{"id":21492,"date":"2026-09-08T09:03:20","date_gmt":"2026-09-08T07:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/brief-aus-budapest-14-hassfabrik-und-lynchstimmung-ungarns-gesellschaft-im-erregungszustand-von-gabor-stier\/"},"modified":"2026-09-08T09:03:20","modified_gmt":"2026-09-08T07:03:20","slug":"brief-aus-budapest-14-hassfabrik-und-lynchstimmung-ungarns-gesellschaft-im-erregungszustand-von-gabor-stier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/brief-aus-budapest-14-hassfabrik-und-lynchstimmung-ungarns-gesellschaft-im-erregungszustand-von-gabor-stier\/","title":{"rendered":"Brief aus Budapest #14: Hassfabrik und Lynchstimmung: Ungarns Gesellschaft im Erregungszustand | Von G\u00e1bor Stier"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Fast ein halbes Jahr nach den Wahlen kommt die ungarische Gesellschaft immer noch nicht zur Ruhe. Sie lechzt nach Blut und will die ikonischen Figuren des gest\u00fcrzten Systems am Nasenring durch die Manege f\u00fchren. Diese b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Stimmung wird von der neuen Machthaber-Riege kontinuierlich gesch\u00fcrt. Damit l\u00e4sst sich \u2013 zumindest vorerst \u2013 von den M\u00e4ngeln der Regierungsarbeit ablenken und die langsam schmelzende Beliebtheit trotz erster Krisen konservieren.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>G\u00e1bor Stier<\/strong> \u2013 aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt von <strong>\u00c9va P\u00e9li<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Die Politik in dem von einem Machtwechsel gepr\u00e4gten Ungarn ist zu einer wahren Schaustellung verkommen. Schon vor den Wahlen wurde bekannt, dass der Premierminister P\u00e9ter Magyar seine Kandidaten in einer internen Parteikorrespondenz als \u201eCola-Dosen\u201c bezeichnete. Nun bleibt er sich treu: Er regiert im Wesentlichen allein, entscheidet alles selbst und l\u00e4sst seine Minister kaum zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Besonders auff\u00e4llig war dieser Stil w\u00e4hrend der Krise im Paks-Kernkraftwerk, die durch den niedrigen Wasserstand der Donau ausgel\u00f6st worden war. Magyar schwadronierte als vermeintlicher Experte, zeigte mit dem Finger auf die Vorg\u00e4ngerregierung, verteilte verbale Ohrfeigen an die Opposition und ging \u2013 um es leicht zu \u00fcbertreiben \u2013 \u201e\u00fcber das Wasser\u201c, w\u00e4hrend er all dies in wirkm\u00e4chtigen Facebook-Posts inszenierte. Dabei stand das Kraftwerk vor der kompletten Abschaltung. Doch im letzten Moment \u2013 zwischen zwei Pressekonferenzen \u2013 entschied der Regierungschef eigenm\u00e4chtig den Bau einer Sohlenschwelle zur Rettung der Lage. Den Fachleuten blieb angeblich nur ein Tag Zeit f\u00fcr die Planung. Nun steht zu bef\u00fcrchten, dass das ohnehin im Eilverfahren errichtete Wehr vom Hochwasser weggesp\u00fclt wird.<\/p>\n<p>Was aus dieser \u201eSchautheke\u201c erw\u00e4chst, zeigen weitere Episoden aus dem Regierungsalltag der TISZA \u2013 der \u201ePartei f\u00fcr Respekt und Freiheit\u201c. Unmittelbar nach seiner Amtseinf\u00fchrung verlegte Magyar das B\u00fcro des Premierministers demonstrativ aus dem elegant renovierten Karmelitenkloster \u2013 dem historischen Amtssitz des Regierungschefs auf der Budaer Burg \u2013 in ein einfaches Ministeriumsgeb\u00e4ude. Mit diesem Umzug inszenierte er vor seinen aufgehetzten Anh\u00e4ngern eine Hetzjagd gegen den vermeintlichen \u201eLuxus\u201c und bediente sich dabei Methoden, die an die ber\u00fcchtigte linksextreme Terrorgruppe der ungarischen R\u00e4terepublik von 1919, die Lenin-Jungen, erinnern. Kurz darauf musste er den Pr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Rates ausgerechnet in einem Hotel im Besitz arabischer Investoren empfangen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auch erw\u00e4hnen, wie seine mit dem Bildungsressort noch kaum vertraute Ministerin \u2013 nach m\u00fchsam erk\u00e4mpftem Medien-Rampenlicht \u2013 \u201eenth\u00fcllte\u201c, dass die ehemalige Staatspr\u00e4sidentin Katalin Nov\u00e1k es gewagt hatte, mehrmals t\u00e4glich zu baden, und sich daf\u00fcr ein luxuri\u00f6ses Badezimmer einrichten lie\u00df. Dieselbe Ministerin erkl\u00e4rte zuvor, dass heute nur derjenige Lehrer werde, der nicht f\u00e4hig sei, eigenst\u00e4ndig zu denken. Ganz nebenbei sollten zudem kleine Landschulen geschlossen und s\u00e4mtliche Schulleiter entlassen werden.