{"id":21173,"date":"2026-09-05T17:03:08","date_gmt":"2026-09-05T15:03:08","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/russlands-strategie-in-der-soz-mit-china-aber-nicht-unter-china\/"},"modified":"2026-09-05T17:03:08","modified_gmt":"2026-09-05T15:03:08","slug":"russlands-strategie-in-der-soz-mit-china-aber-nicht-unter-china","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/russlands-strategie-in-der-soz-mit-china-aber-nicht-unter-china\/","title":{"rendered":"Russlands Strategie in der SOZ: Mit China, aber nicht unter China"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Ravi Raj<\/em><\/p>\n<p>Im Juni j\u00e4hrte sich die Gr\u00fcndung der Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit (SOZ) zum 25. Mal. Bezeichnenderweise entwickelte sie sich in dieser Zeit zunehmend zu einem Gegengewicht zur westlichen Hegemonie im globalen politischen und finanziellen System. Im Laufe der gesamten Geschichte der SOZ betrachtete Russland diese Organisation in erster Linie als eine Plattform, die es ihm erm\u00f6glicht, mit vertretbarem Aufwand seinen Einfluss in Zentralasien zu bewahren, die Region nicht an China zu verlieren und als Gegengewicht zu einer von Moskau als bedrohlich empfundenen, vom Westen dominierten Weltordnung eine multipolare Ordnung zu etablieren.<\/p>\n<p>In den ersten 15 Jahren spielte die SOZ f\u00fcr Russland gegen\u00fcber der Organisation des Vertrags \u00fcber kollektive Sicherheit (OVKS) und der Gemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Staaten (GUS) lediglich eine untergeordnete Rolle. Sp\u00e4ter gewann die Plattform im diplomatischen Instrumentarium Moskaus an Bedeutung. Seit 2014 und insbesondere seit 2022 ist sie zu einer der letzten Institutionen geworden, in deren Rahmen Russland als vollwertiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft auftreten kann und nicht als isolierter Paria-Staat.<\/p>\n<p>Hinter Russlands multilateraler Politik steht ein weiter gefasstes Prinzip: Internationale Institutionen sind f\u00fcr Russland in erster Linie ein Instrument, um seine internationale Stellung zu festigen und westliche Zw\u00e4nge zu \u00fcberwinden, und weniger ein Mittel zur tiefgreifenden Integration.<\/p>\n<h4><strong>Die Gr\u00fcndungslogik: Sicherheit an den Grenzen und ein sekund\u00e4res Instrument<\/strong><\/h4>\n<p>Die SOZ ist die Nachfolgerin der 1996 gegr\u00fcndeten &#8222;Shanghai Five&#8220;. Letztere entstand im Zusammenhang mit einem technischen Problem: der Demarkation und Entmilitarisierung der chinesisch-sowjetischen Grenze zu Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Da Moskau nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Verwaltungsstrukturen seine Politik in der Region erst neu ordnen musste, lag der Schwerpunkt darauf, ein institutionelles Vakuum zu verhindern, statt einen neuen supranationalen Mechanismus zu schaffen. F\u00fcr Russland war dies n\u00fctzlich, aber keineswegs priorit\u00e4r.<\/p>\n<p>In der postsowjetischen \u00c4ra richtete Moskau sein Hauptaugenmerk auf seine eigenen postsowjetischen Strukturen, insbesondere auf die OVKS als Milit\u00e4rb\u00fcndnis, und weniger auf die SOZ, die eher als Br\u00fccke zu China diente. Diese Rangordnung blieb auch nach 2001 weitgehend unver\u00e4ndert, als die SOZ organisatorisch gefestigt und auf die Terrorismusbek\u00e4mpfung ausgerichtet wurde. In den 2000er Jahren verlagerte sich die Politik Russlands in Zentralasien hin zu bilateralen Abkommen und den Bestimmungen der OVKS zur kollektiven Verteidigung, die bewusst nicht zum Instrumentarium der SOZ geh\u00f6rten. Was die OVKS allerdings nicht bieten konnte, war die Einbindung Chinas. Die SOZ hingegen bot Moskau die M\u00f6glichkeit, Pekings regionale Agenda innerhalb eines gemeinsamen Rahmens zu behandeln, ohne China die alleinige Kontrolle dar\u00fcber zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<h4><strong>Arbeitsteilung statt Partnerschaft auf Augenh\u00f6he<\/strong><\/h4>\n<p>In den 2010er Jahren kam es zu einer Abgrenzung der T\u00e4tigkeitsbereiche. Nach dem Gipfel in Qingdao im Jahr 2018 stellte das International Institute for Strategic Studies fest: &#8222;Russland ist f\u00fchrend in politisch-milit\u00e4rischen Fragen sowie in den Bereichen Kommunikation und Kultur, w\u00e4hrend China eine f\u00fchrende Rolle in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Investitionen und Infrastruktur einnimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Verh\u00e4ltnis