{"id":17943,"date":"2026-08-15T12:02:52","date_gmt":"2026-08-15T10:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/spiritualitat-und-aufklarung-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-15T12:02:52","modified_gmt":"2026-08-15T10:02:52","slug":"spiritualitat-und-aufklarung-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/spiritualitat-und-aufklarung-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Spiritualit\u00e4t und Aufkl\u00e4rung | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Grenze, die die Aufkl\u00e4rung nicht sehen kann<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Frage, die fast jede wissenschaftliche Ann\u00e4herung an Spiritualit\u00e4t als Erstes stellt, oft ohne sie auszusprechen: Ist das, was da erfahren wird, real \u2013 oder Einbildung? Die Frage klingt neutral, sogar wohlwollend, wenn sie zugunsten der Erfahrung beantwortet wird. Aber sie ist es nicht. Wer sie stellt, hat bereits entschieden, wie spirituelle Erfahrung behandelt werden soll: als Inhalt, dessen Wirklichkeitsstatus zu kl\u00e4ren ist. Als etwas, das man pr\u00fcft, kartiert, gegen andere Erkenntnisquellen abw\u00e4gt. Genau darin liegt eine stille, aber folgenreiche Vorentscheidung \u2013 und sie ist der Grund, warum die wissenschaftlich-aufkl\u00e4rerische Ann\u00e4herung an Spiritualit\u00e4t an einer bestimmten Stelle systematisch aufh\u00f6ren muss, so wohlmeinend sie auch verf\u00e4hrt.<\/p>\n<p><strong>Zwei Arten zu erkennen<\/strong><\/p>\n<p>Um das zu verstehen, lohnt sich eine Unterscheidung, die der westliche Rationalismus gewohnheitsm\u00e4\u00dfig verwischt: die zwischen Bewusstsein und Bewusstheit.<\/p>\n<p>Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Es braucht ein Objekt, dem es gegen\u00fcbertritt \u2013 und in diesem Gegen\u00fcbertreten liegt bereits eine Spaltung: hier der Beobachter, dort das Beobachtete. Diese Spaltung ist keine St\u00f6rung, sondern die Grundoperation jeder Analyse, jeder Wissenschaft, jeder Pr\u00fcfung von Wirklichkeitsanspr\u00fcchen. Ohne sie g\u00e4be es keine Beschreibung der Welt. Aber sie kann sich selbst nie einfangen. Jean-Paul Sartre hat das Paradox pr\u00e4zise benannt: Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist. (1)<\/p>\n<p>Es entzieht sich sich selbst in dem Moment, in dem es versucht, sich zum eigenen Objekt zu machen.<\/p>\n<p>Bewusstheit dagegen ist kein Gegen\u00fcber zur Welt. Sie trennt nicht in Subjekt und Objekt. Was in ihr erscheint, wird nicht gewusst wie ein Fakt, sondern erkannt wie eine Gegenwart. Der Unterschied ist nicht graduell \u2013 nicht &#8222;mehr&#8220; oder &#8222;weniger&#8220; Bewusstsein \u2013, sondern kategorial: Bewusstheit ist nicht ein weiterer Inhalt neben anderen Inhalten, den man zur bestehenden Sammlung hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnte. Sie ist die Bedingung, unter der \u00fcberhaupt irgendetwas gewusst wird.<\/p>\n<p>Genau das macht sie f\u00fcr die klassische Pr\u00fcffrage \u2013 real oder Einbildung? \u2013 unzug\u00e4nglich. Die Frage setzt voraus, dass es ein Ich gibt, dem sich etwas zeigt, und ein Etwas, das sich zeigt. Bewusstheit aber ist nicht das, was sich zeigt. Sie ist das, worin sich \u00fcberhaupt etwas zeigen kann. Man kann sie nicht verifizieren, ohne sie bereits in ein Objekt zu verwandeln \u2013 und damit in genau das, was sie nicht ist.