{"id":21000,"date":"2026-09-04T13:02:03","date_gmt":"2026-09-04T11:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/vw-einigung-warum-der-sieg-der-gewerkschaften-keiner-ist-38206538-html\/"},"modified":"2026-09-04T13:02:03","modified_gmt":"2026-09-04T11:02:03","slug":"vw-einigung-warum-der-sieg-der-gewerkschaften-keiner-ist-38206538-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/vw-einigung-warum-der-sieg-der-gewerkschaften-keiner-ist-38206538-html\/","title":{"rendered":"Meinung: F\u00fcr ihren Machterhalt bei VW zahlen die Gewerkschaften einen hohen Preis"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Das Konsensprinzip bei Volkswagen hat noch einmal gesiegt. Doch f\u00fcr Fabriken und Besch\u00e4ftigte ist weiter nichts sicher. Konzernchef Oliver Blume muss nun zeigen, dass sein Umbauplan die richtige Antwort auf China ist<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Schon letztes Mal war von einem \u201eWunder\u201c die Rede: Als Ende 2024 Gewerkschaften und Konzernf\u00fchrung bei Volkswagen ihre Einigung verk\u00fcndeten, beschworen beide Seiten geradezu magische Kr\u00e4fte dahinter. Heute, nachdem die VW-Oberen schon wieder einen erbitterten Streit abgewendet haben, spricht kaum jemand mehr von \u00fcberweltlichen Energien. Dabei tr\u00e4fe der Begriff Wunder dieses Mal im Grunde noch viel mehr. Gerade angesichts der Konfrontation im Vorfeld ist die Einigung bemerkenswert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig steckt darin ein D\u00e9j\u00e0-vu, das wenig Gutes erwarten l\u00e4sst. Wie beim letzten Mal erz\u00e4hlen Gewerkschaftsvertreter und ihnen verbundene Politiker tapfer, man habe einen Sieg errungen und die gef\u00e4hrdeten Autowerke des Unternehmens gerettet. Doch eine Bestandsgarantie f\u00fcr die umk\u00e4mpften Fabriken gab es schon beim letzten Mal nicht, lediglich einige Jahre Besch\u00e4ftigungssicherheit. Dieses Mal gibt es sie erst recht nicht. Der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume hat vielmehr nur schriftlich festgehalten, was er seit Wochen verspricht: dass man sich um eine Folgenutzung der Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm bem\u00fchen werde, wenn dort in den 2030er-Jahren keine Autos mehr gebaut werden.<\/p>\n<h2>Gewerkschaften verkaufen R\u00fcckschlag als Erfolg<\/h2>\n<p>Dass dort keine Folgemodelle aus dem aktuellen Produktportfolio mehr hergestellt werden, haben die Vertreter der Belegschaft und des Landes Niedersachsen in dem Aufsichtsratsbeschluss ausdr\u00fccklich anerkannt. Und die Sache mit der Folgenutzung versteht sich im Grunde von selbst: Die Schlie\u00dfung jedes dieser Standorte w\u00fcrde den Konzern zwischen 1,5 und 2 Milliarden Euro kosten. Was Blume hier verspricht, bedeutet also kaum ein Zugest\u00e4ndnis von seiner Seite.<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Arbeitnehmerseite versucht, das jetzt sch\u00f6nzureden, um ihre Klientel bei der Stange zu halten. Einer der wenigen, die klar sagten, was die Einigung bedeutet, war Hannovers Oberb\u00fcrgermeister Belit Onay. In seiner Stadt steht eines der am st\u00e4rksten gef\u00e4hrdeten Autowerke. \u201eDie jetzt bekannt gewordene Einigung ist wirklich ein R\u00fcckschlag, das kann man, glaube ich, nicht anders sagen\u201c, sagte der Gr\u00fcnen-Politiker. Die Unsicherheit bestehe weiter. F\u00fcr die Besch\u00e4ftigten sei \u201eextrem frustrierend\u201c, was jetzt passiere, w\u00e4hrend die Belegschaftsvertreter die Einigung feiern.