{"id":20682,"date":"2026-09-02T22:03:39","date_gmt":"2026-09-02T20:03:39","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/das-goethe-institut-in-russland-ein-noch-geduldeter-zwitter\/"},"modified":"2026-09-02T22:03:39","modified_gmt":"2026-09-02T20:03:39","slug":"das-goethe-institut-in-russland-ein-noch-geduldeter-zwitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/das-goethe-institut-in-russland-ein-noch-geduldeter-zwitter\/","title":{"rendered":"Das Goethe-Institut in Russland: Ein noch geduldeter Zwitter"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Wenn man sich mit einem Sprachinstitut eines gr\u00f6\u00dferen Staates befasst, muss man eines vorwegschicken: Sie sind immer Zwitter. Es gibt kein Land, das entsprechende Institute nicht auch zur Informationsgewinnung nutzt. Das kann ganz unschuldig die Erkundung der Stimmung in der Bev\u00f6lkerung sein, aber bis zur aktiven Anwerbung echter Spione reichen. Im Normalzustand ist das nicht allzu problematisch, denn schlie\u00dflich wei\u00df das jeder, und Agenten, die man kennt, sind weit weniger gef\u00e4hrlich als jene, die man nicht kennt. Das gilt f\u00fcr das British Council ebenso wie f\u00fcr das Institut Fran\u00e7ais oder eben das Goethe-Institut, auch wenn es gern behauptet, im Gegensatz zu seinem Vorg\u00e4nger, der Deutschen Akademie e.V., die 1945 von der US-Besatzungsmacht aufgel\u00f6st wurde, unabh\u00e4ngig zu sein.<\/p>\n<p>&#8222;Das Ausw\u00e4rtige Amt und das Goethe-Institut arbeiten bei der Ausf\u00fchrung der Vertragsaufgaben eng zusammen. Sie machen ihren Bediensteten und Mitarbeitern eine loyale Zusammenarbeit zur Pflicht&#8220;, hei\u00dft es in \u00a72 des <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/resources\/files\/pdf269\/rahmenvertrag_de_15jan21.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rahmenvertrags<\/a>, der die Beziehung zwischen dem als e.V. organisierten Goethe-Institut und dem Staat regelt. Dass auch der Bereich Sprachkurse nicht v\u00f6llig unschuldig ist, l\u00e4sst sich schon in einer Protokollnotiz zu \u00a71 erkennen, in der es hei\u00dft:<\/p>\n<p><em>&#8222;Das Besucherprogramm richtet sich je zur H\u00e4lfte an Journalisten und andere Multiplikatoren aus Kultur und Gesellschaft der jeweiligen Gastl\u00e4nder.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das Besucherprogramm erm\u00f6glicht Aufenthalte in Deutschland. Die Entscheidung \u00fcber die Teilnehmer trifft das Ausw\u00e4rtige Amt \u2013 das seinerseits mit dem BND verwoben ist, als Abnehmer von Information ebenso wie als konkreter Arbeitsplatz f\u00fcr die jeweiligen Residenten in den Botschaften.<\/p>\n<p>Einen Eindruck von der T\u00e4tigkeit eines solchen Residenten kann man aus einem <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=i&amp;source=web&amp;rct=j&amp;url=https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/20\/CD14700\/F.%2520Verzeichnis%2520der%2520Anlagen\/I.%2520Stenografische%2520Protokolle\/60.%2520Sitzung_II_2024-01-18_endg%25C3%25BCltiges%2520Stenografisches%2520Protokoll_Geschw%25C3%25A4rzt.pdf&amp;ved=2ahUKEwjXyuiUgNCWAxW_1fACHbUTG6QQqYcPegoIAggACAEIHBAH&amp;opi=89978449&amp;cd&amp;psig=AOvVaw18lKA3Bvsqs38CayWrU142&amp;ust=1788442106234000\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bundestagsprotokoll<\/a> vom 18. Januar 2024 erhalten, die Aussage eines Mannes, der sich selbst den &#8222;BND-Partikel&#8220; in Kabul nennt, \u00fcber die dortige Evakuierung. Erkennbar ist daraus: Die \u00dcberg\u00e4nge sind flie\u00dfend; wo das AA ist, ist auch der BND. Nebenbei, Kulturattach\u00e9 ist eine weltweit beliebte Position f\u00fcr Residenten.<\/p>\n<p>In jeder Auslandsniederlassung des Goethe-Instituts hat der dortige Botschafter gewisserma\u00dfen ein Vetorecht, auch was Veranstaltungsinhalte betrifft. In Paragraph 4 Absatz 6 des Rahmenvertrags findet sich eine Aussage, die erkennen l\u00e4sst, dass das auch noch weiter geht.