<\/p>\n<p>Vergessen wir auch nicht die Justizwillk\u00fcr: Regimetreue Kuratoren des staatlichen Kulturf\u00f6rderfonds wurden ohne Gerichtsurteil eingesperrt. Ein Fidesz-Influencer wurde im Morgengrauen im Rahmen einer Hausdurchsuchung von Polizisten aus der Wohnung geholt. Eine regionale Staatsanwaltschaft beschlagnahmte zudem die gesamte zentrale Datenbank des Fidesz \u2013 und h\u00e4lt sie bis heute unter Verschluss, ungeachtet der R\u00fcgen der Generalstaatsanwaltschaft.<\/p>\n<p>Ein eigenes Kapitel verdient die Zerst\u00f6rung und Umgestaltung der Medienlandschaft. Wegen angeblicher \u00dcberpr\u00fcfungen und Restrukturierungen kam die Nachrichtenversorgung in mehreren Sparten des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks fast den ganzen Sommer \u00fcber zum Erliegen. Als man nach langer Suche endlich einen Chefredakteur und einen Moderator f\u00fcr die Nachrichten des Senders M1 gefunden hatte, emp\u00f6rte sich die das neue Lager unterst\u00fctzende liberale Presse, diese seien \u201ezu sehr Fidesz\u201c. Der Regierungschef kommentierte die Meldung auf Facebook lediglich mit den Worten: \u201eDas glaube ich kaum\u2026\u201c \u2013 ein zynischer Satz, der von den Untergebenen sofort als unmissverst\u00e4ndlicher Befehl verstanden wurde. Daraufhin zog die F\u00fchrung des Staatsfernsehens binnen weniger Stunden beide Personalentscheidungen zur\u00fcck. Sie sp\u00fcrte \u2013 zu Recht \u2013 die Drohung in diesem Post, der der \u00d6ffentlichkeit unmissverst\u00e4ndlich signalisierte: Der Ministerpr\u00e4sident greift per Zuruf und Handsteuerung in jede beliebige Entscheidung ein.<\/p>\n<p>Gleiches widerfuhr der fast als einzigen noch sehenswerten Debattensendung des Staatsfernsehens, \u201eEz itt a k\u00e9rd\u00e9s\u201c (Das ist hier die Frage). Ein liberales Portal war mit dem Inhalt unzufrieden \u2013 es wurde dort schlicht nicht das gesagt, was nach deren Gusto h\u00e4tte gesagt werden m\u00fcssen \u2013, und reichte quasi per Artikel eine \u201eBeschwerde\u201c ein. Sofort wurde die beliebteste Sendung des Kanals abgesetzt, und der Moderator (zugleich Direktor des Senders) wurde von Sicherheitsleuten aus dem Geb\u00e4ude eskortiert.<\/p>\n<p>Diese F\u00e4lle offenbaren die wahren Motive jener Kreise, die 16 Jahre lang am lautesten \u2013 und nicht v\u00f6llig unberechtigt \u2013 \u00fcber das Fehlen von tats\u00e4chlich \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien geklagt hatten. Ihr Problem war nie die Voreingenommenheit des \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehens an sich, sondern dass es ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung voreingenommen war. Einen echten \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk wird es also auch jetzt nicht geben \u2013 es fand lediglich ein Richtungswechsel statt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens verr\u00e4t es viel \u00fcber das Medienverst\u00e4ndnis des Regierungschefs, dass er auf Facebook \u00f6ffentlich applaudiert, wenn die von ihm gef\u00fchrte Regierung eine Zeitung abwickelt. Hierzu passt ein Zitat von dem portugiesischen Schriftsteller Jos\u00e9 Saramago: \u201eDie unver\u00e4nderliche Regel der Macht lautet, dass es besser ist, die K\u00f6pfe abzuschneiden, bevor sie anfangen zu denken, damit es hinterher nicht zu sp\u00e4t ist.\u201c Den Rest erledigt ohnehin die ehemalige Regierungskraft, die mit Sturmesgeschwindigkeit ihren eigenen Medienkosmos abbaut.<\/p>\n<p>Die neuen Machthaber wissen das. Deshalb versorgen sie in den Medien und anderen Bereichen genau jene Personen mit lukrativen Posten, die zuvor als Propagandisten f\u00fcr den Sieg der TISZA gearbeitet haben \u2013 exakt mit jenen Methoden, die sie der Gegenseite jahrelang vorgeworfen hatten.