{"id":19849,"date":"2026-08-28T10:03:35","date_gmt":"2026-08-28T08:03:35","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/die-absurden-anreize-im-us-regime-zum-einsatz-militaerischer-gewalt-von-rainer-rupp\/"},"modified":"2026-08-28T10:03:35","modified_gmt":"2026-08-28T08:03:35","slug":"die-absurden-anreize-im-us-regime-zum-einsatz-militaerischer-gewalt-von-rainer-rupp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/die-absurden-anreize-im-us-regime-zum-einsatz-militaerischer-gewalt-von-rainer-rupp\/","title":{"rendered":"Die absurden Anreize im US-Regime zum Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt | Von Rainer Rupp"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Rainer Rupp<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Warum werden amerikanische Pr\u00e4sidenten, die als Gegner endloser Kriege antreten, so zuverl\u00e4ssig zu Kriegspr\u00e4sidenten? Die bequeme Antwort lautet: falsche Pers\u00f6nlichkeiten, schlechte Berater oder einflussreiche Falken. Die unangenehmere Antwort lautet, dass es das politische System der Vereinigten Staaten ist, das milit\u00e4rische Gewalt belohnt. Ein US-Pr\u00e4sident kann einen Krieg leicht beginnen; die Kosten erscheinen zun\u00e4chst begrenzt, w\u00e4hrend ein R\u00fcckzug ohne vollst\u00e4ndigen Sieg innenpolitisch als Schw\u00e4che ausgelegt werden kann.<\/p>\n<p>Donald Trumps zweite Amtszeit liefert daf\u00fcr ein bemerkenswertes Beispiel. Seine Nationale Sicherheitsstrategie von 2025 erkannte ausdr\u00fccklich an, dass amerikanische Ressourcen nicht unbegrenzt, sondern endlich sind. Nicht jede Region und nicht jeder Konflikt k\u00f6nne im Mittelpunkt amerikanischer Strategie stehen. Washington sollte sich st\u00e4rker auf die westliche Hemisph\u00e4re und den Indo-Pazifik konzentrieren und die jahrzehntelange Fixierung auf Europa und den Nahen Osten beenden.<\/p>\n<p>Doch kaum war dieses Prinzip formuliert, setzte sich die alte Logik erneut durch. Der Pr\u00e4sident verf\u00fcgt faktisch \u00fcber eine enorme Freiheit zum milit\u00e4rischen Handeln, w\u00e4hrend der Kongress seine verfassungsm\u00e4\u00dfige Verantwortung \u00fcber Jahrzehnte verk\u00fcmmern lie\u00df. Darin liegt der erste absurde Anreiz f\u00fcr die US-Eliten, sofort zur Waffe zu greifen, anstatt zu verhandeln.<\/p>\n<p>Der \u00fcberraschende milit\u00e4rische US-Erfolg in Venezuela st\u00e4rkte wieder jene politischen Kr\u00e4fte in Washington, die von einer Selbstbegrenzung des US-Hegemons im Rahmen der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2025 nichts wissen wollten. Denn nach dem triumphalen Erfolg \u00fcber Pr\u00e4sident Maduro glaubten sie, die vermeintliche milit\u00e4rische Allmacht Amerikas wiederentdeckt zu haben.<\/p>\n<p>Es folgte die \u201ebegrenzte\u201c Operation Epic Fury. Milit\u00e4risches und ziviles F\u00fchrungspersonal des Irans wurden gezielt get\u00f6tet und milit\u00e4rische und zivile Infrastruktur zerst\u00f6rt. Doch die zivile und milit\u00e4rische Administration des iranischen Staats l\u00f6ste sich nicht auf, wie in Washington erhofft, sondern stand im Gegenteil noch fester zusammen als zuvor. Zugleich dezentralisierte sie sich, um weitere Enthauptungsschl\u00e4ge unm\u00f6glich zu machen. Das geschah jedoch, ohne dass die milit\u00e4rische Effizienz Irans darunter gelitten h\u00e4tte; im Gegenteil!