{"id":18743,"date":"2026-08-20T14:08:08","date_gmt":"2026-08-20T12:08:08","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/israel-an-wessen-seite-steht-deutschland-eigentlich-von-uwe-froschauer\/"},"modified":"2026-08-20T14:08:08","modified_gmt":"2026-08-20T12:08:08","slug":"israel-an-wessen-seite-steht-deutschland-eigentlich-von-uwe-froschauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/israel-an-wessen-seite-steht-deutschland-eigentlich-von-uwe-froschauer\/","title":{"rendered":"Israel \u2013 an wessen Seite steht Deutschland eigentlich? | Von Uwe Froschauer"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Uwe Froschauer<\/strong>.<\/em><\/p>\n<blockquote><p>\u201eDeutschland steht fest an der Seite Israels.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diesen Satz h\u00f6ren wir seit Jahren. Er wird von deutschen Politikern wie ein Glaubensbekenntnis vorgetragen. Die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsr\u00e4son. Solidarit\u00e4t mit Israel sei unverbr\u00fcchlich. Deutschland stehe fest und unersch\u00fctterlich an der Seite des j\u00fcdischen Staates.<\/p>\n<p>Ich frage mich inzwischen allerdings: An wessen Seite stehen wir da eigentlich?<\/p>\n<p>An der Seite der israelischen Bev\u00f6lkerung? An der Seite der Menschen, die am 7. Oktober 2023 Angeh\u00f6rige verloren haben? An der Seite der Geiseln und ihrer Familien? An der Seite der zahlreichen Israelis, die selbst gegen die Politik ihrer Regierung protestieren?<\/p>\n<p>Oder steht Deutschland an der Seite einer Regierung, unter deren Verantwortung Zehntausende Menschen im Gazastreifen get\u00f6tet wurden?<\/p>\n<p>Allein bis zum 3. Februar 2026 wurden nach den von UNICEF wiedergegebenen Zahlen 71.803 get\u00f6tete Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen gemeldet. Darunter befanden sich mindestens 21.289 Kinder. Weitere 171.230 Menschen wurden verletzt, darunter rund 44.500 Kinder.<\/p>\n<p>21.289 get\u00f6tete Kinder.<\/p>\n<p>Und diese Zahlen markieren keineswegs das Ende des Sterbens. Auch danach wurden weitere Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet. Verschiedene Untersuchungen gehen zudem davon aus, dass die tats\u00e4chliche Zahl der Opfer deutlich h\u00f6her liegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch schon die offiziellen Zahlen reichen aus, um eine Frage zu stellen, die in Deutschland selten gestellt wird:<\/p>\n<p>Was bedeutet es eigentlich, wenn deutsche Politiker immer wieder erkl\u00e4ren, Deutschland stehe \u201efest an der Seite Israels\u201c?<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t mit der israelischen Bev\u00f6lkerung ist nicht gleichbedeutend mit Gefolgschaft gegen\u00fcber der israelischen Regierung. Und Staatsr\u00e4son darf nicht bedeuten, bei m\u00f6glichem Unrecht wegzusehen. Wer also sagt, Deutschland stehe fest an der Seite Israels, sollte auch beantworten k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>An der Seite welches Israels?<\/p>\n<p>Bevor ich mich dieser Frage zuwende, lohnt ein kurzer Blick zur\u00fcck. Wer \u00fcber Israel und Pal\u00e4stina urteilen will, sollte zumindest in Grundz\u00fcgen wissen, wie dieser Staat entstanden ist.<\/p>\n<p><strong>Israel \u2013 eine sehr kurze Geschichte eines langen Konflikts<\/strong><\/p>\n<p>Ein entscheidender politischer Meilenstein auf dem Weg zur Gr\u00fcndung Israels war die Balfour-Erkl\u00e4rung vom 2. November 1917. Damals erkl\u00e4rte die britische Regierung, sie bef\u00fcrworte die Errichtung einer \u201enationalen Heimst\u00e4tte f\u00fcr das j\u00fcdische Volk\u201c in Pal\u00e4stina. Das Gebiet geh\u00f6rte zuvor zum Osmanischen Reich und geriet nach dem Ersten Weltkrieg unter britische Kontrolle. Gro\u00dfbritannien erhielt sp\u00e4ter das Mandat des V\u00f6lkerbundes \u00fcber Pal\u00e4stina. Die Balfour-Erkl\u00e4rung floss in die britische Mandatspolitik ein.