{"id":6323,"date":"2026-05-30T14:55:04","date_gmt":"2026-05-30T12:55:04","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/pflegekosten-das-vermoegen-im-alter-ist-fuer-pflege-nicht-fuers-vererben-37460826-html-2\/"},"modified":"2026-05-30T14:55:04","modified_gmt":"2026-05-30T12:55:04","slug":"pflegekosten-das-vermoegen-im-alter-ist-fuer-pflege-nicht-fuers-vererben-37460826-html-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/pflegekosten-das-vermoegen-im-alter-ist-fuer-pflege-nicht-fuers-vererben-37460826-html-2\/","title":{"rendered":"Kolumne: Eigenheim verkaufen, um die Pflege zu bezahlen? Das w\u00e4re nur gerecht"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Der Staat pumpt immer mehr Geld in die Pflegekassen, und es reicht trotzdem nicht. Eine Reform sollte bei jedem Einzelnen ansetzen, nicht bei der Gemeinschaft<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Mit diesem Text mache ich mich ziemlich unbeliebt, das ist mir schon klar. Ich schreibe ihn trotzdem, weil mir beim Thema Pflegeversicherung ein paar Dinge am Herzen liegen. Erst recht in der aktuellen Diskussion. Denn nicht nur die Renten- und Krankenkasse laufen allm\u00e4hlich in ein riesiges Finanzproblem hinein, sondern auch die Pflegekasse. Weil viele Menschen immer \u00e4lter werden und damit auch h\u00e4ufig pflegebed\u00fcrftig \u2013 und weil die Demografie nun mal so ist, wie sie ist: Es gibt immer weniger Junge, die diese Kosten schultern m\u00fcssen. Schon in den kommenden zwei Jahren fehlen der staatlichen Pflegeversicherung rund 22 Milliarden Euro, errechneten die Wirtschaftsweisen in ihrem Fr\u00fchjahrsgutachten. Sie empfehlen dringend Reformen.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle drei Systeme mahnten sie umgehenden Handlungsbedarf an. Sonst n\u00e4mlich stiegen die Sozialabgaben bis 2040 von derzeit gut 40 Prozent auf 50 Prozent des Bruttolohns (wenn man die Anteile von Arbeitnehmern und -Gebern zusammenz\u00e4hlt). Und danach sogar noch weiter auf rund 60 Prozent. Das sei jenseits von Gut und B\u00f6se. Die Frage ist also: Wie bekommt man die Pflegekasse wieder in den Griff? Dazu war Gesundheitsministerin Nina Warken vorgeprescht. Sie schlug vor, ab sofort die Beitragss\u00e4tze f\u00fcr Kinderlose zu erh\u00f6hen.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p>Die Argumentation dahinter lautet: Da Kinderlose ja keinen Nachwuchs in die Welt setzten, der sie sp\u00e4ter pflegen k\u00f6nne oder durch weitere Beitr\u00e4ge h\u00fclfe, die Kosten zu tragen, tr\u00fcgen sie eine gr\u00f6\u00dfere Mitschuld an der Finanzmisere. Genau diese Annahme bezweifle ich stark. Auch aus eigener Anschauung innerhalb meiner Familie und bei Freunden: Da ist es n\u00e4mlich so, dass sich gerade die \u00e4lteren Kinderlosen schon fr\u00fchzeitig Gedanken machen, wie sie sich f\u00fcr den m\u00f6glichen Pflegefall wappnen. Sie legen kr\u00e4ftig Geld auf die Seite, schlie\u00dfen Pflegezusatzversicherungen ab oder verkaufen fr\u00fch ihre Eigentumswohnung und ziehen ins Seniorenheim, wo sie notfalls versorgt werden.