{"id":17006,"date":"2026-08-09T08:02:02","date_gmt":"2026-08-09T06:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/die-kunst-des-nicht-delegierens-wo-ist-eigentlich-der-hoteldirektor-37999474-html\/"},"modified":"2026-08-09T08:02:02","modified_gmt":"2026-08-09T06:02:02","slug":"die-kunst-des-nicht-delegierens-wo-ist-eigentlich-der-hoteldirektor-37999474-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/die-kunst-des-nicht-delegierens-wo-ist-eigentlich-der-hoteldirektor-37999474-html\/","title":{"rendered":"Rath checkt ein: Die Kunst des Nicht-Delegierens: Wo ist eigentlich der Hoteldirektor?"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Es ist komplexer denn je, ein Hotel zu f\u00fchren. Doch Gastfreundschaft l\u00e4sst sich schlicht nicht als To-do weiterreichen. Unser Kolumnist Carsten K. Rath pl\u00e4diert f\u00fcr eine R\u00fcckbesinnung auf bew\u00e4hrte F\u00fchrungstugenden<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Fr\u00fcher war alles vor allem: anders. Wer jetzt ein Hotel f\u00fchrt, auf dessen Agenda stehen heute g\u00e4nzlich andere To-dos als sie ein Hoteldirektor vor 20 oder 30 Jahren abarbeiten musste. Der Direktor des Jahres 2026 ist zugleich Strategieberater, Controller, Personalchef, Markenbotschafter, Krisenmanager und Revenue-Spezialist. Er besch\u00e4ftigt sich au\u00dferdem mit K\u00fcnstlicher Intelligenz, ESG-Vorgaben (\u201eEnvironmental, Social, and Governance\u201c), Onlinebewertungen, Personalrekrutierung, Kostensteigerungen und einer Vielzahl weiterer Themen. Mindestens die H\u00e4lfte gab es so oder in dieser Komplexit\u00e4t dereinst gar nicht. Ein Hotel erfolgreich zu f\u00fchren, das scheint wie ein Puzzlespiel mit einer stetig wachsenden Zahl von Teilchen.<\/p>\n<p>Dennoch stelle ich mir auf meinen Reisen immer wieder dieselbe Frage: Haben wir bei dieser Flut neuer Aufgaben vielleicht vergessen, worin der Kern dieses Berufes eigentlich besteht? Und auch, dass sich die wichtigste Aufgabe eines Hoteldirektors bis heute nicht delegieren l\u00e4sst: ein (sehr) guter Gastgeber zu sein.<\/p>\n<p>Ein Hotelier, das war einmal der Schankwirt, der Innkeeper. Jener freundliche Mensch, der einem Gast die T\u00fcr \u00f6ffnete und ihn mit den Worten \u201eSch\u00f6n, dass Sie da sind\u201c begr\u00fc\u00dfte. Und die legend\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeiten unserer Branche wurden doch nicht prim\u00e4r daf\u00fcr ber\u00fchmt, dass sie raffinierte Organigramme entwickelten oder das effizienteste Budget pr\u00e4sentierten. Ihr Erfolg war es, dem jeweiligen Haus ein sympathisches Gesicht zu geben. Sie delegierten das Thema Gastfreundschaft nicht an eine Abteilung, sondern erkl\u00e4rten es zur Chefsache.<\/p>\n<\/p>\n<h2>Effizienz ersetzt kein Willkommen<\/h2>\n<p>Heute ist die Arbeit in einem Hotel so professionell organisiert wie nie zuvor. F\u00fcr nahezu jede Aufgabe gibt es einen oder mehrere Spezialisten: Guest-Relations-Manager, Duty-Manager, Experience-Manager oder Quality-Manager. Viele von ihnen, bitte nicht falsch verstehen, leisten hervorragende Arbeit. Nur wenn die mindestens ebenso wichtige Gastgeberrolle in dieses Dickicht der Zust\u00e4ndigkeiten delegiert wird, sehe ich ein Problem.<\/p>\n<p>Auf meinen vielen Reisen pro Jahr, etwa f\u00fcr diese Kolumne, verbringe ich h\u00e4ufig gleich mehrere Tage in einem Hotel. Ich beobachte die Abl\u00e4ufe, spreche mit Mitarbeitern und G\u00e4sten, und versuche zu verstehen, warum sich manche H\u00e4user besonders anf\u00fchlen \u2013 und andere v\u00f6llig austauschbar wirken. Im Laufe der Zeit und der Gespr\u00e4che stelle ich irgendwann immer die gleiche Frage: Wo ist eigentlich der Direktor? Erstaunlich oft lauten die Antworten dann \u201eim Meeting\u201c, \u201ein einer Budgetrunde\u201c, \u201eim Forecast\u201c oder \u201ein seinem B\u00fcro\u201c.