{"id":20756,"date":"2026-09-03T12:02:16","date_gmt":"2026-09-03T10:02:16","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/gastkommentar-von-jurij-christopher-kofner-32-milliarden-euro-schaden-durch-die-afd-was-hinter-der-neuen-iwh-warnstudie-steckt\/"},"modified":"2026-09-03T12:02:16","modified_gmt":"2026-09-03T10:02:16","slug":"gastkommentar-von-jurij-christopher-kofner-32-milliarden-euro-schaden-durch-die-afd-was-hinter-der-neuen-iwh-warnstudie-steckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/gastkommentar-von-jurij-christopher-kofner-32-milliarden-euro-schaden-durch-die-afd-was-hinter-der-neuen-iwh-warnstudie-steckt\/","title":{"rendered":"Gastkommentar von Jurij Christopher Kofner: 3,2 Milliarden Euro Schaden durch die AfD? Was hinter der neuen IWH-Warnstudie steckt"},"content":{"rendered":"<div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcnf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnt das Leibniz-Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung erneut vor den Folgen einer AfD-Regierung: 14.000 zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte k\u00f6nnten fehlen, bis zu 3,2 Milliarden Euro Wertsch\u00f6pfung verloren gehen. Doch der entscheidende \u201eAfD-Effekt\u201c wurde in Sachsen-Anhalt nicht gemessen, sondern aus methodisch nicht wissenschaftlich belastbaren Annahmen konstruiert \u2013 darunter ein Sonneberg-Vergleich ohne Kontrollgruppe. Zugleich blendet das IWH Gegenkan\u00e4le aus: Eine st\u00e4rkere Arbeitsmarktintegration bereits im Land lebender Ausl\u00e4nder k\u00f6nnte nach derselben Rechenlogik Milliarden an Wertsch\u00f6pfung mobilisieren; zus\u00e4tzlicher Zuzug deutscher Fachkr\u00e4fte k\u00f6nnte den behaupteten Schaden weiter reduzieren.<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Jurij Kofner<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt h\u00e4ufen sich wirtschaftswissenschaftliche Warnungen vor einer m\u00f6glichen AfD-Regierung. Das <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.freilich-magazin.com\/wirtschaft\/diw-studie-zur-afd-das-afd-paradox-beruht-auf-fragwuerdigen-annahmen\">DIW ver\u00f6ffentlichte eine Analyse \u00fcber ein angebliches \u201eAfD-Paradox\u201c<\/a>, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.freilich-magazin.com\/wirtschaft\/vor-sachsen-anhalt-wahl-was-die-68-milliarden-rechnung-des-iw-ausblendet\">das IW K\u00f6ln hob den Wertsch\u00f6pfungsbeitrag ausl\u00e4ndischer Besch\u00e4ftigter in Ostdeutschland hervor<\/a>, und bereits Anfang August hatte <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/institutkw.de\/finanzierbarkeit-des-afd-regierungsprogramms-in-sachsen-anhalt\/\">das IWH die Finanzierbarkeit des AfD-Wahlprogramms untersucht<\/a>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun folgt <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.iwh-halle.de\/publikationen\/detail\/demografischer-wandel-auslaendische-beschaeftigte-und-der-arbeitsmarkt-sachsen-anhalts-vor-der-landtagswahl-am-6-september-2026\">die n\u00e4chste Studie aus Halle<\/a> \u2013 ver\u00f6ffentlicht am <strong>1. September, gerade einmal f\u00fcnf Tage vor der Wahl<\/strong>. Ihre Botschaft ist perfekt f\u00fcr die Schlagzeile: Eine AfD-Regierung k\u00f6nne ein \u201eausl\u00e4nderfeindliches Klima\u201c schaffen, dadurch ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte abschrecken und Sachsen-Anhalt \u00fcber f\u00fcnf Jahre bis zu <strong>3,2 Milliarden Euro Wertsch\u00f6pfung<\/strong> kosten.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politische Sto\u00dfrichtung dieser Ver\u00f6ffentlichungsserie liegt auf der Hand. Unmittelbar vor einer Wahl, bei der eine AfD-Regierung erstmals realistisch erscheint, erscheinen in kurzer Folge Analysen mit derselben Botschaft: Eine AfD-Regierung schade wirtschaftlich. Institute liefern damit Zahlen, aus denen abschreckende Wahlkampfschlagzeilen entstehen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mir deshalb auch diese Studie genauer angesehen. Das Ergebnis ist bemerkenswert.