<\/p>\n<p>Das Problem lag auf der Hand: Pal\u00e4stina war kein menschenleeres Land. Dort lebten bereits Araber \u2013 Muslime und Christen \u2013 ebenso wie Juden. Mit der zunehmenden j\u00fcdischen Einwanderung versch\u00e4rften sich die Konflikte zwischen den Bev\u00f6lkerungsgruppen. Der europ\u00e4ische Antisemitismus und insbesondere die nationalsozialistische Judenverfolgung verst\u00e4rkten den Wunsch vieler Juden nach einem eigenen sicheren Staat zunehmend.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gab es mehr als nachvollziehbare Gr\u00fcnde. Juden waren \u00fcber Jahrhunderte verfolgt, ausgegrenzt, vertrieben und ermordet worden. Der deutsche Nationalsozialismus f\u00fchrte diese Verfolgung schlie\u00dflich mit der Shoah in die systematische Ermordung von rund sechs Millionen europ\u00e4ischen Juden.<\/p>\n<p>Wer die Entstehung des Nahost-Konflikts verstehen will, kann die Geschichte nicht ausblenden. Aber ebenso wenig darf man die Geschichte der Pal\u00e4stinenser ausblenden.<\/p>\n<p>1947 beschloss die UN-Generalversammlung einen Teilungsplan. Das britische Mandatsgebiet sollte in einen j\u00fcdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt werden. Jerusalem sollte einen internationalen Sonderstatus erhalten. Die j\u00fcdische F\u00fchrung akzeptierte den Plan im Grundsatz, die arabische Seite lehnte ihn ab.<\/p>\n<p>Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Unmittelbar darauf begann der erste arabisch-israelische Krieg. F\u00fcr Israelis wurde 1948 zur Geburtsstunde ihres Staates.<\/p>\n<p>F\u00fcr Hunderttausende Pal\u00e4stinenser bedeuteten die Ereignisse dieser Zeit Flucht und Vertreibung sowie den Verlust ihrer Heimat. In der pal\u00e4stinensischen Erinnerung tragen sie bis heute einen Namen: Nakba \u2013 die Katastrophe.<\/p>\n<p>Damit stehen sich bis heute zwei historische Erfahrungen gegen\u00fcber. F\u00fcr die einen bedeutete die Gr\u00fcndung Israels endlich einen eigenen Staat und die Hoffnung auf Sicherheit nach Jahrhunderten der Verfolgung. F\u00fcr die anderen bedeutete sie Flucht, Vertreibung und Heimatverlust.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Juden f\u00fchrt f\u00fcr mich zu einer grunds\u00e4tzlichen Frage. Ein Volk, das selbst erfahren musste, wohin Verfolgung, Entrechtung und Entmenschlichung f\u00fchren k\u00f6nnen, sollte besonders sensibel daf\u00fcr sein, wenn anderen Menschen ihre W\u00fcrde abgesprochen wird.<\/p>\n<p>Die heutige Situation im Gazastreifen ist nicht einfach mit der Shoah gleichzusetzen. Historische Ereignisse haben ihre jeweils eigenen Ursachen, Dimensionen und Verbrechen. Aber die Lehre aus der Geschichte darf doch nicht lediglich lauten:<\/p>\n<p>Nie wieder Verfolgung von Juden.<\/p>\n<p>Sie muss lauten:<\/p>\n<p>Nie wieder Entmenschlichung \u2013 gegen\u00fcber niemandem.<\/p>\n<p>An diesem Punkt wird es unangenehm. Wenn f\u00fchrende israelische Politiker Pal\u00e4stinenser als \u201emenschliche Tiere\u201c bezeichnen, wenn ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen f\u00fcr verantwortlich erkl\u00e4rt werden, wenn von Vertreibung gesprochen wird oder ein Minister dar\u00fcber fabuliert, Nacht f\u00fcr Nacht Dutzende Pal\u00e4stinenser gezielt t\u00f6ten zu lassen, dann kann Deutschland nicht einfach einen politischen Standardsatz aufsagen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir stehen fest an der Seite Israels.