{"id":19224,"date":"2026-08-24T12:07:54","date_gmt":"2026-08-24T10:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/nato-transformation-2040-und-ihre-us-amerikanischen-wurzeln-von-wolfgang-effenberger\/"},"modified":"2026-08-24T12:07:54","modified_gmt":"2026-08-24T10:07:54","slug":"nato-transformation-2040-und-ihre-us-amerikanischen-wurzeln-von-wolfgang-effenberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/nato-transformation-2040-und-ihre-us-amerikanischen-wurzeln-von-wolfgang-effenberger\/","title":{"rendered":"NATO-Transformation 2040 und ihre US-amerikanischen Wurzeln | Von Wolfgang Effenberger"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Von \u201aWin in a Complex World\u2018 zu \u201aWarfighting Capstone Concept\u2018<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Wolfgang Effenberger<\/strong>.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>TRADOC PAPER (TP) 525-3-1 &#8222;Win in a Complex World 2020-2040&#8220; vom September 2014<\/strong><\/p>\n<p>Im Vorwort und Vorwortteil ist die Sprache noch recht schwammig:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Landstreitkr\u00e4fte versetzen die Befehlshaber der regionalen Kampfkommandos in die Lage, politische und milit\u00e4rische Ziele gegen den Willen des Gegners&#8220; \u2026 und \u201eden nationalen Willen gegen\u00fcber einem Gegner mit milit\u00e4rischer Gewalt durchzusetzen\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Formel\u00a0\u201eDer Gegner ist unbekannt, der Einsatzort ist unbekannt, und die beteiligten Koalitionen sind unbekannt\u201c im Vorwort bedeutet nicht, Russland, China, Iran und Nordkorea seien keine vorgesehenen strategischen Gegner. Sie besagt lediglich, dass Zeitpunkt, Ort, Verlauf und B\u00fcndniskonstellation k\u00fcnftiger US-Interventionen offenbleiben. Unter Kapitel 2.4 &#8222;Vorboten k\u00fcnftiger Konflikte&#8220; werden ausdr\u00fccklich die priorisierten Konfliktgegner aufgez\u00e4hlt: China und Russland als konkurrierende Gro\u00dfm\u00e4chte, Iran und Nordkorea als Regionalm\u00e4chte. <\/p>\n<ul>\n<li>&#8222;competing powers&#8220;: China und Russland,<\/li>\n<li>&#8222;regional powers&#8220;: Iran und die DVRK\/Nordkorea, <\/li>\n<li>ferner transnationale Terrornetzwerke und Cyberbedrohungen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit wird eindeutig die Vorbereitung auf die Erzwingung politischer Ergebnisse durch milit\u00e4rische Gewalt beschrieben \u2014 einschlie\u00dflich der F\u00e4higkeit, Gegner an einer wirksamem Reaktion zu hindern. Es geht um die Sicherung einer unipolaren Weltordnung, wie Pr\u00e4sident George H. W. Bush sie am 11. September 1990 in seiner vielbeachteten Rede unter dem Leitmotiv <strong>\u201eToward a New World Order\u201c<\/strong> formulierte.<\/p>\n<p>Das ist nicht beil\u00e4ufiger Kontext, sondern die Feind- und Bedrohungsarchitektur, aus der die k\u00fcnftige F\u00e4higkeitsentwicklung der US Army abgeleitet wird. Das Papier verlangt, die Army so zu entwickeln, dass sie amerikanische Interessen weltweit sch\u00fctzt, Konflikte &#8222;verhindert&#8220;, Sicherheitsr\u00e4ume nach US-Ma\u00dfst\u00e4ben &#8222;gestaltet&#8220;, Macht auf Land projiziert und Gegner n\u00f6tigen kann. Das ist in diplomatische Worte gekleidetes imperiales Faustrecht.\u00a0<\/p>\n<p>Aus dem TRADOC 525-3-1 <strong>&#8222;Win in a Complex World 2020-2040&#8220; lassen sich somit <\/strong>hat <strong>zwei Ebenen<\/strong> herauslesen:<\/p>\n<p><strong>Ebene 1:<\/strong><br \/>Die Zukunft ist komplex, dynamisch und teilweise unvorhersehbar.<\/p>\n<p><strong>Ebene 2:<\/strong><br \/>Die US Army entwickelt dennoch konkrete Vorstellungen \u00fcber <strong>Bedrohungen und Gegner<\/strong> und richtet ihre Transformation daran aus.<\/p>\n<p>Die US Army beschreibt das Army Operation Concept (AOC) ausdr\u00fccklich als eine Vision k\u00fcnftiger bewaffneter Konflikte, die auf<\/p>\n<ul>\n<li><strong>&#8222;emerging threats&#8220;<\/strong> (aufkommende bzw. sich herausbildende Bedrohungen) <strong>und<\/strong><\/li>\n<li><strong>&#8222;adversary capabilities&#8220;<\/strong> (F\u00e4higkeiten des Gegners)\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p>beruht und darauf zielt, Konflikte zu verhindern, Sicherheitsumfelder zu gestalten und Kriege zu gewinnen. (3)<\/p>\n<p>Die sp\u00e4tere US-Army-Doktrin konkretisiert diese Entwicklung noch st\u00e4rker: Russland und China werden als besonders leistungsf\u00e4hige Gegner behandelt; Iran und Nordkorea werden ebenfalls als relevante Bedrohungen einbezogen. <\/p>\n<p>Die als Gegner definierten Staaten sind der Gegenstand einer US-Planung, die ihre Handlungsm\u00f6glichkeiten, ihr Abschreckungsverm\u00f6gen und ihre F\u00e4higkeit zum Widerstand\u00a0reduzieren\u00a0soll.