{"id":19420,"date":"2026-08-25T14:07:51","date_gmt":"2026-08-25T12:07:51","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/naher-osten-vom-genozid-zur-atomaren-option-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-08-25T14:07:51","modified_gmt":"2026-08-25T12:07:51","slug":"naher-osten-vom-genozid-zur-atomaren-option-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/naher-osten-vom-genozid-zur-atomaren-option-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Naher Osten: Vom Genozid zur atomaren Option | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt einen Verdacht, den man nicht aussprechen m\u00f6chte, weil er zu ordentlich klingt f\u00fcr ein Ereignis, das so chaotisch daherkommt: dass die Welt gerade eine zweite Pr\u00fcfung derselben F\u00e4higkeit ablegt, die sie bei der ersten bereits bestanden hat \u2013 die F\u00e4higkeit, das Undenkbare mitzudenken, ohne es zu verhindern.<\/p>\n<p>Man kennt das Verfahren inzwischen, es hat einen Namen und ein Datum: der 7. Oktober 2023 als Ausl\u00f6ser, danach zwei Jahre lang eine Debatte \u00fcber die richtige Bezeichnung dessen, was folgte, w\u00e4hrend die Handlung selbst unbeirrt weiterlief. War das, was in Gaza geschah, V\u00f6lkermord oder Kollateralschaden? Die Frage lief parallel zur Sache, als seien es zwei unabh\u00e4ngige Vorg\u00e4nge. Sie waren es nicht. Die definitorische Debatte war die Fortsetzung der Handlung mit anderen Mitteln \u2013 solange irgendwo noch \u00fcber Terminologie gestritten wurde, musste niemand erkl\u00e4ren, warum nichts geschah.<\/p>\n<p>Am Iran wiederholt sich dieselbe Bewegung, nur mit neuem Vokabular, und sie hat inzwischen sogar ein eigenes Datum bekommen: die Woche, in der Donald Trump im Fox-Interview mit der Bombardierung Omans drohte \u2013 eines Landes, das nicht einmal Kriegspartei ist \u2013 und Iran auffordern lie\u00df, die wei\u00dfe Flagge zu hissen. In derselben Woche postete die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, im Wei\u00dfen Haus werde \u00fcber den Einsatz von Atomwaffen gesprochen. Kein Ger\u00fccht aus zweiter Hand, sondern eine Behauptung aus dem eigenen Lager. <\/p>\n<p>Und sofort beginnt dieselbe Ausweicharbeit, die man aus Gaza kennt: taktisch oder strategisch, Ersteinsatz oder Antwort, &#8222;begrenztes milit\u00e4risches Ziel&#8220; oder Vernichtungswaffe. Die Kategorie ist der Zufluchtsort, in den man sich zur\u00fcckzieht, wenn man die Sache selbst nicht mehr aush\u00e4lt \u2013 und aus dem heraus man, ohne es zu bemerken, l\u00e4ngst mitentscheidet.<\/p>\n<p>Zur Kategoriearbeit geh\u00f6rt die Technisierung, und auch daf\u00fcr gibt es Vokabular mit Geschichte. Gaza lieferte den Begriff der &#8222;chirurgischen Schl\u00e4ge&#8220;, die humanit\u00e4ren Zonen, die selbst zu Zielen wurden, den Prozentsatz an &#8222;Kombattanten&#8220; unter den Toten, der die eigentliche Zahl unwichtig machte. F\u00fcr die Bombe existiert dasselbe Instrumentarium, nur \u00e4lter: seit der Obama-\u00c4ra wird an der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit kleinerer Sprengk\u00f6pfe gefeilt, an &#8222;Low-Yield&#8220;-Konzepten, die suggerieren, man k\u00f6nne die apokalyptischste aller Waffen in eine Unterkategorie zerlegen, die sich mit gutem Gewissen einsetzen l\u00e4sst. Beide Male dieselbe Geste: das Grauen wird nicht bestritten, es wird verwaltet.<\/p>\n<p>Doch die eigentliche Entscheidung f\u00e4llt nie an dem Ort, an dem sie sp\u00e4ter verhandelt wird. Sie f\u00e4llt vorher, informell, in R\u00e4umen ohne Protokoll \u2013 ein Gespr\u00e4ch im Wei\u00dfen Haus, eine Anfrage im nationalen Sicherheitsrat, eine Vorlage bei einem Think Tank, der die Sache diskursf\u00e4hig macht, bevor irgendjemand au\u00dferhalb davon wei\u00df. Man kann diesen Mechanismus fast lehrbuchhaft nachzeichnen: informelle Gespr\u00e4che zuerst, dann die Ausweitung auf einige Think Tanks, dann \u2013 irgendwann, beil\u00e4ufig \u2013 der \u00f6ffentliche Diskurs, behandelt, als ginge man in eine Kneipe an der Stra\u00dfenecke, um sich ein Eis zu kaufen.