{"id":16962,"date":"2026-08-08T17:03:04","date_gmt":"2026-08-08T15:03:04","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/drei-islamische-staaten-haben-die-hoffnung-auf-die-usa-aufgegeben\/"},"modified":"2026-08-08T17:03:04","modified_gmt":"2026-08-08T15:03:04","slug":"drei-islamische-staaten-haben-die-hoffnung-auf-die-usa-aufgegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/drei-islamische-staaten-haben-die-hoffnung-auf-die-usa-aufgegeben\/","title":{"rendered":"Drei islamische Staaten haben die Hoffnung auf die USA aufgegeben"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Geworg Mirsajan<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Islamische NATO&#8220; \u2013 genau so wird derzeit der trilaterale t\u00fcrkisch-saudisch-pakistanische Verteidigungspakt bezeichnet, der \u00fcber viele Monate hinweg ausgearbeitet und schlie\u00dflich am 7.\u00a0August in der f\u00fcr alle Muslime heiligen Stadt Mekka unterzeichnet wurde. Von nun an gilt ein bewaffneter Angriff auf eine der Parteien als Angriff auf alle drei L\u00e4nder des B\u00fcndnisses.<\/p>\n<p>Es scheint sich tats\u00e4chlich um ein m\u00e4chtiges B\u00fcndnis zu handeln. Tats\u00e4chlich setzt das B\u00fcndnis auf die Synergie aus saudischen Finanzmitteln und Energieressourcen, der t\u00fcrkischen R\u00fcstungsindustrie und Armee sowie der pakistanischen Streitkr\u00e4fte und der \u00fcber Islamabad verf\u00fcgbaren Atomwaffen. Hinsichtlich ihres wirtschaftlichen, milit\u00e4rischen und politischen Potenzials steht sie nur dem Nordatlantikb\u00fcndnis nach.<\/p>\n<p>Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass von keiner &#8222;islamischen NATO&#8220; und \u00fcberhaupt keinem potenziell m\u00e4chtigen milit\u00e4risch-politischen B\u00fcndnis die Rede ist. Man sollte die neue Allianz nicht untersch\u00e4tzen\u00a0\u2013 aber auch nicht \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst sollte man ihm nicht den Begriff &#8222;islamisch&#8220; hinzuf\u00fcgen. Zwar handelt es sich um drei muslimische L\u00e4nder, doch erhebt der Block keinen Anspruch auf einen panislamischen Charakter (ebenso wenig, wie die NATO vor dem Beitritt der T\u00fcrkei den Anspruch auf einen panchristlichen Zusammenschluss erhob). Das B\u00fcndnis ist nicht einmal ein zentraler muslimischer Akteur im Sicherheitsbereich, da mindestens eine f\u00fchrende Kraft der muslimischen Welt\u00a0\u2013 Iran\u00a0\u2013 nicht darin vertreten ist. Die Zeitung <em>Jerusalem Post<\/em> bemerkt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die muslimische Gemeinschaft bewegt sich auf eine st\u00e4rker fragmentierte, auf Eigeninteressen basierende und multipolare Ordnung zu, in der nationale Kalk\u00fcle stets Vorrang vor religi\u00f6ser Solidarit\u00e4t haben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Zweitens sollte man dies auch nicht als &#8222;NATO&#8220; bezeichnen. Zumindest nicht unter dem Gesichtspunkt der Prinzipien der kollektiven Verteidigung. Zwar gibt es dort den Grundsatz &#8222;Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle&#8220;, doch haben die Parteien ihre Bereitschaft,\u00a0einander zu verteidigen, noch nie in der Praxis unter Beweis gestellt. Eher im Gegenteil.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass Pakistan bereits in so einen Krieg h\u00e4tte eintreten m\u00fcssen und zwar am 17.