{"id":20367,"date":"2026-09-01T10:03:06","date_gmt":"2026-09-01T08:03:06","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/goetterdaemmerung-in-weimar-zum-kinostart-von-vaterland-von-paul-clemente\/"},"modified":"2026-09-01T10:03:06","modified_gmt":"2026-09-01T08:03:06","slug":"goetterdaemmerung-in-weimar-zum-kinostart-von-vaterland-von-paul-clemente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/goetterdaemmerung-in-weimar-zum-kinostart-von-vaterland-von-paul-clemente\/","title":{"rendered":"G\u00f6tterd\u00e4mmerung in Weimar \u2013 Zum Kinostart von \u201eVaterland\u201c | Von Paul Clemente"},"content":{"rendered":"<div><!--kg-card-begin: html--><br \/>\n<iframe title=\"G\u00f6tterd\u00e4mmerung in Weimar \u2013 Zum Kinostart von \u201eVaterland\u201c | Von Paul Clemente\" width=\"560\" height=\"418\" src=\"https:\/\/tube4.apolut.net\/videos\/embed\/u6zbCVNwVB8bNyFL9fKiYL\" allow=\"fullscreen\" sandbox=\"allow-same-origin allow-scripts allow-popups allow-forms\" sstyle=\"border-radius: 8px\"><\/iframe><br \/>\n<!--kg-card-end: html--><\/p>\n<div class=\"kg-card kg-audio-card\"><audio src=\"https:\/\/apolut.net\/content\/media\/2026\/08\/apolut_20260901_LB_Dienstag.mp3\" preload=\"metadata\" controls><\/audio><\/div>\n<ol>\n<li><strong>Thomas Manns geheime Abgr\u00fcnde<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Die Lyrische Beobachtungsstelle von<strong>\u00a0Paul Clemente.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Kein Kinoklassiker bleibt verschont: Hundertj\u00e4hrige Stummfilme werden mittels KI koloriert und mit Alltagsl\u00e4rm versehen. Dadurch wird tiefste Vergangenheit zur Gegenwart. So als h\u00e4tte man <em>\u201eBerlin, Sinfonie einer Gro\u00dfstadt\u201c<\/em> nicht 1927, sondern erst gestern gedreht &#8211; und dabei eine ultrascharfe Digicam verwendet. Einziger Wermutstropfen: Der Zauber des Vergangenen wird besch\u00e4digt, die Exotik des Farblosen gekillt. Aber: Keine Tendenz ohne Gegenstr\u00f6mung. Denn manche Arthouse-Filmer kehren zum Schwarz-Wei\u00df-Film zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Allein im letzten Jahr zogen der Thriller<em> \u201eDas M\u00e4dchen mit der Nadel\u201c<\/em>, das Historiendrama <em>\u201eDas Verschwinden des Dr. Josef Mengele\u201c<\/em> oder die Albert Camus-Verfilmung<em> \u201eDer Fremde\u201c<\/em> ihr Publikum in eine Welt jenseits der Farben. Dieses Jahr folgt Pawe\u0142 Pawlikowskis Biopic <em>\u201eVaterland\u201c.<\/em> Deren Schwarzwei\u00df schafft Distanz, dient als Verfremdungseffekt.<\/p>\n<p><em>\u201eVaterland\u201c <\/em>zeigt Deutschland im Jahre 1949: Ein materieller und geistiger Tr\u00fcmmerhaufen. Aufgeteilt in Zonen, \u00fcberall Ruinen, notd\u00fcrftig Repariertes, schlecht verdr\u00e4ngte Traumata, Schuld und Verlust. In dieser Stunde Null entstand der Wunsch nach Ankn\u00fcpfung ans klassische Erbe, nach einem \u00fcberzeitlichen Humanismus. Und der habe \u2013 so glaubten viele \u2013 in Goethe und Thomas Mann zwei w\u00fcrdige Vertreter. Und zuf\u00e4llig j\u00e4hrte sich der Geburtstag des Dichterf\u00fcrsten zum 200sten Male. Na, warum dann nicht Thomas Mann mit einer Goethe-Medaille aus dem Exil locken? Keine Imagekampagne w\u00e4re zutr\u00e4glicher als die R\u00fcckkehr des international gefeierten Hitler-Gegners? Also lud Goethes Geburtsstadt Frankfurt ihn zur Preisverleihung.