<\/p>\n<p>Als Vergeltung wurden US-amerikanische St\u00fctzpunkte mitsamt den dazugeh\u00f6rigen Aufkl\u00e4rungs- und Abh\u00f6ranlagen und sonstigem milit\u00e4rischen Ger\u00e4t von unaufhaltbaren iranischen Raketen zerst\u00f6rt. Dabei wurden laut New York Times die US-Basen f\u00fcr das US-Personal \u201eunbewohnbar\u201c gemacht und in den Lagern auf den Basen wurden gro\u00dfe Mengen von US-Raketen und wertvoller Pr\u00e4zisionsmunition zerst\u00f6rt. Der Rest der US-Raketen wurde in den Abwehrk\u00e4mpfen gegen iranische Luftangriffe meist wirkungslos verballert.<\/p>\n<p>Wenn der erste absurden Anreiz f\u00fcr die US-Eliten darin liegt, dass sie, ohne je zur Verantwortung gezogen zu werden, sofort zur Waffe greifen k\u00f6nnen, um ihren Willen einem anderen Land aufzuzwingen, anstatt \u201eumst\u00e4ndlich\u201c \u00fcber Kompromisse zu verhandeln, dann besteht der zweite Anreiz in der zeitlichen Verteilung von Nutzen und Kosten. Die medial und politisch wirksamen Bilder eines \u201eheroischen\u201c Angriffs f\u00fcr Demokratie und Menschenrechte entstehen sofort: Raketenstarts, Pressekonferenzen, Diktate und Ultimaten \u201ezeigen\u201c die vermeintliche Entschlossenheit des starken F\u00fchrers im Wei\u00dfen Haus. Die Rechnung f\u00fcr den Krieg dagegen kommt sp\u00e4ter, in der Regel sogar viele Jahre sp\u00e4ter. Von der Masse der Bev\u00f6lkerung werden diese Kosten meist gar nicht wahrgenommen. Denn die medialen Hofschranzen Washingtons tun nichts daf\u00fcr, um die Menschen aufzukl\u00e4ren, dass sie am Ende die Rechnung bezahlen, und zwar in Form von h\u00f6herer Staatsverschuldung, von h\u00f6herer Inflation durch Geldsch\u00f6pfung, um die leeren Waffenlager wieder zu f\u00fcllen, oder um f\u00fcr die verwundeten und oder zu Kr\u00fcppel geschossenen Veteranen bis zum Ende ihres Lebens zu sorgen.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident und seine Eliten k\u00f6nnen sich in den heroischen politischen Bildern sonnen; der R\u00fcstungsindustrielle Komplex und die nicht zu untersch\u00e4tzend profitable Kriegsberatungsindustrie haben ihre Boni verteilt und die anonymisierten Kosten des Krieges bezahlt die Gesellschaft sp\u00e4ter, ohne es zu merken<\/p>\n<p>Ein dritter Anreiz entsteht durch das weltweite amerikanische B\u00fcndnis- und St\u00fctzpunktsystem. Regionale Vasallen versuchen in der Regel Washington in ihre Konflikte hineinzuziehen. Dadurch entsteht im Krisenfall eine Bedrohung f\u00fcr die in Vasallenstaaten stationierten US-Soldaten. Daraus entsteht ein Teufelskreis. Um die vorw\u00e4rst stationierten US-Soldaten zu besch\u00fctzen (Force-Protection im Fachjargon) schickt das Pentagon selbstredend noch mehr Milit\u00e4r und sorgt damit aus Sicht des regionalen Gegners f\u00fcr Eskalation und Versch\u00e4rfung der Spannungen, die dann nicht selten in US-Luftschl\u00e4gen enden.<\/p>\n<p>Hier ist als die paradoxe Situation entstanden, dass eine permanente Stationierung von US-Soldaten im Ausland \u00fcber die Notwendigkeit von \u201eForce-Protection\u201c im Fall einer Krise automatisch zur regionalen Eskalation und damit zur potenziellen Ausweitung des eine amerikanischen Kriegseinsatzes f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Tief eingebettet im politischen System der USA liegt ein vierter Anreiz, n\u00e4mlich einen Krieg nicht zu beenden, selbst wenn man ihn nicht selbst begonnen, sondern von den Vorg\u00e4ngern geerbt hat. Einzupacken und nach Hause zu