zwischen den jeweiligen St\u00e4rken war kein Zufall: Russland konnte mit China im Wettbewerb um Kapital nicht mithalten. Gleichzeitig verf\u00fcgte Russland \u00fcber kulturelles und milit\u00e4risches Potenzial, mit dessen Hilfe es in einer sowjetisch gepr\u00e4gten Region dominieren konnte: Die russische Sprache war relativ leicht zug\u00e4nglich, und viele zentralasiatische Offiziere hatten ihre Ausbildung in Russland absolviert. Russlands Bedeutung innerhalb der SOZ zeigt sich auch im Rahmen der gemeinsamen Man\u00f6ver &#8222;Peace Mission&#8220;, bei denen Russland in der Regel die F\u00fchrungsrolle \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend China im Bereich der operativen Kompatibilit\u00e4t der Streitkr\u00e4fte relativ unerfahren ist. Diese &#8222;Arbeitsteilung&#8220; erm\u00f6glicht es Moskau, seine Pr\u00e4senz im Sicherheitsbereich aufrechtzuerhalten, in dem Peking weniger ins Gewicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Dass die SOZ nie als eigentliche treibende Kraft der russischen Regionalpolitik gedacht war, zeigt auch der parallele Aufbau eigener Institutionen durch Moskau.<\/p>\n<p>Die von Wladimir Putin 2011 vorgeschlagene Eurasische Union, die 2015 in Form der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) Gestalt annahm, stellte eine von Russland gef\u00fchrte Alternative zur wirtschaftlichen Integration unter chinesischer F\u00fchrung dar. Sie war eher eine Duplizierung als eine Erg\u00e4nzung der seit langem bestehenden Bestrebungen der SOZ zur Schaffung einer Freihandelszone. Dank der Koordinierung der Projekte durch Russland und China entwickelte sich die SOZ zu einem Forum, an dem alle SOZ-Mitglieder teilnehmen konnten, sobald sich Moskau und Peking \u00fcber die Bedingungen geeinigt hatten. Wie das bisherige Modell zeigt, schafft Russland eigene Strukturen, wenn es die Bedingungen selbst bestimmen kann, w\u00e4hrend die Beteiligung an der SOZ f\u00fcr Moskau lediglich mit vergleichsweise geringem Aufwand verbunden ist.<\/p>\n<h4><strong>Eind\u00e4mmung der chinesischen Dominanz durch die Erweiterung der Organisation<\/strong><\/h4>\n<p>Russland setzte sich aktiv f\u00fcr die Aufnahme Indiens (ebenso wie Pakistans) in die SOZ ein \u2013 als Strategie zur Schw\u00e4chung des chinesischen Einflusses in der Region und nicht als aufrichtiges Bem\u00fchen um die Festigung der regionalen Ordnung. Auch bei der Erweiterung der SOZ gingen die Interessen der beiden M\u00e4chte auseinander: China unterst\u00fctzte Pakistan, Russland hingegen Indien.<\/p>\n<p>Bis 2018 hatten beide s\u00fcdasiatischen Staaten den Status von Vollmitgliedern erlangt. Die von der SOZ gern hervorgehobenen Kennzahlen \u2013 &#8222;80 Prozent der Landfl\u00e4che Eurasiens, 43 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung und ein Viertel des globalen BIP&#8220; \u2013 erwiesen sich dabei nicht deshalb als n\u00fctzlich, weil sie eine funktionierende Integration der Staaten unter dem Einfluss der Organisation belegten, sondern weil Chinas Anteil innerhalb des Blocks dadurch geringer wurde.<\/p>\n<p>Dies deckt sich mit dem, was im Vorwort des von Sergei Marotschkin und Juri Besborodow herausgegebenen Buches &#8222;Die Shanghai-Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit: Eine Untersuchung neuer Horizonte&#8220; (engl. &#8222;The Shanghai Cooperation Organization: Exploring New Horizons&#8220;) \u00fcber die Bedeutung der SOZ steht: &#8222;eine neue Erfahrung, die als Orientierungspunkt im Rahmen zwischenstaatlicher regionaler Organisationen dient und in einer neuen internationalen Welt angebracht w\u00e4re, in der die Versuche zunehmen, eine unipolare Welt auf Kosten einer multipolaren zu etablieren.&#8220;<\/p>\n<p>Das \u00fcberwiegend von Wissenschaftlern russischer Universit\u00e4ten verfasste Vorwort spiegelt den offiziellen russischen Diskurs wider und spricht von Misstrauen zwischen den &#8222;Weltm\u00e4chten&#8220;, einer &#8222;Krise des geopolitischen Paradigmas&#8220; und einer &#8222;Post-COVID-Welt voller Turbulenz und Unsicherheit&#8220;, in der die SOZ vor allem dazu dient, zu zeigen, dass ein Leben in einer Welt ohne westliche Vormundschaft m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h4><strong>Souver\u00e4nit\u00e4t als Leitprinzip, nicht als Zufall <\/strong><\/h4>\n<p>Genau diese symbolische Funktion erkl\u00e4rt, warum Russland kein Interesse daran zeigt, die SOZ mit supranationalen Befugnissen auszustatten \u2013 im Gegensatz zu seinem rhetorischen, bisweilen koketten Umgang mit der Idee einer tieferen Integration im Rahmen der EAWU \u2013 einem Instrument, in dem Moskau die st\u00e4rkere Position einnimmt.