<\/p>\n<p>Die Stadt Weimar, im russischen Sektor gelegen, \u00fcbernahm diese Strategie postwendend. Schlie\u00dflich hatte der Dichterf\u00fcrst den Gro\u00dfteil seines Lebens dort gewohnt und gewirkt. Also offerierte man Thomas Mann einen zweiten Goethe-Preis. Initiator der Weimarer Auszeichnung war der Lyriker Johannes R. Becher. Der kannte Mann aus vergangenen Tagen. Jetzt, als frischgebackener Kulturminister der DDR, wollte er die Symbolfigur Mann nicht dem Westen \u00fcberlassen. Die Strategie ging auf: Der Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger beschlie\u00dft, beide Goethe-Preise einzusacken: Den aus Frankfurt und den aus Weimar. Den unter westaliierter Schirmherrscher und den unter russischem Protektorat.<\/p>\n<p><em>\u201eVaterland\u201c<\/em> beginnt mit Thomas Manns Ankunft in Frankfurt. Der reiche Industriellen-Erbe staunt nicht schlecht, als man ihm ein mickriges Hotelzimmer mit Fusellicht zuteilt.\u00a0 Seine Begleitung: Die Tochter Erika. Die h\u00e4lt beide Preisverleihungen f\u00fcr Nonsens: Wieso soll ihr Vater das Image eines Landes aufpolieren, das ihn 1933 zur Migration gezwungen hat?<\/p>\n<p>Nach der Ansprache in der Paulskirche wird der Exilschriftsteller von Journalisten gel\u00f6chert. Aber selbst auf aggressive Fragen reagiert er l\u00e4ssig und pointensicher. Hanns Zischler spielt den 74-j\u00e4hrigen als Meister der Form und Selbstbeherrschung. Bei der anschlie\u00dfenden Feier kommt es zur Konfrontation. So trifft Erika am Tresen auf ihren Ex-Ehemann, den legend\u00e4ren Schauspieler Gustav Gr\u00fcndgens. Sie wirft ihm Kollaboration mit dem NS-Regime vor. Als Gr\u00fcndgens zum verbalen Gegenangriff ausholt, scheuert sie ihm eine. Klatsch. Vor allen G\u00e4sten. Peinlich, peinlich. 1:O f\u00fcr Erika?<\/p>\n<p>\u00c4hnlich abgewatscht werden die beiden Enkel Richard Wagners: Wieland und Wolfgang. Die bitten Thomas Mann den Wiederaufbau der Bayreuther Festspiele zu unterst\u00fctzen, wollen ihn als Schirmherren gewinnen. Der aber erwidert l\u00e4chelnd, dass man das Festspielhaus abfackeln solle. Und dessen Intendantin Winifred Wagner geh\u00f6re als Hitler-Freundin in den Knast. Dann wendet\u00a0der Romancier sich l\u00e4chelnd ab und l\u00e4sst die beiden Wagner-Enkel stehen. \u2013 Auch hier gilt: 1:0. Mancher Rezensent erlebte beide Abrechnungs-Szenen als kathartisch. Die moralisch Guten, Thomas und Erika Mann, schlagen die B\u00f6sen mit Ohrfeigen und Pointen. Die Realit\u00e4t war nicht ganz so schwarz-wei\u00df.<\/p>\n<p>Nehmen wir Gustav Gr\u00fcndgens. Ja, der war Liebling des \u201eReichsmarschalls\u201c Hermann G\u00f6ring, der lie\u00df sich als Vorzeigek\u00fcnstler einspannen. Aber: Als Intendant des Preu\u00dfischen Staatstheaters bewahrte er j\u00fcdische und politisch verfolgte Kollegen vor dem Zugriff des NS-Regimes. Sogar den Regisseur J\u00fcrgen Fehling. Der hatte 1936 in seiner Shakespeare-Inszenierung <em>\u201eRichard III\u201c<\/em> die brutale Mordbande des K\u00f6nigs in SA-Uniformen auf die B\u00fchne geschickt. Trotz des Mega-Skandals bestand Gr\u00fcndgens auf Fehlings Verbleib \u2013 und kam damit durch. Last but not least lie\u00df er f\u00fcr seine Inszenierung von Schillers <em>\u201eR\u00e4ubern\u201c<\/em> alle antisemitischen Anspielungen streichen.