{"id":21724,"date":"2026-09-09T09:03:27","date_gmt":"2026-09-09T07:03:27","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/warum-iran-nicht-frieden-braucht-sondern-macht-von-dirk-ellerbrock\/"},"modified":"2026-09-09T09:03:27","modified_gmt":"2026-09-09T07:03:27","slug":"warum-iran-nicht-frieden-braucht-sondern-macht-von-dirk-ellerbrock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/warum-iran-nicht-frieden-braucht-sondern-macht-von-dirk-ellerbrock\/","title":{"rendered":"Warum Iran nicht Frieden braucht, sondern Macht | Von Dirk Ellerbrock"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Der Pr\u00e4zedenzfall, der alles erkl\u00e4rt<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk Ellerbrock.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Um die gegenw\u00e4rtige iranische Strategie zu verstehen, muss man vierzehn Monate zur\u00fcckgehen. Im Fr\u00fchjahr 2025 f\u00fchrten die USA und Israel bereits einen zw\u00f6lft\u00e4gigen Krieg gegen Iran \u2013 ein Waffengang, der mit einem Waffenstillstand endete. Die Welt atmete auf, das iranische Nuklearprogramm galt als zur\u00fcckgeworfen, die Lage schien befriedet. Ein Jahr sp\u00e4ter kehrten dieselben Angreifer zur\u00fcck, \u00fcberrumpelten Iran erneut und t\u00f6teten am ersten Tag des neuen Kriegs, dem 28. Februar 2026, den Obersten F\u00fchrer Ayatollah Ali Khamenei.<\/p>\n<p>Dieser R\u00fcckfall ist der eigentliche Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis dessen, was seither geschieht. Denn aus iranischer Sicht hat sich damit eine Lektion best\u00e4tigt, die sich nicht mehr verdr\u00e4ngen l\u00e4sst: <strong>Ein Waffenstillstand ohne eigene Machtbasis ist wertlos.<\/strong> Er sch\u00fctzt nicht vor einer Wiederholung, sondern verschafft der Gegenseite lediglich Zeit zur Neuaufstellung. Iran hat, wie der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Pape in einem Gespr\u00e4ch formulierte, \u201ediesen Film schon einmal gesehen&#8220; \u2013 und diesmal zieht das Land andere Konsequenzen.<\/p>\n<p><strong>Macht statt Versprechen: die strukturelle Lehre<\/strong><\/p>\n<p>Was seit Mitte Juli 2026 zu beobachten ist, l\u00e4sst sich nicht mehr als blo\u00dfe Reaktion auf amerikanische und israelische Angriffe beschreiben. Iran hat seine Strategie ge\u00e4ndert: Es agiert zunehmend offensiv, sucht die Initiative und steigert bei jeder Vergeltung die Intensit\u00e4t \u2013 nicht \u201eAuge um Auge&#8220;, sondern mit wachsender Sch\u00e4rfe. Dahinter steht weder Verletztheit noch Rachedurst, wie eine psychologisierende Betrachtung nahelegen w\u00fcrde. Vielmehr zeugt es von einer n\u00fcchternen Einsicht in die Funktionsweise des internationalen Systems. In einer Ordnung ohne \u00fcbergeordnete Instanz, die Zusagen erzwingen k\u00f6nnte, sind diplomatische Versprechen auf Dauer wertlos. Sie lassen sich, sobald es opportun erscheint, ebenso leicht brechen wie geben. Rechenschaft entsteht in diesem System nicht durch Vertr\u00e4ge, sondern allein durch die F\u00e4higkeit, im Ernstfall empfindlich zur\u00fcckzuschlagen \u2013 durch reale, demonstrierbare Macht.<\/p>\n<p>Diese Logik verfolgt Iran seit dem Sommer konsequent: nicht Deeskalation um ihrer selbst willen, sondern der Aufbau einer Machtposition, die einen dritten Waffengang f\u00fcr die Gegenseite so teuer macht, dass er unterbleibt. Frieden ist in diesem Verst\u00e4ndnis kein Zustand, den man vereinbart. Er ist ein Zustand, den man sich erarbeitet \u2013 durch Abschreckungsf\u00e4higkeit, nicht durch Handschlag.