<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcnglichen Grunds\u00e4tze der Organisation \u2013 &#8222;gegenseitiges Vertrauen, gegenseitiger Respekt, Gleichberechtigung, [&#8230;] Achtung der Vielfalt der Zivilisationen&#8220; \u2013 sind f\u00fcr Russland in doppelter Hinsicht von Vorteil: Sie verhindern zum einen, dass die Politik und Praxis der Organisation von au\u00dfen einer kritischen Analyse unterzogen werden, zum anderen grenzen sie die SOZ vom Modell der Europ\u00e4ischen Union ab, das der Kreml stets als Instrument zum Export westlicher Werte betrachtet.<\/p>\n<p>Dasselbe l\u00e4sst sich im konzeptionellen Modell des &#8222;neuen Regionalismus&#8220; von Teemu Naaraj\u00e4rvi in seiner Studie &#8222;China, Russland und die Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit: Segen oder Fluch f\u00fcr den neuen Regionalismus in Zentralasien?&#8220; (engl. &#8222;China, Russia and the Shanghai Cooperation Organisation: Blessing or Curse for New Regionalism in Central Asia?&#8220;) erkennen, in dem die SOZ hinsichtlich des Grades an &#8222;politischer Integration&#8220; einen niedrigen Rang einnimmt und die Regionalisierung in Zentralasien als &#8222;unter strenger Kontrolle staatlicher Verwaltungen stehend&#8220; charakterisiert wird \u2013 ein Aspekt, den der Forscher als teilweise \u00fcberholt betrachtet. F\u00fcr Russland ist dies jedoch kein Scheitern, sondern der eigentliche Kern: Die Positionierung als Zentrum des Forums sch\u00fctzt gleichzeitig die Souver\u00e4nit\u00e4t seiner F\u00fchrung vor \u00e4u\u00dferer Kritik.<\/p>\n<h4><strong>Fazit: Abh\u00e4ngigkeit ohne Unterordnung<\/strong><\/h4>\n<p>Russlands Politik gegen\u00fcber der SOZ war stets von einem ausgewogenen Instrumentalismus gepr\u00e4gt: Es investierte wenig, wenn ihm andere Optionen offenstanden, legte Wert auf die symbolische Bedeutung der Organisation, wenn es eine internationale B\u00fchne brauchte, und widersetzte sich konsequent jeder institutionellen Vertiefung, die seinen eigenen Handlungsspielraum einschr\u00e4nken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren gewann die SOZ f\u00fcr Russland deutlich an Bedeutung. Nach der Verh\u00e4ngung westlicher Sanktionen wuchs sowohl der Bedarf an alternativen, nichtwestlichen Plattformen f\u00fcr diplomatische Verhandlungen als auch die Notwendigkeit, sich notfalls auf China als wirtschaftlichen Partner zu verlassen.<\/p>\n<p>Zugleich wurde die SOZ f\u00fcr Russland umso wichtiger, je st\u00e4rker Peking seinen Einfluss innerhalb der Organisation ausbaute und je mehr Moskaus eigener Einfluss zur\u00fcckging.<\/p>\n<p>Russlands Multilateralismus weist damit einen offensichtlichen inneren Widerspruch auf: Je geringer Moskaus Rolle bei der Gestaltung internationaler Institutionen wird, desto wertvoller werden sie f\u00fcr Russland. Die SOZ ist daher weniger ein Grundpfeiler der russischen Gesamtstrategie als vielmehr ein Ausdruck ihrer Grenzen. Und je mehr sie f\u00fcr Russland zur einzigen verbleibenden B\u00fchne f\u00fcr die Demonstration seiner internationalen Stellung wird, desto gr\u00f6\u00dfer wird ihr Nutzen.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/eng.globalaffairs.ru\/articles\/russia-sco-raj\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Englischen<\/a>. Der Artikel ist erstmals am 31. August 2026 auf der Homepage von &#8222;Russia in Global Affairs&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Ravi Raj <\/em><\/strong><em>ist Doktorand am Zentrum f\u00fcr Russische und Zentralasiatische Studien der Fakult\u00e4t f\u00fcr Internationale Studien an der Jawaharlal-Nehru-Universit\u00e4t (JNU) in Neu-Delhi, Indien.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema\u00a0\u2012<\/strong>\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/international\/290301-shanghaier-organisation-fuer-zusammenarbeit-china\/\">Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit: China und Russland st\u00e4rken Gegengewicht zur US-Hegemonie<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v7cvsxe\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Ravi Raj Im Juni j\u00e4hrte sich die Gr\u00fcndung der Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit (SOZ) zum 25. 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