{"id":18815,"date":"2026-08-20T21:02:24","date_gmt":"2026-08-20T19:02:24","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/der-taumelnde-hegemon-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-20T21:02:24","modified_gmt":"2026-08-20T19:02:24","slug":"der-taumelnde-hegemon-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/der-taumelnde-hegemon-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Der taumelnde Hegemon | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt einen Moment, an dem eine F\u00fchrungsschicht aufh\u00f6rt, Politik zu machen, und beginnt, nur noch zu reagieren. Dieser Moment l\u00e4sst sich an der US-Iran-Konfrontation der vergangenen Wochen exemplarisch ablesen \u2013 nicht als Ausdruck besonderer B\u00f6sartigkeit, sondern als Symptom eines strukturellen Unverm\u00f6gens: Washington ist nicht mehr in der Lage, die geopolitische Realit\u00e4t, in der es sich bewegt, \u00fcberhaupt korrekt zu erfassen. Dieser Erkenntnisausfall ist nicht zuf\u00e4llig. Er ist systemisch produziert \u2013 durch eine au\u00dfenpolitische Blase, die seit dem Ende des Kalten Krieges nur noch sich selbst best\u00e4tigt, durch Think Tanks, die Auftragsanalysen liefern, und durch Geheimdienstberichte, die das Bild des Feindes so lange zurechtschleifen, bis es ins eigene Raster passt. Die \u00dcberraschung \u00fcber Irans Resilienz ist keine operative Panne, sondern ein epistemologischer Betriebsunfall. Was von au\u00dfen wie ein koh\u00e4rentes Eskalationsprogramm aussieht, ist bei genauerem Hinsehen die Aneinanderreihung gescheiterter Versuche, mit den Instrumenten einer vergangenen Weltordnung eine Gegenwart zu bearbeiten, die l\u00e4ngst nach anderen Regeln funktioniert.<\/p>\n<p>Am deutlichsten zeigt sich das im doppelten Versuch, die F\u00fchrung der iranischen Revolutionsgarden \u00fcber Hinterkan\u00e4le \u2013 einmal \u00fcber Pakistans Feldmarschall Asim Munir, einmal \u00fcber die kurdische Autonomieregion im Nordirak \u2013 direkt zu kaufen. Das Modell dahinter ist erkennbar: dasselbe, das in Venezuela funktioniert hat, dort, wo eine klientelistisch organisierte Elite sich traditionell \u00fcber materielle Anreize steuern l\u00e4sst. Doch die IRGC ist keine Armee im westlichen Sinne, sondern eine parallele Staatsstruktur mit eigener \u00d6konomie, eigener Au\u00dfenpolitik und einem Gr\u00fcndungsmythos, der sich nicht aus Geh\u00e4ltern, sondern aus dem \u201eWiderstand gegen die globale Arroganz&#8220; speist. Wer diese Formation kaufen will, muss nicht Geld, sondern Bedeutung anbieten \u2013 und das kann Washington nicht, weil es selbst nicht versteht, was Bedeutung in diesem Kontext hei\u00dft. Dass der Versuch scheitert, ist kein Zufall, sondern die Konsequenz eines Kategorienfehlers: Man verwechselt eine Gesellschaftsformation mit einer anderen, weil man au\u00dferhalb der eigenen historischen Erfahrung nichts anderes zu erkennen vermag.<\/p>\n<p>Dieselbe Unf\u00e4higkeit zur Lageeinsch\u00e4tzung zeigt sich auf der \u00f6konomischen Ebene. Die neue Strategie, den Iran \u00fcber eine vollst\u00e4ndige Kappung der Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten wirtschaftlich zu ersticken, ignoriert, dass dieselbe F\u00fchrung in Abu Dhabi wenige Tage zuvor Bargeld und Gold nach Teheran verschifft hat. Die \u00f6ffentliche Bruchgeste und die diskrete Kontinuit\u00e4t existieren nebeneinander, weil die Golfstaaten l\u00e4ngst gelernt haben, gegen\u00fcber einem unberechenbaren Hegemon eine Frontstellung zu performen, ohne die eigenen Interessen tats\u00e4chlich aufzugeben. Washington aber liest die Proklamation als Erfolg \u2013 und \u00fcbersieht, dass sein eigener Vasall es l\u00e4ngst nicht mehr f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt, ihm die Wahrheit zu sagen.