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann muss man genauer hinsehen.<\/p>\n<p>Was sagen die M\u00e4nner, an deren Seite Deutschland offenbar so fest stehen m\u00f6chte, eigentlich \u00fcber die Pal\u00e4stinenser?<\/p>\n<p><strong>Die Sprache der Entmenschlichung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Itamar Ben-Gvir: \u201e30 oder 40 von ihnen jede Nacht\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Itamar Ben-Gvir ist kein Nobody. Er ist Israels Minister f\u00fcr nationale Sicherheit und damit Mitglied der Regierung von Benjamin Netanjahu. Am 16. August 2026 erkl\u00e4rte Ben-Gvir in einem Podcast, Israel solle jede Nacht gezielt 30 oder 40 Menschen im Gazastreifen t\u00f6ten.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eMan muss ihnen einen Preis abverlangen. Jeden Tag. 30 oder 40 von ihnen jede Nacht.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit nicht genug. Ben-Gvir erkl\u00e4rte weiter, es gebe Menschen in Gaza, die es nicht verdienten zu leben. Als Beispiele nannte er unter anderem Menschen, die den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober gefeiert h\u00e4tten. Israel m\u00fcsse diese Menschen gezielt t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Nicht festnehmen. Nicht vor Gericht stellen. T\u00f6ten.<\/p>\n<p>Ben-Gvir sprach au\u00dferdem erneut davon, die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung Gazas zur Auswanderung zu bewegen. Die Idee einer \u201efreiwilligen Emigration\u201c vertritt er seit Langem.<\/p>\n<p>Das sind nicht die Worte eines anonymen Extremisten am Rande einer Demonstration. Das sagt ein Minister der israelischen Regierung.<\/p>\n<p><strong>Yoav Gallant: \u201eWir k\u00e4mpfen gegen menschliche Tiere\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Auch der damalige israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant fand unmittelbar nach dem Terrorangriff der Hamas Worte, die aufhorchen lassen. Am 9. Oktober 2023 k\u00fcndigte er die vollst\u00e4ndige Abriegelung des Gazastreifens an:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eKein Strom, keine Lebensmittel, kein Treibstoff.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Dann folgte der Satz, der weltweit bekannt wurde:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWir k\u00e4mpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gallant \u00e4u\u00dferte diese Worte im Zusammenhang mit der Ank\u00fcndigung der vollst\u00e4ndigen Belagerung Gazas. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rte er, seine Formulierung habe sich auf die Hamas bezogen. Das \u00e4ndert nichts daran, dass die Aussage im Kontext einer Ma\u00dfnahme fiel, die die gesamte Bev\u00f6lkerung des Gazastreifens betraf.<\/p>\n<p>Menschen als \u201emenschliche Tiere\u201c zu bezeichnen, ist Entmenschlichung in ihrer reinsten sprachlichen Form.<\/p>\n<p><strong>Isaac Herzog: \u201eEine ganze Nation ist verantwortlich\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Noch deutlicher wurde Israels Staatspr\u00e4sident Isaac Herzog am 12. Oktober 2023.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eEs ist eine ganze Nation da drau\u00dfen, die verantwortlich ist.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Herzog wandte sich ausdr\u00fccklich gegen die Behauptung, Zivilisten in Gaza h\u00e4tten nichts mit den Ereignissen zu tun:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDiese Rhetorik, dass Zivilisten nichts wussten, nicht beteiligt waren, ist absolut nicht wahr.