{"id":20882,"date":"2026-09-03T21:03:03","date_gmt":"2026-09-03T19:03:03","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/wadephul-und-die-absurde-bruecke\/"},"modified":"2026-09-03T21:03:03","modified_gmt":"2026-09-03T19:03:03","slug":"wadephul-und-die-absurde-bruecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/wadephul-und-die-absurde-bruecke\/","title":{"rendered":"Wadephul und die absurde Br\u00fccke"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Das Bedauern von Au\u00dfenminister Johann Wadephul \u00fcber die angek\u00fcndigte Schlie\u00dfung des Goethe-Instituts in Russland ist gleich auf mehrfache Weise komisch.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt schon einmal mit dem Ort der Veranstaltung an. Weimar, das der Namensgeber des sogenannten &#8222;Weimarer Dreiecks&#8220; ist, das aus Frankreich, Deutschland und Polen besteht, war gerade zur Zeit Goethes besonders eng mit Russland verbunden \u2013 1804 ehelichte Maria Pawlowna, die Tochter des russischen Zaren Paul I., den Weimarer Erbprinzen Carl Friedrich, was die Finanzen des kleinen Herzogtums deutlich verbesserte. Sp\u00e4ter wurde eben diese Maria Pawlowna eine enge Freundin des Dichters. So ist der Ort nicht nur mit dem Namensgeber der Goethe-Institute verbunden, sondern auch mit engen Beziehungen nach Russland.<\/p>\n<p>Dazu kommt dann der Fragesteller, der Wadephul die Gelegenheit gab, sein Bedauern zu \u00e4u\u00dfern. Der kam n\u00e4mlich von der <em>Deutschen Welle,<\/em> mithin dem direkt staatlich betriebenen Auslandssender, was nahelegt, dass Frage und Antwort vorbereitet waren. Danach klingt Wadephuls Antwort auch, obwohl sie letztlich nicht von der Qualit\u00e4t des Zuarbeiters spricht.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Witz findet sich hier:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wir sind in unserem B\u00fcndnis und auch mit den Freunden, die hier stehen, immer bereit gewesen, mit Russland einen vern\u00fcnftigen Dialog zu f\u00fchren.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nun, einer der Freunde Wadephuls, die da standen, hei\u00dft Rados\u0142aq Sikorski und ist jener Herr, der damals, nach der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines twitterte: &#8222;Thank you, USA&#8220;. Ein klares Kennzeichen f\u00fcr jemanden, der &#8222;immer bereit gewesen ist, mit Russland einen vern\u00fcnftigen Dialog zu f\u00fchren&#8220;, oder? Damals hat er es geschafft, mit drei Worten nicht nur seine Haltung gegen Russland zu unterstreichen, sondern zugleich seine Haltung gegen Deutschland.<\/p>\n<p>Aber es wird noch besser.<\/p>\n<p><em> &#8222;Das Goethe-Institut hat auch in Russland eine wichtige Funktion als Kulturbr\u00fccke \u00fcbernommen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nun, mit Metaphern scheint es der unbekannte Autor, der dem Au\u00dfenminister diese Worte in den Mund gelegt hat, nicht so zu haben. Denn was ist Voraussetzung der Funktionalit\u00e4t einer Br\u00fccke? Dass sie, was immer sie \u00fcberbr\u00fcckt, mit beiden Seiten verbunden ist. Nun gibt es in Deutschland eine bekannte Br\u00fcckenruine, die Elbbr\u00fccke D\u00f6mitz, die Ende des Zweiten Weltkriegs zerst\u00f6rt und dann, weil sie \u00fcber die deutsch-deutsche Grenze hinweg verlief, nie wieder aufgebaut wurde. Sie ist gewisserma\u00dfen ein physischer Beleg daf\u00fcr, dass es Br\u00fccken gibt, die nur eine Seite besitzen. Aber sie sind eben als Br\u00fccken nutzlos.