<\/p>\n<p>\u201eUnsicheres Umfeld\u201c ist somit eher eine\u00a0Legitimations- und Modernisierungsformel: Weil der Gegner anpassungsf\u00e4hig sei und die operative Lage nicht vollst\u00e4ndig vorausgesehen werden k\u00f6nne, m\u00fcsse die US Army weltweit schneller verlegbar, dom\u00e4nen\u00fcbergreifend handlungsf\u00e4hig, informations\u00fcberlegen und zu Eskalationsdominanz bef\u00e4higt werden.<\/p>\n<p>Die tragende Logik von TP 525-3-1 l\u00e4sst sich pr\u00e4ziser so darstellen: <\/p>\n<p>Benannte geopolitische Rivalen \u2013 Gef\u00e4hrdung\u00a0der\u00a0US-Machtprojektion \u2013 Aufbau\u00a0von\u00a0 \u00dcberlegenheit \u2013 Erzwingung\u00a0politischer\u00a0Resultate<\/p>\n<p>Die zentralen Begriffe sind nicht nur \u201eMulti-Domain\u201c und \u201ePartner\u201c, sondern: Erhaltung bzw. Wiederherstellung von\u00a0&#8222;overmatch \u2014 F\u00e4higkeiten&#8220;, die den Gegner zu wirksamer Reaktion unf\u00e4hig machen.<\/p>\n<p>Es geht darum, dass der Gegner daran gehindert wird, den USA den Zugang zu einem Konfliktraum zu erschweren und ihre Bewegungsfreiheit dort einzuschr\u00e4nken (A2\/AD-Strategie).<\/p>\n<ul>\n<li>Anti-Access (Zugangsverweigerung):\u00a0Der Gegner versucht, US-Streitkr\u00e4fte bereits am Herankommen zu hindern \u2013 etwa durch Angriffe oder Drohungen gegen St\u00fctzpunkte, H\u00e4fen, Flugpl\u00e4tze, Transportwege und Verb\u00e4nde auf See.<\/li>\n<li>Area Denial (Raumverweigerung): Sind US-Streitkr\u00e4fte bereits im Einsatzgebiet, soll ihnen dort das freie Operieren, Verlegen und K\u00e4mpfen erschwert oder unm\u00f6glich gemacht werden.\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dazu geh\u00f6ren beispielsweise weitreichende Raketen, Luftverteidigung, U-Boote, Seeminen, elektronische Kampff\u00fchrung, Cyberangriffe sowie Aufkl\u00e4rungs- und Zielerfassungssysteme geh\u00f6ren. Ihr Zweck besteht darin, die Verlegung von Kr\u00e4ften zu verz\u00f6gern, Verluste zu riskieren und die Intervention politisch oder milit\u00e4risch zu verteuern.<\/p>\n<p>Es geht also um<\/p>\n<ul>\n<li>Ausschaltung gegnerischer Systeme zur Zugangs- und Raumverweigerung, welche die amerikanische Interventions- und Bewegungsfreiheit einschr\u00e4nken.<\/li>\n<li>Machtprojektion <strong>auf das Land<\/strong> und <strong>vom Land aus<\/strong> in den Luft-, See-, Welt- und Cyberraum.<\/li>\n<li>Gleichzeitige Angriffe in Tiefe und \u00fcber l\u00e4ngere Dauer, um den Gegner materiell und psychologisch zu \u00fcberfordern.<\/li>\n<li>Dauerhafte Vornepr\u00e4senz und Aufbau eines globalen Netzwerks landgest\u00fctzter Kr\u00e4fte mit Partnerarmeen. <\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Das&#8220;\u00a0NATO Warfighting Capstone Concept (NWCC)&#8220; von 2021<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p>Das NATO Warfighting Capstone Concept: A 20-Year Vision for NATO\u2019s Military Instrument of Power, 2021 (6) wurde vom NATO-Kommando f\u00fcr Transformation (Allied Command Transformation, ACT) in Norfolk, Virginia, erarbeitet. Die NATO-Mitgliedstaaten billigten es 2021 in den zust\u00e4ndigen politischen und milit\u00e4rischen Gremien.<\/p>\n<p>ACT beschreibt das Konzept als strategischen \u201eNordstern\u201c f\u00fcr die Entwicklung der NATO-Kriegsf\u00fchrungsf\u00e4higkeit in den kommenden zwanzig Jahren. Seine Umsetzung soll sich an f\u00fcnf zentralen Handlungsgeboten (<em>Imperatives<\/em>) und sechs entscheidenden Voraussetzungen (<em>Critical Enablers<\/em>) orientieren. (7)<\/p>\n<p>Die\u00a0sechs grundlegenden Voraussetzungen, ohne die die f\u00fcnf strategischen Leitlinien des NWCC nicht verwirklicht werden k\u00f6nnen, sind also keine zus\u00e4tzlichen Ziele, sondern die personellen, organisatorischen und technischen Grundlagen ihrer Umsetzung.<\/p>\n<p>Konkret nennt das NWCC:<\/p>\n<ul>\n<li>Daten: bessere Erfassung, Austausch und Auswertung von Informationen und Aufkl\u00e4rungserkenntnissen<\/li>\n<li>Technologie: \u00a0Nutzung und schnelle Einf\u00fchrung milit\u00e4risch relevanter Technologien<\/li>\n<li>Agilit\u00e4t:\u00a0F\u00e4higkeiten, Strukturen und Verfahren z\u00fcgig an neue Lagen anzupassen<\/li>\n<li>Personal: ausreichend qualifizierte Menschen mit den erforderlichen Kenntnissen und F\u00e4higkeiten<\/li>\n<li>Vorbereitung:\u00a0dauerhafte Ausbildung, \u00dcbungen, Planung und Bereitschaft schon in Friedenszeiten<\/li>\n<li>Integration:\u00a0enge Verzahnung der NATO-Staaten, Streitkr\u00e4fte und Partner sowie ziviler und anderer staatlicher Instrumente\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die NATO Review formulierte im Juli 2021 ausdr\u00fccklich, die NATO-F\u00fchrung habe das \u201evon ACT produzierte\u201c NWCC Anfang 2021 angenommen und auf dem NATO-Gipfel in Br\u00fcssel 2021 durch die Staats- und Regierungschefs best\u00e4tigt. (9)<\/p>\n<p>Es handelt sich folglich\u00a0nicht\u00a0um ein blo\u00dfes ACT-internes Konzeptpapier, obwohl ACT die fachliche Urheberschaft und die Implementierungsverantwortung tr\u00e4gt. Das NWCC ist ein auf der Ebene des B\u00fcndnisses best\u00e4tigtes strategisches Leitdokument f\u00fcr die langfristige Entwicklung des milit\u00e4rischen Instruments der NATO bis etwa 2040. (10)<\/p>\n<p>Das NATO-Konzept multilateralisiert\u00a0eine in den USA entwickelte Logik: dauerhafte Konkurrenz, Einschr\u00e4nkung gegnerischer Handlungsfreiheit, Erzeugung von Dilemmata, dom\u00e4nen\u00fcbergreifende \u00dcberlegenheit und Vorverlagerung von Abschreckung bzw. Machtprojektion.