\u00a0<\/p>\n<h2>Kinderlose wissen, dass sie sich um Pflege k\u00fcmmern m\u00fcssen<\/h2>\n<p>Das muss man sich alles erst einmal leisten k\u00f6nnen, klar. Aber all diesen Menschen ist bewusst, dass sie im Alter nicht auf Kinder oder Enkel z\u00e4hlen k\u00f6nnen. Deshalb wenden sie bereits viel Geld auf, sich notfalls Hilfe zukaufen zu k\u00f6nnen. Sie sorgen vor, um sich selbst helfen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p>Wer Kinder hat, geht dagegen sicherlich h\u00e4ufiger davon aus, dass er von ihnen schon Hilfe bekommen wird. Das ist ja sch\u00f6n und richtig. Fakt ist aber auch: Oft wohnen die Kinder weit weg, haben anstrengende Jobs, und die volle Pflege k\u00f6nnen sie im Ernstfall nur in seltenen F\u00e4llen leisten. Da sie laut Gesetz erst f\u00fcr die Kosten aufkommen m\u00fcssen, wenn ihr Gehalt rund 100.000 Euro im Jahr \u00fcbersteigt, wenden die Pflegekassen also sehr wohl auch f\u00fcr viele Pflegebed\u00fcrftige mit Kindern viel Geld auf. Studien best\u00e4tigen jedenfalls meinen privaten Eindruck: Kinderlose verursachen keine h\u00f6heren Pflegekosten als Eltern.<\/p>\n<p>H\u00f6here Beitr\u00e4ge zur Bestrafung der Kinderlosen kann man also erw\u00e4gen, merklich h\u00f6here Einnahmen f\u00fcr die Pflegekasse br\u00e4chten sie aber wohl nicht. Damit w\u00e4ren vielleicht rund eine Milliarde Euro gewonnen. Es fehlen aber 22 Milliarden. Das Problem liege ohnehin ganz woanders, mahnen jetzt die Wirtschaftsweisen: Die Ausgaben f\u00fcr die Pflege seien \u00fcberhaupt nur deshalb so aus dem Ruder gelaufen, weil es die Pflegereform von 2016 gab. Erst sie f\u00fchrte zu einem drastischen Anstieg der Pflegeausgaben. Bis dahin bewegten sich die Kosten von 1997 bis 2016 etwa auf demselben Niveau. Ab 2017 aber verdoppelten sie sich dann beinahe.\u00a0<\/p>\n<p>Warum? Weil es eine \u201eVerhaltensanpassung der Bev\u00f6lkerung gab\u201c, so nennen die Sachverst\u00e4ndigen das. Es gab pl\u00f6tzlich f\u00fcnf Pflegegrade statt nur drei Pflegestufen, und der erste Pflegegrad griff erheblich fr\u00fcher. Es ist seitdem m\u00f6glich, auch Geld von der Pflegekasse zu bekommen, wenn man noch selbstst\u00e4ndig im eigenen Hause lebt, aber regelm\u00e4\u00dfig ein Einkaufsdienst vorbeikommt, der die Wasserkisten und Milcht\u00fcten schleppt. Oder wenn eine Haushaltshilfe die Fenster schrubbt oder den Rasen m\u00e4ht. Daf\u00fcr gibt es eine Zuzahlung aus der Pflegekasse.\u00a0<\/p>\n<h2>Muss die Gemeinschaft f\u00fcr die Essenslieferung aufkommen?<\/h2>\n<p>Und vor allem deshalb gibt es heute laut Gesetz mehr als sechs Millionen Pflegebed\u00fcrftige, die eigentlich nur \u201eetwas Hilfsbed\u00fcrftige\u201c sind, und \u00fcbrigens rund sieben Prozent der Bev\u00f6lkerung ausmachen. Und nicht mehr nur 2,7 Millionen wirklich Pflegebed\u00fcrftige, wie noch 2016. Die Ausgaben haben sich dadurch mehr als verdoppelt. W\u00e4re es also nicht eine Idee, solche \u00fcppigen Leistungen wieder zur\u00fcckzuschrauben? Denn Hand aufs Herz: W\u00e4re es wirklich so unzumutbar, f\u00fcr diese Dienstleistung selbst zu zahlen? Wir lassen uns t\u00e4glich Essen und Getr\u00e4nke liefern, viele Familien bezahlen eine Putzkraft. Aber im Alter soll die Allgemeinheit daf\u00fcr aufkommen? Aus Sicht der Wirtschaftsweisen jedenfalls ist es unfair, die j\u00fcngeren Generationen daf\u00fcr noch st\u00e4rker in die Pflicht zu nehmen.