch dann vollzieht diese Denkfigur einen entscheidenden, meist unbemerkten Schritt. Aus der Subjektivit\u00e4t des Zugangs wird die Behauptung einer objektiven Struktur des Absoluten. Nun hei\u00dft es pl\u00f6tzlich: Die absolute Wirklichkeit sei individuell, sie besitze einen freien Willen, sie sei von Liebe durchdrungen, sie habe eine pers\u00f6nliche Beziehung zu uns, und wir alle seien Funken dieses einen absoluten Bewusstseins.<\/p>\n<p>Dieser Schritt ist nicht nur vorschnell \u2013 er ist ein logischer Fehler. Und ein gef\u00e4hrlicher dazu.<\/p>\n<p><strong>2. Der Kategorienfehler: Wenn die Ewigkeit zur Pers\u00f6nlichkeit wird<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Fehler liegt in der stillschweigenden Gleichsetzung von Zeitlosigkeit mit Vollkommenheit aller Eigenschaften. Die Argumentation verl\u00e4uft etwa so:<\/p>\n<ol>\n<li>Die absolute Ebene ist zeitlos und unbegrenzt.<\/li>\n<li>In unserer relativen Welt gibt es Eigenschaften wie Individualit\u00e4t, Freiheit und Liebe.<\/li>\n<li>Da die absolute Ebene alle Eigenschaften in vollkommenem Ma\u00df enthalten muss, muss sie selbst individuell, frei und liebend sein.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das klingt schl\u00fcssig \u2013 aber es ist ein Trugschluss. Aus der Zeitlosigkeit eines Prinzips folgt nicht, dass es alle Eigenschaften seiner Teile in gesteigerter Form besitzt. Ein mathematischer Satz ist zeitlos \u2013 aber er liebt nicht. Ein physikalisches Gesetz ist unver\u00e4nderlich \u2013 aber es hat keinen freien Willen. Die Eigenschaften Pers\u00f6nlichkeit, Wille und Liebe sind an Erfahrungswesen gebunden, die in der Zeit leben, die Bed\u00fcrfnisse haben, die Beziehungen eingehen.<\/p>\n<p>Hier wird also heimlich eine anthropomorphe Vorstellung in das Absolute eingeschmuggelt. Das Absolute wird nach dem Bild des menschlichen Ichs modelliert \u2013 und dann wird dieses Bild f\u00fcr die Wirklichkeit selbst ausgegeben. Das ist keine Erkenntnis mehr. Es ist die Projektion der eigenen Sehnsucht auf den leeren Himmel des Absoluten. Was als dem\u00fctige Subjektivit\u00e4t begann, endet in der Behauptung, die Struktur des Ganzen zu kennen.<\/p>\n<p><strong>3. Der Widerspruch zur eigenen Pr\u00e4misse: Wenn Subjektivit\u00e4t zur Allmachtsfantasie wird<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Fehler ist noch schwerwiegender, weil er die eigene Pr\u00e4misse untergr\u00e4bt. Die Denkfigur beginnt mit dem Satz: \u201eDer Zugang zur absoluten Ebene entzieht sich objektiver Beweisbarkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist eine erkenntnistheoretische Bescheidenheit. Sie sagt: Wir k\u00f6nnen \u00fcber das Absolute keine allgemeing\u00fcltigen Aussagen machen, weil es uns nicht als Objekt gegeben ist.<\/p>\n<p>Doch dann, auf den n\u00e4chsten Seiten, geschieht das Gegenteil. Nun werden mit gro\u00dfer Geste kategorische Aussagen \u00fcber die absolute Ebene getroffen: dass sie individuell ist, dass sie einen Willen hat, dass sie Liebe ist, dass wir uns entschieden haben, in diese Welt einzutreten, dass es \u201efortgeschrittene Seelen&#8220; gibt, die den Weg weisen.<\/p>\n<p>Wenn der Zugang zur absoluten Ebene prinzipiell subjektiv und unbeweisbar ist, dann ist keine dieser Aussagen erlaubt. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als menschliche Gedankenkonstrukte \u2013 aber sie werden als Offenbarung, als Einsicht, als Wissen verkauft. Der Autor dieser Denkfigur beansprucht eine Autorit\u00e4t, die er sich durch seine eigene Pr\u00e4misse verboten hat. Er redet, als h\u00e4tte er einen Reisef\u00fchrer f\u00fcr das Jenseits gelesen. Das ist nicht Demut \u2013 es ist intellektuelle Hybris.<\/p>\n<p><strong>4. Die politische Pointe: Warum die Spaltung von Geist und Materie ein Machtspiel ist<\/strong><\/p>\n<p>Damit ist der dritte Fehler erreicht \u2013 und er ist der entscheidende, weil er aus der Philosophie in die Politik f\u00fchrt. Die Spaltung von Geist und Materie ist nicht nur ein erkenntnistheoretischer Irrtum. Sie ist ein Herrschaftsinstrument \u2013 und das l\u00e4sst sich nicht nur behaupten, sondern zeigen.