<\/p>\n<p>Ein Zugest\u00e4ndnis haben sie der Konzernf\u00fchrung im Verein mit der rot-gr\u00fcnen Landesregierung in Hannover allerdings tats\u00e4chlich abgerungen. Der Vorstand gibt seine Pl\u00e4ne vorerst auf, die Marke VW mit ihren deutschen Werken und die Komponentenfertigung st\u00e4rker aus dem Konzern herauszul\u00f6sen und damit organisatorisch den anderen Marken und internationalen Einheiten gleichzustellen. Diese auf den ersten Blick technische Entscheidung h\u00e4tte gro\u00dfe Auswirkungen haben k\u00f6nnen. Denn viele Mitspracherechte Niedersachsens und der Belegschaftsvertreter im Gesamtkonzern h\u00e4ngen am sogenannten VW-Gesetz und daran, dass es keine klare Trennung zwischen der Marke VW und dem Volkswagen-Konzern gibt. Mit dem Angriff des Vorstands auf diese Verkn\u00fcpfung stand also die bisherige Machtordnung bei Volkswagen zur Disposition.<\/p>\n<h2>Gerettet wurde vor allem die alte Machtordnung<\/h2>\n<p>Mit anderen Worten: Niedersachsen und die Gewerkschaften haben ihre Mitspracherechte verteidigt und daf\u00fcr die sichere Perspektive f\u00fcr Fabriken und Besch\u00e4ftigung geopfert. Der Preis ist hoch. Zus\u00e4tzlich sollen 50.000 Stellen wegfallen \u2013 und damit noch einmal so viele, wie die Gewerkschaften 2024 bereits unter gro\u00dfen Qualen akzeptiert hatten.<\/p>\n<p>Das alles mag m\u00f6glicherweise sogar eine vern\u00fcnftige Entscheidung gewesen sein. Denn die Zertr\u00fcmmerung der alten VW-Herrschaftsordnung, die stets einen Konsens zwischen Kapitaleignern und Arbeitnehmern verlangt, h\u00e4tte das Unternehmen l\u00e4hmen, die IG Metall schw\u00e4chen und die Landesbeteiligung an Europas gr\u00f6\u00dftem Industrieunternehmen langfristig infrage stellen k\u00f6nnen. Aber auch wenn es Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben kann, lieber den Macht-Status-quo zu retten als einzelne Betriebe: Dass die Gewerkschaften ihrer Basis dar\u00fcber jetzt keinen reinen Wein einschenken und so tun, als h\u00e4tten sie auf ganzer Linie gewonnen, l\u00e4sst tief blicken. Und es l\u00e4sst f\u00fcr die Zukunft wenig Gutes erwarten. Wunder aus Niedersachsen halten erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht lange. Der Grundsatzkonflikt d\u00fcrfte das Unternehmen schon bald wieder einholen.<\/p>\n<\/p>\n<p>Zumal der Umbauplan des Vorstands noch immer so vage ist, dass es Niedersachsen und die Personalvertreter bislang wenig kostet, sich dahinterzustellen. Ja, Blume und seine Leute k\u00f6nnen nun gewisse Struktur\u00e4nderungen angehen, die, wenn sie klug umgesetzt werden, geeignet sind, den deutschen Konzern bei Kosten, Profitabilit\u00e4t und Agilit\u00e4t wieder n\u00e4her an die Konkurrenz heranzubringen. Und zwar nicht nur an die Wettbewerber aus China, sondern auch an Hersteller aus Japan oder Korea, die Volkswagen teilweise ebenso enteilt sind. Aber noch ist Blumes Transformationsplan eben kein richtiger Plan.<\/p>\n<h2>Das eigentliche Wunder steht VW noch bevor<\/h2>\n<p>Auch aus Sicht des Vorstands war es klug, den Angriff auf die Konsenskultur und die vielbeschworene Sozialpartnerschaft bei VW vorerst abzublasen. H\u00e4tte Blume versucht, diesen Kurs gemeinsam mit der Porsche-Pi\u00ebch-Familie durchzudr\u00fccken, h\u00e4tten beide Seiten wahrscheinlich mehr verloren als gewonnen: wochenlange Streiks, schwindender politischer R\u00fcckhalt, eine besch\u00e4digte Marke und zus\u00e4tzlicher Druck auf neue Produkte, die an manchen Stellen bereits daf\u00fcr sorgen, dass Volkswagen seiner Misere langsam davonfahren kann.<\/p>\n<p>Darin verbirgt sich dann doch ein mittelgro\u00dfes deutsches Wunder: Die Konsens- und Aushandlungsmaschine Volkswagen hat schon wieder gezeigt, dass sie funktioniert. Am Ende war beiden Seiten die Deeskalation wichtiger als die Eskalation. Blume muss nun allerdings zeigen, was in den vergangenen Monaten immer wieder beschworen wurde: dass man im Konsens erfolgreicher wirtschaften kann als in der Konfrontation.Das w\u00e4re dann ein wahrhaftiges \u2013 und auch etwas gr\u00f6\u00dferes \u2013 Wunder.<br \/>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Das Konsensprinzip bei Volkswagen hat noch einmal gesiegt. Doch f\u00fcr Fabriken und Besch\u00e4ftigte ist weiter nichts sicher. 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