<\/p>\n<p><strong>Wie sich das zeigt: der Zeuge statt des Wissenden<\/strong><\/p>\n<p>Das bleibt abstrakt, solange man es nicht an einem konkreten Vorgang festmacht. Wer beginnt, das zu erforschen, was in der psychologischen Arbeit mit inneren Mustern als &#8222;Falscher Kern&#8220; bezeichnet wird, st\u00f6\u00dft nicht auf einen Gedanken, sondern auf eine Atmosph\u00e4re: eine dichte innere Landschaft aus Anspannung und Vorsicht, die sich absolut real anf\u00fchlt, weil sie sich wie das eigene Ich anf\u00fchlt. Stephen Wolinsky (2) beschreibt diesen Kern als das fr\u00fcheste Werk des \u00dcberlebens \u2013 eine stille Antwort des Kindes auf eine Welt, die sich zu gro\u00df, zu kalt oder zu bedrohlich angef\u00fchlt hat: So wie ich bin, bin ich nicht sicher. Aus dieser Entscheidung, die kein Satz war, sondern ein K\u00f6rperzustand, formt sich eine Struktur, die fortan das gesamte Erleben organisiert.<\/p>\n<p>Man erlebt diesen Kern normalerweise nicht \u2013 man ist er. Der Perfektionist h\u00e4lt seinen Drang zur Fehlerlosigkeit nicht f\u00fcr ein Muster, sondern f\u00fcr sich selbst. Der Kontrollierende h\u00e4lt sein Misstrauen nicht f\u00fcr eine Reaktion auf eine alte Verletzung, sondern f\u00fcr gesunden Menschenverstand. Das ist der Normalzustand des Bewusstseins: vollst\u00e4ndig mit seinen Inhalten identifiziert, ohne Abstand zu ihnen.<\/p>\n<p>Was in der kontemplativen Praxis geschieht, wenn sie funktioniert, ist kein zus\u00e4tzliches Wissen \u00fcber diese Muster. Es ist eine Verschiebung der Position selbst: Der Perfektionist beginnt, seinen Drang zu beobachten, ohne ihm zu folgen. Nicht: Ich bek\u00e4mpfe meinen Perfektionismus \u2013 das w\u00e4re nur eine neue Identifikation, diesmal mit dem K\u00e4mpfer. Sondern: Der Drang erscheint, und da ist etwas, f\u00fcr das er erscheint, ohne selbst der Drang zu sein. In diesem Moment wird aus dem Wissenden \u2013 der etwas \u00fcber sich wei\u00df \u2013 ein Zeuge \u2013 der etwas an sich vorbeiziehen sieht, ohne mit ihm identisch zu sein. Das ist keine bessere Erkenntnis \u00fcber den Inhalt. Es ist ein Wechsel der Erkenntnisart.<\/p>\n<p><strong>Warum die Methode selbst die Grenze zieht<\/strong><\/p>\n<p>Hier liegt der eigentliche Grund, warum eine wissenschaftlich verfahrende Ann\u00e4herung an Spiritualit\u00e4t nicht einfach an fehlendem Mut oder mangelnder Offenheit scheitert, sondern an ihrer Funktionsweise selbst. Wissenschaft \u2013 auch die redlichste, methodisch unbestechlichste \u2013 verf\u00e4hrt \u00fcber Verifikation, Objektivierung, die M\u00f6glichkeit der Falsifikation. All das setzt die Spaltung zwischen einer erkennenden Instanz und einem zu erkennenden Gegenstand voraus. Diese Spaltung ist nicht Ausdruck einer bestimmten Ideologie, die man ablegen k\u00f6nnte, wenn man nur wollte. Sie ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit von Wissenschaft \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Bewusstheit aber ist genau die Aufhebung dieser Spaltung. Eine Methode, die Erkenntnis nur als Verh\u00e4ltnis zwischen Subjekt und Objekt kennt, kann folglich nicht das erfassen, dessen Abwesenheit sie methodisch immer schon voraussetzt. Das ist kein Vorwurf gegen die Wissenschaft \u2013 es w\u00e4re absurd, ihr vorzuwerfen, dass sie das tut, was sie tun muss, um Wissenschaft zu sein. Es ist eine strukturelle Feststellung: Man kann mit einem Werkzeug, das f\u00fcr die Vermessung von Abst\u00e4nden gebaut ist, nicht die Abwesenheit von Abstand vermessen.