<\/p>\n<p>Der Unterschied bleibt: TP 525-3-1 ist ein US-Army-Dokument zur F\u00e4higkeitsentwicklung; das NWCC formuliert eine NATO-Gesamtvision.<\/p>\n<p>In beiden Konzepten ist \u201eMulti-Domain\u201c mehr als ein operativ-technischer Begriff: Es soll der Allianz gegen\u00fcber den benannten Gegnern Initiative, Bewegungsfreiheit und Eskalationsf\u00e4higkeit sichern oder ausbauen. Das NATO-Konzept verkn\u00fcpft diese Vision ausdr\u00fccklich mit der St\u00e4rkung von Abschreckung und Verteidigung.<\/p>\n<p>Multi-Domain\u00a0bedeutet: milit\u00e4rische Operationen werden nicht getrennt nach Teilstreitkr\u00e4ften gef\u00fchrt, sondern gleichzeitig und abgestimmt in mehreren Operationsr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die NATO unterscheidet dabei f\u00fcnf Dimensionen:\u00a0Land, Luft, See, Weltraum und Cyberraum.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die Abstimmung mit nichtmilit\u00e4rischen Mitteln, etwa Diplomatie, wirtschaftlichem Druck oder Informationspolitik. Ziel ist es, Wirkungen aus mehreren Bereichen gleichzeitig zu b\u00fcndeln und dadurch schneller als der Gegner Vorteile zu schaffen. (11)\u00a0<\/p>\n<p>Ein einfaches Beispiel: Satelliten und Cyberaufkl\u00e4rung erkennen ein Ziel; von See, aus der Luft und vom Boden werden zugleich Ma\u00dfnahmen eingeleitet; elektronische Kampff\u00fchrung st\u00f6rt gegnerische Kommunikation. Nicht jede Ma\u00dfnahme muss milit\u00e4risch sein \u2014 parallel k\u00f6nnen Sanktionen, diplomatischer Druck oder Informationskampagnen eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Es geht vor allem darum, die eigene Initiative, Bewegungsfreiheit und Eskalationsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber den benannten Gegnern zu sichern oder auszubauen. Das NATO-Konzept selbst verbindet seine Vision ausdr\u00fccklich mit der St\u00e4rkung von Abschreckung und Verteidigung der Allianz. (12)<\/p>\n<p>Dagegen kodifiziert TP 525-3-1 eine US-zentrierte Strategie zur Bewahrung globaler milit\u00e4rischer Interventions- und \u00dcberlegenheitsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber ausdr\u00fccklich benannten Gro\u00df- und Regionalm\u00e4chten; das NWCC \u00fcberf\u00fchrt wesentliche Elemente dieser Denkform in einen b\u00fcndnisweiten Rahmen.<\/p>\n<p><strong>Von \u201aWin in a Complex World\u2018 zu \u201aWarfighting Capstone Concept\u2018 \u2013 Die NATO-Transformation 2040 und ihre US-amerikanischen Wurzeln<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte bei TRADOC 525-3-1 drei Dinge auseinanderhalten:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Umfeld ist komplex und ver\u00e4nderlich.<br \/>Das bedeutet Unsicherheit hinsichtlich <em>Art, Verlauf und Bedingungen<\/em> k\u00fcnftiger Konflikte.<\/li>\n<li>Die strategischen Gegner sind keineswegs unbekannt.<br \/>Das Dokument benennt Russland, China, Nordkorea und Iran als konkrete Bedrohungsquellen.<\/li>\n<li>Daraus wird eine Transformationsaufgabe der US-Streitkr\u00e4fte abgeleitet.<br \/>Die Streitkr\u00e4fte sollen so umgebaut werden, dass sie diese Bedrohungen in einem zunehmend komplexen, multidimensionalen Konfliktumfeld bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das NWCC \u00fcbernimmt eine sehr \u00e4hnliche Grundstruktur, verschiebt sie aber auf die <strong>NATO-Ebene<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>TRADOC 525-3-1 \u2013 2014<\/strong><\/p>\n<p>Bedrohungsanalyse:<\/p>\n<ul>\n<li>Russland \/ China \/ Iran \/ Nordkorea<\/li>\n<li>komplexes zuk\u00fcnftiges Operationsumfeld<\/li>\n<li>Transformation der US Army<\/li>\n<li>Multi-Domain \/ Joint \/ multinational<\/li>\n<li>F\u00e4higkeit zur Machtprojektion und zum \u201eWinning\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>NATO NWCC \u2013 2021<\/strong><\/p>\n<p>strategische Konkurrenz:<\/p>\n<ul>\n<li>Russland \/ China und weitere staatliche und nichtstaatliche Akteure<\/li>\n<li>zunehmend komplexes und umk\u00e4mpftes Umfeld<\/li>\n<li>Transformation des NATO Military Instrument of Power<\/li>\n<li>Multi-Domain \/ Cross-Domain<\/li>\n<li>f\u00fcnf Warfare Development Imperatives<\/li>\n<li>milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit bis 2040<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der wichtige Unterschied lautet deshalb:<\/p>\n<p><strong>TRADOC 525-3-1 beginnt mit einer relativ konkreten Bedrohungsanalyse und entwickelt daraus das zuk\u00fcnftige amerikanische Streitkr\u00e4fteprofil.