<\/p>\n<p>Wirklich schwer pflegebed\u00fcrftig werden zum Gl\u00fcck viel weniger Menschen, als man meint. Rund 840.000 Bundesb\u00fcrger, das sind etwa 14 Prozent aller Pflegebed\u00fcrftigen, wurden zuletzt vollstation\u00e4r in Heimen betreut. Jeder dieser F\u00e4lle ist schlimm und eine pers\u00f6nliche Katastrophe. Und das kostet dann auch sehr viel Geld. Bei den Zuzahlungsbetr\u00e4gen von rund 3500 Euro pro Monat f\u00fcr eine Vollversorgung wird vielen schummrig, denn daf\u00fcr d\u00fcrften die allerwenigsten Renten reichen. Lediglich f\u00fcr Beamte stellen sie im Schnitt kein Problem dar. Wie also dieses Geld aufbringen, wenn es wirklich zum Ernstfall kommt?<\/p>\n<\/p>\n<p>Man muss es einmal n\u00fcchtern rechnen, auch wenn es hart klingt: Es sind rund 42.000 Euro im Jahr. Das ist enorm viel, aber viele \u00c4ltere haben auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel gespart. Das Median-Nettoverm\u00f6gen eines Rentnerhaushalts liegt derzeit bei rund 200.000 Euro, jeder zweite besitzt also mehr, die andere H\u00e4lfte weniger. Und im Schnitt verbringen Pflegebed\u00fcrftige drei Jahre im Heim, das bedeutet rund 126.000 Euro. Viel Geld, ja. Aber selbst das w\u00e4re f\u00fcr viele machbar. Und wer partout kein Verm\u00f6gen besitzt, dem springt der Staat ja bei. Genau daf\u00fcr ist die Pflegeversicherung gedacht. Was sie jedoch nicht sein soll: eine Vollkaskoversicherung, die f\u00fcr s\u00e4mtliche Pflegekosten aufkommt \u2013 durch eine stetig wachsende Umlage der Allgemeinheit\u00a0\u2013, damit Betroffene gar nichts selbst zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In dieses Horn st\u00f6\u00dft nun auch ein Vorschlag der Unionspolitiker, die sagen: Liegt das Geld f\u00fcrs Pflegeheim nicht in bar auf dem Konto, muss notfalls das Gesamtverm\u00f6gen angetastet werden, sprich: Das Einfamilienhaus ist zu verfl\u00fcssigen, wenn es eines gibt. Und wenn Sie mich fragen, dann ist das v\u00f6llig richtig. Denn wozu bauen Menschen zeitlebens ein Verm\u00f6gen auf? Doch nicht, um es m\u00f6glichst komplett an ihre Kinder oder Erben zu \u00fcbertragen, sondern auch, um im Notfall selbst abgesichert zu sein.\u00a0<\/p>\n<h2>Eigenheim statt Pflegeversicherung<\/h2>\n<p>Gelegentlich h\u00f6re ich, dass Menschen es ungerecht finden, ihre Wohnung verkaufen zu m\u00fcssen, um das Pflegeheim zu zahlen. Wirklich nachvollziehen kann ich ihn nicht: Nat\u00fcrlich w\u00fcrde man es sich anders w\u00fcnschen. Jeder w\u00fcrde wohl lieber im Wohneigentum leben bis zum Lebensende. Aber: Was n\u00fctzt mir die sch\u00f6ne Eigentumswohnung, wenn ich selbst nicht mehr darin wohnen kann, weil ich Pflege brauche? Ist es nicht logisch, dass man sie dann eintauscht, wenn es so weit kommt? Und dass man stattdessen nicht lauter Fremde, J\u00fcngere und Steuerzahler f\u00fcr die eigene Misere zahlen l\u00e4sst, obwohl man es selbst stemmen k\u00f6nnte?<\/p>\n<\/p>\n<p>Wer nun immer noch hartn\u00e4ckig die Immobilie vererben will, dem sei gesagt: Geht ja trotzdem. Die Erben k\u00f6nnen f\u00fcr die Pflegekosten auch einen Kredit aufnehmen, das Haus dient als Sicherheit. Dann stottern zwar die Jungen die Kosten f\u00fcr die Pflege ihrer Eltern ab, aber es bleibt wenigstens alles in der Familie. Und landet nicht als stetig steigende Last bei der Allgemeinheit.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel ist eine \u00dcbernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland geh\u00f6rt. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Der Staat pumpt immer mehr Geld in die Pflegekassen, und es reicht trotzdem nicht. 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