<\/p>\n<p>Deshalb bleibt jede Ann\u00e4herung, die spirituelle Erfahrung als zweiten, wissenschaftlich zu legitimierenden Erkenntnisweg neben der Sinneswahrnehmung behandelt \u2013 so redlich sie gemeint sein mag \u2013, notwendig auf der Bewusstseinsebene stehen. Sie fragt: Ist diese innere Erfahrung genauso wirklich wie eine \u00e4u\u00dfere? Und selbst wenn sie diese Frage gro\u00dfz\u00fcgig bejaht, hat sie damit nur einen weiteren Inhalt als real anerkannt. Sie hat nicht ber\u00fchrt, was Bewusstheit von Bewusstsein unterscheidet \u2013 dass Bewusstheit gar kein Inhalt ist, \u00fcber dessen Realit\u00e4t man abstimmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Die politische Seite der blinden Stelle<\/strong><\/p>\n<p>Diese Verwechslung ist nicht folgenlos, und ihre Folgen sind nicht nur akademischer Natur. Ein Bewusstsein, das ununterbrochen bewertet, vergleicht, sich rechtfertigt und verteidigt, ist ein Bewusstsein, das leicht steuerbar ist \u2013 weil es immer schon mit sich selbst besch\u00e4ftigt ist. Edward Bernays (3) wusste das genauer als die meisten seiner Zeitgenossen: Man muss Menschen nicht zu bestimmten \u00dcberzeugungen zwingen, wenn man ihnen nur die richtigen Reize liefert, auf die ihr bereits bestehendes Bewertungssystem automatisch reagiert. Bourdieu (4) hat f\u00fcr dasselbe Ph\u00e4nomen den Begriff des Habitus gepr\u00e4gt \u2013 ein System verinnerlichter Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, das so tief sitzt, dass es sich selbst f\u00fcr Natur h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Eine Spiritualit\u00e4t, die auf der Ebene des Bewusstseins bleibt \u2013 die also weiterhin bewertet, einordnet, sich als \u00fcberlegene oder zumindest gleichberechtigte Erkenntnisquelle behauptet \u2013, ver\u00e4ndert an dieser Automatik nichts. Sie f\u00fcgt dem Bewertungssystem nur eine neue, spirituell geadelte Kategorie hinzu. Es gibt genug Menschen, die meditieren, um am n\u00e4chsten Tag klarer zu funktionieren, ohne dass sich an der Funktionsweise selbst \u2013 bewerten, vergleichen, sich rechtfertigen \u2013 irgendetwas \u00e4ndert. Die \u00dcbung bleibt dann folgenlos f\u00fcr genau das, was sie eigentlich unterbrechen sollte.<\/p>\n<p>Erst die Bewusstheits-Ebene ber\u00fchrt den Punkt, an dem Herrschaft \u00fcber den Einzelnen \u00fcberhaupt erst Macht gewinnt: nicht die Inhalte des Urteils, sondern seine Automatik selbst. Wer diese Automatik nicht als Objekt untersucht, sondern als das, was sie ist, bemerkt \u2013 ein Muster, das erscheint und wieder vergeht, ohne dass man mit ihm identisch sein m\u00fcsste \u2013, entzieht ihr in diesem Moment die Nahrung. Das ist kein Akt des Willens und keine neue \u00dcberzeugung. Es ist das Nachlassen einer Identifikation, die nie so fest sa\u00df, wie sie sich anf\u00fchlte.