<\/strong><\/p>\n<p>Das NWCC macht daraus eine <strong>allianzweite, langfristige Transformationsarchitektur<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Das NWCC erfindet die Transformationslogik nicht neu. Es hebt eine bereits im US-amerikanischen Streitkr\u00e4fte- und Doktrindenken entwickelte Logik auf die Ebene der NATO und verl\u00e4ngert ihren Zeithorizont bis 2040.<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p>Den Gegner \u00fcberdenken, \u00fcbertreffen, niederk\u00e4mpfen, \u00fcberholen, durch Partnerschaften \u00fcberfl\u00fcgeln und l\u00e4nger durchhalten.<\/p>\n<p><strong>Bedeutung im milit\u00e4risch-strategischen Kontext<\/strong><\/p>\n<p>Out-think\u00a0\u2013 strategisch kl\u00fcger denken; Lage, Gegner und Optionen besser verstehen<\/p>\n<p>Out-excel\u00a0\u2013 in Ausbildung, F\u00fchrung, Organisation und Leistungsf\u00e4higkeit \u00fcberlegen sein<\/p>\n<p>Out-fight\u00a0\u2013 im Gefecht bzw. Krieg wirksamer k\u00e4mpfen<\/p>\n<p>Out-pace\u00a0\u2013 schneller entscheiden, anpassen und handeln<\/p>\n<p>Out-partner\u00a0\u2013 st\u00e4rkere B\u00fcndnisse, Kooperationen und Netzwerke aufbauen<\/p>\n<p>Out-last\u00a0\u2013 einen l\u00e4ngeren Konflikt wirtschaftlich, milit\u00e4risch und politisch durchstehen\u00a0<\/p>\n<p>Kurz: Kl\u00fcger denken, besser leisten, entschlossener k\u00e4mpfen, schneller handeln, st\u00e4rker kooperieren und l\u00e4nger durchhalten.<\/p>\n<p>Das wurde auf dem <strong>NATO-Gipfel in Br\u00fcssel am 14. Juni 2021<\/strong> von den Staats- und Regierungschefs best\u00e4tigte bzw. angenommene NWCC-Papier wird in der NATO als es als langfristige Vision f\u00fcr die Entwicklung des milit\u00e4rischen Instruments bis <strong>2040<\/strong> bezeichnet.<\/p>\n<p>Gibt es einen Zusammenhang zwischen NWCC und dem russischen Angriff am 24. Februar 2022?<\/p>\n<p>Zwischen NWCC (<strong>14. Juni 2021<\/strong>) und Beginn der russischen Invasion (<strong>24. Februar 2022) lagen 8 Monate und 10 Tage.<\/strong><\/p>\n<p>Das &#8222;Allied Command Transformation NATO&#8220; (ACT) erkl\u00e4rteausdr\u00fccklich, dass das Konzept das Ergebnis von <strong>mehr als 18 Monaten<\/strong> Arbeit war und bereits 2021 zur Verabschiedung anstand.<\/p>\n<p>Noch wichtiger: Die strategische Entwicklung begann <strong>lange vor Juni 2021<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>US-Einflussnahme \/ Demokratisierungsprogramme<\/strong><\/p>\n<p>So muss eine belastbare Analyse der US-Rolle in der Ukraine sp\u00e4testens bei der Orangenen Revolution 2004\/05 beginnen. Der Westen orchestrierte die Revolution und f\u00f6rderte damals Wahlreformen, Zivilgesellschaft, unabh\u00e4ngige Medien und politische Akteure mit erheblichen Mitteln. Nach eigener USAID-Bewertung spielten diese Programme eine wichtige unterst\u00fctzende Rolle. Damit begann sp\u00e4testens in den fr\u00fchen 2000er-Jahren eine langfristige US-Politik, die auf die politische Transformation und Westorientierung der Ukraine zielte und 2013\/14 unter ver\u00e4nderten Bedingungen fortgesetzt wurde. Ihr strategischer Rahmen l\u00e4sst sich in einer Linie von der sogenannten Wolfowitz-Doktrin \u00fcber die Operationskonzeption des TRADOC-Pamphlets 525-5 bis zur praktischen Nutzung von \u00dcberg\u00e4ngen zwischen politischen und milit\u00e4rischen Eskalationsstufen lesen. (13)<\/p>\n<p>Die 1992 bekannt gewordene, zun\u00e4chst als Entwurf formulierte\u00a0Defense Planning Guidance\u00a0\u2013 meist \u201eWolfowitz-Doktrin\u201c genannt \u2013 definierte als vorrangiges Ziel, das Wiederentstehen eines machtpolitischen Rivalen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder in anderen strategischen Regionen zu verhindern. Sie verband dies mit dem Anspruch, die USA m\u00fcssten gegebenenfalls auch unilateral oder mit begrenzter B\u00fcndnisunterst\u00fctzung handeln k\u00f6nnen. Damit entstand ein geopolitischer Orientierungsrahmen, in dem die Einbindung postsowjetischer Staaten in westlich dominierte politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Strukturen besondere Bedeutung erhielt.