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Sp\u00e4ter betonte Herzog, seine Worte seien verk\u00fcrzt beziehungsweise falsch interpretiert worden und er habe nicht die Absicht gehabt, Zivilisten zu legitimen Angriffszielen zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Bezalel Smotrich: Gaza \u201evollst\u00e4ndig zerst\u00f6ren\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bezalel Smotrich ist Finanzminister Israels. Im Mai 2025 erkl\u00e4rte er bei einer Konferenz zur israelischen Siedlungspolitik:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eGaza wird vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung werde sich in einem kleinen Gebiet im S\u00fcden konzentrieren und von dort in gro\u00dfer Zahl in andere L\u00e4nder ausreisen. Smotrich sprach auch an anderer Stelle offen \u00fcber eine massive Verringerung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung Gazas. Bereits Ende 2023 hatte er erkl\u00e4rt, Israel solle die \u201efreiwillige Migration\u201c der Bewohner Gazas f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Wer Menschen durch Bombardierungen, Zerst\u00f6rung und den Entzug ihrer Lebensgrundlagen zur Flucht treibt, kann anschlie\u00dfend kaum von \u201afreiwilliger Migration\u2018 sprechen.<\/p>\n<p><strong>Benjamin Netanjahu und \u201eAmalek\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Benjamin Netanjahu griff zu einer historisch und religi\u00f6s hoch aufgeladenen Sprache. Am 28. Oktober 2023 sagte er:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eIhr m\u00fcsst euch daran erinnern, was Amalek euch angetan hat.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Amalek ist in der hebr\u00e4ischen Bibel der Erzfeind Israels. Im ersten Buch Samuel findet sich der Befehl, Amalek vollst\u00e4ndig zu vernichten \u2013 M\u00e4nner und Frauen, Kinder und S\u00e4uglinge. Netanjahus B\u00fcro erkl\u00e4rte sp\u00e4ter, der Ministerpr\u00e4sident habe mit seiner Bezugnahme ausschlie\u00dflich die Hamas und deren Terroristen gemeint. Auch Netanjahu selbst wies die Interpretation zur\u00fcck, er habe damit zur Vernichtung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung aufgerufen.<\/p>\n<p>Ein netter Versuch, Herr Netanjahu!<\/p>\n<p>Warum aber verwendet ein Regierungschef mitten in einem Krieg gegen ein dicht besiedeltes Gebiet \u00fcberhaupt eine biblische Vernichtungsmetapher?<\/p>\n<p><strong>Israel Katz: \u201eKein Strom und kein Wasser\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Israel Katz, heute israelischer Verteidigungsminister, schrieb bereits im Oktober 2023, damals als Energieminister:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eHumanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr Gaza? Kein elektrischer Schalter wird eingeschaltet, kein Wasserhahn ge\u00f6ffnet und kein Tankwagen wird einfahren, bis die israelischen Entf\u00fchrten nach Hause zur\u00fcckkehren.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit wurde die Versorgung einer ganzen Bev\u00f6lkerung ausdr\u00fccklich mit dem Verhalten der Hamas und der Freilassung der Geiseln verkn\u00fcpft. Millionen Menschen wurden faktisch in Mithaftung genommen.<\/p>\n<p><strong>Einzelf\u00e4lle?