<\/p>\n<p><strong>Schluss: Was &#8222;undogmatisch&#8220; eigentlich hei\u00dfen m\u00fcsste<\/strong><\/p>\n<p>Damit zeigt sich, worin die eigentliche Grenze wissenschaftlich-aufkl\u00e4rerischer Ann\u00e4herungen an Spiritualit\u00e4t besteht \u2013 nicht in mangelndem Respekt vor der Erfahrung, sondern in der unvermeidlichen Beibehaltung genau jener Spaltung, aus der die Erfahrung, wenn sie mehr sein soll als ein weiterer Bewusstseinsinhalt, ausbricht. Eine Spiritualit\u00e4t, die sich als zweiter, gleichberechtigter Erkenntnisweg neben der Wissenschaft versteht, best\u00e4tigt damit unweigerlich die Grammatik des Subjekts, das seinen Objekten gegen\u00fcbersteht \u2013 dieselbe Grammatik, aus der auch das Bewertungssystem des Habitus, der Propaganda, der permanenten Selbstrechtfertigung ihre Kraft zieht.<\/p>\n<p>&#8222;Undogmatisch&#8220; w\u00e4re eine solche Spiritualit\u00e4t also nicht schon dadurch, dass sie sich von starren religi\u00f6sen Lehrs\u00e4tzen distanziert. Undogmatisch w\u00e4re sie erst, wenn sie die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Bewusstheit nicht als Fu\u00dfnote behandelt, sondern zu ihrem eigentlichen Ausgangspunkt macht \u2013 und damit akzeptiert, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob eine Erfahrung wirklich ist, sondern wer oder was da \u00fcberhaupt erf\u00e4hrt. Das ist keine bessere Antwort auf die alte Frage. Es ist der Punkt, an dem die alte Frage selbst ihre Geltung verliert.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<h3 id=\"anmerkungen-und-quellen\">Anmerkungen und Quellen<\/h3>\n<p><strong>(1) Sartre \u2013 &#8222;Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist&#8220;<\/strong><br \/>Paraphrase des Grundparadoxes von <em>pour-soi<\/em> aus <em>L&#8217;\u00catre et le N\u00e9ant<\/em> (1943, dt. <em>Das Sein und das Nichts<\/em>).<\/p>\n<p><strong>(2) Wolinsky \u2013 Falscher Kern<\/strong><br \/>Stephen Wolinsky, v.a. <em>The Tao of Chaos<\/em> bzw. <em>Trances People Live<\/em> (dort das Konzept der &#8222;False Core&#8220;\/&#8220;I am&#8220;-Identifikation als nachtr\u00e4gliches Etikett auf pr\u00e4verbale Zust\u00e4nde).<\/p>\n<p><strong>(3) Bernays \u2013 Propaganda wirkt mit dem Bewertungssystem, nicht gegen es <\/strong><em>Propaganda<\/em> (1928) bzw. <em>Crystallizing Public Opinion<\/em> (1923).<\/p>\n<p><strong>(4) Bourdieu \u2013 Habitus <\/strong><em>Le sens pratique<\/em> (1980, dt. <em>Entwurf einer Theorie der Praxis<\/em> bzw. <em>Sozialer Sinn<\/em>) f\u00fcr den Begriff selbst; <em>La Distinction<\/em> (1979) f\u00fcr die empirische Ausarbeitung.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Frau auf Landstra\u00dfe, dar\u00fcber eine digital dargestellte Erde<br \/>Bildquelle: tum3123 \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Grenze, die die Aufkl\u00e4rung nicht sehen kann<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Frage, die fast jede wissenschaftliche Ann\u00e4herung an Spiritualit\u00e4t als Erstes stellt, oft ohne sie auszusprechen: Ist das, was da erfahren wird, real \u2013 oder Einbildung? 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