gehen, selbst wenn man nach \u00fcber 20 Jahren Krieg keinen Erfolg hatte, wie z.B. in Afghanistan, wird von den US-Medien und den politischen Eliten als Schande, als Feigheit oder gar als Verrat denunziert. Einen Krieg zu beginnen, das wird als St\u00e4rke honoriert. Einen erfolglosen Krieg zu beenden, verlangt dagegen das Eingest\u00e4ndnis, dass die urspr\u00fcnglichen Ziele unerreichbar waren, und das wird mit politischen Kosten bestraft. Das ist der Grund, warum sich so manche begrenzte US-Interventionen in endlose Kriege verwandelt haben.<\/p>\n<p>Hinzu kommt der milit\u00e4risch-industrielle Komplex. R\u00fcstungsunternehmen profitieren von steigenden Beschaffungen und Ersatzbestellungen, investieren Milliarden in Lobbyarbeit und besch\u00e4ftigen in den Vorstandsetagen mehrheitliche ehemalige hochrangige Regierungs- und Milit\u00e4rvertreter. Die Forderung nach strengeren Regeln, um die Dreht\u00fcr zwischen Pentagon und R\u00fcstungsindustrie zu blockieren, und Kongressmitgliedern den Handel mit Aktien von R\u00fcstungsunternehmen zu verbieten sind fromme aber bei diesem real-existierenden US-Regime unerf\u00fcllbare W\u00fcnsche geblieben.<\/p>\n<p>Allerdings w\u00e4re es verk\u00fcrzt, daraus zu schlie\u00dfen, Kriege w\u00fcrden ausschlie\u00dflich f\u00fcr Unternehmensgewinne gef\u00fchrt. Entscheidend ist vielmehr, dass das US-System Akteure hervorbringt, die von h\u00f6heren Milit\u00e4rausgaben unmittelbar profitieren, w\u00e4hrend die Kosten auf Millionen Steuerzahler und zuk\u00fcnftige Generationen verteilt werden.<\/p>\n<p>Ein weiterer gef\u00e4hrliche Anreiz wird jedoch au\u00dferhalb der USA verortet, n\u00e4mlich in Europa. Europ\u00e4ische Regierungen kaufen nach wie vor in erheblichem Umfang amerikanische R\u00fcstungsg\u00fcter. <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.sipri.org\/media\/press-release\/2026\/global-arms-flows-jump-nearly-10-cent-european-demand-soars?ref=apolut.net\"><u>SIPRI<\/u><\/a> zufolge kamen 58 Prozent der Waffenimporte europ\u00e4ischer NATO-Mitglieder in den Jahren 2021\u201325 aus den USA. Diese Abh\u00e4ngigkeit ist besonders problematisch bei Kampfflugzeugen und weitreichenden Luftverteidigungssystemen. Europa hat sich also milit\u00e4risch enger an einen Lieferanten gebunden, dessen eigene Interventionen seine Best\u00e4nde gleichzeitig aufgezehrt haben.<\/p>\n<p>Die Ironie k\u00f6nnte kaum deutlicher sein. Washington fordert h\u00f6here europ\u00e4ische Verteidigungsausgaben, w\u00e4hrend amerikanische Kriege jene Munitionsreserven beanspruchen, von denen Europas Verteidigung teilweise abh\u00e4ngt. Das \u201eCenter for Strategic and International Studies\u201c (CSIS) <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.csis.org\/analysis\/europe-needs-asap-program-air-defense?ref=apolut.net\"><u>warnt<\/u><\/a>, dass die Iran-Kampagne gro\u00dfe Mengen von THAAD-, SM-3- und Patriot-Abfangflugk\u00f6rpern verbraucht hat, die bereits zuvor knapp waren.<\/p>\n<p>Im Nahen Osten ist der Mechanismus noch unmittelbarer. Regionale Verb\u00fcndete werden aufgrund amerikanischer Entscheidungen zu bevorzugten Zielen von iranischen Vergeltungsschl\u00e4gen. Die amerikanische Bev\u00f6lkerung bleibt r\u00e4umlich gesch\u00fctzt; Golfstaaten befinden sich dagegen direkt im Raketen- und Drohnenradius.