<\/p>\n<p>Die Goethe-Institute k\u00f6nnen nur dann als Br\u00fccke funktionieren, wenn am anderen Ende ebenfalls eine Verbindung vorhanden ist. Insofern ist die Verkn\u00fcpfung zwischen den russischen Goethe-Instituten und dem Russischen Haus in Berlin nur folgerichtig und logisch. Was es v\u00f6llig absurd macht, wenn ausgerechnet derjenige, der rechtlich f\u00fcr den Abriss des einen Br\u00fcckenkopfes verantwortlich ist, dann Krokodilstr\u00e4nen vergie\u00dft, weil der andere, der dann ohnehin als unsinniges Relikt in der Landschaft steht, ebenfalls abgerissen wird.<\/p>\n<p>Aber es geht ja noch weiter. Schlie\u00dflich gibt es einen bilateralen Vertrag, auf dem die Existenz des Russischen Hauses in Berlin beruht. Auch in diesem Vertrag sind beide Seiten der Br\u00fccke miteinander verkn\u00fcpft. Der Schritt, durch den Wadephul das Russische Haus schlie\u00dfen will, besteht in der K\u00fcndigung des Vertrags. Wenn er den Vertrag k\u00fcndigt, w\u00fcrde ein weiteres Bestehen der Goethe-Institute in Russland nicht nur voraussetzen, dass das Russische Au\u00dfenministerium nicht handelt, sondern sogar, dass es bereit w\u00e4re, einen neuen Vertrag zu schlie\u00dfen, der nur die Existenz der Goethe-Institute sichert, ohne jede Gegenleistung. Daf\u00fcr m\u00fcsste der russische Au\u00dfenminister Sergei Lawrow ziemlich masochistisch und au\u00dferdem v\u00f6llig unterbelichtet sein. Beides ist er mit Sicherheit nicht.<\/p>\n<p>Eigentlich war es sogar noch nett, die Schlie\u00dfung anzuk\u00fcndigen. Denn vermutlich w\u00e4re es rechtlich m\u00f6glich gewesen, gar nichts zu sagen und dann am Tag nach Ende des Vertrags einfach mit R\u00e4umkommandos aufzutauchen und die verbliebenen Mitarbeiter zum Flughafen zu expedieren. Es ist nun einmal so \u2013 ein bilateraler Vertrag h\u00f6rt auf zu sein, wenn eine Seite ihn aufk\u00fcndigt.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit, das kann man einem <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/drohnenangriff-in-leipzig-wadephul-und-dobrindt-sollen-merz-gebremst-haben-16011386.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> des <em>Tagesspiegels<\/em> entnehmen, ging Wadephul durchaus davon aus, dass, wie es diplomatische Sitte ist, die deutsche Handlung gespiegelt werden w\u00fcrde. Merz habe schon weit fr\u00fcher offene Vorw\u00fcrfe gegen Russland erheben wollen, sei aber von Innenminister Alexander Dobrindt und Wadephul gebremst worden:<\/p>\n<p><em> &#8222;Wadephul wandte ein, dass sein Ressort Vorbereitungen treffen m\u00fcsse f\u00fcr den Fall, dass Moskau deutsche Sanktionen mit Gegenma\u00dfnahmen beantworte. Deutsche Diplomaten m\u00fcssten gewarnt, Dokumente und Daten in Sicherheit gebracht werden, sagte er demnach.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das d\u00fcrfte nicht nur die Schredder im Konsulat in St. Petersburg gemeint haben, sondern auch das Personal des Goethe-Instituts in seinen drei Niederlassungen. Vielleicht hat ihm irgendwer die Geschichte erz\u00e4hlt, wie die deutsche Botschaft in Moskau 1941 in aller Eile ihre Unterlagen verbrennen musste.<\/p>\n<p>Was er allerdings \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfert, vermittelt noch ein anderes Bild. Da will er n\u00e4mlich den Eindruck erzielen, die russische Reaktion sei nicht nur ungew\u00f6hnlich, sondern geradezu ungeh\u00f6rig:<\/p>\n<p><em>&#8222;Und ich m\u00f6chte in dem Zusammenhang nochmal darauf hinweisen, dass die Schritte, die wir hier ergriffen haben, und die Schlie\u00dfungen, die ich veranlasst habe, eine Reaktion gewesen sind auf vorheriges russisches Verhalten. Wenn Russland es dabei belassen will, dann nehme ich das entsprechend zur Kenntnis.