{"id":20787,"date":"2026-09-03T14:02:02","date_gmt":"2026-09-03T12:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/frankreich-notenbank-soll-staatsschulden-in-milliardenhoehe-streichen-38202390-html\/"},"modified":"2026-09-03T14:02:02","modified_gmt":"2026-09-03T12:02:02","slug":"frankreich-notenbank-soll-staatsschulden-in-milliardenhoehe-streichen-38202390-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/frankreich-notenbank-soll-staatsschulden-in-milliardenhoehe-streichen-38202390-html\/","title":{"rendered":"Staatsschulden: Frankreich diskutiert radikalen Ausweg aus der Schuldenfalle"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Frankreich \u00e4chzt unter einem gewaltigen Schuldenberg. Linkspolitiker schlagen deshalb eine radikale L\u00f6sung vor: Die Notenbank soll einen Teil der Staatsschulden einfach streichen. Was w\u00e4ren die Folgen?<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Wenn \u00fcber die theoretischen Grundlagen der Geldpolitik debattiert wird, geschieht das meist unter Wissenschaftlern und Fachleuten fernab der breiten \u00d6ffentlichkeit. Selten kochen die unterschiedlichen Meinungen \u00fcber die Bedeutung von Zentralbankbilanzen so hoch, dass sich die Debattenteilnehmer gegenseitig als \u201eL\u00fcgner\u201c oder \u201eIdioten\u201c beschimpfen.\u00a0<\/p>\n<p>Genau das geschieht derzeit in Frankreich. Dort bringen sich die politischen Lager f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl im kommenden Jahr in Stellung. Beherrschendes Thema ist die erdr\u00fcckende und unabl\u00e4ssige Schuldenlast des franz\u00f6sischen Staates. Sparma\u00dfnahmen und Reformen sind aus Sicht der meisten Politiker und Parteien \u2013 wenn auch in unterschiedlichem Ausma\u00df und mit unterschiedlicher Ausrichtung \u2013 unausweichlich. Au\u00dfer f\u00fcr die Linksau\u00dfenpartei La France insoumise (LFI).<\/p>\n<p>LFI-Chef und wahrscheinlicher Pr\u00e4sidentschaftskandidat Jean-Luc M\u00e9lenchon schlug stattdessen vor, dass die franz\u00f6sische Notenbank die von ihr gehaltenen Schulden Frankreichs einfach annulliert. Man brauche nur zur Banque de France zu gehen, die Staatsanleihen \u201ezu nehmen und sie ins Feuer zu werfen\u201c. Damit sei die Sache erledigt. \u201eMehr ist nicht dabei.\u201c<\/p>\n<h2>Was passiert, wenn die Notenbank Frankreichs Staatsschulden einfach l\u00f6scht?<\/h2>\n<p>Seitdem debattiert Frankreich dar\u00fcber, ob die Banque de France und die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) das Land tats\u00e4chlich von einem Teil seiner Schuldenlast befreien k\u00f6nnten. Politiker aus dem rechten Lager und der politischen Mitte werfen M\u00e9lenchon Populismus vor. Experten erkl\u00e4ren, warum die Idee rechtlich unzul\u00e4ssig und \u00f6konomisch gef\u00e4hrlich sei. Allerdings gibt es auch renommierte \u00d6konomen, die M\u00e9lenchon unterst\u00fctzen und eine Schuldenannullierung zumindest in begrenztem Umfang f\u00fcr sinnvoll halten.<\/p>\n<\/p>\n<p>Derzeit liegen bei der Banque de France knapp 20 Prozent der franz\u00f6sischen Staatsschulden. Die Notenbank hat sie im Rahmen der Anleihekaufprogramme der EZB in den Niedrigzinsjahren gekauft. Damit wurde Geld in den Finanzmarkt gepumpt, um die damals zu niedrige Inflation zu erh\u00f6hen und eine Deflation zu verhindern.<\/p>\n<p>W\u00fcrden diese dem Markt bereits entzogenen Anleihen f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt, h\u00e4tte das keine weiteren Folgen f\u00fcr Wirtschaft oder Finanzsystem, argumentieren unter anderem der bekannte \u00d6konom Thomas Piketty sowie der Investmentbanker und M\u00e9lenchon-Mitstreiter Matthieu Pigasse. Lediglich der franz\u00f6sische Schuldenberg w\u00fcrde um knapp ein F\u00fcnftel schrumpfen. Die Regierung w\u00fcrde erhebliche Zinszahlungen sparen. Zudem k\u00f6nnte sich dank der geringeren Gesamtschulden die Bonit\u00e4t des Staates verbessern und damit das Zinsniveau f\u00fcr neue Schulden sinken, so die Argumentation.<\/p>\n<p>Verschiedene Bef\u00fcrworter brachten inzwischen Varianten des Plans ins Spiel. So sollen etwa nicht nur die Schulden Frankreichs, sondern die aller Euro-Staaten einbezogen werden. Eine weitere Idee ist, dass die Notenbanken zus\u00e4tzliche Staatsanleihen aufkaufen, um noch mehr Staatsschulden zu annullieren. Neu ist der Grundgedanke nicht. Bereits 2020 auf dem H\u00f6hepunkt der Krise hatten \u00d6konomen f\u00fcr \u00e4hnliche Pl\u00e4ne geworben. Die Lage der franz\u00f6sischen Staatsfinanzen ist inzwischen allerdings noch deutlich schlechter, zumal die Zinsen um ein Vielfaches h\u00f6her liegen und aktuell weiter stark steigen.