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist zudem, dass die Regierungspartei in den Medienrat \u2013 neben dem ehemaligen ungarischen Generalsekret\u00e4r des mit dem Sowjetsystem verbundenen Weltbundes der Demokratischen Jugend und fr\u00fcheren Mitarbeiter des Zentralkomitees des Kommunistischen Jugendverbandes, der als linker Aktivist mit autorit\u00e4ren Wurzeln gilt \u2013 auch einen j\u00fcngeren liberalen Gesch\u00e4ftsmann berufen hat.<\/p>\n<p>Unterdessen wurden s\u00e4mtliche von der Opposition nominierten Kandidaten unter Verweis auf ihre Vergangenheit rigoros weggestimmt. Nun wird erwogen, diese Pl\u00e4tze mit regierungsnahen Vertretern aus Berufsverb\u00e4nden aufzuf\u00fcllen. Die zuvor so kritische links-liberale Presse beobachtet all das mit verst\u00e4ndnisvollem Schweigen.<\/p>\n<p>Mittlerweile zuckt man zusammen, wenn \u00fcberhaupt noch jemand aus diesem Lager es wagt, die Regierung zu kritisieren. Man nehme jene popul\u00e4re Influencerin, die mit schockierender Offenheit verriet, dass die f\u00fcr den Sturz des Fidesz so zentrale Causa \u201eOnkel Zsolt\u201c (<em>ein hochemotionaler Missbrauchs- und Vertuschungsskandal<\/em>) auf L\u00fcgen basierte und rein als politische Waffe instrumentalisiert wurde. Jene Leute hingegen, die sich im Wahlkampf auf Demonstrationen so r\u00fchrselig um wehrlose Kinder sorgten, h\u00fcllen sich nun in Schweigen.<\/p>\n<p>Es tobt eine als \u201eReinigung\u201c und \u201eSystemwechsel\u201c verkaufte Hassfabrik, die die Sehns\u00fcchte vieler bedient und andere einsch\u00fcchtert. Gleichzeitig tauchen immer mehr \u201ePartisanen\u201c auf, bei denen sich pl\u00f6tzlich herausstellt, dass sie zwar 16 Jahre lang in einer Diktatur gelebt, aber angeblich insgeheim den Sturz des Orb\u00e1n-Systems vorbereitet haben. Selbst fr\u00fchere Profiteure des alten Systems versuchen sich nun so schnell wie m\u00f6glich an die neuen Regeln anzupassen.<\/p>\n<p>Im Eifer dieser \u201eErneuerung\u201c sind auch die Denunzianten wieder da. Ermutigt von der Hetze der Machthaber wetteifern sie darin, \u201everd\u00e4chtige Elemente\u201c zu entlarven. Es reicht mittlerweile ein einziger Shitstorm in den sozialen Medien, um die Karriere eines missliebigen Ministers oder Chefredakteurs im Keim zu ersticken. Nicht umsonst zitieren viele den legend\u00e4ren ungarischen Kabarettisten G\u00e9za Hofi (<em>den ber\u00fchmtesten Stand-up-Comedian des Landes, dessen bissige Alltagsbeobachtungen bis heute sprichw\u00f6rtlich sind<\/em>), der 1978 feststellte: \u201eDas ist so ein Land. Hier gibt es keinen speziellen Arbeitermilizion\u00e4r, keinen speziellen Pfeilkreuzler, keinen speziellen Pfadfinder&#8230; Es kommt ganz darauf an, welche Uniform gerade sauber ist.\u201c<\/p>\n<p>Das Traurigste daran ist: Diese orwellhafte Welt, diese Lynchstimmung und die aus den Parlamentsreden triefende, h\u00e4mische Drohung finden bei enorm vielen Menschen Anklang. Gro\u00dfe Teile der Gesellschaft haben die Sprache der Machthaber \u00fcbernommen. Sie giert im Zustand tiefster Erregung und in r\u00fcdem Ton nach \u201eBlut\u201c, will die Vertreter der gest\u00fcrzten Macht hinter Gittern sehen, ertr\u00e4gt keine rechtskonforme juristische Aufarbeitung und fordert die Fortsetzung des politischen B\u00fcrgerkriegs. Dieser Exzess erinnert viele an l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubte, dunkle Zeiten.<\/p>\n<p>Der moralische Zustand der ungarischen Gesellschaft ist bedenklich. Denn letztlich zeigt er sich immer darin, was die Menschen beklatschen, was sie entschuldigen und was sie bereit sind, als vollkommen normal hinzunehmen.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: ungarischer Ministerpr\u00e4sident Peter Magyar<br \/>Bildquelle: Istvan Csak \/ shutterstock<\/p>\n<p><!--kg-card-begin: html--><br \/>\n<img data-opt-id=1682128759  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/dba7280b27874aa781ac10e3488b684a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"Brief aus Budapest #14: Hassfabrik und Lynchstimmung: Ungarns Gesellschaft im Erregungszustand | Von G\u00e1bor Stier\"><br \/>\n<!--kg-card-end: html--><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Fast ein halbes Jahr nach den Wahlen kommt die ungarische Gesellschaft immer noch nicht zur Ruhe. 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