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Milliarden entstehen aus einer angenommenen Zahl<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sachsen-Anhalts demografisches Problem ist real. Das IWH errechnet bis 2031 rund <strong>61.400 weniger deutsche Besch\u00e4ftigte<\/strong> und schreibt zugleich den j\u00fcngsten Zuwachs ausl\u00e4ndischer Besch\u00e4ftigter fort: rund <strong>29.400 bis 2031<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann folgt der entscheidende Schritt. Unter einer AfD-Regierung, nimmt das IWH an, falle dieser Zuwachs um <strong>48,2 Prozent<\/strong> geringer aus. Statt 29.400 k\u00e4men nur etwa 15.200 hinzu. Aus gut <strong>14.000 Differenz<\/strong> entsteht der Milliardenverlust.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die 48,2 Prozent wurden in Sachsen-Anhalt nicht gemessen. Das IWH \u00fcbernimmt <strong>31,8 Prozent<\/strong> aus italienischen Gemeinden mit erstmaliger Lega-Nord-Macht\u00fcbernahme und <strong>64,7 Prozent<\/strong> aus Sonneberg nach der Wahl eines AfD-Landrats \u2013 und bildet schlicht die Mitte.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders problematisch ist Sonneberg. Das IWH r\u00e4umt selbst ein: <strong>Vorher-Nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe<\/strong>; zudem h\u00e4ngt das Ergebnis stark am au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ukraine-Zuzug 2022. Das ist keine belastbare Identifikation eines AfD-Effekts.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie wenig der Vergleich beweist, zeigt Baden-W\u00fcrttemberg: Dort sank der Wanderungssaldo ausl\u00e4ndischer Staatsb\u00fcrger 2022 bis 2024 von 205.724 auf 56.625 \u2013 um rund <strong>72,5 Prozent<\/strong> \u2013 unter gr\u00fcner F\u00fchrung wohlgemerkt. Ein Einbruch nach dem Ukraine-Ausnahmejahr ist also noch kein AfD-Effekt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Besch\u00e4ftigung ist nicht Einwanderung<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00e4hrlich rund 5.900 Personen des IWH sind keine gemessenen Einwanderer, sondern der Zuwachs des Bestands ausl\u00e4ndischer sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigter. Das IWH schreibt selbst: <strong>\u201eBestandsgr\u00f6\u00dfen, keine Zuz\u00fcge.\u201c<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein 2022 eingereister Ukrainer kann erst 2025 Arbeit finden. Dann w\u00e4chst der Besch\u00e4ftigtenbestand \u2013 ohne neue Einwanderung. Trotzdem werden Migrationseffekte auf diese Besch\u00e4ftigungszahl \u00fcbertragen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier \u00fcbersieht das IWH einen wichtigen Gegenkanal. Anfang 2026 lebten in Sachsen-Anhalt rund <strong>35.200 Personen im Erwerbsalter aus den acht wichtigsten Asylherkunftsl\u00e4ndern<\/strong> und rund <strong>27.900 Ukrainer<\/strong>. Ihre Besch\u00e4ftigungsquoten lagen bei <strong>44,1 beziehungsweise 33,6 Prozent<\/strong>; bei allen Ausl\u00e4ndern lag sie zuletzt bei <strong>54,9 Prozent<\/strong>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erreichten beide Gruppen nur diesen Durchschnitt, erg\u00e4ben sich rechnerisch knapp <strong>9.800 zus\u00e4tzliche Besch\u00e4ftigte<\/strong>. Bei schrittweiser Mobilisierung \u00fcber f\u00fcnf Jahre entspr\u00e4che dies nach den IWH-Bewertungsma\u00dfst\u00e4ben grob <strong>1,1 bis 2,0 Milliarden Euro zus\u00e4tzlicher Wertsch\u00f6pfung \u2013 ohne zus\u00e4tzliche Zuwanderung<\/strong>. W\u00fcrde das volle Potenzial bereits zu Beginn gehoben und f\u00fcnf Jahre gehalten, l\u00e4ge die Gr\u00f6\u00dfenordnung sogar bei etwa <strong>1,8 bis 3,3 Milliarden Euro<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine restriktivere, st\u00e4rker auf Arbeitsaufnahme ausgerichtete Sozialpolitik, wie sie die AfD fordert, k\u00f6nnte einen Teil dieses Potenzials mobilisieren: Ein gr\u00f6\u00dferer Abstand zwischen Transferbezug und Arbeit sowie konsequentere Mitwirkungspflichten erh\u00f6hen die Erwerbsanreize. IAB-Forschung zeigt tats\u00e4chlich, dass eine h\u00f6here Sanktionswahrscheinlichkeit die \u00dcbergangsrate aus der Grundsicherung in Besch\u00e4ftigung erh\u00f6hen kann.