<\/p>\n<p>Damit entsteht eine eigent\u00fcmliche Form asymmetrischer B\u00fcndnispolitik: Washington besitzt einen erheblichen Teil der Entscheidungsmacht \u00fcber Eskalation, w\u00e4hrend Verb\u00fcndete einen \u00fcberproportionalen Anteil des unmittelbaren geografischen Risikos tragen, eine Situation, die sich zu 100 Prozent auf die Lage in Europa \u00fcbertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In Ostasien zeigt sich dieselbe Fehlkonstruktion als Ressourcenproblem. Die amerikanische Strategie bezeichnet China als zentrale langfristige Herausforderung, verbraucht aber im Nahen Osten Waffen, die f\u00fcr einen Konflikt im Westpazifik ben\u00f6tigt w\u00fcrden. <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.csis.org\/analysis\/united-states-prepared-war-china?ref=apolut.net\"><u>CSIS<\/u><\/a> stellte im Mai 2026 fest, dass die USA bei einem l\u00e4ngeren Krieg gegen China erhebliche Probleme mit Langstreckenmunition, Luftverteidigung und Abfangsystemen h\u00e4tten. (CSIS)<\/p>\n<p>Der Wiederaufbau dieser Best\u00e4nde dauert nicht Wochen, sondern Jahre. Bei Tomahawk-, THAAD- und Patriot-Systemen spricht CSIS von einem mehrj\u00e4hrigen Prozess.<\/p>\n<p>Japan erlebt die Konsequenzen bereits konkreter. F\u00fcr den Nahen Osten wurden Marines und Kriegsschiffe aus dem asiatisch-pazifischen Raum abgezogen. Japanische Politiker und \u00d6ffentlichkeit \u00e4u\u00dferten daraufhin Sorgen \u00fcber die entstandene L\u00fccke in der regionalen Streitkr\u00e4fteaufstellung. Gleichzeitig k\u00f6nnen Lieferverz\u00f6gerungen bei Abfangraketen Japans eigene Aufr\u00fcstung beeintr\u00e4chtigen. (<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.csis.org\/analysis\/china-and-crink-implications-japan-and-united-states?ref=apolut.net\"><u>CSIS<\/u><\/a>)<\/p>\n<p>Die absurden Anreize zur Kriegsf\u00fchrung des US-Regimes sind deshalb keineswegs eine rein amerikanische Angelegenheit. Sie werden durch das B\u00fcndnissystem internationalisiert. Eine Entscheidung im Oval Office kann europ\u00e4ische Munitionsverf\u00fcgbarkeit beeinflussen, Golfstaaten Vergeltungsschl\u00e4gen aussetzen und asiatische Milit\u00e4rpl\u00e4ne umwerfen.<\/p>\n<p>Noch problematischer ist die wirtschaftliche Dimension. Der amerikanische Militarismus wird of damit entschuldigt, dass er angeblich globale Stabilit\u00e4t gew\u00e4hrleistet. Tats\u00e4chlich aber destabilisiert er selbst internationale Energie- und Handelsstr\u00f6me. Zunehmend verweisen Kritiker auch auf einen weiteren fundamentalen Widerspruch: Jahrzehntelang pr\u00e4sentierte sich die US-Marine als Garant freier Schifffahrt und Energieversorgung; im Iran-Konflikt trug Washington selbst zur Destabilisierung der internationalen Energiem\u00e4rkte bei und blockierte die freie Schifffahrt.<\/p>\n<p>Ein politisches Regime voller Anreize f\u00fcr neue Kriege, das dem Kriegsherrn in Washington im Alleingang ohne Zustimmung des Kongresses milit\u00e4rische Eskalation bis hin zum Krieg erlaubt, erzeugt somit Kosten, die weit \u00fcber die amerikanische Innenpolitik hinausreichen und auch in Europa zu sp\u00fcren sind.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Wei\u00dfes Haus in Washington, D.C.<br \/>Bildquelle: Dan Thornberg \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meinungsbeitrag von Rainer Rupp. Warum werden amerikanische Pr\u00e4sidenten, die als Gegner endloser Kriege antreten, so zuverl\u00e4ssig zu Kriegspr\u00e4sidenten? 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