<\/p>\n<h2>EZB warnt vor Schuldenerlass<\/h2>\n<p>Die Kritik an dem Vorsto\u00df lie\u00df nicht lange auf sich warten. Der ehemalige Chef\u00f6konom des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, der franz\u00f6sische Wirtschaftswissenschaftler Olivier Blanchard, bezeichnete die Argumente f\u00fcr die Annullierung auf X als \u201eidiotisch\u201c. Durch die gesparten Zinsausgaben sei nichts gewonnen, argumentierte er. Denn gleichzeitig verliere die Banque de France die Einnahmen aus diesen Zinsen. Die Notenbank geh\u00f6re wiederum dem Staat und \u00fcberweise etwaige Zins\u00fcbersch\u00fcsse an den Staatshaushalt. Genau diese Logik nutzen allerdings auch die Bef\u00fcrworter: Wenn ein Teil des Staates einem anderen gewaltige Summen schulde, k\u00f6nne man diese auch streichen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem f\u00fchren Kritiker an, dass die Notenbank mit einer Annullierung der Anleihen die Grenze zur verbotenen Staatsfinanzierung \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Das sieht auch die EZB so. Unterst\u00fctzer des Schuldencoups behaupten dagegen, dass das europ\u00e4ische Regelwerk durchaus Spielraum lasse.<\/p>\n<\/p>\n<p>Komplexer ist die Debatte um m\u00f6gliche wirtschaftliche Folgen. Wirtschaftsminister Roland Lescure warnte beim Sender BFM TV, Frankreich w\u00fcrde seine Gl\u00e4ubiger, darunter Sparer, Lebensversicherer und Banken, im Stich lassen. Das k\u00f6nne Vertrauen an den Finanzm\u00e4rkten zerst\u00f6ren und wiederum zu noch h\u00f6heren Zinsen mit schweren Folgen f\u00fcr Staat und Wirtschaft f\u00fchren. Der \u00d6konom Jean Pisani-Ferry erkl\u00e4rte bereits vor Jahren, dass eine Annullierung einer \u201eRestrukturierung\u201c, also einem Teilerlass, gleichk\u00e4me, wie man ihn von Staatspleiten kennt. Das w\u00fcrde Frankreichs Ruf als Schuldner besch\u00e4digen.<\/p>\n<h2>Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr liegt in der Wiederholung<\/h2>\n<p>Diese Argumentation weist unter anderem der LFI-Spitzenpolitiker Manuel Bompard zur\u00fcck: Private Gl\u00e4ubiger und Finanzinstitute seien gar nicht betroffen. Schlie\u00dflich gehe es ausschlie\u00dflich um Anleihen, die die Notenbank bereits gekauft habe. Das Vertrauen der Investoren w\u00fcrde sogar steigen, wenn Frankreichs Schuldenquote sinke, schrieb Bompard auf X und bezichtigte seine Gegner in der Debatte der \u201eL\u00fcge\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr problematischer halten Experten die Gefahr, dass es kaum bei einem einmaligen Schuldenerlass bleiben d\u00fcrfte. Bei wiederholten Anleihek\u00e4ufen mit anschlie\u00dfender Annullierung \u00fcbern\u00e4hme die Notenbank zunehmend die Staatsfinanzierung und w\u00fcrde st\u00e4ndig neues Geld schaffen. Damit k\u00f6nnte sie die Kontrolle \u00fcber die Inflation verlieren. Hinzu kommt: Die Annullierung der Anleihen w\u00fcrde ein gewaltiges Loch in die Bilanz der Zentralbank rei\u00dfen. Die Unterst\u00fctzer M\u00e9lenchons sehen darin kein grunds\u00e4tzliches Problem. Es gibt Beispiele daf\u00fcr, dass Zentralbanken ihre Aufgaben auch mit jahrelangen Verlusten erf\u00fcllen k\u00f6nnen, teilweise sogar mit Verlusten, die ihr Eigenkapital \u00fcbersteigen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nnte eine Zentralbank mit dauerhaft zu wenig Eigenkapital gezwungen sein, neues Geld zu schaffen, um Bilanzl\u00f6cher zu stopfen, selbst wenn dies ihren geldpolitischen Zielen widerspricht. Schon die Furcht, dass Preisstabilit\u00e4t bei ihren Entscheidungen nicht mehr oberste Priorit\u00e4t haben k\u00f6nnte, w\u00fcrde ihre wichtigste Ressource besch\u00e4digen: die Glaubw\u00fcrdigkeit an den Finanzm\u00e4rkten. In einem Punkt sind sich die erbitterten Gegner der Debatte sogar einig, wenn auch mit v\u00f6llig unterschiedlicher Bewertung: Eine Schuldenannullierung w\u00fcrde den Sparzwang f\u00fcr die franz\u00f6sische Regierung lockern. Kritiker warnen deshalb vor immer weiter steigenden, mit neu geschaffenem Geld finanzierten Staatsausgaben und letztlich unkontrollierbarer Inflation. Linkspolitiker Bompard dagegen sieht darin \u201eein Ende der Politik der Angst\u201c vor den Schulden. Dies erm\u00f6gliche es, \u201edas Land neu zu begr\u00fcnden\u201c.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag ist zuerst bei <\/em><a rel=\"noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Hans-Werner-Sinn-versteht-schwarz-rotes-Schulden-Tohuwabohu-nicht-article25621306.html\" class=\"external-link\"><em>ntv.de<\/em><\/a><em> erschienen. Das Nachrichtenportal geho\u0308rt wie Capital zu RTL Deutschland.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Frankreich \u00e4chzt unter einem gewaltigen Schuldenberg. Linkspolitiker schlagen deshalb eine radikale L\u00f6sung vor: Die Notenbank soll einen Teil der Staatsschulden einfach streichen. 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