{"id":6519,"date":"2026-05-31T13:55:14","date_gmt":"2026-05-31T11:55:14","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/wirtschaftskrise-jetzt-sollen-auch-noch-die-muetter-schuld-sein\/"},"modified":"2026-05-31T13:55:14","modified_gmt":"2026-05-31T11:55:14","slug":"wirtschaftskrise-jetzt-sollen-auch-noch-die-muetter-schuld-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/wirtschaftskrise-jetzt-sollen-auch-noch-die-muetter-schuld-sein\/","title":{"rendered":"Wirtschaftskrise: Jetzt sollen auch noch die M\u00fctter schuld sein"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Alexandra Nollok<\/em><\/p>\n<p>Teilzeitarbeit sei in Deutschland auf einem Rekordhoch: Kaum hatte das Statistische Bundesamt seine Erkenntnis am Mittwoch der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert, produzierten diverse Leitmedien daraus den n\u00e4chsten Aufreger, der nahtlos an die Faulheitsdebatte vom Jahresbeginn ankn\u00fcpfte. Es ging um Phrasen wie &#8222;Lifestyle oder Selbstbestimmung&#8220;, Moral und &#8222;Arbeitsanreize&#8220; f\u00fcr M\u00fctter und Senioren\u00a0\u2013 ganz so als seien Kinder und Haushalt ein Klacks, Betreuungspl\u00e4tze \u00fcberall vorhanden und 70-J\u00e4hrige unbeschr\u00e4nkt belastbar. Willkommen in der Fantasiewelt der &#8222;b\u00fcrgerlichen Mitte&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Neoliberale Tatsachenverdrehung<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;So viele Besch\u00e4ftigte in Teilzeit wie noch nie&#8220;, <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/arbeitsmarkt\/wochenstunden-arbeitszeit-teilzeit-vollzeit-100.html\">titelte<\/a> das <em>ARD<\/em>-Meinungsschlachtschiff <em>Tagesschau,<\/em>\u00a0um wenig sp\u00e4ter scheinheilig zu fragen:<\/p>\n<p><em>&#8222;Lifestyle oder selbstbestimmtes Arbeiten?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So verhalf die <em>ARD<\/em> einem <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.mit-bund.de\/sites\/mit\/files\/2026-01-09_-_mit-antrag_bpt_2026_lifestyle-teilzeit_end.pdf\">Papier<\/a> vom Januar der sogenannten &#8222;Mittelstands- und Wirtschaftsunion&#8220; (MIT) \u2013 eines Lobbyverbands, der sich vor allem aus betuchten CDU-Politikern speist \u2013 zu neuer Popularit\u00e4t. Es d\u00fcrfe &#8222;keinen Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit&#8220; geben, hei\u00dft es darin zynisch. <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.mit-bund.de\/sites\/mit\/files\/2026-01-09_-_mit-antrag_bpt_2026_lifestyle-teilzeit_end.pdf\"><strong><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Das MIT-Pamphlet ist ein Paradebeispiel f\u00fcr neoliberale Tatsachenverdrehung. Schuld an den vielen Teilzeitjobbern seien nicht etwa die Unternehmen, die solche Arbeitspl\u00e4tze meist im Niedriglohnsektor anbieten. Schuld sei auch nicht der Staat, der Eltern oder Angeh\u00f6rigen von Pflegebed\u00fcrftigen kaum dabei hilft, Familie und Lohnarbeit unter einen Hut zu bekommen. Stattdessen unterstellt die Lobbyorganisation den Teilzeitjobbern selbst, sie seien wohl einfach nur zu faul f\u00fcr Vollzeit.<\/p>\n<p><strong>Zwang durch &#8222;mehr Anreize&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Emp\u00f6rung \u00fcber das Papier blieb an der moralingetr\u00e4nkten Oberfl\u00e4che. Aus der SPD-nahen Hans-B\u00f6ckler-Stiftung schallte es: Teilzeit sei doch &#8222;selbstbestimmtes Arbeiten in einem Umfang, der zu Lebensphasen und -entscheidungen passt.&#8220; Dass vor allem viele M\u00fctter dazu gezwungen sind, um \u00fcber die Runden zu kommen, und das f\u00fcr L\u00f6hne, die oft nicht mal f\u00fcr die Miete reichen, kam nicht zur Sprache.