<\/p>\n<p>TRADOC Pamphlet 525-5 (Force XXI Operations, 1. August 1994) \u00fcbersetzte einen solchen strategischen Horizont nicht in ein konkretes L\u00e4nderprogramm, wohl aber in ein milit\u00e4risches Operationsdenken. Die Schrift beschreibt zuk\u00fcnftige Eins\u00e4tze entlang einer Dynamik von Aufruhr, Krise, Konflikt und Krieg sowie \u201eOperations Other Than War\u201c (OOTW). Sie betont die F\u00e4higkeit des \u00dcbergangs von verschiedenen Einsatzformen und definiert den Erfolg in vielen Operationen ausdr\u00fccklich \u00fcber die Kontrolle von Menschen und Territorium. Zugleich hebt sie die Verbindung milit\u00e4rischer Kr\u00e4fte mit anderen Teilstreitkr\u00e4ften, B\u00fcndnispartnern, Beh\u00f6rden, Nichtregierungsorganisationen und privaten Hilfsorganisationen hervor. (14)<\/p>\n<p>In der im Dokument angelegten Eskalationslogik kann dieser \u00dcbergang \u2013 vereinfacht \u2013 als\u00a0<strong>Aufruhr \u2013 Krise \u2013 Konflikt \u2013 Krieg<\/strong> gefasst werden: Politische Unruhe oder gesellschaftlicher Aufruhr schafft zun\u00e4chst einen Raum f\u00fcr nichtmilit\u00e4rische Einflussnahme; eine Krise erlaubt die Internationalisierung und institutionelle Bearbeitung; der Konflikt er\u00f6ffnet die Verbindung diplomatischer, \u00f6konomischer, informationspolitischer und sicherheitsbezogener Instrumente; erst im \u00e4u\u00dfersten Fall folgt der offene Krieg. Entscheidend ist dabei nicht die Behauptung, TRADOC 525-5 habe die Ereignisse in der Ukraine geplant. Das Pamphlet ist ein allgemeines, ausdr\u00fccklich nicht doktrin\u00e4res Konzeptpapier f\u00fcr k\u00fcnftige Operationen und keine Handlungsanweisung f\u00fcr die Ukraine. (15)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ukraine ergibt sich daher eher ein analytischer Zusammenhang als ein unmittelbarer Kausalnachweis: Die Wolfowitz-Doktrin markierte eine nach dem Kalten Krieg formulierte Priorit\u00e4t, das Entstehen eines eurasischen Gegenpols zu verhindern; TRADOC 525-5 entwickelte parallel die Vorstellung eines flexiblen \u00dcbergangs zwischen Friedens-, Krisen-, Konflikt- und Kriegslagen unter Einbeziehung ziviler, zwischenstaatlicher und milit\u00e4rischer Akteure. Vor diesem Hintergrund kann die seit den fr\u00fchen 2000er-Jahren verst\u00e4rkte westliche F\u00f6rderung politischer, gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Westbindung der Ukraine als Teil eines breiteren machtpolitischen Ordnungsprojekts interpretiert werden. Die Ereignisse von 2013\/14 w\u00e4ren in dieser Lesart nicht der Beginn dieser Orientierung, sondern deren Zuspitzung in einer Krisenphase, in der gesellschaftlicher Aufruhr, institutionelle Destabilisierung, internationaler Einfluss und anschlie\u00dfend milit\u00e4rische Eskalation ineinandergriffen. (16)<\/p>\n<p><strong>2004\/05 \u2013 Orange Revolution<\/strong><\/p>\n<p><strong>2010 \u2013 Janukowytsch gewinnt Pr\u00e4sidentschaftswahl<\/p>\n<p>2013\/14 \u2013 Euromaidan und Machtwechsel<\/p>\n<p>2014 \u2013 <\/strong>Krim\/Donbass \u2192 NATO beginnt milit\u00e4rische Anpassung<\/p>\n<p><strong>TRADOC 525-3-1: \u201eWin in a Complex World 2020\u20132040\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>2019 \u2013 NATO Military Strategy<\/p>\n<p>2020 \u2013 DDA<\/strong> NATO-Konzept <strong>\u201eConcept for the Deterrence and Defence of the Euro-<\/strong><\/p>\n<p><strong>Atlantic Area\u201c<\/strong> \u2013 auf Deutsch etwa <strong>\u201eKonzept f\u00fcr die Abschreckung und<\/strong><\/p>\n<p><strong>Verteidigung des euro-atlantischen Raums\u201c (<\/strong>es ist kein eigenst\u00e4ndiges &#8222;Strategic Concept\u201c wie das NATO Strategic Concept von 2022).<\/p>\n<p>DDA sollte die milit\u00e4rische Anpassung der NATO nach <strong>2014<\/strong> in eine umfassendere Architektur \u00fcberf\u00fchren. Es geht insbesondere um: Abschreckung und Verteidigung des gesamten euro-atlantischen Raums; die F\u00e4higkeit, gleichzeitig auf unterschiedliche Bedrohungen reagieren zu k\u00f6nnen; st\u00e4rkere milit\u00e4rische Bereitschaft und Verlegef\u00e4higkeit; die Verst\u00e4rkung der NATO-Ostflanke; Integration von Land-, Luft-, See-, Cyber- und Weltraumf\u00e4higkeiten; und die Vorbereitung auf einen <strong>\u201emore competitive security environment\u201c<\/strong>.<\/p>\n<p>Besonders wichtig ist, dass das DDA <strong>zeitlich zwischen der NATO-Anpassung nach 2014 und dem NWCC 2021 liegt<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>2021 (14. Juni) \u2013 NWCC \u2013 NATO Warfighting Capstone Concept<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>langfristiges milit\u00e4risches Zielbild <strong>bis 2040<\/strong><\/li>\n<li>f\u00fcnf Warfare Development Imperatives<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die f\u00fcnf Warfare Development Imperatives des NATO Warfighting Capstone Concept bilden keinen Phasenplan f\u00fcr einzelne Staaten, sondern ein dauerhaftes F\u00e4higkeits- und Steuerungsraster f\u00fcr strategische Konkurrenz sowie f\u00fcr das gesamte Kontinuum von Aufruhr, Krise, Konflikt und Krieg. <em>Cognitive Superiority<\/em> soll ein \u00fcberlegenes Verst\u00e4ndnis des politischen und milit\u00e4rischen Umfelds gew\u00e4hrleisten; <em>Layered Resilience<\/em> die Widerstandsf\u00e4higkeit milit\u00e4rischer und ziviler Strukturen; <em>Influence and Power Projection<\/em> die aktive Gestaltung des Umfelds und die Erzeugung gegnerischer Dilemmata. Mit <em>Cross-Domain Command<\/em> und <em>Integrated Multi-Domain Defence<\/em> wird diese Logik in beschleunigtes, dom\u00e4nen\u00fcbergreifendes F\u00fchren und Verteidigen \u00fcberf\u00fchrt. Damit verbindet das Konzept gesellschaftliche, informationelle, politische und milit\u00e4rische Handlungsfelder in einer durchg\u00e4ngigen Wettbewerbs- und Kriegf\u00fchrungsarchitektur: sechs \u201eOuts\u201c.