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch fehlen in der IWH-Studie andere Anpassungen des Arbeitsmarkts auf ein geringeres Arbeitskr\u00e4fteangebot weitgehend: h\u00f6here L\u00f6hne und Erwerbsbeteiligung, l\u00e4ngere Arbeitszeiten, Berufswechsel, Automatisierung und Digitalisierung. F\u00fcr seine h\u00f6chste Schadenszahl unterstellt das IWH sogar, dass mit einem fehlenden Arbeitnehmer auch der zugeh\u00f6rige Kapitaleinsatz vollst\u00e4ndig verschwindet. Das erscheint \u00e4u\u00dferst unplausibel.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und was ist mit deutschen Fachkr\u00e4ften?<\/strong><\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von 2020 bis 2024 gewann Sachsen-Anhalt \u00fcber seine Landesgrenze netto <strong>6.542 deutsche Staatsb\u00fcrger im Alter von 20 bis unter 65 Jahren<\/strong>, durchschnittlich 1.308 j\u00e4hrlich. \u00dcbertr\u00e4gt man pauschal die deutsche Besch\u00e4ftigungsquote von <strong>66,6 Prozent<\/strong>, entspricht das rechnerisch rund <strong>871 Besch\u00e4ftigten pro Jahr<\/strong>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die AfD will diesen Zuzug ausdr\u00fccklich verst\u00e4rken und ausgewanderte deutsche Fachkr\u00e4fte zur\u00fcckholen. W\u00fcrde sie <strong>\u00fcber den bereits bestehenden Trend hinaus<\/strong> nochmals ebenso viele Deutsche im Erwerbsalter gewinnen, entspr\u00e4che das zus\u00e4tzlichen 871 Besch\u00e4ftigten j\u00e4hrlich und nach IWH-Ma\u00dfstab rund <strong>0,54 bis 0,99 Milliarden Euro zus\u00e4tzlicher Wertsch\u00f6pfung<\/strong> \u00fcber f\u00fcnf Jahre.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei j\u00e4hrlich rund <strong>2.834 zus\u00e4tzlichen deutschen Besch\u00e4ftigten<\/strong> w\u00e4re der vom IWH errechnete Verlust vollst\u00e4ndig ausgeglichen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende sagt das IWH selbst: Die Rechnung sei <strong>\u201ekeine Prognose\u201c<\/strong>, ihre gr\u00f6\u00dfte Unsicherheit liege in der \u00dcbertragbarkeit der Werte auf Sachsen-Anhalt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von einem wissenschaftlich nachgewiesenen Preis einer AfD-Regierung kann deshalb keine Rede sein.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>*Jurij Christopher Kofner, Jahrgang 1988, studierte Au\u00dfenwirtschaft am Moskauer Staatsinstitut f\u00fcr Internationale Beziehungen (MGIMO) und promovierte in Economics an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE). Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Institut f\u00fcr Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Wien und ist seit 2020 Fachreferent f\u00fcr Wirtschaft, Energie und Digitales der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag.<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><\/figure>\n<p><strong>Beitrag:<\/strong> <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/deutschlandkurier.de\/2026\/09\/gastkommentar-von-jurij-christopher-kofner-32-milliarden-euro-schaden-durch-die-afd-was-hinter-der-neuen-iwh-warnstudie-steckt\/\">Gastkommentar von Jurij Christopher Kofner: 3,2 Milliarden Euro Schaden durch die AfD? Was hinter der neuen IWH-Warnstudie steckt<\/a> <br><strong>Quelle:<\/strong> Deutschland-Kurier.<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p>F\u00fcnf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnt das Leibniz-Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung erneut vor den Folgen einer AfD-Regierung: 14.000 zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte k\u00f6nnten fehlen, bis zu 3,2 Milliarden Euro Wertsch\u00f6pfung verloren gehen. Doch der entscheidende \u201eAfD-Effekt\u201c wurde in Sachsen-Anhalt nicht gemessen, sondern aus methodisch nicht wissenschaftlich belastbaren Annahmen konstruiert \u2013 darunter ein Sonneberg-Vergleich ohne Kontrollgruppe. Zugleich [\u2026]<\/p>\n<p>The post <a href=\"https:\/\/deutschlandkurier.de\/2026\/09\/gastkommentar-von-jurij-christopher-kofner-32-milliarden-euro-schaden-durch-die-afd-was-hinter-der-neuen-iwh-warnstudie-steckt\/\">Gastkommentar von Jurij Christopher Kofner: 3,2 Milliarden Euro Schaden durch die AfD? 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