{"id":21047,"date":"2026-09-04T17:02:05","date_gmt":"2026-09-04T15:02:05","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/kritische-infrastruktur-in-deutschland-kameras-verhindern-keine-sabotage-38208348-html\/"},"modified":"2026-09-04T17:02:05","modified_gmt":"2026-09-04T15:02:05","slug":"kritische-infrastruktur-in-deutschland-kameras-verhindern-keine-sabotage-38208348-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/kritische-infrastruktur-in-deutschland-kameras-verhindern-keine-sabotage-38208348-html\/","title":{"rendered":"Kritische Infrastruktur: \u201eKameras verhindern keine Sabotage\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Mehrere Sabotageakte auf Umspannwerke stellen den Schutz der kritischen Infrastruktur in Deutschland infrage. Sicherheitsexperte Manuel Atug \u00fcber die gr\u00f6\u00dften Schwachstellen \u2013 und was statt Video\u00fcberwachung wirklich hilft<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Innerhalb weniger Tage kam es an mehreren Umspannwerken in Deutschland zu mutma\u00dflichen Sabotageakten: in Bergheim bei K\u00f6ln und in J\u00e4nschwalde in S\u00fcdbrandenburg wurden Abschlussvorrichtungen f\u00fcr selbstgebaute Flugk\u00f6rper mit leitf\u00e4higem Material gefunden, die Kurzschl\u00fcsse ausl\u00f6sten. Weitere verd\u00e4chtige Funde gab es unter anderem in Dormagen bei Aachen und in Niedersachsen. Die Beh\u00f6rden gehen von koordinierter verfassungsfeindlicher Sabotage aus, mehrere Bekennerschreiben werden gepr\u00fcft. Zu gr\u00f6\u00dferen Versorgungsausf\u00e4llen kam es bislang nicht.\u00a0<\/p>\n<p>Manuel Atug ist Gr\u00fcnder und Sprecher der AG Kritis, einem Zusammenschluss unabh\u00e4ngiger Fachleute, die beruflich mit Schutz kritischer Infrastruktur (Kritis) befasst sind und auch die Bundesregierung beraten. Im Capital-Interview erz\u00e4hlt er, was die Sabotageakte \u00fcber den Zustand der Energieinfrastruktur in Deutschland aussagen und warum die aktuelle politische Debatte in die falsche Richtung geht.\u00a0<\/p>\n<p><strong>CAPITAL: Herr Atug, innerhalb weniger Tage gab es mehrere mutma\u00dfliche Sabotageakte an Umspannwerken in Deutschland. Ist unsere Energieinfrastruktur so schlecht gegen Angriffe gesch\u00fctzt?<\/strong><br \/>MANUEL ATUG: Nein, das w\u00fcrde ich so nicht sagen. Es gab Vorf\u00e4lle, aber in den Auswirkungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung waren sie nicht relevant. Bei Bergheim oder J\u00e4nschwalde gab es alternative Energiequellen, durch die weiter versorgt werden konnte. Die Bev\u00f6lkerung hat deshalb am Ende nichts gemerkt. Ganz anders war es in Berlin Anfang des Jahres.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen den gro\u00dfen Stromausfall an. Was lief in Berlin anders?<\/strong><br \/>Da hat sich gezeigt, wie schlecht die Voraussetzungen beim Krisenmanagement waren, bei der Krisenkommunikation und der Koordination. Die Querverbindungen zwischen Brandenburg und Berlin waren bekannt unzureichend ausgebaut, das wusste man schon seit der Wende. Als der Notfall eintrat, konnte man eben nicht schnell auf andere Leitungen ausweichen. Das Problem war, dass die Infrastruktur nicht vorhanden war, um die Versorgung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft das: Entscheidend ist weniger, einen Angriff zu verhindern, als seine Folgen beherrschbar zu machen?