<\/p>\n<p><strong>Die technologische Erm\u00f6glichung: die zweite Pr\u00e4zisionsrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Doch diese Logik allein erkl\u00e4rt noch nicht, warum sie sich ausgerechnet jetzt in die Tat umsetzen l\u00e4sst. Pr\u00e4zise, wirkungsvolle Machtprojektion war \u00fcber Jahrzehnte das Privileg weniger Superm\u00e4chte \u2013 teure Lenkwaffen, Satellitenaufkl\u00e4rung, hochentwickelte Kampfjets. Iran hat in den vergangenen Jahren einen anderen Weg eingeschlagen, \u00e4hnlich wie zuvor die Ukraine und die jemenitischen Huthi-Milizen: die massenhafte Nutzung billiger Drohnen. Diese sind einzeln unscheinbar, in der Masse aber ebenso pr\u00e4zise und wirksam wie klassische Pr\u00e4zisionswaffen. Diese Entwicklung \u2013 eine zweite Pr\u00e4zisionsrevolution, nach jener der satellitengest\u00fctzten Lenkwaffen in den 1990er Jahren \u2013 demokratisiert die F\u00e4higkeit zur gezielten Machtaus\u00fcbung. Staaten mit mittlerem Einkommen k\u00f6nnen sich heute F\u00e4higkeiten leisten, die vor wenigen Jahrzehnten nur den gr\u00f6\u00dften Milit\u00e4rm\u00e4chten offenstanden. Ohne diese technologische Verschiebung bliebe der iranische Machtmehrungskurs blo\u00dfe Absicht. Mit ihr wird er zu einer real umsetzbaren Strategie.<\/p>\n<p><strong>Der Hebel: die Stra\u00dfe von Hormus als Transmissionsriemen<\/strong><\/p>\n<p>Doch Macht, die sich nicht in Wirkung \u00fcbersetzen l\u00e4sst, bliebe f\u00fcr Iran folgenlos. Der Ort, an dem sich milit\u00e4rische F\u00e4higkeit in wirtschaftlichen und politischen Druck verwandelt, ist die Stra\u00dfe von Hormus \u2013 jene schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean, durch die etwa ein F\u00fcnftel des weltweiten \u00d6lhandels l\u00e4uft. Innerhalb weniger Tage nach Kriegsbeginn gelang es Iran, mittels Drohnen, vereinzelt Raketen und Minen, eine selektive Kontrolle \u00fcber diese Passage zu erlangen: Wer sie verl\u00e4sst oder durchquert, wird faktisch von Teheran bestimmt.<\/p>\n<p>Diese Kontrolle wirkt bis in die Innenpolitik der Vereinigten Staaten hinein. Seit Mitte Juli, seit Iran systematisch nicht nur milit\u00e4rische, sondern auch wirtschaftliche Ziele angreift \u2013 \u00d6ltanker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, \u00fcber die verb\u00fcndeten Huthi auch saudische Tanker \u2013, steigt der \u00d6lpreis in einer stetigen, mittlerweile sechsw\u00f6chigen Aufw\u00e4rtsbewegung. Die amerikanischen Benzinpreise, die zuvor durch das Anzapfen strategischer Reserven noch ged\u00e4mpft werden konnten, geraten zunehmend au\u00dfer Kontrolle \u2013 auch weil diese Reserven inzwischen nahe ihrem gesetzlichen Mindeststand liegen. Hier zeigt sich, dass Irans Machtgewinn kein regionales, sondern ein globales Ph\u00e4nomen ist: Ein Staat mittlerer Gr\u00f6\u00dfe beeinflusst \u00fcber die Kontrolle einer Meerenge unmittelbar die Kaufkraft amerikanischer Konsumenten \u2013 und damit, wie sich zeigen wird, auch amerikanische Innenpolitik.<\/p>\n<p><strong>Der Kipppunkt: von Abschreckung zu Hegemonie<\/strong><\/p>\n<p>Doch die Logik der Machtmehrung bleibt nicht bei der Verteidigung stehen. Was als Absicherung gegen einen dritten Angriff beginnt, kippt erkennbar in ein weiterreichendes Ziel: Iran strebt nicht mehr nur nach Unverletzlichkeit, sondern nach der Stellung als unangefochtene milit\u00e4rische und wirtschaftliche F\u00fchrungsmacht am Persischen Golf, mit einer Einflusssph\u00e4re, die sich bis in den Libanon und ans Rote Meer erstreckt.