<\/p>\n<p>Sobald ich die Wirklichkeit in zwei feindliche Lager teile \u2013 hier die \u201eh\u00f6here&#8220; absolute Seele, dort die \u201eniedere&#8220;, \u201eillusorische&#8220; oder \u201erelative&#8220; Materie \u2013 habe ich eine Rangordnung etabliert. Und Rangordnungen sind immer auch Machtordnungen, sobald jemand dar\u00fcber entscheidet, wer auf welcher Seite der Rangordnung steht.<\/p>\n<p>Diese Funktion ist keine blo\u00dfe M\u00f6glichkeit, sondern historisch gut dokumentiert. Die mittelalterliche Kirche legitimierte weltliche Herrschaft, Zehntabgaben und den Ablasshandel mit genau dieser Hierarchie von unverg\u00e4nglicher Seele und verg\u00e4nglichem, s\u00fcndigem Fleisch. Die europ\u00e4ische Kolonialmission rechtfertigte Landraub und Zwangsarbeit mit dem Auftrag, \u201eunwissende&#8220;, \u201egottlose&#8220; V\u00f6lker zur h\u00f6heren Wahrheit zu f\u00fchren \u2013 die materielle Enteignung wurde durch die behauptete geistige \u00dcberlegenheit gedeckt. Und auch die moderne spirituelle \u00d6konomie ist keine Ausnahme: Wo \u201efortgeschrittene Seelen&#8220; den einzigen Zugang zur absoluten Erkenntnis verwalten, entstehen reale Abh\u00e4ngigkeits- und Spendenstrukturen, reale Hierarchien von Eingeweihten und Novizen, reale materielle Vorteile f\u00fcr die, die an der Spitze dieser Rangordnung stehen. Die Behauptung, im Besitz der einzig g\u00fcltigen Landkarte des Jenseits zu sein, ist selten folgenlos f\u00fcr die Verteilung diesseitiger Ressourcen.<\/p>\n<p>Der Mechanismus ist dabei immer derselbe, nur die Akteure wechseln:<\/p>\n<ul>\n<li>Wer die Welt f\u00fcr \u201eillusorisch&#8220; erkl\u00e4rt, muss keine Verantwortung mehr f\u00fcr Hunger, Kriege und Umweltzerst\u00f6rung \u00fcbernehmen. Das ist ja nur \u201erelativ&#8220;.<\/li>\n<li>Wer die Materie f\u00fcr eine \u201eProjektion der Unwissenden&#8220; h\u00e4lt, kann den konkreten Schmerz anderer Menschen als nebens\u00e4chlich abtun.<\/li>\n<li>Wer das Absolute als \u201eindividuell&#8220; und \u201eliebend&#8220; definiert, aber den Zugang nur \u00fcber \u201efortgeschrittene Seelen&#8220; erm\u00f6glicht, hat eine neue Priesterschaft etabliert \u2013 mit allen Mechanismen der Exklusion, der Abh\u00e4ngigkeit und, nicht selten, der Finanzierung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Divide et impera \u2013 teile und herrsche. Die Moral liefert die Rechtfertigung f\u00fcr die Teilung. Die Spiritualit\u00e4t verleiht ihr den g\u00f6ttlichen Segen. Und am Ende dieser Kette steht fast immer eine sehr diesseitige Frage: Wer entscheidet, wer erleuchtet und wer unwissend ist \u2013 und wer profitiert davon, dass diese Entscheidung getroffen wird? Wer die Welt in Geist und Materie, in absolut und relativ, in erleuchtet und unwissend spaltet, schafft nicht Frieden \u2013 er schafft Fronten, und an diesen Fronten stehen selten zuf\u00e4llig verteilte Gewinner und Verlierer.<\/p>\n<p><strong>5. Die Alternative: Weder Geist noch Materie \u2013 sondern beides als untrennbarer Prozess<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine dritte M\u00f6glichkeit \u2013 und sie ist nicht der Kompromiss zwischen zwei Extremen, sondern die \u00dcberwindung der Spaltung selbst.<\/p>\n<p>Weder der materialistische Reduktionismus (nur Materie ist real) noch der spiritualistische Reduktionismus (nur Geist ist real) halten, was sie versprechen. Beide teilen die Wirklichkeit in zwei H\u00e4lften und erkl\u00e4ren dann eine H\u00e4lfte f\u00fcr die \u201ewahre&#8220; \u2013 mit allen Konsequenzen, die wir gesehen haben.<\/p>\n<p>Die dritte M\u00f6glichkeit lautet: Geist und Materie sind zwei Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen. So sah es Spinoza: Es gibt nur eine Substanz, die sich unter dem Attribut der Ausdehnung als Materie zeigt und unter dem Attribut des Denkens als Geist \u2013 eine Substanz \u00fcbrigens, der er selbst ausdr\u00fccklich jede Pers\u00f6nlichkeit, jeden individuellen Willen abspricht. Genau das unterscheidet Spinozas Monismus von der Denkfigur aus Abschnitt 2: Er \u00fcberwindet die Spaltung, ohne sie durch ein neues anthropomorphes Absolutes zu ersetzen.