<\/p>\n<p>Im Februar hatte die <em><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/arbeitsmarkt\/arbeiten-reformen-wirtschaftswachstum-100.html\">Tagesschau<\/a><\/em>\u00a0immerhin einen diskussionsw\u00fcrdigen Punkt eingebracht: <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/arbeitsmarkt\/arbeiten-reformen-wirtschaftswachstum-100.html\"><strong><\/strong><\/a>Die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt habe zum &#8222;Teilzeitboom&#8220; mit beigetragen. Anstatt das aber ernsthaft zu analysieren, folgte ein Appell: Um dies zu \u00e4ndern, brauche es &#8222;Anreize statt Appelle&#8220;. Gemeint ist damit wie\u00a0immer die Peitsche: Der Staat solle etwa die Familienversicherung f\u00fcr Ehegatten abschaffen. So kann man freilich M\u00fctter trotz \u00dcberlastung mit finanzieller Not an die Vollzeitarbeitsfront zwingen.<\/p>\n<p><strong>H\u00e4lfte der Frauen in Teilzeitjobs<\/strong><\/p>\n<p>Zugrunde liegt der neu entflammten Mediendebatte eine am Mittwoch ver\u00f6ffentliche <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2026\/05\/PD26_N035_13.html\">Erhebung<\/a>\u00a0des Statistischen Bundesamtes. Der zufolge\u00a0lag der Anteil von Teilzeitjobs bei der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung im vergangenen Jahr bei knapp 32 Prozent \u2013 ein neuer H\u00f6chststand, wie die Beh\u00f6rde schreibt. Hauptgrund daf\u00fcr sei die wachsende &#8222;Erwerbsquote&#8220; bei Frauen. Mehr als jede zweite weibliche Besch\u00e4ftigte arbeitet demnach in Teilzeit \u2013 also je nach Branche weniger als 36 bis 40 Wochenstunden.<\/p>\n<p>Nun ist bekannt, dass Teilzeitjobs meist vor allem eines sind: prek\u00e4r und schlecht bezahlt. Man wei\u00df, dass M\u00fctter nicht immer aus purer Leidenschaft ihre Arbeitskraft daf\u00fcr verkaufen. Viele m\u00fcssen es trotz doppelter Belastung, weil das Partnereinkommen nicht f\u00fcr die Lebenshaltung reicht oder kein Partner vorhanden ist. Und noch etwas kommt hinzu: Selbst bei gleicher Arbeit verdienen Frauen bis heute im Schnitt sechs Prozent <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/equal-pay-day-warum-frauen-noch-immer-weniger-verdienen-als-maenner-100.html\">weniger<\/a> als M\u00e4nner \u2013 im Westen ist die Kluft h\u00f6her als im Osten.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Lohndr\u00fcckerei auf dem R\u00fccken von M\u00fcttern<\/strong><\/p>\n<p>Kinderbetreuungspl\u00e4tze sind noch immer Mangelware in Deutschland. Statistischen Angaben zufolge fehlten letztes Jahr 300.000 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2025-11\/kinderbetreuung-fehlende-kitaplaetze-institut-der-deutschen-wirtschaft\">Kindergarten<\/a>&#8211; \u00a0und 150.000 <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2026-02\/hortplaetze-ganztagsbetreuung-rechtsanpruch-grundschule-gxe\">Hortpl\u00e4tze<\/a> f\u00fcr Grundsch\u00fcler. Kurzum: Viele M\u00fctter haben keine andere Chance als Lohnarbeit in Teilzeit. Zugleich sind sie dazu gezwungen, um ihre Familie mit zu ern\u00e4hren. Und die Unternehmen nutzen die prek\u00e4ren Lagen trefflich aus. Die Teilzeitarbeitsquote steigt ja nicht, weil M\u00fctter faul w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es geht um Lohndr\u00fcckerei unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung. Das Geschw\u00e4tz westlicher Politiker davon war schon in der Vergangenheit vor allem von Kapitalinteressen motiviert: Billige weibliche Arbeitskr\u00e4fte konnten rekrutiert und die L\u00f6hne der M\u00e4nner weiter gedr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Frauen in der alten BRD noch bis 1958 nur mit Erlaubnis ihrer Ehem\u00e4nner einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften. Sogar bis 1977 konnten ihre Gatten noch gerichtlich dagegen vorgehen, wenn ihnen das nicht passte. Das Geschw\u00e4tz der b\u00fcrgerlichen Pseudofeministen von Gleichberechtigung durch Arbeit war stets eine Scheindebatte von einer Qualit\u00e4t, die heutigen Parolen \u00e4hnelt, deren Verk\u00fcnder Frauen &#8222;gleichberechtigt&#8220; an die Kriegsfront schicken wollen.<\/p>\n<p><strong>Herbeigetrickste &#8222;Faulheit&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt in Deutschland weiter fortgeschritten als in vielen anderen Staaten. Das zeigt bereits ein Blick auf <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/188794\/umfrage\/erwerbsquote-in-den-eu-laendern\/\">EU-Daten<\/a>: W\u00e4hrend demnach in Deutschland gut 77 Prozent der Frauen lohnabh\u00e4ngig arbeiten, sind es in Griechenland nur 63 Prozent, in Italien sogar nur 58 Prozent.