<\/p>\n<p>Umgekehrt Thomas Mann: Den erreichte 1939 in der kalifornischen Villa ein Bittgesuch f\u00fcr den j\u00fcdischen Schriftsteller Salomo Friedl\u00e4nder alias Mynona. Obwohl Mann f\u00fcr manchen Kollegen die B\u00fcrgschaft \u00fcbernahm \u2013 bei Friedl\u00e4nder blieb er hart. Der hatte n\u00e4mlich 15 Jahre zuvor Manns Roman <em>\u201eDer Zauberberg\u201c <\/em>verrissen. Die Antwort des Beleidigten war kurz und knapp: <em>\u201eMynona mag ich nicht und w\u00fcnsche ihn nicht bei mir zu sehen.\u201c<\/em> Friedl\u00e4nder \u00fcberlebte zwar die Verfolgung, starb aber kurz nach Kriegsende an Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Auch wenn der Film solche Abgr\u00fcnde der Hauptfigur ausspart, in Bezug auf den Sohn Klaus zeigt Regisseur Pawlikowski sie umso deutlicher. Zischlers Darstellung des Seniors erinnert an Bildnisse des sp\u00e4ten Goethe: Ein mumifizierter Klassiker. Der tr\u00e4gt keine Kleidung, sondern die Kleidung tr\u00e4gt ihn. Und der Sohn? Der sitzt in der ersten Szene nackt neben dem Bett seines Liebhabers. Klaus Mann lebte die homosexuelle Neigung, die sein Vater unterdr\u00fcckte. Der lie\u00df sich nicht in steife Fracks zw\u00e4ngen. Au\u00dferdem verweigerte er die \u201egro\u00dfe Literatur\u201c, schrieb fast journalistisch, mit Stellungnahmen zum Zeitgeist. Leicht vorstellbar, wie qu\u00e4lend dieses Vater-Sohn-Verh\u00e4ltnis war.<\/p>\n<p>Und dann kommt es kn\u00fcppeldick: Mitten auf der Frankfurt-Weimar-Tour erfahren Thomas und Erika Mann vom Selbstmord des \u201everlorenen\u201c Sohnes. W\u00e4hrend Schwester Erika unter Schock steht, den Abbruch der Reise fordert, h\u00e4lt der Vater Distanz: Er schiebt dem Verstorbenen alle Schuld am Missverh\u00e4ltnis zu. Au\u00dferdem: Selbstmord? Das h\u00e4tte er seiner Mutter nicht antun d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Nach dieser Reaktion wirkt Manns Weimarer Dankesrede noch hohler als die in Frankfurt. Eine wirkliche G\u00f6tterd\u00e4mmerung. \u00c4hnlich das Publikum: Kein Interesse oder Inspiration. Zuletzt: ein lauter, aber mechanischer Applaus.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor\u00a0f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung des Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Thomas Mann 1937<\/p>\n<p>Bildquelle: Carl Van Vechten\u00a0\u00a0\/ Wiki Commons<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Manns geheime Abgr\u00fcnde Die Lyrische Beobachtungsstelle von\u00a0Paul Clemente. Kein Kinoklassiker bleibt verschont: Hundertj\u00e4hrige Stummfilme werden mittels KI koloriert und mit Alltagsl\u00e4rm versehen. Dadurch wird tiefste Vergangenheit zur Gegenwart. So als h\u00e4tte man \u201eBerlin, Sinfonie einer Gro\u00dfstadt\u201c nicht 1927, sondern erst gestern gedreht &#8211; und dabei eine ultrascharfe Digicam verwendet. 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