<\/p>\n<p>Eine verwandte Spur findet sich, mit anderem Vokabular, auch bei dem Physiker David Bohm, der in seinen sp\u00e4ten, explizit philosophischen Schriften festhielt: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs gibt einen universellen Fluss, der sich nicht explizit fassen, sondern nur implizit erkennen l\u00e4sst \u2026 In diesem Flie\u00dfen sind Geist und Materie keine voneinander getrennten Substanzen, sondern vielmehr Aspekte einer einzigen und bruchlosen Bewegung.&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>Auch hier gilt: Das ist keine physikalische Beweisf\u00fchrung, sondern Bohms eigene, in der Physik bis heute umstrittene Deutung \u2013 aber sie zeigt, dass die \u00dcberwindung der Spaltung kein exklusiv \u00f6stliches oder metaphysisches Motiv ist, sondern auch aus einer n\u00fcchternen, unpers\u00f6nlichen Naturbeschreibung heraus gedacht werden kann.<\/p>\n<p>Der Buddhismus kennt eine \u00e4hnliche Einsicht: Die Welt ist nicht \u201eillusorisch&#8220; im Sinne von nicht-existent. Sie ist Sunyata \u2013 durchsichtig, leer von eigenst\u00e4ndigem Wesen, aber gerade dadurch offen f\u00fcr Verbindung, f\u00fcr Prozess, f\u00fcr Beziehung. Die Welle ist nicht vom Ozean getrennt \u2013 aber sie ist auch nicht der Ozean. Sie ist der Ozean in Bewegung.<\/p>\n<p>Wer diese Einsicht ernst nimmt, kann die Welt nicht mehr verachten. Er kann sie nicht mehr als blo\u00dfe Projektion abtun. Er sieht: Die Welt ist wirklich \u2013 wirklich genug, dass wir Verantwortung f\u00fcr sie tragen. Und sie ist prozesshaft \u2013 prozesshaft genug, dass wir sie nicht besitzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>6. Schluss: Gegen jeden Besitzanspruch auf die Wahrheit<\/strong><\/p>\n<p>Die tiefste Gefahr der beschriebenen Denkfigur liegt nicht in ihren einzelnen Fehlschl\u00fcssen. Sie liegt in ihrem Anspruch: Sie beansprucht, das Absolute zu besitzen.<\/p>\n<p>Wer glaubt, die absolute Wahrheit zu haben, hat sie bereits verloren. Denn er hat sie in ein Objekt verwandelt, \u00fcber das er verf\u00fcgen kann \u2013 und \u00fcber das er dann auch andere verf\u00fcgen lassen kann. Wer die absolute Wahrheit besitzt, besitzt auch die Macht, sie anderen vorzuenthalten, sie zu verwalten, sie zu bewachen.<\/p>\n<p>Die wahre Weisheit ist bescheidener. Sie sagt nicht: \u201eIch habe die Wahrheit.&#8220; Sie sagt: \u201eDie Wahrheit hat mich \u2013 wenn ich still genug bin, um sie zu empfangen.&#8220;<\/p>\n<p>Krishnamurti hat daf\u00fcr eine Formel gefunden, die so schmucklos ist wie unbestechlich: \u201eInspiration erscheint, wenn der Geist still wird.&#8220; Nicht: wenn der Geist mehr wei\u00df. Nicht: wenn er die richtige Theorie gefunden hat. Sondern: wenn er aufh\u00f6rt, ununterbrochen zu urteilen, zu kategorisieren, zu beanspruchen.<\/p>\n<p>Dann zeigt sich, was sich nicht besitzen l\u00e4sst. Dann zeigt sich, dass die Spaltung von Geist und Materie nicht die letzte Wahrheit ist \u2013 sondern der erste Fehler, den wir korrigieren m\u00fcssen, wenn wir aufh\u00f6ren wollen, uns und andere zu beherrschen.<\/p>\n<p>Die Alternative ist nicht der Besitz einer neuen Wahrheit. Es ist die Bereitschaft, immer wieder aufs Neue in jene Stille einzutreten, in der die Spaltung von Geist und Materie, von absolut und relativ, von gut und b\u00f6se gegenstandslos wird \u2013 nicht weil sie verschwindet, sondern weil sie ihren Herrschaftsanspruch verliert.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Welle in Gestalt des Yin-Yang-Symbols<br \/>Bildquelle: Munimara \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Warum der Versuch, das Absolute zu besitzen, in die Gewalt f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>1. Die Sehnsucht nach dem Absoluten \u2013 und ihre gef\u00e4hrlichste Verkleidung<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Denkfigur, die in spirituellen, esoterischen und manchmal auch philosophischen Texten immer wieder auftaucht. 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