<\/p>\n<p><strong>OUT-THINK \u2013 OUT-EXCEL \u2013 OUT-FIGHT \u2013 OUT-PACE \u2013 OUT-PARTNER \u2013 OUT-LAST. (17)<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>milit\u00e4rischen Vorteil erhalten und weiterentwickeln<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>2022 (24. Februar)\u2013 Ausweitung des Krieges<\/p>\n<p>2022 (29. Juni) \u2013 NATO Strategic Concept<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Russland wird zum <strong>\u201emost significant and direct threat\u201c<\/strong> erkl\u00e4rt<\/li>\n<li>China erstmals ausdr\u00fccklich aufgenommen. (18)\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob <strong>die NATO-Transformation 2040 lediglich eine Reaktion auf die russische Politik ist \u2013 oder ist sie Teil einer wesentlich l\u00e4nger zur\u00fcckreichenden westlichen Transformations- und Ordnungspolitik gegen\u00fcber dem postsowjetischen Raum, relativ leicht zu beantworten.<\/strong><\/p>\n<p>Das DDA ist gewisserma\u00dfen das <strong>operative Bindeglied<\/strong> zwischen der politischen Neubewertung nach 2014 und dem langfristigen Transformationskonzept NWCC.<\/p>\n<p>In der heutigen R\u00fcckschau l\u00e4sst sich ein Dreischritt erkennen: <strong>DDA = Wie soll die NATO abschrecken und verteidigen? NWCC = Welche milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten braucht die NATO bis 2040? Strategic Concept 2022 = Gegen welche strategische Bedrohung richtet sich diese Architektur?<\/strong><\/p>\n<p>Das ergibt eine sehr interessante <strong>zeitliche Kette<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>Krim 2014 \u2013 NATO-Milit\u00e4ranpassung \u2013 Military Strategy 2019 \u2013 DDA 2020 \u2013 NWCC 2021 \u2013 russischer Gro\u00dfangriff 2022 \u2013 NATO Strategic Concept 2022.<\/strong><\/p>\n<p>Das NWCC war <strong>keine Reaktion auf den Angriff vom Februar 2022<\/strong>. Es war vielmehr Teil einer bereits laufenden NATO-Transformation.<\/p>\n<p>Noch aufschlussreicher ist, <strong>was die NATO im Juni 2021 selbst als Bedrohungsumfeld bezeichnete<\/strong>. Im offiziellen Gipfeltext ist von \u201epattern of aggressive behaviour\u201c Russlands, Chinas wachsendem Einfluss, Cyberangriffen, disruptiven Technologien und einer zunehmend kompetitiven Welt die Rede. Die NATO erkl\u00e4rte au\u00dferdem, dass sie ihre milit\u00e4rische Anpassung seit <strong>2014<\/strong> beschleunigt habe.<\/p>\n<p>Das NWCC selbst beschreibt Russland als einen Akteur, der die NATO weiterhin bedrohen werde, und China als einen Faktor mit wachsender Bedeutung. Es fordert einen <strong>proaktiven Ansatz<\/strong> und die F\u00e4higkeit, in \u201eshaping, contesting and fighting contexts\u201c zu handeln.<\/p>\n<p>Die interessantere Frage lautet:<\/p>\n<p><strong>\u201eWarum verabschiedete die NATO acht Monate vor dem russischen Gro\u00dfangriff ein bis 2040 reichendes Konzept zur Aufrechterhaltung ihrer milit\u00e4rischen \u00dcberlegenheit \u2013 und welche Bedrohungsvorstellungen lagen diesem Konzept bereits zugrunde?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Denn die NATO selbst sagt r\u00fcckblickend, dass das NWCC insbesondere die <strong>\u201enewer aspects of great power competition\u201c<\/strong> adressierte. Gleichzeitig stellt NATO heute ausdr\u00fccklich fest, dass der Krieg gegen die Ukraine gezeigt habe, dass trotz der Vorbereitung auf den \u201echanging character of war\u201c der <strong>traditionelle Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt<\/strong> weiterhin eine zentrale Rolle spielt.