<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte jede dieser Aussagen f\u00fcr sich relativieren. Man k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, sie sei im Zorn nach dem Massaker des 7. Oktober gefallen. Man k\u00f6nnte auf \u00dcbersetzungen, Zusammenh\u00e4nge oder sp\u00e4tere Klarstellungen verweisen. Bei einem einzelnen Satz w\u00e4re das vielleicht \u00fcberzeugend. Hier sprechen wir jedoch \u00fcber Aussagen eines Ministerpr\u00e4sidenten, eines Staatspr\u00e4sidenten, eines Verteidigungsministers, eines Finanzministers, eines Energieministers und eines Ministers f\u00fcr nationale Sicherheit.<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eMenschliche Tiere.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>\u201eEine ganze Nation ist verantwortlich.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>\u201eGaza wird vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>\u201e30 oder 40 von ihnen jede Nacht.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hinzu kommen Forderungen nach Vertreibung oder \u201efreiwilliger Emigration\u201c Hunderttausender Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Worte allein t\u00f6ten keine Menschen. Sie schaffen aber ein Klima, in dem ethische Grenzen verschoben werden k\u00f6nnen. Wer Menschen entmenschlicht, erleichtert es, ihnen Rechte abzusprechen. Deutschland kennt diese Mechanismen aus seiner eigenen Geschichte. Umso fragw\u00fcrdiger ist die politische Antwort aus Berlin.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDeutschland steht fest an der Seite Israels.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer in Deutschland hat diesen Satz eigentlich gesagt? Und wie weit reicht diese Solidarit\u00e4t?<\/p>\n<p><strong>Schauen wir nach Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferungen israelischer Regierungsmitglieder sind bekannt. Die Zahl der Toten ebenfalls. Und Deutschland?<\/p>\n<p>Deutschland steht an der Seite Israels.<\/p>\n<p>Der Satz hat eine lange Vorgeschichte. Angela Merkel erkl\u00e4rte 2008 vor der Knesset, die Sicherheit Israels geh\u00f6re zur deutschen Staatsr\u00e4son. Was urspr\u00fcnglich die besondere historische Verantwortung Deutschlands f\u00fcr die Existenz und Sicherheit Israels ausdr\u00fccken sollte, entwickelte sich zunehmend zu einer politischen Formel, die kaum noch hinterfragt wird.<\/p>\n<p>Auch Friedrich Merz h\u00e4lt daran fest. In seiner ersten Regierungserkl\u00e4rung als Bundeskanzler im Mai 2025 erkl\u00e4rte er:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eExistenz und Sicherheit des Staates Israel sind und bleiben unsere Staatsr\u00e4son.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bei seinem Besuch in Israel im Dezember 2025 ging Merz noch weiter. Zur besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Israel sagte er:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDaran wird sich nach meinem festen Willen niemals etwas \u00e4ndern.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Niemals?<\/p>\n<p>Politik sollte sich an Handlungen orientieren. Freundschaft auch. Wer einem Freund sagt, er werde unter allen Umst\u00e4nden zu ihm stehen, nimmt sich selbst die M\u00f6glichkeit, irgendwann eine Grenze zu ziehen. Wo liegt diese Grenze f\u00fcr die deutsche Bundesregierung?<\/p>\n<p>Bei 20.000 get\u00f6teten Kindern?<\/p>\n<p>Bei 50.000?<\/p>\n<p>Bei einem israelischen Minister, der davon spricht, jede Nacht 30 oder 40 Pal\u00e4stinenser gezielt t\u00f6ten zu lassen?<\/p>\n<p>Au\u00dfenminister Johann Wadephul bezeichnete Israel noch im Juli 2026 vor einer Reise dorthin als \u201eengen Freund und Partner\u201c. Deutschland und Israel seien zudem durch eine \u201egegenseitige Sicherheitspartnerschaft verbunden\u201c. Bereits im Januar hatte Wadephul erkl\u00e4rt, aus der deutschen Geschichte folge als zentrale Lehre das Einstehen f\u00fcr Existenz und Sicherheit Israels. Das geh\u00f6re zum \u201eunver\u00e4nderlichen Wesenskern\u201c der deutsch-israelischen Beziehungen.