<\/p>\n<p>Dies ist kein Widerspruch zur urspr\u00fcnglichen Logik, sondern ihre folgerichtige Fortsetzung. In einem System, in dem Sicherheit nicht vertraglich garantiert, sondern nur durch eigene St\u00e4rke erarbeitet werden kann, l\u00e4sst sich \u201egenug&#8220; Sicherheit niemals eindeutig bestimmen. Jede erreichte Machtposition kann durch die n\u00e4chste technologische oder politische Verschiebung der Gegenseite wieder infrage gestellt werden. Wer sich in einem solchen System nur auf Verteidigung beschr\u00e4nkt, bleibt strukturell im Nachteil. Reines Sicherheitsstreben m\u00fcndet deshalb fast zwangsl\u00e4ufig in ein Streben nach relativer \u00dcbermacht \u2013 nicht aus Gr\u00f6\u00dfenwahn, sondern weil die Alternative, sich auf die Zusagen einer \u00fcberlegenen Gegenmacht zu verlassen, sich bereits einmal als Irrtum erwiesen hat.<\/p>\n<p><strong>Die innenpolitische Flankierung: die Ausschaltung der Tauben<\/strong><\/p>\n<p>Doch eine Strategie dieser Tragweite braucht nicht nur Waffen, sondern auch R\u00fcckhalt im eigenen Land. Bemerkenswert ist deshalb, wen die gezielten T\u00f6tungen der vergangenen Monate innerhalb der iranischen F\u00fchrung getroffen haben. Wie Pape es zuspitzt: getroffen wurden nicht in erster Linie die Falken, sondern die Tauben \u2013 jene Kr\u00e4fte innerhalb des Regimes, die eher zu Verhandlungen und Kompromissen neigten. Wer in einer F\u00fchrung \u00fcbrig bleibt, wenn die moderaten Stimmen ausgeschaltet sind, ist strukturell weniger zu Zugest\u00e4ndnissen bereit. Der Angriff hat damit, wohl ungewollt, genau jene Radikalisierung erzeugt, die er eigentlich verhindern sollte \u2013 und zugleich die innenpolitische Basis f\u00fcr den Machtmehrungskurs verbreitert.<\/p>\n<p><strong>Der Zeithorizont: Zwischenwahlen als Hebel, nicht als Ausweg<\/strong><\/p>\n<p>Ein Einwand dr\u00e4ngt sich auf: K\u00f6nnten die amerikanischen Zwischenwahlen im November 2026 der Konfliktdynamik nicht ein Ende setzen? Schlie\u00dflich k\u00f6nnten die Demokraten, sollten sie eine oder beide Kammern des Kongresses gewinnen, \u00e4hnlich wie 1974 im Fall Vietnams gesetzgeberisch auf ein Kriegsende hinwirken. Doch aus der Perspektive der Machtmehrungslogik sind die Zwischenwahlen kein Anlass, den Druck zu senken, sondern ein Zeitfenster, das es maximal auszunutzen gilt. Iran hat, so l\u00e4sst sich rekonstruieren, kein Interesse an den Demokraten als solchen, sondern an der politischen Zerst\u00f6rung von Trumps Kriegskurs \u2013 und der wirksamste Hebel daf\u00fcr sind anhaltend hohe Benzinpreise in den Vereinigten Staaten. Der Druck auf die \u00d6lm\u00e4rkte d\u00fcrfte deshalb, so die Erwartung, mindestens bis Januar oder Februar 2027 aufrechterhalten werden \u2013 \u00fcber den Wahltag hinaus, denn ungewiss bleibt bis zuletzt, welche Konsequenzen ein Machtwechsel im Kongress tats\u00e4chlich nach sich zieht.<\/p>\n<p><strong>Die gr\u00f6\u00dfere Klammer: ein Muster, kein Einzelfall<\/strong><\/p>\n<p>Iran ist in dieser Hinsicht kein Sonderfall, sondern ein Beispiel eines allgemeineren Vorgangs. Staaten, die die Erfahrung gemacht haben, dass Zusagen der Vereinigten Staaten im Zweifel gebrochen werden, sichern sich strukturell gegen k\u00fcnftige Einmischung ab \u2013 milit\u00e4risch wie institutionell. Russland hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten, verst\u00e4rkt seit dem Ukraine-Konflikt, au\u00dfenfinanzierte Nichtregierungsorganisationen und Oppositionsnetzwerke systematisch zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. China verfolgt einen vergleichbaren Kurs gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischer politischer Einflussnahme. Und in Iran selbst wurden die von westlichen Geheimdiensten unterst\u00fctzten Protestbewegungen, die