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit zeigte mir ein Hoteldirektor voller Stolz ein Foto seines Smartphone-Bildschirms, auf dem Hunderte von unbeantworteten Anrufen zu sehen waren. F\u00fcr ihn war das der offensichtliche Beleg seiner gro\u00dfen Bedeutung f\u00fcr das Haus. Mir machte eher der klare Beweis seiner Abwesenheit eine gewisse Sorge. Wer selbst f\u00fcr Telefonate zu besch\u00e4ftigt ist, der hat f\u00fcr andere \u201eTasks\u201c, die sich nicht in Kennzahlen messen lassen, noch weniger Zeit: Gespr\u00e4che mit G\u00e4sten, Begegnungen mit Mitarbeitern, spontane Beobachtungen und Ideen vor Ort.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df selbst, wie stark der Sog permanenter Besch\u00e4ftigung ist, jener \u201ebusiness\u201c, die mit einer bedeutsamen Position verwechselt wird. Wer viele Meetings hat, gilt als wichtig. Wer st\u00e4ndig telefoniert, ist gefragt. Wer keine Sekunde \u00fcbrig hat, muss erfolgreich sein. Doch vielleicht ist ja gerade f\u00fcr die Hotellerie das Gegenteil n\u00e4her an der Wahrheit. Die besten General Manager n\u00e4mlich, die ich kennenlernen durfte, wirkten selten gehetzt. Sie nahmen sich die n\u00f6tige Zeit f\u00fcr ihre G\u00e4ste ebenso wie f\u00fcr ihre Mitarbeiter. Weil sie genau darin ihre wirksamste Funktion sahen.<\/p>\n<\/p>\n<h2><strong>Aufmerksamkeit als W\u00e4hrung<\/strong><\/h2>\n<p>Echte Gastfreundschaft zeigt sich dabei oft in den kleinen Dingen. Nat\u00fcrlich ist die Frage \u201eHatten Sie eine gute Anreise?\u201c beim Check-in freundlich gemeint. Doch was soll man darauf antworten? Viel besser ist: \u201eSch\u00f6n, dass Sie wieder bei uns sind.\u201c Oder: \u201eWir haben Ihr Lieblingszimmer reserviert.\u201c Vielleicht auch ein \u201eWie ist Ihr Tennismatch gestern ausgegangen?\u201c beim Fr\u00fchst\u00fcck. Solche S\u00e4tze stehen nicht im Service-Handbuch, sie folgen aus aufrichtigem Interesse. Es geht bei allem in der Top-Hotellerie um Aufmerksamkeit, die h\u00e4rteste, von Kursabst\u00fcrzen nie betroffene W\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Deshalb verbindet die besten Hoteldirektoren, die ich kenne, nicht allein ihre Qualit\u00e4t als Manager, sondern vor allem ihre Neugier auf Menschen. Sie bewegen sich durch ihre H\u00e4user, suchen das Gespr\u00e4ch, kennen die Namen der Stammg\u00e4ste, fragen ihre Mitarbeiter, ob sie Unterst\u00fctzung brauchen. Diese pers\u00f6nlichen Kontakte, etwa in der Lobby, sind die wertvollste Datenquelle in einem Hotel \u2013 und die kann kein Reporting-Dashboard, keine KI ersetzen.<\/p>\n<h2><strong>Zeitreise zu C\u00e9sar Ritz und Lorenz Adlon<\/strong><\/h2>\n<p>Gelingt dies, dann kehren G\u00e4ste auch wegen des Menschen an der Spitze eines Hotels dorthin zur\u00fcck. Wer nach Hamburg ins Vier Jahreszeiten reist, besucht Ingo Peters, nach Z\u00fcrich ins Dolder Grand kommt man eben auch wegen Markus Granelli, und nach Gro\u00dfarl f\u00e4hrt man f\u00fcr ein Wiedersehen mit Familie Hetteger. Fr\u00fcher reiste die High Society nicht blo\u00df ins Ritz oder Adlon, sie traf sich mit C\u00e9sar Ritz und Lorenz Adlon. Die gr\u00f6\u00dften Gastgeber der Hotellerie-Historie waren ein gro\u00dfer Trumpf ihrer jeweiligen Marken. Erhoben, nicht durch Werbung, sondern durch N\u00e4he.<\/p>\n<p>Damit wir uns richtig verstehen: Ja, gute Hoteldirektoren m\u00fcssen heute definitiv mehr k\u00f6nnen als jede Generation vor ihnen. Sie m\u00fcssen Zahlen verstehen, Strategien entwickeln, Teams f\u00fchren und mit einer Welt umgehen, die immer digitaler und komplexer wird. Ein ungemein vielschichtiges Berufsbild. Doch bei aller Professionalisierung d\u00fcrfen sie eine Aufgabe keinesfalls delegieren, n\u00e4mlich der Hauptgastgeber ihres Hotels zu sein. Und zu bleiben!<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Es ist komplexer denn je, ein Hotel zu f\u00fchren. Doch Gastfreundschaft l\u00e4sst sich schlicht nicht als To-do weiterreichen. Unser Kolumnist Carsten K. 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