<\/p>\n<p>\u201eUnver\u00e4nderlicher Wesenskern\u201c\u2026 wenn ich so etwas schon h\u00f6re! Was soll daran vern\u00fcnftig sein, eine politische Haltung f\u00fcr \u201eunver\u00e4nderlich\u201c zu erkl\u00e4ren? Politik muss auf Entwicklungen und auf das Handeln eines Partners reagieren k\u00f6nnen. Wer seine Haltung f\u00fcr unver\u00e4nderlich erkl\u00e4rt, verabschiedet sich von dieser notwendigen Flexibilit\u00e4t. Freundschaft braucht Grenzen. Solidarit\u00e4t auch.<\/p>\n<p>Immerhin: Die j\u00fcngsten \u00c4u\u00dferungen Ben-Gvirs waren inzwischen selbst Berlin zu viel. Wadephul bezeichnete sie als \u201euns\u00e4glich und v\u00f6llig inakzeptabel\u201c. \u00dcber m\u00f6gliche Sanktionen gegen Ben-Gvir will Deutschland nun innerhalb der Europ\u00e4ischen Union beraten. Bislang hatte Deutschland solche Sanktionen nicht unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Frage bleibt: Wie viel muss eigentlich passieren, bis aus Worten Konsequenzen werden?<\/p>\n<p><strong>\u201eEs gibt keinen V\u00f6lkermord in Gaza\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Besonders fragw\u00fcrdig und auch d\u00fcmmlich fand ich eine \u00c4u\u00dferung der CDU-Politikerin Franziska Hoppermann.<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4rte Anfang August 2026:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eF\u00fcr die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen V\u00f6lkermord in Gaza, wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Kein V\u00f6lkermord. Punkt.<\/p>\n<p>Ein mit fragw\u00fcrdiger Gewissheit ausgesprochener d\u00e4mlicher Satz angesichts der Tatsache, dass die juristische Bewertung dieser Frage Gegenstand internationaler Verfahren und heftiger v\u00f6lkerrechtlicher Auseinandersetzungen ist. Ebenso bescheuert ist der zweite Teil der Aussage:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWir stehen an der Seite Israels.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wieder dieser Satz. Aber an der Seite welches Israels? An der Seite der Menschen in Tel Aviv, die gegen ihre eigene Regierung demonstrieren? An der Seite der Angeh\u00f6rigen israelischer Geiseln? Oder an der Seite einer Regierung, in der Minister sitzen, deren Aussagen ich zuvor dokumentiert habe? Das ist nicht dasselbe.<\/p>\n<p><strong>Und Benjamin Netanjahu?<\/strong><\/p>\n<p>Besonders deutlich wird der deutsche Spagat beim israelischen Ministerpr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Gegen Benjamin Netanjahu besteht seit November 2024 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs. Deutschland ist Vertragsstaat des R\u00f6mischen Statuts und geh\u00f6rt damit zu den Staaten, auf deren Unterst\u00fctzung der Gerichtshof angewiesen ist.<\/p>\n<p>Friedrich Merz hatte dennoch bereits nach seinem Wahlsieg 2025 deutlich gemacht, Netanjahu m\u00fcsse Deutschland besuchen k\u00f6nnen. Bei seinem Israel-Besuch im Dezember 2025 wurde Merz erneut gefragt, ob er Netanjahu trotz des internationalen Haftbefehls nach Deutschland einladen werde. Seine Antwort:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eWenn es die Zeit erlaubt, dann w\u00fcrde ich gegebenenfalls eine solche Einladung aussprechen.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.