<\/p>\n<p>Legt man die Dokumente nebeneinander, dann bekommt <strong>TRADOC 525-3-1 von 2014<\/strong> mehr Gewicht<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>TRADOC 525-3-1 \u2013 2014<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>langfristiger Horizont <strong>2020\u20132040<\/strong><\/li>\n<li>konkrete strategische Konkurrenten\/Bedrohungen<\/li>\n<li>Russland, China, Nordkorea, Iran<\/li>\n<li>Transformation der US Army<\/li>\n<li>Multi-Domain<\/li>\n<li>\u201eShape the Security Environment\u201c<\/li>\n<li>\u201eWin\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>NATO NWCC \u2013 2021<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>langfristiger Horizont <strong>bis 2040<\/strong><\/li>\n<li>Great Power Competition<\/li>\n<li>Russland und China ausdr\u00fccklich im Bedrohungsumfeld<\/li>\n<li>Transformation des NATO Military Instrument of Power<\/li>\n<li>Multi-Domain<\/li>\n<li>proaktives \u201eshaping\u201c<\/li>\n<li>dauerhafte milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und dann kommt <strong>2022<\/strong>.<\/p>\n<p>Der Ukrainekrieg von 2022 war nicht der Ausgangspunkt der NATO-Transformation 2040. Er traf vielmehr auf eine bereits seit 2014 laufende milit\u00e4rstrategische Transformation, deren langfristiges Zielbild die NATO mit dem NWCC im Juni 2021 \u2013 acht Monate vor dem russischen Gro\u00dfangriff \u2013 ausdr\u00fccklich festgelegt hatte.<\/p>\n<p>Besonders bemerkenswert ist schlie\u00dflich, dass der NATO ACT am <strong>29. M\u00e4rz 2022<\/strong>, also nur <strong>33 Tage nach Beginn der russischen Invasion<\/strong>, bereits festhielt, Russlands Aggression gegen die Ukraine <strong>\u201eunderscores\u201c<\/strong> die im NWCC angelegte Warfare-Development-Agenda. Das hei\u00dft: Der Krieg wurde unmittelbar nach seinem Beginn <strong>in den bereits vorher entwickelten Transformationsrahmen eingeordnet<\/strong> \u2013 nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Damit wird aus der blo\u00dfen zeitlichen N\u00e4he eine <strong>strategische Entwicklungslinie<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>2014 muss als Ausgangspunkt der Entwicklung ber\u00fccksichtigt werden.<\/strong> Dazu geh\u00f6ren der Euromaidan, die gewaltsame Eskalation, die Absetzung Janukowytschs, die anschlie\u00dfende politische Neuordnung und die massive politische und finanzielle Unterst\u00fctzung der USA und anderer westlicher Staaten.<\/p>\n<p>Die <strong>Nuland-Pyatt-Aufnahme vom Januar 2014<\/strong> ist ein belastbarer Beleg daf\u00fcr, dass hochrangige US-Diplomaten sich bereits w\u00e4hrend der Krise intensiv mit der k\u00fcnftigen politischen Zusammensetzung der ukrainischen Regierung befassten. (19)<\/p>\n<p>Die anschlie\u00dfend abgehaltene Pr\u00e4sidentschaftswahl vom Mai 2014 wurde von der OSZE zwar als im Wesentlichen den internationalen Verpflichtungen entsprechend beurteilt. Das beseitigt aber <strong>nicht die verfassungsrechtliche Kontroverse \u00fcber die vorherige Absetzung Janukowytschs<\/strong>. (20)<\/p>\n<p>Beim <strong>russischen Vorgehen auf der Krim und sp\u00e4ter bei der Eingliederung ukrainischer Gebiete<\/strong> ist ebenfalls zwischen politischer Begr\u00fcndung, Selbstbestimmungsargumenten und geltendem V\u00f6lkerrecht zu unterscheiden. Die UN-Generalversammlung bekr\u00e4ftigte 2014 ausdr\u00fccklich die territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine und erkl\u00e4rte das Krim-Referendum nicht f\u00fcr g\u00fcltig. (21) Sie nahm andererseits auch nicht R\u00fccksicht auf das Selbstbestimmungsrecht der Krim-Bewohner (sie hatten bereits im Januar 1991 die Sowjetunion verlassen wollen, die Ukrainer erst im Dezember 1991)<\/p>\n<p>Wenn wir die Entwicklung <strong>nicht erst am 24. Februar 2022 beginnen<\/strong>, sondern bei <strong>2013\/14<\/strong>, ergibt sich eine wesentlich interessantere chronologische Kette:<\/p>\n<p>Auch Ihre Anmerkung zur Truppenst\u00e4rke ist f\u00fcr die Analyse relevant: Wenn man \u00fcber den 24. Februar 2022 spricht, sollte man die <strong>Gr\u00f6\u00dfenordnung der eingesetzten russischen Kr\u00e4fte und ihre strategischen Ziele<\/strong> nicht mit der sp\u00e4teren Entwicklung des Krieges vermischen. Eine Bezeichnung wie \u201eVollinvasion\u201c suggeriert leicht eine bestimmte Interpretation des Geschehens; f\u00fcr einen kritischen historischen Report ist eine <strong>wertungs\u00e4rmere Beschreibung der Operation<\/strong> tats\u00e4chlich vorzuziehen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung von <em>\u201eWin in a Complex World\u201c<\/em> zum <em>NATO Warfighting Capstone Concept<\/em> zeigt somit weniger einen durch den Krieg von 2022 ausgel\u00f6sten Paradigmenwechsel als die \u00dcbertragung und B\u00fcndelung eines seit 2014 entwickelten US-amerikanischen Transformationsansatzes auf die NATO: Die russische Intervention in der Ukraine beschleunigte und politisch legitimierte im Strategischen Konzept von Madrid 2022 eine bis 2040 angelegte, auf kognitive \u00dcberlegenheit, Resilienz, Einfluss- und Machtprojektion sowie multidomainale Kriegf\u00fchrungsf\u00e4higkeit gerichtete Allianzstrategie.