dem Krieg vom Februar 2026 vorausgingen, mit H\u00e4rte niedergeschlagen. In allen drei F\u00e4llen geht es nicht um Abschottung als Selbstzweck, sondern um dieselbe Grundlogik: Wer einmal erlebt hat, dass \u00e4u\u00dfere Zusagen brechen und \u00e4u\u00dfere Einflussnahme die eigene Handlungsf\u00e4higkeit untergr\u00e4bt, baut Widerstandsf\u00e4higkeit auf \u2013 gegen milit\u00e4rische wie gegen politische Einmischung gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Schluss: die Ironie der Eskalationsfalle<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg, den die Vereinigten Staaten und Israel im Februar 2026 begannen, verfolgte ein klares Ziel: Iran als eine der tragenden S\u00e4ulen einer sich abzeichnenden multipolaren Ordnung auszuschalten. Das Ergebnis ist bislang das Gegenteil. Statt geschw\u00e4cht zu werden, hat Iran genau jene Machtmehrung vollzogen, die seine Rolle als eigenst\u00e4ndiger regionaler Akteur festigt \u2013 gest\u00fctzt auf eine milit\u00e4rtechnologische Entwicklung, die der Angriff selbst nicht verursacht, aber ungewollt beschleunigt hat, und getragen von einer innenpolitischen Konstellation, die der Angriff selbst erst geschaffen hat. Die Eskalationsfalle, in der die Vereinigten Staaten seither stecken, ist in diesem Sinn kein Betriebsunfall, sondern die konsequente Folge einer Fehleinsch\u00e4tzung: Wer glaubt, in einem System ohne verl\u00e4ssliche Garantien mit begrenzter Gewalt dauerhafte Unterordnung erzwingen zu k\u00f6nnen, lehrt den Angegriffenen am Ende nur eines \u2013 dass er sich auf niemanden verlassen kann au\u00dfer auf die eigene Macht.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bildquelle: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.shutterstock.com\/de\/g\/KanisornPringthongfoo?ref=apolut.net\">Kanisorn Pringthongfoo<\/a> \/ shutterstock<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Pape, R. A. (2026). The escalation trap. Ahram Online, 16. M\u00e4rz.<\/li>\n<li>The Indian Express. (2026, 28. Februar). From Iran Supreme Leader Khamenei to top commanders: Who were the targets of US-Israel strikes.<\/li>\n<li>Villar, X. (2026, 4. September). Flow vs. territory: The real battle for the Strait of Hormuz. Tehran Times.<\/li>\n<li>Ultima Hora. (2026, 4. M\u00e4rz). LUCAS contra Shahed: Duelo de drones a baja altura en la guerra de Ir\u00e1n.<\/li>\n<li>Pape, R. A. (2026, 1. April). La guerra ha trasformato l&#8217;Iran in una potenza petrolifera. Pars Today.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.<\/p>\n<p>Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu \u2013 Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik \u2013, vertieft durch Stephen Wolinskys \u201eQuantenpsychologie&#8220; und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und ver\u00f6ffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, \u201eDas Geheimnis ewigen Gl\u00fccks \u2013 Texte zur Menschwerdung&#8220;. 2026 entstand sein noch unver\u00f6ffentlichtes zweites Buch, \u201eDie Schlange der Moral \u2013 Gift und Gegengift&#8220;, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.<\/p>\n<p>Heute schreibt er regelm\u00e4\u00dfig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. f\u00fcr apolut und auf seinem Substack: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/substack.com\/@dirkellerbrock?ref=apolut.net\">https:\/\/substack.com\/@dirkellerbrock<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Um die gegenw\u00e4rtige iranische Strategie zu verstehen, muss man vierzehn Monate zur\u00fcckgehen. 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