<\/p>\n<p>Wenn viele Frauen in Teilzeit arbeiten m\u00fcssen, weil es gar nicht anders geht, steigt freilich die Teilzeitquote. Das dr\u00fcckt wiederum den Mittelwert der Arbeitsstunden pro Besch\u00e4ftigtem nach unten. Denn w\u00e4hrend teilzeitarbeitende Frauen in die Berechnung fallen, bleiben nicht arbeitende au\u00dfen vor. Diesen Trick nutzte vor einem Jahr das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), um Arbeitern in Deutschland Faulheit vorzuwerfen. Es titelte damals:<\/p>\n<p><em>&#8222;Griechen arbeiten 135 Stunden im Jahr mehr als Deutsche.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das diente wohl der ideologischen Vorbereitung auf den inzwischen laufenden Abbau vieler Sozial- und Arbeitsrechte.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Mehr Umverteilung nach oben<\/strong><\/p>\n<p>Den Irrsinn der Frage, ob die Leute in Deutschland zu wenig arbeiten w\u00fcrden, verdeutlicht eine <a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/service.destatis.de\/DE\/vgr-monitor-deutschland\/bip.html\">amtliche Statistik<\/a> \u00fcber das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner. Das lag demnach im letzten Jahr bei genau 53.523 Euro, wohlgemerkt pro Kopf. Das ist so hoch wie nie. Vor zehn Jahren kamen auf jeden BRD-Bewohner noch knapp 38.000 Euro, vor 20 Jahren rund 28.600 Euro. Seit dem Jahr 2000 hat sich diese Summe mehr als verdoppelt \u2013 und steigt kontinuierlich weiter. Die meisten Einwohner allerdings bekommen davon nicht viel mit \u2013 im Gegenteil.<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Obwohl sich das deutsche BIP pro Einwohner seit der Jahrtausendwende zumindest nominal mehr als verdoppelt hat, kommt bei den meisten Leuten davon nichts an. Und Politiker wettern \u00fcber angeblich leere Sozialkassen, zu hohe Renten- und Gesundheitskosten und &#8222;faule&#8220; Arbeiter. Sie k\u00fcrzen an allen Ecken, lassen Armut und Obdachlosigkeit explodieren. Aber irgendwo, so viel ist sicher, landet das viele Geld am Ende doch \u2013 eben nur nicht bei denen, die daf\u00fcr arbeiten. Es wird umverteilt \u2013 nach oben.<\/p>\n<p>Bleibt noch zu fragen, was in unserem System als &#8222;richtige&#8220; Arbeit z\u00e4hlt. Die kurze Antwort lautet: Lohnarbeit, sonst nichts. Dabei wissen alle M\u00fctter und V\u00e4ter nur zu gut: Kinder zieht man nicht einfach nebenher gro\u00df. Wer Angeh\u00f6rige pflegt oder sich in einem Kindersportverein ehrenamtlich engagiert, arbeitet nicht wenig. All das ist definitiv mehr Dienst an der Gesellschaft, als ihn alle R\u00fcstungskonzerne, Verm\u00f6gensverwalter und B\u00f6rsenspekulanten dieser Welt zusammen leisten.<\/p>\n<p>M\u00fctter sorgen \u00fcberdies sogar f\u00fcr Arbeitskr\u00e4ftenachwuchs f\u00fcr all die profitierenden Konzerne, die so gerne \u00fcber hohe Kosten klagen. Ihre unbezahlte Arbeit hat trotzdem einen Haken: Weil Kinder etwa 20 Jahre brauchen, um f\u00fcr den Arbeitsmarkt zu taugen, bringt ihre Erziehung den oberen Zehntausend nun einmal keinen schnellen Profit. Nur darum geht es im neoliberalen &#8222;Wertewesten&#8220; \u2013 und davon gerne immer mehr.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0\u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/280478-mit-neid-debatten-zur-zwangsarbeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mit Neid-Debatten zur Zwangsarbeit und 73-Stundenwoche<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v77yah6\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Alexandra Nollok Teilzeitarbeit sei in Deutschland auf einem Rekordhoch: Kaum hatte das Statistische Bundesamt seine Erkenntnis am Mittwoch der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert, produzierten diverse Leitmedien daraus den n\u00e4chsten Aufreger, der nahtlos an die Faulheitsdebatte vom Jahresbeginn ankn\u00fcpfte. 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