<\/p>\n<p>Auch die materielle Ebene entzieht sich der imperialen Zugriffslogik. Die Diesel- und Kerosinknappheit, die inzwischen vor allem Europa trifft, ist keine politisch verhandelbare Blockade, sondern die Folge einer technischen Kopplung: Bestimmte Raffinerien sind f\u00fcr eine bestimmte, schwefelhaltige Golf-Roh\u00f6lsorte gebaut und lassen sich nicht beliebig umstellen. Eine F\u00fchrungsschicht, die geopolitische Konflikte in erster Linie als Verhandlungs- und Drohszenarien denkt, hat keine Kategorie f\u00fcr eine Krise, die sich aus der schlichten Physik von Infrastruktur ergibt \u2013 und wird von ihr \u00fcberrascht, obwohl sie im April bereits angelegt war. Weil die materielle Sph\u00e4re nicht mehr verhandelbar ist, fl\u00fcchtet sich die Politik in die einzige Sph\u00e4re, die ihr noch vertraut ist: die der reinen Machtdemonstration.<\/p>\n<p>Wo die politischen und \u00f6konomischen Hebel versagen, bleibt die Drohung mit taktischen Atomwaffen als letztes verf\u00fcgbares Register. Dass diese Option in informellen Kreisen des Wei\u00dfen Hauses \u00fcberhaupt diskutiert wird, ist weniger Ausdruck von St\u00e4rke als von Ersch\u00f6pfung des eigenen Instrumentenkastens: Wenn Bestechung scheitert und Aushungern nicht greift, bleibt nur noch die Drohgeb\u00e4rde \u2013 und die Tatsache, dass sie ernsthaft erwogen wird, zeigt, wie weit sich die F\u00fchrungsebene von jeder rationalen Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung bereits entfernt hat.<\/p>\n<p>Selbst die eigenen B\u00fcndniskonstruktionen tragen diese Rissigkeit in sich. Der sunnitische Verteidigungspakt, den Riad als regionales Absicherungsinstrument gedacht hatte, erweist sich als das Gegenteil eines automatischen Beistandsmechanismus: Pakistan und die T\u00fcrkei signalisieren unmissverst\u00e4ndlich, dass sie sich nicht in Saudi-Arabiens selbstverschuldeten Jemen-Konflikt hineinziehen lassen \u2013 w\u00e4hrend sich dieselbe T\u00fcrkei zugleich in einer m\u00f6glichen Konfrontation mit Israel wiederfindet, bei der ausgerechnet Pakistan Beistand signalisiert. Damit best\u00e4tigt sich, was sich bereits in Syrien, in Libyen und am Horn von Afrika abzeichnet: Die \u00c4ra fester Blockbindungen ist vorbei. Selbst formelle Verteidigungspakte werden heute als Optionen gehandelt, nicht als Verpflichtungen. Washington aber denkt noch in Kategorien von 1955 \u2013 und verrechnet sich deshalb systematisch bei der Mobilisierung seiner \u201ePartner&#8220;.<\/p>\n<p>All das ergibt in der Summe kein Bild strategischer Absicht, sondern eines fortschreitenden Kontrollverlusts \u00fcber die eigene Wahrnehmung. Ein Hegemon, der Klientelbeziehungen mit Souver\u00e4nit\u00e4t verwechselt, \u00f6ffentliche Rhetorik mit realer Faktenlage und verhandelbare Drohgesten mit belastbaren B\u00fcndnissen. \u2028<\/p>\n<p>Dieser Hegemon taumelt nicht, weil ihm die Mittel fehlen \u2013 er taumelt, weil er die Landkarte verloren hat, auf der sich Mittel \u00fcberhaupt sinnvoll einsetzen lie\u00dfen. Und wer keine Landkarte mehr besitzt, irrt nicht nur; er wird irgendwann nicht einmal mehr bemerken, dass er l\u00e4ngst im Kreis geht \u2013 und h\u00e4lt die eigenen Spuren f\u00fcr die des Feindes.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/Andreas+von+Mallinckrodt?ref=apolut.net\">Andreas von Mallinckrodt<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>The New York Times: Berichterstattung zur US-iranischen Pattsituation, Juli 2026.<\/li>\n<li>Carnegie Council for Ethics in International Affairs: Analyse zum Vergleich der Sanktionsresilienz im Iran und in Venezuela, Juni 2026.<\/li>\n<li>Jerusalem Post: Strukturanalyse der Revolutionsgarden (IRGC) als parallele Staatsformation, Juli 2026.<\/li>\n<li>la diaria (Uruguay): Interview mit Iran-Experte Ali Alfoneh zur Militarisierung des iranischen Systems, Juli 2026.<\/li>\n<li>Neue Z\u00fcrcher Zeitung: Bericht zur Aussetzung des Handels mit den VAE und zur Rolle Abu Dhabis, Juli 2026.<\/li>\n<li>Arms Control Association \/ The Guardian: Berichte zur Debatte \u00fcber taktische Atomwaffen im Pentagon, Juni\/Juli 2026.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Es gibt einen Moment, an dem eine F\u00fchrungsschicht aufh\u00f6rt, Politik zu machen, und beginnt, nur noch zu reagieren. 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