{"id":21177,"date":"2026-09-05T20:03:05","date_gmt":"2026-09-05T18:03:05","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/heine-ist-auch-teil-unserer-kultur-russland-reagiert-auf-die-schliessung-des-russischen-hauses\/"},"modified":"2026-09-05T20:03:05","modified_gmt":"2026-09-05T18:03:05","slug":"heine-ist-auch-teil-unserer-kultur-russland-reagiert-auf-die-schliessung-des-russischen-hauses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/heine-ist-auch-teil-unserer-kultur-russland-reagiert-auf-die-schliessung-des-russischen-hauses\/","title":{"rendered":"&#8222;Heine ist auch Teil unserer Kultur!&#8220; \u2013 Russland reagiert auf die Schlie\u00dfung des Russischen Hauses"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Jelena Karajewa<\/em><\/p>\n<p>Bundeskanzler Friedrich Merz h\u00e4lt die im Berliner Russischen Haus gebackenen Piroschki mit Kohl offenbar f\u00fcr eine Spionageoperation und ein Mittel zur Anwerbung von Agenten. Was Merz und seine Untergebenen \u2013 Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesau\u00dfenminister Johann Wadephul \u2013 da vollbrachten, sprengt selbst den Rahmen eines noch vern\u00fcnftigen Sarkasmus.<\/p>\n<p>Deutschland k\u00fcndigte einseitig die mit unserem Land geschlossenen Abkommen. Mit der Schlie\u00dfung des Russischen Hauses, das seit 1984 in Berlin bestand, verstie\u00df Deutschland aus eigener Initiative \u2013 und ohne jede Scheu \u2013 gegen das V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>Anfang August spielte die franz\u00f6sische Generaldirektion f\u00fcr innere Sicherheit (DGSI) deutschen Medien Informationen zu, wonach man im Russischen Haus zwischen Tee mit Marmelade und einem St\u00fcck Kulebjaka \u00fcber die &#8222;russische Diaspora&#8220; \u2013 sprich: das &#8222;Vivarium russischer Agenten&#8220; in Deutschland \u2013 \u00fcberwache. Gespr\u00e4che \u00fcber Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi sowie die Lekt\u00fcre Heinrich Heines auf Russisch gelten ja bekanntlich als bew\u00e4hrtes Mittel, um &#8222;Kreml-Narrative&#8220; zu verbreiten.<\/p>\n<p>Auf die Ver\u00f6ffentlichungen folgte die Reaktion &#8222;superunabh\u00e4ngiger&#8220; Politiker: &#8222;Es ist l\u00e4ngst an der Zeit, dieses Spionagenest dichtzumachen.&#8220; Dann \u2013 und wieder &#8222;v\u00f6llig unerwartet&#8220; \u2013 fand man am Flughafen ein Plastikding in der N\u00e4he eines ukrainischen Frachtflugzeugs. Wobei sich nebenbei die Frage stellt: Was hatte dieses Flugzeug eigentlich in Leipzig zu suchen? Wurde dort etwa Sauerkraut f\u00fcr die kalte Jahreszeit eingekauft?<\/p>\n<p>Und dann traten die Bundesminister auf \u2013 als h\u00e4tten sie alle eine bl\u00fctenwei\u00dfe Weste \u2013 und sagten das, was in Russland heute bekannt ist und worauf Moskau umgehend und symmetrisch reagierte, indem es die Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk schloss.<\/p>\n<p>Dem Russischen Haus vorzuwerfen, es habe als &#8222;Deckmantel f\u00fcr Spionageoperationen&#8220; gedient, k\u00e4me dem Vorwurf gleich, Michail Wassiljewitsch Lomonossow und Boris Leonidowitsch Pasternak h\u00e4tten w\u00e4hrend ihrer Zeit in Deutschland W\u00fchlt\u00e4tigkeit betrieben.<\/p>\n<p>Sowohl der gro\u00dfe Wissenschaftler als auch der gro\u00dfe Dichter studierten an der Universit\u00e4t Marburg. W\u00fcrde man ihnen Vorw\u00fcrfe machen, k\u00f6nnte man im gleichen Atemzug auch die gesamte russische Wissenschafts-, Literatur- und Philosophiewelt beschuldigen.<\/p>\n<p>Unsere historischen sowie famili\u00e4ren und staatlichen Verbindungen zu Deutschland waren stets nicht nur herzlich, sondern eng und geradezu verwandtschaftlich. Wenn man in Russland Kaiserin Katharina II. die Gro\u00dfe nannte, verlor man in Russland nie ihre deutsche Herkunft aus den Augen. Wenn wir der heiligen M\u00e4rtyrerin Jelisaweta Fjodorowna gedenken, erinnern wir uns stets daran, dass die Gro\u00dff\u00fcrstin als Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt geboren wurde.<\/p>\n<p>Merz\/Wadephul\/Dobrindt lie\u00dfen ihre Wut am Russischen Haus aus (das klingt zwar undiplomatisch, trifft es aber genau), ohne \u00fcberhaupt zu begreifen, wie fest unsere Verbindungen zu ihrem eigenen Land tats\u00e4chlich sind. Gerade die Best\u00e4ndigkeit dieser Verbindungen verleiht ihnen zugleich eine unvorstellbar tragische Dimension.