\u00a0September 2025. Denn ein halbes Jahr vor den iranischen Angriffen auf saudische Ziele hatte es bereits ein Abkommen \u00fcber strategische gegenseitige Verteidigung mit Riad unterzeichnet. Dieses f\u00fchrte jedoch weder zu pakistanischen Angriffen auf Iran noch beispielsweise auf die jemenitischen Huthi. Der Politologe und Experte f\u00fcr internationale Beziehungen Kirill Semenow sagt der Zeitung <em>Wsgljad<\/em>:<\/p>\n<p><em>&#8222;Pakistan versuchte im Gegenteil mit allen Mitteln, Iran und Saudi-Arabien zu vers\u00f6hnen, und war der wichtigste Friedensstifter in diesem gesamten Krieg.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das Abkommen f\u00fchrte auch nicht zu saudischen Angriffen auf die afghanischen Taliban, deren Truppen Angriffe auf pakistanische Ziele ver\u00fcbten.<\/p>\n<p>Keine der Seiten will an einer f\u00fcr sie fremden Front k\u00e4mpfen. Die Saudis und auch die T\u00fcrken haben in Afghanistan nichts zu suchen, und die Pakistaner nichts im Jemen. Und dabei ist der T\u00fcrkei-NATO-Aspekt noch gar nicht ber\u00fccksichtigt\u00a0\u2013 ein Kriegseintritt Ankaras auf der Seite Saudi-Arabiens oder Pakistans w\u00fcrde das Land zur Zielscheibe feindlicher Angriffe machen, was von Ankara als Ausl\u00f6sung von Artikel\u00a05 der NATO-Satzung und als Grundlage f\u00fcr einen Kriegseintritt westlicher L\u00e4nder interpretiert werden k\u00f6nnte. Diese haben jedoch nicht die Absicht, in den Krieg zu ziehen, nur weil irgendwo jemand zum Beispiel Pakistan angegriffen hat.<\/p>\n<p>Auch strukturell gesehen ist es keine NATO. Das nordatlantische B\u00fcndnis verf\u00fcgt \u00fcber eine klare F\u00fchrungsstruktur, an deren Spitze die USA stehen, um die sich der gesamte Westen geschart hat. Im Nahen Osten ist so etwas unm\u00f6glich. Die <em>Jerusalem Post<\/em> schreibt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Der Hauptgrund f\u00fcr das Scheitern einer islamischen NATO liegt in der Uneinigkeit dar\u00fcber, wer die F\u00fchrung in der muslimischen Welt \u00fcbernehmen soll.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei, Saudi-Arabien und teilweise auch Pakistan haben nicht nur keine einheitliche Sichtweise in dieser Frage\u00a0\u2013 sie sind im Grunde genommen Konkurrenten im Kampf um die F\u00fchrungsrolle in der islamischen Welt.<\/p>\n<p>Um dem Gegner einen &#8222;freundschaftlichen&#8220; Strich durch die Rechnung zu machen, griffen einige dieser L\u00e4nder zu \u00e4u\u00dferst harten Ma\u00dfnahmen. Man denke nur an die Beteiligung Ankaras an der Aufbauschung des Falls &#8222;Khashoggi&#8220;, der dem Ruf des De-facto-Herrschers Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman schweren Schaden zugef\u00fcgt hat.<\/p>\n<p>Ja, ein B\u00fcndnis muss nicht unbedingt um einen Anf\u00fchrer herum aufgebaut werden\u00a0\u2013 es kann auch horizontale Verbindungen geben. Und zwar sogar zwischen Konkurrenten. Semenow meint:<\/p>\n<p><em>&#8222;Es ist kein Pendant zur NATO. Es ist ein B\u00fcndnis gleichberechtigter Staaten, in dem es keinen dominierenden Akteur gibt. Es erinnert eher an die Koalitionen zur Zeit des Ersten Weltkriegs\u00a0\u2013 eine Art Entente.