<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Institutsleitung unterrichtet die Auslandsvertretung fr\u00fchzeitig \u00fcber alle Vorg\u00e4nge und Ma\u00dfnahmen, insbesondere Kontakte, die f\u00fcr die Zusammenarbeit Bedeutung haben oder die politische Verantwortung der Auslandsvertretung ber\u00fchren. Erhebt der Leiter der Auslandsvertretung gegen Kontakte Bedenken, die f\u00fcr die politischen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland belastend oder Anlass zu Sicherheitsbesorgnissen sind, so tr\u00e4gt die Institutsleitung dem Rechnung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Fragestellung ist weniger die negative Formulierung interessant, also das Verbot bestimmter Kontakte, sondern die &#8222;Kontakte, die f\u00fcr die Zusammenarbeit Bedeutung haben&#8220; \u2013 das l\u00e4sst sich durchaus so deuten, dem Ausw\u00e4rtigen Amt (oder eben dem dort zust\u00e4ndigen Mitarbeiter) Personen zu melden, die als Agenten von Interesse sein k\u00f6nnten. Zugegeben, keine zwingende Lesart, aber eben eine m\u00f6gliche.<\/p>\n<p>Die erste Version des Rahmenvertrags stammt von 1976, einer insgesamt au\u00dfenpolitisch vorsichtigeren Epoche. 2000 fusionierte das Goethe-Institut allerdings mit einem weiteren Verein, der eine \u00e4hnliche Rolle innehatte, aber direkt vom Ausw\u00e4rtigen Amt zusammen mit dem Bundespresseamt betrieben worden war: Inter Nationes e.V. Im Jahr darauf wurde die aktuelle Version dieses Vertrages unterzeichnet.<\/p>\n<p>Von Inter Nationes, das ebenfalls die oben erw\u00e4hnten Besuchsprogramme durchf\u00fchrte, ist bekannt, dass die Betreuer dieser Programme anschlie\u00dfend detaillierte Berichte \u00fcber die betreuten G\u00e4ste abliefern mussten. Man darf annehmen, dass das Goethe-Institut das heute ebenso handhabt \u2013 die Fusion d\u00fcrfte den Einfluss des Ausw\u00e4rtigen Amtes (wie auch des immer mitgelieferten BND) deutlich gest\u00e4rkt haben.<\/p>\n<p>(In einem alten <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/BND-Mitarbeiter-haben-angeblich-Wikipedia-Eintraege-geaendert-216816.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> auf <em>Telepolis<\/em> wird \u00fcbrigens erw\u00e4hnt, dass in einem Wikipedia-Eintrag zum Goethe-Institut die Aussage, dessen Auslandsniederlassungen dienten als &#8222;inoffizielle Residenturen des BND&#8220; 2008 ausgerechnet von einem Autor mit einer dem BND zuzuordnenden IP-Adresse gel\u00f6scht wurde &#8230;)<\/p>\n<p>Die T\u00e4tigkeit der Goethe-Institute in Russland ist vertraglich mit jener des Russischen Hauses in Berlin verkn\u00fcpft. Faktisch eine Kopplung zum Nachteil Russlands.\u00a0W\u00e4hrend fast die gesamte Infrastruktur f\u00fcr die russische Sprache in Schulen und Universit\u00e4ten, die es in der DDR gab, nach 1990 abgewickelt wurde, das Russische Haus also in Hinsicht auf Sprach- und Kulturvermittlung wieder bei Null anfangen musste, konnte das Goethe-Institut auf die Kontakte und Lehrst\u00fchle zur\u00fcckgreifen, die in der UdSSR f\u00fcr das dort verbreitet gelehrte Deutsche mit Unterst\u00fctzung der DDR eingerichtet wurden und weiter bestanden, wenn auch unter gewissen Reibungsverlusten. Es gab nach dem Ende der Sowjetunion keine Phase, in der Deutsch als Fremdsprache geradezu sabotiert wurde. Insofern ist der Bestand an Kontakten, welcher Art auch immer, keinesfalls miteinander zu vergleichen. Der Sitz des Goethe-Instituts in Moskau war \u00fcbrigens lange die ehemalige Botschaft der DDR.<\/p>\n<p>Man kann das auch in statistischen Zahlen belegen: mehr als 50 russische Universit\u00e4ten bieten einen Studiengang zum Deutschlehrer an, aber nur halb so viele deutsche Universit\u00e4ten bieten das entsprechende \u00c4quivalent f\u00fcr das Russische.<\/p>\n<p>2016 bis 2019 f\u00fchrte das Goethe-Institut in Russland ein Projekt mit dem Namen &#8222;Deutsch: die 1. Zweite&#8220; durch, das Schulen in ganz Russland motivieren sollte, Deutsch zu unterrichten. Daf\u00fcr gab es eine ganze <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/ins\/ru\/de\/spr\/eng\/deutsch-die-erste-zweite\/ptn.