<\/strong><br \/>Betreiber m\u00fcssen nicht jede Sabotage verhindern k\u00f6nnen, das ist auch unrealistisch. Ihre Priorit\u00e4t muss sein, dass die Versorgung der Bev\u00f6lkerung weiterl\u00e4uft, egal ob ein Naturereignis, ein Unfall oder eine Vorsatzhandlung als St\u00f6rung der Versorgung eintritt. Das ist die eigentliche Kernfrage: nicht jeden Angriff zu verhindern, sondern sicherzustellen, dass die Menschen weiter mit Strom, Wasser und W\u00e4rme versorgt werden k\u00f6nnen. Gerade wenn sich solche Situationen beispielsweise wegen des Klimawandels in Zukunft h\u00e4ufen werden.<\/p>\n<p><strong>Das im M\u00e4rz verabschiedete Kritis-Dachgesetz soll die kritische Infrastruktur besser sch\u00fctzen. Warum greift es bislang nicht?<\/strong><br \/>Das Gesetz ist momentan eine wirkungslose, leere H\u00fclle. Es fehlen die Verordnungen, die festlegen, wer \u00fcberhaupt als Kritis-Betreiber gilt und welche Ma\u00dfnahmen ergriffen werden m\u00fcssen. Es ist beispielsweise nicht definiert, ab welcher Menge an Energieerzeugung oder \u2011\u00fcbertragung eine Anlage als kritische Infrastruktur gilt. F\u00fcr den Bereich Cybersicherheit liegt der Schwellenwert aktuell bei etwa 500.000 versorgten Menschen. F\u00fcr physische Sicherheit gibt es bisher gar keine gesetzliche Grundlage, die das regelt. Das Innenministerium hat schon durchblicken lassen, dass das noch bis zu zwei Jahre dauern kann, bis diese Verordnungen kommen werden. Bis dahin k\u00f6nnen die Betreiber selbst entscheiden, ob und wie viel sie in physische Sicherheit investieren \u2013 oder eben nicht.<\/p>\n<p><strong>Netzbetreiber wollen zus\u00e4tzliche Schutzma\u00dfnahmen nicht allein finanzieren. Ist das berechtigt?<\/strong><br \/>Dann w\u00fcrde ich mal zur\u00fcckfragen: Wenn der Staat die Kosten \u00fcbernehmen soll, darf er dann auch an dem Gewinn beteiligt werden? Da sagen die Betreiber ganz schnell \u201eNein\u201c. Kosten auslagern, Gewinne behalten \u2013 das finde ich nicht gerecht. Wer kritische Infrastruktur betreibt, muss die Menschen zuverl\u00e4ssig versorgen. Wenn der Staat das an private Unternehmen ausgelagert hat, muss er auch die entsprechenden Auflagen mitgeben.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>\u00dcber welche Kosten reden wir?<\/strong><br \/>Das l\u00e4sst sich pauschal schwer sagen. Wer schon gut aufgestellt ist, hat wenig zu tun. Bei vielen Kritis-Betrieben werden es jedoch dutzende Millionen Euro sein, gerade wenn sie viele Standorte haben.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was macht den Schutz so teuer?<\/strong><br \/>Ein Umspannwerk k\u00f6nnte beispielsweise mit einer stabilen Mauer, die mindestens 2,5 Meter hoch ist und ein Fundament hat, vor Wassermassen, Unf\u00e4llen und Sabotageversuchen gesch\u00fctzt werden. Oben Stacheldraht, dazu Detektoren, die anschlagen, wenn jemand versucht, dar\u00fcber zu klettern. Au\u00dferdem braucht es Fluchtt\u00fcren mit gesicherten Schlie\u00dfanlagen, und das f\u00fcr jede einzelne Anlage. Bei einem Betreiber mit 20 Umspannwerken wird das schnell sehr teuer.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Nach den j\u00fcngsten Sabotagef\u00e4llen werden Forderungen nach mehr Video\u00fcberwachung laut. Warum halten Sie das f\u00fcr den falschen Ansatz?<\/strong><br \/>Berlin hat nach dem eigenen Stromausfall beschlossen, dass KI-Video\u00fcberwachung die L\u00f6sung sein soll. Aber Kameras verhindern keine Sabotage \u2013 sie greifen nicht ein, wenn etwas passiert. Kritis-Betreiber brauchen keinen Film davon, was passiert ist, nachdem es schon passiert ist. Das Geld, das in \u00dcberwachung flie\u00dft, fehlt dann f\u00fcr einen sicheren Betrieb, und wenn es zum physischen Angriff kommt, steht pl\u00f6tzlich alles still, wie es in Berlin der Fall war.