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<h3 id=\"anmerkungen-und-quellen\">Anmerkungen und Quellen<\/h3>\n<p>Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei\u00a0der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete\u00a0&#8222;atomare Gefechtsfeld&#8220; in Europa. Nach zw\u00f6lfj\u00e4hriger Dienstzeit\u00a0studierte er in M\u00fcnchen Politikwissenschaft sowie H\u00f6heres Lehramt\u00a0(Bauwesen\/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule f\u00fcr\u00a0Bautechnik. Seitdem publiziert er zur j\u00fcngeren deutschen Geschichte und\u00a0zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: \u201eSchwarzbuch EU &amp; NATO\u201c\u00a0(2020), &#8222;Die untersch\u00e4tzte Macht&#8220; (2022), &#8222;Vom Krieg zur Weltordnung&#8220; (2026).<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>3) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.army.mil\/article-amp\/134900\/2014_green_book_the_army_operating_concept?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.army.mil\/article-amp\/134900\/2014_green_book_the_army_operating_concept?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>6) North Atlantic Treaty Organization (NATO), Allied Command Transformation (ACT) (Hrsg.):\u00a0NATO Warfighting Capstone Concept: A 20-Year Vision for NATO\u2019s Military Instrument of Power, 2021<\/p>\n<p>7) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.act.nato.int\/about\/the-command\/?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.act.nato.int\/about\/the-command\/?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>9) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/ejournals.eu\/pliki_artykulu_czasopisma\/pelny_tekst\/0193d477-54cf-7214-bf55-441ba619d7f0\/pobierz?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/ejournals.eu\/pliki_artykulu_czasopisma\/pelny_tekst\/0193d477-54cf-7214-bf55-441ba619d7f0\/pobierz<\/u><\/a><\/p>\n<p>10) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/<\/u><\/a><\/p>\n<p>11) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.act.nato.int\/article\/mdo-in-nato-explained\/?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/www.act.nato.int\/article\/mdo-in-nato-explained\/<\/u><\/a><\/p>\n<p>12) https:\/\/www.act.nato.int\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/NWCC-Glossy-18-MAY.pdf<\/p>\n<p>13) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/2001-2009.state.gov\/p\/eur\/rls\/fs\/36503.htm?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/2001-2009.state.gov\/p\/eur\/rls\/fs\/36503.htm<\/u><\/a><\/p>\n<p>14) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/apps.dtic.mil\/sti\/tr\/pdf\/ADA314276.pdf?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/apps.dtic.mil\/sti\/tr\/pdf\/ADA314276.pdf<\/u><\/a><\/p>\n<p>15) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.ausa.org\/sites\/default\/files\/SR-1999-CPMW-Chemical-Corps-Smoke-Is-There-a-Future-in-the-Army-of-the-21st-Century.pdf?ref=apolut.net\"><u>https:\/\/www.ausa.org\/sites\/default\/files\/SR-1999-CPMW-Chemical-Corps-Smoke-Is-There-a-Future-in-the-Army-of-the-21st-Century.pdf<\/u><\/a><\/p>\n<p>16) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=29921&amp;ref=apolut.net\"><u>http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=29921<\/u><\/a><\/p>\n<p>17) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>18) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.act.nato.int\/our-work\/nato-warfighting-capstone-concept\/?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>19) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.mprnews.org\/story\/2014\/02\/06\/leaked-phone-call-offers-not-so-diplomatic-us-view-of-eu?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.mprnews.org\/story\/2014\/02\/06\/leaked-phone-call-offers-not-so-diplomatic-us-view-of-eu?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>20) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/odihr.osce.org\/odihr\/elections\/119081?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/odihr.osce.org\/odihr\/elections\/119081?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p>21) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.securitycouncilreport.org\/atf\/cf\/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D\/a_res_68_262.pdf?utm_source=chatgpt.com\"><u>https:\/\/www.securitycouncilreport.org\/atf\/cf\/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D\/a_res_68_262.pdf?utm_source=chatgpt.com<\/u><\/a><\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: NATO-Treffen der Au\u00dfenminister in Br\u00fcssel 2023<br \/>Bildquelle: Alexandros Michailidis \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von \u201aWin in a Complex World\u2018 zu \u201aWarfighting Capstone Concept\u2018 Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.\u00a0 TRADOC PAPER (TP) 525-3-1 &#8222;Win in a Complex World 2020-2040&#8220; 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