<\/p>\n<p>Deutschland beruft sich gerne auf die \u201eregelbasierte internationale Ordnung\u201c. Deutschland unterst\u00fctzt den Internationalen Strafgerichtshof. Deutschland fordert andere Staaten auf, internationales Recht einzuhalten. Und beim israelischen Ministerpr\u00e4sidenten? Da wird dar\u00fcber nachgedacht, ihn nach Deutschland einzuladen. \u201eRegelbasiert\u201c \u2013 solange die Regeln die Richtigen treffen?<\/p>\n<p><strong>Es geht auch anders<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland ist mit seiner Haltung nicht alternativlos. Spanien zeigt das. Die Regierung von Ministerpr\u00e4sident Pedro S\u00e1nchez spricht ausdr\u00fccklich von einem \u201eGenozid in Gaza\u201c und hat konkrete Konsequenzen gezogen. Spanien verh\u00e4ngte ein Waffenembargo gegen Israel: R\u00fcstungsg\u00fcter d\u00fcrfen grunds\u00e4tzlich weder nach Israel exportiert noch aus Israel importiert werden. Zus\u00e4tzlich verbot Spanien die Einfuhr von Waren, die in israelischen Siedlungen in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten produziert werden.<br \/>Chapeau, Herr S\u00e1nchez! Sie nennen in meinen Augen die Dinge beim Namen, und ziehen ethisch einwandfreie Konsequenzen \u2013 im Gegensatz zur US-amerikanischen oder deutschen Regierung. Lassen Sie sich weiterhin nicht einsch\u00fcchtern!<\/p>\n<p>Das Beispiel Spanien zeigt: Historische Verantwortung und politische Freundschaft schlie\u00dfen Konsequenzen nicht aus. Deutschland ringt dagegen immer noch mit der Frage, wo Solidarit\u00e4t endet und Gefolgschaft beginnt. Darin sehe ich das Problem der deutschen \u201eStaatsr\u00e4son\u201c um jeden Preis. Mehr als 20.000 get\u00f6tete pal\u00e4stinensische Kinder! Z\u00e4hlen Sie mal langsam bis 21.289, Frau Hoppermann, und denken Sie bei jeder Zahl daran, es w\u00e4re Ihr eigenes Kind.<\/p>\n<p>Die Sicherheit Israels zu sch\u00fctzen, ist das eine. Das Handeln jeder israelischen Regierung politisch mitzutragen, ist etwas v\u00f6llig anderes.<\/p>\n<p><strong>An wessen Seite steht Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland tr\u00e4gt eine besondere historische Verantwortung. Dar\u00fcber gibt es f\u00fcr mich nichts zu diskutieren. Aus der deutschen Geschichte erw\u00e4chst die Verpflichtung, j\u00fcdisches Leben zu sch\u00fctzen und Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Aber bedeutet historische Verantwortung politische Gefolgschaft gegen\u00fcber jeder israelischen Regierung? Ist Solidarit\u00e4t mit Israel dasselbe wie Solidarit\u00e4t mit Benjamin Netanjahu, Itamar Ben-Gvir oder Bezalel Smotrich? Kann man f\u00fcr das Existenzrecht und die Sicherheit Israels eintreten und gleichzeitig die Politik seiner Regierung entschieden verurteilen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man das. Man muss es.<\/p>\n<p>Kritik an der israelischen Regierung ist keine Kritik an Juden. Israel ist nicht Netanjahu. Das Judentum ist nicht die israelische Regierung. Wer diese Unterschiede verwischt, verhindert eine sachliche Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>21.289 get\u00f6tete Kinder verschwinden nicht durch das Wort \u201eStaatsr\u00e4son\u201c. Aussagen \u00fcber \u201emenschliche Tiere\u201c werden nicht akzeptabler, weil sie von einem Vertreter eines befreundeten Staates stammen. Die Forderung, Nacht f\u00fcr Nacht 30 oder 40 Menschen zu t\u00f6ten, wird nicht weniger menschenverachtend, weil sie ein israelischer Minister ausspricht.<\/p>\n<p>Deutschland muss sich entscheiden, was seine viel beschworene historische Verantwortung im 21. Jahrhundert bedeutet. Bedingungslose Gefolgschaft kann es nicht sein.