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nun sind im Bereich der Diplomatie spiegelbildliche Reaktionen absolut \u00fcblich, und es hat auch einen tieferen Grund \u2013 das ist die Folge der souver\u00e4nen Gleichheit. Nur, wenn man sich ein Unterordnungsverh\u00e4ltnis vorstellt, wenn eine Seite grunds\u00e4tzlich als h\u00f6herwertig angesehen wird, ist es naheliegend, etwas anderes zu erwarten. Was Wadephul, wenn die <em>Tagesspiegel-<\/em>Information stimmt, zwar nicht getan hat \u2013 aber dem deutschen Publikum gegen\u00fcber so tut, als t\u00e4te er es. F\u00fcr einen demokratischen Politiker ein erstaunliches Man\u00f6ver.<\/p>\n<p>Das erinnert ein wenig an den Schlagabtausch zwischen den USA und Russland zwischen Ende 2016 und Sommer 2017. Den Anfang machten die USA, noch unter Barack Obama, mit der Ausweisung von 35 russischen Diplomaten und der Beschlagnahmung zweier Anwesen in New York und Maryland. Grund daf\u00fcr? Vor allem &#8222;Russiagate&#8220;, diese vom MI6 zusammengebastelte Behauptung einer russischen Wahleinmischung 2016. Was dann im Sommer 2017 mit der Schlie\u00dfung des russischen Generalkonsulats in San Francisco endete, nachdem zuvor Russland den USA 755 Botschaftsmitarbeiter gestrichen \u2013 und ebenfalls zwei US-Anwesen kassiert hatte. Dazwischen lag noch ein Sanktionspaket des US-Kongresses, nochmal unter anderem mit Russiagate als Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter ist mehr als aufgekl\u00e4rt, dass die ganze Russiagate-Geschichte ein Fake war, selbst wenn das deutsche Leitmedien nach wie vor nicht zur Kenntnis nehmen. Da passt die Leipziger Drohnenerz\u00e4hlung bestens dazu. Und auch die (vorget\u00e4uschte) Hybris, man selbst d\u00fcrfe agieren, die Russen h\u00e4tten aber geduldig stillzuhalten und ihre Strafe in Empfang zu nehmen, entspricht dem US-Modell. Nur dass die materielle Grundlage f\u00fcr diese \u00dcberheblichkeit v\u00f6llig fehlt&#8230;<\/p>\n<p>So l\u00e4cherlich das ist, wegen eines zutiefst zweifelhaften Vorfalls die Beziehungen zu Russland weiter einzuschr\u00e4nken \u2013 nach diesem Schritt ist die diplomatische Skala fast v\u00f6llig abgearbeitet, und es bliebe nur noch eine m\u00f6gliche Steigerung, das w\u00e4re der Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Bei der Bundesregierung hat man oft den Eindruck, das k\u00f6nnte ihnen nicht schnell genug gehen, und eigentlich w\u00fcrden sie gerne sofort zum Krieg \u00fcbergehen, so sie es denn k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde der D\u00f6mitzer Br\u00fccke sicher Gesellschaft verschaffen, aber man sollte weder dies noch die Vorstellung einseitiger Br\u00fccken als Normalzustand w\u00fcnschen. Auch wenn Wadephul das so darzustellen versucht, die russische Reaktion ist keine Majest\u00e4tsbeleidigung und angesichts der Tatsache, dass das vermeintliche &#8222;russische Verhalten&#8220; eher eine Sache f\u00fcr die Jungs mit den wei\u00dfen, lang\u00e4rmligen Jacken ist, von noch geradezu z\u00e4rtlicher Zur\u00fcckhaltung.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/inland\/290563-wadephul-bedauert-schliessung-des-goethe-instituts\/\">Wadephul bedauert Schlie\u00dfung der Goethe-Institute in Russland<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7cui8w\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dagmar Henn Das Bedauern von Au\u00dfenminister Johann Wadephul \u00fcber die angek\u00fcndigte Schlie\u00dfung des Goethe-Instituts in Russland ist gleich auf mehrfache Weise komisch. 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