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrde stattdessen helfen?\u00a0<\/strong><br \/>Detektoren an Z\u00e4unen zum Beispiel: Wenn jemand versucht, hochzuklettern, schl\u00e4gt der Sensor an, ohne dass ich permanent alles filme. Das reduziert die Datenschutzdiskussion und es erfolgt trotzdem sofort eine Meldung. Mehr Stromtrassen in sogenannter Vermaschung beheben Engp\u00e4sse ebenfalls gut.<\/p>\n<p><strong>Welche L\u00e4nder machen es besser als Deutschland?<\/strong><br \/>Oft f\u00e4llt der Verweis auf die Ukraine, aber dort gilt ein anderer rechtlicher Rahmen, weil sich das Land im Krieg befindet. Was man aber zum Beispiel \u00fcbernehmen k\u00f6nnte: Sie bauen K\u00e4fige um Umspannwerke, gegen die Drohnen schlagen. Solche K\u00e4fige k\u00f6nnte man auch in Deutschland vorr\u00e4tig bestellen, sodass man sie im Ernstfall parat hat. Die Ukraine hat zudem viel Reparaturmaterial eingelagert und viele Leute im Notfallmanagement f\u00fcr die Entst\u00f6rung und Reparatur ausgebildet. Wenn etwas zerst\u00f6rt wird, r\u00fccken die aus und reparieren es meist innerhalb von ein bis zwei Stunden.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, entscheidend sei, die Versorgung auch nach einem Angriff aufrechtzuerhalten. Wie funktioniert das in der Praxis?\u00a0<\/strong><br \/>Im Fachjargon nennen wir das \u201eBusiness Continuity Management\u201c. Es geht darum, dass die eigene Dienstleistung weiterl\u00e4uft. Ein gutes Beispiel ist eine gesundheitliche Notlage wie eine Pandemie. Ein Kraftwerk muss dann sicherstellen, dass der Leitstand rund um die Uhr besetzt bleibt. Wenn das Personal, das isoliert vor Ort t\u00e4tig ist, dann aber doch infiziert wurde, muss man das Team komplett mit einem anderen isolierten Ersatzteam austauschen k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Das klingt nach erheblichem Aufwand<\/strong>.\u00a0<br \/>Das ist der Punkt. Wer solche Szenarien nicht vorher durchgeplant hat \u2013 wer isoliert wann, wie funktioniert die Schleuse zur Versorgung des isolierten Teams ohne Infektionsgefahr, ist genug Material gelagert?\u00a0\u2013 merkt erst im Ernstfall, wie teuer und kompliziert es wird. Da liegt aktuell die gr\u00f6\u00dfte Schwachstelle bei vielen Betreibern.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Das Kritis-Dachgesetz soll auch vor Naturkatastrophen sch\u00fctzen. Wird der Klimawandel damit zu einem zus\u00e4tzlichen Sicherheitsrisiko f\u00fcr die Infrastruktur?<\/strong><br \/>Ja! Die Flut im Ahrtal 2022 ist ein anschauliches Beispiel: Dort ist sehr viel kaputtgegangen, und die Reparaturen haben lange gedauert. Es hat auch \u00fcber hundert Menschen das Leben gekostet. Durch den Klimawandel werden solche Ereignisse h\u00e4ufiger. Das treibt die Kosten f\u00fcr Pr\u00e4vention zus\u00e4tzlich, gerade f\u00fcr Kritis-Betreiber in \u00fcberschwemmungsgef\u00e4hrdeten Gebieten. Ein Maschendrahtzaun oder Videokameras mit KI-Bewegungs- und Gesichtserkennung sch\u00fctzen dann nicht vor Hochwasser.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Mehrere Sabotageakte auf Umspannwerke stellen den Schutz der kritischen Infrastruktur in Deutschland infrage. 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