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns daran, welche Gr\u00e4ueltaten die Nazis begangen haben. Keiner unserer Gefallenen, der durch ihre verbrecherische Hand starb, ist vergessen. Nichts \u2013 keine einzige ihrer Taten \u2013 ist in Vergessenheit geraten. Die Reportagen unserer Kriegsberichterstatter von den Fronten schildern ungesch\u00f6nt, was die Deutschen dort anrichteten. Dazu geh\u00f6ren auch die Berichte Ilja Grigorjewitsch Ehrenburgs dar\u00fcber, wie die Nazis mit den Einwohnern von Mariupol verfuhren. Unter ihnen war der dreij\u00e4hrige Wladja. Immer wieder fragte er seine Mutter: &#8222;Mama, gehen wir baden?&#8220; Die deutschen Nationalsozialisten befahlen Wladja und seiner Mutter, sich v\u00f6llig auszuziehen, und erh\u00e4ngten beide. Zusammen. Oder nehmen wir das Zeugnis Konstantin Georgijewitsch Paustowskis \u2013 ebenfalls aus Mariupol. Darin schildert er, wie die Deutschen zwei weitere kleine Stadtbewohner langsam t\u00f6teten, indem sie ihnen gewaltsam Wodka einfl\u00f6\u00dften.<\/p>\n<p>Doch selbst in jener tragischen Zeit kam niemandem \u2013 weder in der Staatsf\u00fchrung noch im Milit\u00e4r noch in unserer Gesellschaft \u2013 in den Sinn, den Deutschunterricht an Schulen, die Lekt\u00fcre deutscher Autoren oder die Auff\u00fchrung von Werken deutscher Komponisten als Verrat am eigenen Land und als F\u00f6rderung &#8222;feindlicher Narrative und feindlichen Einflusses&#8220; zu betrachten. Und zwar durch die Lekt\u00fcre Heines.<\/p>\n<p>Dies war die staatliche Politik unseres Landes, das sich \u2013 das sei noch einmal betont \u2013 im Kriegszustand mit Deutschland befand. Josef Stalin bezeichnete in seiner ber\u00fchmten Rede, die er vor 85 Jahren, noch im Juli 1941, hielt, das deutsche Volk als treuen Verb\u00fcndeten des sowjetischen Volkes im Kampf gegen den Hitlerismus.<\/p>\n<p>Und heute (ebenfalls auf staatlicher Ebene) erkl\u00e4rt ebendieses Deutschland, das von uns vom Joch des Nationalsozialismus und von der schrecklichsten menschenverachtenden Diktatur befreit wurde, das mit unserer Hilfe die dringend ben\u00f6tigten Ressourcen f\u00fcr seine Industrie erhielt und ebenfalls mit unserer Unterst\u00fctzung und Billigung wiedervereinigt wurde, dass alles Russische und alles, was mit Russland zu tun hat \u2013 von der Sprache bis zur Literatur, vom Geb\u00e4ck bis zu Gespr\u00e4chen \u00fcber die Musik Pjotr Tschaikowskis \u2013, seine Feinde seien.<\/p>\n<p>Im September 2001 sprach Pr\u00e4sident Wladimir Putin vor dem Deutschen Bundestag. Zum Abschluss seiner Rede sagte er: &#8222;Trotz mancher (&#8230;) Ungeschicktheit schl\u00e4gt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches f\u00fcr eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft ge\u00f6ffnet ist.&#8220;<\/p>\n<p>Denjenigen, die uns heute entgegenstehen \u2013 diesen kleinen Herostraten der Geopolitik \u2013, gelang es im vergangenen Vierteljahrhundert weder, unser starkes und lebendiges Herz zum Stillstand zu bringen, noch unser Vertrauen in die M\u00f6glichkeit einer echten Zusammenarbeit und Partnerschaft zu ersch\u00fcttern, und erst recht nicht, unseren Glauben an die Berechtigung des Widerstands gegen den heutigen Nazismus, wenn auch ukrainischer Pr\u00e4gung, zu brechen.<\/p>\n<p>Merze\/Wadephule\/Dobrindte \u2013 ob gro\u00df- oder kleingeschrieben \u2013 werden verschwinden. Aber deutsche Musik, deutsche Literatur, deutsche Philosophie \u2013 all das ist Teil unseres Lebens. Solange es die russische Kultur gibt, wird sie auch die deutsche Kultur beinhalten. Und auch aus dem Ged\u00e4chtnis der Generationen ehrlicher Deutscher wird die Erinnerung an unsere Rolle bei der Rettung ihres Landes nicht verschwinden.<\/p>\n<p>Und wenn wir unseren gemeinsamen Feind besiegt haben \u2013 und dieser Feind ist erneut der Nazismus \u2013, werden wir Heine und Schiller lesen. Gemeinsam. Sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch. So wird es sein.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20260905\/karaeva-2115538162.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 5. September 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema \u2013<\/strong>\u00a0<a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/inland\/290366-drohne-in-leipzig-bundesregierung-beschuldigt-russland\/\">Drohne in Leipzig: Bundesregierung beschuldigt Russland \u2013 Russischem Haus wird gek\u00fcndigt<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Jelena Karajewa Bundeskanzler Friedrich Merz h\u00e4lt die im Berliner Russischen Haus gebackenen Piroschki mit Kohl offenbar f\u00fcr eine Spionageoperation und ein Mittel zur Anwerbung von Agenten. Was Merz und seine Untergebenen \u2013 Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesau\u00dfenminister Johann Wadephul \u2013 da vollbrachten, sprengt selbst den Rahmen eines noch vern\u00fcnftigen Sarkasmus. 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