<\/p>\n<p>Wenn die Sache dann in die \u00f6ffentliche Pr\u00fcfung gelangt, ist die Entscheidung l\u00e4ngst gefallen. Erst dann wird sie sichtbar \u2013 nicht als Entwurf, sondern als vollzogene Tatsache, der man nur noch zusehen kann. Marjorie Taylor Greenes Andeutung war kein Leck. Sie war eine Best\u00e4tigung, die zeitlich zuf\u00e4llig mit einer zweiten zusammenfiel: einem pro-pakistanischen Insider-Netzwerk zufolge soll Trump seinen Generalstabschef offen gefragt haben, ob er die nukleare Option nutzen d\u00fcrfe \u2013 wie ein Kind, das um Erlaubnis bittet, mit einem gef\u00e4hrlichen Spielzeug zu spielen \u2013 und sei abgewiesen worden. Auch Alastair Crooke und Scott Ritter, aus v\u00f6llig verschiedenen Milieus, kommen unabh\u00e4ngig zum selben vorl\u00e4ufigen Befund: das Milit\u00e4r habe eine solche Order bereits einmal als Kriegsverbrechenstatbestand zur\u00fcckgewiesen, ein Kabinett m\u00fcsse mitziehen, das sei kein Alleingang; und selbst wenn \u2013 die USA setzten Atomwaffen historisch erst bei existenzieller Niederlage ein, aktuell erleide man lediglich eine politische Blamage, ein kategorialer Unterschied. Drei Vokabulare, ein gemeinsamer Befund: die Bremse h\u00e4lt. Man \u00fcbersieht dabei leicht, dass &#8222;noch&#8220; das einzige Wort in diesem Satz ist, das wirklich etwas bedeutet.<\/p>\n<p>Und dann, das ist der Teil, der am wenigsten erz\u00e4hlt wird, weil er niemandem schmeichelt: die Stille danach. Als das Ausma\u00df von Gaza l\u00e4ngst sichtbar war \u2013 durch Bilder, durch NGO-Berichte, durch die Anh\u00f6rungen vor dem Internationalen Gerichtshof im Januar 2024 \u2013, kam aus den Hauptst\u00e4dten, die sich sonst gern als moralische Instanz der Welt verstehen, kein Ton, der irgendetwas bewegt h\u00e4tte. Kein Tribunal mit Folgen, keine Z\u00e4sur in der eigenen Handlungsarchitektur, nicht einmal ein Waffenlieferstopp, der \u00fcber symbolische Gesten hinausging. &#8222;Vom kollektiven Westen kam nicht einmal ein Pieps&#8220; \u2013 diese Formulierung trifft es besser als jede diplomatische Umschreibung. Diese Stille war keine Nebenwirkung. Sie war das eigentliche Ergebnis: nicht Zustimmung, sondern das systematische Fehlen von allem, was Zustimmung h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und genau hier liegt die These, die \u00fcber den blo\u00dfen Vergleich hinausgeht: Diese Konsequenzlosigkeit ist nicht nur Vorgeschichte der nuklearen Eskalationsdebatte. Sie ist ihre Bedingung. Ein Tabubruch, der folgenlos bleibt, senkt nicht symbolisch, sondern strukturell die Schwelle f\u00fcr den n\u00e4chsten. Wer einmal erlebt hat, dass das Undenkbare \u00f6ffentlich diskutiert, dann vollzogen und schlie\u00dflich verwaltet werden kann, ohne dass irgendetwas daraus folgt, der lernt daraus etwas sehr Konkretes: dass die Grenze, an der die Welt angeblich &#8222;Nie wieder&#8220; sagt, in Wahrheit verhandelbar ist \u2013 wenn man sie nur oft genug verschiebt, bevor jemand hinschaut. Selbst die Gegenseite kennt inzwischen diese Logik: die Behauptung, Iran verf\u00fcge l\u00e4ngst \u00fcber einsatzf\u00e4hige Sprengs\u00e4tze und warte nur auf eine einzige Entscheidung Khameneis, ist \u2013 ob verifizierbar oder nicht \u2013 der Beweis, dass auch dort niemand mehr an eine feste, un\u00fcberschreitbare Linie glaubt. Man rechnet auf beiden Seiten bereits mit ihrem Fall.<\/p>\n<p>Man kann diese Eskalationsstufe also nicht verstehen, indem man fragt, ob Trump verr\u00fcckt genug w\u00e4re, den Knopf zu dr\u00fccken. Man versteht sie, indem man fragt, was ein System lernt, wenn seine letzte Grenze zum ersten Mal gefallen ist, ohne dass irgendjemand daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Antwort lautet: dass es keine letzte Grenze mehr gibt. Nur die n\u00e4chste.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/Rawpixel?ref=apolut.net\">Rawpixel.com<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:\u2028\u2028<\/strong><\/p>\n<p>Alastair Crooke im Gespr\u00e4ch, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=viLFs34lU-c&amp;ref=apolut.net\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=viLFs34lU-c<\/a><\/p>\n<p>Scott Ritter im Gespr\u00e4ch, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=umyTEHdy6ik&amp;t=199s&amp;ref=apolut.net\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=umyTEHdy6ik&amp;t=199s<\/a><\/p>\n<p>&#8222;Transition Protocol&#8220; \u2013 Pepe Escobar &amp; Glenn Diesen, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pnsgvvegsb0&amp;t=3s&amp;ref=apolut.net\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pnsgvvegsb0&amp;t=3s<\/a><\/p>\n<p>&#8222;Transition Protocol&#8220; \u2013 Pepe Escobar &amp; &#8222;Herr Z&#8220; (Freitags-Sonderausgabe)<br \/>Internationaler Gerichtshof, Anh\u00f6rung S\u00fcdafrika gegen Israel, Januar 2024<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/apolut.net\/warum-washington-die-atomoption-noch-nicht-zieht-von-dirk-ellerbrock\/\">https:\/\/apolut.net\/warum-washington-die-atomoption-noch-nicht-zieht-von-dirk-ellerbrock\/<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock. 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