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Liste<\/a> regionaler Kontaktpersonen, die auch in Bezug auf finanzielle F\u00f6rderungen f\u00fcr den Unterricht angesprochen werden konnten. Auch wenn inzwischen das Personal des Goethe-Instituts in Russland deutlich verringert wurde \u2013 die meisten dieser Koordinatoren d\u00fcrften nach wie vor als Multiplikatoren zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Mittlerweile konzentriert sich die Arbeit des Instituts vor allem auf Deutschlehrer, denen Weiterbildungen angeboten werden; schlie\u00dflich wurde das Personal seit 2022 deutlich reduziert (stets in Erwiderung deutscher Ma\u00dfnahmen). Zuvor fanden sich eine ganze Reihe von Veranstaltungen, bei denen es um die Berufswahl von Jugendlichen ging, wie der &#8222;Digitale Berufsmarathon Quest: Karriere&#8220;, der im April 2023 angeboten wurde, oder 2021 &#8222;Young Professionals Meetings&#8220;, bei denen sich Berufsanf\u00e4nger aus Deutschland und Russland begegnen konnten.<\/p>\n<p>Durchaus sinnvoll, auf Jugendliche zu zielen \u2013 sie lassen sich noch leichter beeindrucken. Und da das Lernen der Sprache in der Regel einen langen Zeitraum umfasst und das Goethe-Institut inzwischen (im Gegensatz etwa zu vor vierzig Jahren) keinerlei Kritik an der Bundespolitik mehr \u00fcbt, wird dann auch das &#8222;Richtige&#8220; vermittelt. Durchaus auch mit dem Blick, wom\u00f6glich gut ausgebildete junge Leute abzuwerben \u2013 2018 hatte die Bundesregierung gerade unter dem Aspekt, qualifizierte Einwanderer zu gewinnen, die F\u00f6rderung des Goethe-Instituts erh\u00f6ht, wie eine <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2019\/kb2119.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Studie<\/a> des IAB von 2019 berichtete:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Sprachf\u00f6rderung k\u00f6nnte im Vergleich zu anderen Instrumenten aus migrationspolitischer Perspektive ein effektiver Ansatz zur Verbesserung der Sprachkenntnisse und zur Gewinnung von Fachkr\u00e4ften sein.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nun, das wirkliche Ausma\u00df der Nebent\u00e4tigkeiten des Goethe-Instituts d\u00fcrfte sich wohl erst mit historischem Abstand kl\u00e4ren lassen. Dank der Tatsache, dass die BND-Akten auch nach Jahrzehnten weiterhin geheim sind, l\u00e4sst sich nicht einmal anhand der Vergangenheit kl\u00e4ren, wie intensiv die Verbindung zwischen den Instituten und dem bundesdeutschen Auslandsnachrichtendienst war. Wobei man sicher davon ausgehen muss, dass sie heute, gerade in Russland und anderen als &#8222;feindlich&#8220; angesehenen Staaten wie China, deutlich enger sind, als sie in fr\u00fcheren Jahrzehnten waren.<\/p>\n<p>Einst, w\u00e4hrend der Diktaturen in Chile oder Argentinien, vor f\u00fcnfzig Jahren, waren die Goethe-Institute gelegentlich Fluchtr\u00e4ume f\u00fcr die Gegner von Diktaturen, die von der Bundesrepublik aktiv unterst\u00fctzt wurden. Das &#8222;Caf\u00e9 Ulm&#8220; in Santiago de Chile, die Kantine des dortigen Goethe-Instituts, wurde geradezu ber\u00fchmt, und selbst Pinochets ber\u00fcchtigter Geheimdienst DINA wagte es nicht, zu st\u00fcrmen. Da folgte das Goethe-Institut eher der au\u00dfenpolitischen Linie der DDR, die viele chilenische Fl\u00fcchtlinge aufnahm, als jener der BRD, deren Botschafter in Chile damals erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p><em>&#8222;Bei sonnigem Wetter ist das Leben im Stadion recht angenehm.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Er meinte damit das vom Milit\u00e4r eingerichtete Lager im Nationalstadion in Santiago de Chile, in dem unter anderem der S\u00e4nger Victor Jara gefoltert und ermordet wurde.<\/p>\n<p>Davon ist inzwischen keine Spur mehr \u00fcbrig. Wer einen Blick auf die deutschen Botschafter in Moskau in den letzten Jahren wirft, wei\u00df, dass sie f\u00fcr Russland das Schicksal w\u00fcnschen, das das Chile des Salvador Allende 1973 traf. Das sind die M\u00e4nner, die im Goethe-Institut immer das letzte Wort hatten. Soll Russland ihnen wirklich dieses Werkzeug lassen?<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/287176-gleich-zwei-fehler-in-einem-satz-botschafter-goetze-leistet-sich-fehlstart-in-moskau\/\">Gleich zwei Fehler in einem Satz \u2013 Botschafter Goetze leistet sich Fehlstart in Moskau<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7c02xe\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Wenn man sich mit einem Sprachinstitut eines gr\u00f6\u00dferen Staates befasst, muss man eines vorwegschicken: Sie sind immer Zwitter. Es gibt kein Land, das entsprechende Institute nicht auch zur Informationsgewinnung nutzt. 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