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Entente war in der Tat ein horizontales B\u00fcndnis, das L\u00e4nder vereinte, die untereinander nicht besonders befreundet waren (Gro\u00dfbritannien stand sogar sowohl mit Frankreich als auch mit Russland kurz vor einem Krieg). Doch der Zusammenschluss erfolgte ausschlie\u00dflich aufgrund einer weitaus ernsteren und zugleich gemeinsamen Bedrohung\u00a0\u2013 des Deutschen Kaiserreiches, das rasch an Macht gewann.<\/p>\n<p>Die Frage ist: Wer stellt hier eine Bedrohung, genauer gesagt, eine gemeinsame Bedrohung dar? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen\u00a0\u2013 Iran. Teheran verh\u00e4lt sich nach Ansicht einiger Experten bei der Abwehr US-amerikanischer Angriffe zu aggressiv. So aggressiv, dass es einseitig beabsichtigt, \u00fcberh\u00f6hte Geb\u00fchren f\u00fcr die Durchfahrt von Schiffen durch die Stra\u00dfe von Hormus zu erheben (f\u00fcnf Prozent des Warenwerts\u00a0\u2013 das sind kolossale Summen!).<\/p>\n<p>F\u00fcr die T\u00fcrkei hingegen ist Iran ein Partner. Zumindest in Sicherheitsfragen\u00a0\u2013 sollte die Macht in Teheran ins Wanken geraten, g\u00e4be es niemanden mehr, der die iranischen Kurden unter Kontrolle h\u00e4lt. Deshalb f\u00e4llt es den T\u00fcrken leichter, sich mit Teheran zu einigen. Die Pakistaner wiederum m\u00fcssen sich zwangsl\u00e4ufig mit Iran einigen. Schon allein deshalb, weil Islamabads wichtigster milit\u00e4risch-politischer Partner\u00a0\u2013 Peking\u00a0\u2013 in Iran sehr viele Interessen hat.<\/p>\n<p>Vielleicht ist Israel der gemeinsame Feind? Tel Aviv verh\u00e4lt sich in den letzten Monaten tats\u00e4chlich \u00e4u\u00dferst aggressiv. Unter anderem auch in Syrien, dessen Territorium die T\u00fcrken als ihren ausschlie\u00dflichen Einflussbereich betrachten. Das Problem ist jedoch, dass zum einen Israel \u00fcber Atomwaffen verf\u00fcgt und zum anderen selbst die Saudis keinen Grund sehen, f\u00fcr syrische K\u00e4mpfer gegen die Israelis in den Krieg zu ziehen. Riad braucht Tel Aviv, um Iran in Schach zu halten.<\/p>\n<p>Daher gibt es hier keinen gemeinsamen gro\u00dfen Feind. Es gibt jedoch eine ganze Reihe regionaler Bedrohungen (wie die Huthi oder irakische Milizen), die Probleme f\u00fcr zwei oder sogar alle drei Mitglieder des B\u00fcndnisses verursachen. Dies gilt umso mehr, als der wichtigste Garant f\u00fcr Sicherheit im Nahen Osten\u00a0\u2013 die USA\u00a0\u2013 zunehmend unzuverl\u00e4ssig wird.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten waren nicht in der Lage, die Sicherheit der Schifffahrt im Persischen Golf sowie im Roten Meer zu gew\u00e4hrleisten. Die USA konnten keine f\u00fcr alle Beteiligten sichere L\u00f6sung (sei sie diplomatischer oder milit\u00e4rischer Natur) f\u00fcr die Probleme mit Iran finden. Washington ist nicht in der Lage, seinen \u00fcberm\u00fctigen Verb\u00fcndeten\u00a0\u2013 Israel\u00a0\u2013 in die Schranken zu weisen. Au\u00dferdem sind die US-Amerikaner nicht einmal in der Lage, mit regionalen nichtstaatlichen Akteuren\u00a0\u2013 den Huthi, irakischen Milizen und anderen\u00a0\u2013 fertigzuwerden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind die USA\u00a0\u2013 einst Verb\u00fcndete aller drei Koalitionsl\u00e4nder\u00a0\u2013 dies nun nicht mehr. Washington hat seine Beziehungen zu Pakistan\u00a0\u2013 einst eine St\u00fctze der USA in S\u00fcdasien\u00a0\u2013 faktisch gegen Versuche eingetauscht, eine Zusammenarbeit mit Indien aufzubauen.