<\/p>\n<p>Die Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland an der Seite Israels stehen sollte. Die Frage lautet: An wessen Seite sollte Deutschland stehen?<\/p>\n<p>An der Seite des V\u00f6lkerrechts, der Menschenrechte und der Menschen, deren Leben es zu sch\u00fctzen gilt! Nicht die Nationalit\u00e4t eines Menschen entscheidet dar\u00fcber, ob sein Leben sch\u00fctzenswert ist. Nicht seine Religion. Nicht, ob er Israeli oder Pal\u00e4stinenser ist. Ein israelisches Kind ist nicht mehr wert als ein pal\u00e4stinensisches. Ein pal\u00e4stinensisches Kind nicht mehr als ein israelisches. Wer \u201eNie wieder\u201c ernst meint, sollte daraus eine universelle Lehre ziehen:<\/p>\n<p><strong>Nie wieder muss f\u00fcr alle gelten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<h3 id=\"anmerkungen-und-quellen\">Anmerkungen und Quellen<\/h3>\n<p>Mein Buch \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B0H761YF9H\/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=&amp;ref=apolut.net\"><u>Eine Reise zum Selbst<\/u><\/a>\u201c wurde am 2. Juli 2026 ver\u00f6ffentlicht. Die Texte dieses Buches laden dazu ein, gewohnte Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen, ohne neue Dogmen zu schaffen. Sie verbinden Erkenntnisse aus Philosophie, Spiritualit\u00e4t, Psychologie und Lebenserfahrung zu einer verst\u00e4ndlichen und lebensnahen Reflexion \u00fcber das Menschsein. Themen wie Selbstreflexion, die Kraft des gegenw\u00e4rtigen Augenblicks, Geben und Empfangen, Dankbarkeit, Liebe, Toleranz, pers\u00f6nliches Wachstum und der Umgang mit den Herausforderungen des Lebens bilden die Wegmarken dieser Reise.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz und Anfang April 2025 wurden meine beiden B\u00fccher<br \/>\u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Friedensunt%C3%BCchtigen-Kriegstreiber-Deutschland-Europa\/dp\/B0F3XG6Q8Z\/ref=sr_1_1?__mk_de_&amp;ref=apolut.net\"><u>Die Friedensunt\u00fcchtigen<\/u><\/a>\u201c und \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Taumel-Niedergangs-Demokratischer-wirtschaftlicher-Deutschlands\/dp\/B0F32JS87R\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=3JJ04002EWR69&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.Oj5YLI-ra13Jo1-hO3-QxpjVbqW4Zp-PgBoc_HkFZ0vRUAWpRhr9t_FAukNDd-Kjcz24yajuJ0MGZH2qtGzmxpn7IHu4XH4zz7p1a1MmegCroLWfM0lg0S7-NKT7bzhndp4CWW4gSeOmVn4mEJkRb4EDuTDPcwlTL9C2uagF3SY.y1TkrGl-reGDcZECS28yDUvz5-L9ZR9OorjTu71NTfk&amp;dib_tag=se&amp;keywords=Im+Taumel+des+Niedergangs&amp;qid=1744634000&amp;s=books&amp;sprefix=im+taumel+des+niedergangs,stripbooks,110&amp;sr=1-1&amp;ref=apolut.net\"><u>Im Taumel des Niedergangs<\/u><\/a>\u201c ver\u00f6ffentlicht. Ende September 2024 erschien das Buch \u201e<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Gef%C3%A4hrliche-Nullen-Kriegstreiber-Elitenvertreter-Deutschlands\/dp\/B0DJ374G6K\/ref=sr_1_2?__mk_de_&amp;ref=apolut.net\"><u>Gef\u00e4hrliche Nullen \u2013 Kriegstreiber und Elitenvertreter<\/u><\/a>\u201c.<\/p>\n<p><strong>+++\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: israelische und deutsche Flagge vor Backsteingeb\u00e4ude<br \/>Bildquelle: Mo Photography Berlin \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer. \u201eDeutschland steht fest an der Seite Israels.\u201c Diesen Satz h\u00f6ren wir seit Jahren. Er wird von deutschen Politikern wie ein Glaubensbekenntnis vorgetragen. Die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsr\u00e4son. Solidarit\u00e4t mit Israel sei unverbr\u00fcchlich. 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