<\/p>\n<p>Das Wei\u00dfe Haus hat die T\u00fcrken daran gehindert, ihre Angelegenheiten in Syrien selbst zu regeln, und zudem die Fortsetzung der milit\u00e4risch-technischen Zusammenarbeit (in die Ankara gro\u00dfe Summen investiert hat) davon abh\u00e4ngig gemacht, ob die T\u00fcrkei bereit ist, ihre Souver\u00e4nit\u00e4t aufzugeben\u00a0\u2013 beispielsweise im Hinblick auf das Recht auf Beziehungen zu Russland. Schlie\u00dflich lie\u00dfen die US-Amerikaner, die versprochen hatten, Saudi-Arabien vor Iran zu sch\u00fctzen, das Land einfach seinem Schicksal \u00fcberlassen und zogen ihre Luftabwehrsysteme ab, um ihre eigenen St\u00fctzpunkte zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Daher ist die &#8222;islamische NATO&#8220; im Grunde genommen nur ein Versuch der f\u00fchrenden Regionalm\u00e4chte, die Probleme ihrer Region aus eigener Kraft zu l\u00f6sen. Abdulaziz Sager, Vorsitzender des saudischen Forschungszentrums Gulf Research Center, erkl\u00e4rt den Sinn des B\u00fcndnisses wie folgt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die drei einflussreichsten Staaten der muslimischen Welt schlie\u00dfen sich in einer Zeit erh\u00f6hter Unsicherheit zusammen, was die wachsende Bereitschaft regionaler und mittlerer M\u00e4chte zu einer engeren Koordinierung in Sicherheitsfragen verdeutlicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Und Moskau kommt das voll und ganz entgegen. Semenow hebt hervor:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wenn man dieses B\u00fcndnis als Versuch betrachtet, die USA in der Region zu ersetzen, dann ist es f\u00fcr uns von Vorteil. Russland setzt sich daf\u00fcr ein, dass die Sicherheit im Nahen Osten gerade von den regionalen M\u00e4chten und nicht von den USA gew\u00e4hrleistet wird. Zudem ist der Pakt ein Baustein beim Aufbau einer multipolaren Welt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Je mehr solcher Bausteine es gibt und je erfolgreicher sie ihre\u00a0\u2013 wenn auch begrenzten\u00a0\u2013 Funktionen erf\u00fcllen, desto n\u00e4her kommen wir einer multipolaren Welt nahe.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/world\/2026\/8\/7\/1440990.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 7.\u00a0August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Geworg Mirsajan<\/strong> (geboren 1984 in Taschkent) ist au\u00dferordentlicher Professor an der Finanzuniversit\u00e4t der Regierung der Russischen F\u00f6deration, Politikwissenschaftler und eine Pers\u00f6nlichkeit des \u00f6ffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universit\u00e4t des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut f\u00fcr die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/der-nahe-osten\/282553-politik-fallen-und-dynamik-eskalation\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Politik der Fallen und die Dynamik der Eskalation in der Iran-Strategie der USA und Israels<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7bmkt0\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Geworg Mirsajan &#8222;Islamische NATO&#8220; \u2013 genau so wird derzeit der trilaterale t\u00fcrkisch-saudisch-pakistanische Verteidigungspakt bezeichnet, der \u00fcber viele Monate hinweg ausgearbeitet und schlie\u00dflich am 7.\u00a0August in der f\u00fcr alle Muslime heiligen Stadt Mekka unterzeichnet wurde. 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