{"id":6881,"date":"2026-06-01T21:19:16","date_gmt":"2026-06-01T19:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/kolumbien-vier-jahrzehnte-genozid-an-politischen-gegnern\/"},"modified":"2026-06-01T21:19:16","modified_gmt":"2026-06-01T19:19:16","slug":"kolumbien-vier-jahrzehnte-genozid-an-politischen-gegnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/kolumbien-vier-jahrzehnte-genozid-an-politischen-gegnern\/","title":{"rendered":"Kolumbien: Vier Jahrzehnte Genozid an politischen Gegnern"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Oleg Jassinski<\/em><\/p>\n<p>In Kolumbien fand am Sonntag der erste Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt. Wie erwartet haben es der rechtsextreme Populist und Trump-Anh\u00e4nger Abelardo de la Espriella mit 43,7 Prozent der Stimmen und der Kandidat der Linken, Iv\u00e1n Cepeda Castro, mit 40,9 Prozent der Stimmen in die Stichwahl geschafft.<\/p>\n<p>Die Wahlbeteiligung war hoch, alle \u00fcbrigen Kandidaten waren rechtsgerichtet. Ihre Stimmen werden in der zweiten Runde sicherlich an de la Espriella gehen, was Cepedas Siegeschancen \u00e4u\u00dferst gering macht. Der rechtsextreme Kandidat hat bereits versprochen, nach seiner Macht\u00fcbernahme &#8222;die Linken ausweiden&#8220; zu wollen. Diese Person ist eine Art Mischung aus dem salvadorianischen Pr\u00e4sidenten Bukele und dem Argentinier Milei. Er wurde als Anwalt vieler ber\u00fchmter Drogenh\u00e4ndler prominent.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sidentschaftswahlen in Kolumbien sind ein wichtiges internationales Ereignis, f\u00fcr dessen Verst\u00e4ndnis ein gewisses Ma\u00df an historischem und politischem Hintergrundwissen erforderlich ist.<\/p>\n<p>Der Kandidat der linken Kr\u00e4fte, Senator Iv\u00e1n Cepeda, ist der Sohn des 1994 von Auftragsm\u00f6rdern get\u00f6teten Manuel Cepeda. Letzterer war Senator, Journalist, Anwalt und einer der F\u00fchrer der Kommunistischen Partei und der Patriotischen Union, der ersten politischen Vereinigung der Linken in der modernen kolumbianischen Geschichte.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung der Patriotischen Union war das Ergebnis des ersten Friedensabkommens zwischen den FARC-Partisanen, der Regierung und den legalen politischen Kr\u00e4ften, einschlie\u00dflich der Kommunisten, die den jahrzehntelangen blutigen B\u00fcrgerkrieg beenden wollten. Nach zweij\u00e4hrigen Verhandlungen wurde 1984 beschlossen, den Kampf f\u00fcr soziale Gerechtigkeit ausschlie\u00dflich mit parlamentarischen Mitteln fortzusetzen, und Tausende der besten politischen Kader der Guerilla stiegen aus den Bergen herab und gingen in die Legalit\u00e4t \u00fcber.<\/p>\n<p>Der Massenmord an Mitgliedern der Patriotischen Union startete praktisch sofort nach dem vermeintlichen Ende des B\u00fcrgerkriegs. In den folgenden Jahren wurden etwa 6.000 Aktivisten der Organisation \u2013 sowohl entwaffnete Partisanen als auch Menschen, die nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten \u2013 von Agenten des kolumbianischen Staates und den ihm dienenden bewaffneten Banden und Drogenh\u00e4ndlern ermordet.<\/p>\n<p>1987 wurde der erste Pr\u00e4sidentschaftskandidat der Patriotischen Union, Jaime Pardo Leal, ermordet \u2013 ein brillanter Jurist und ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof, der wegen der Gr\u00fcndung einer Gewerkschaft aus dem Justizwesen ausgeschlossen worden war. Inmitten der politischen Morde, die die Machthaber wie \u00fcblich den &#8222;Drogenkartellen&#8220; zuschrieben, war Jaime Pardo der Erste, der den untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Drogenhandel, Vertretern des kolumbianischen Staates und den wirtschaftlichen Eliten des Landes detailliert aufzeigte. Pardo wurde ein Jahr nach den Wahlen ermordet, bei denen die Patriotische Union zwar nicht siegen konnte, sich aber zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickelte. Die Wahlen von 1986 gewann der Kandidat der Drogenkartelle, Virgilio Barco, der besser Englisch als Spanisch sprach.<\/p>\n<p>Vor den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 1990 wurden gleich drei Kandidaten ermordet: Luis Carlos Gal\u00e1n, Bernardo Jaramillo und Carlos Pizarro. Jaramillo war Kandidat der Patriotischen Union, und Pizarro war der beliebteste Kommandant der Guerillabewegung M-19, die infolge von Verhandlungen mit dem Staat den bewaffneten Kampf aufgegeben hatte. Als wichtige Geste der Vers\u00f6hnung fand die Nationale Verfassungsgebende Versammlung statt, auf der die beste Verfassung in der Geschichte des Landes verabschiedet wurde, die neuen politischen Kr\u00e4ften den Weg zur politischen Teilhabe ebnete (zuvor wechselten sich Liberale und Konservative an der Macht ab, w\u00e4hrend alle anderen als &#8222;Gesindel&#8220; und Kommunisten galten, die man t\u00f6ten durfte).<\/p>\n<p>Nach der Ermordung von Carlos Pizarro begann der kolumbianische Staat mit der Ausl\u00f6schung ehemaliger M-19-Partisanen. W\u00e4hrend der Massenmord an Kommunisten und ehemaligen FARC-Partisanen zuvor von der Gesellschaft und der Presse fast v\u00f6llig ignoriert worden war, traf das Abschlachten jetzt wohlhabendere Gesellschaftsschichten, die sich zuvor in Sicherheit gew\u00e4hnt hatten. Gleichzeitig schufen Staat, Armee und Drogenhandel das schrecklichste aller Ungeheuer \u2013 den Paramilitarismus, ultrarechte K\u00e4mpfer im Dienste der Oligarchie, die f\u00fcr die schrecklichsten Verbrechen an der Zivilbev\u00f6lkerung verantwortlich sind. Ihr Ziel: die Gesellschaft einzusch\u00fcchtern und den linken Partisanen die Unterst\u00fctzung zu entziehen.<\/p>\n<p>1994 wurde der Vater des aktuellen linken Pr\u00e4sidentschaftskandidaten, Manuel Cepeda, von Auftragsm\u00f6rdern get\u00f6tet. Er war zu diesem Zeitpunkt einer der letzten beiden \u00fcberlebenden Gr\u00fcnder der Patriotischen Union. Er wusste, dass man ihn t\u00f6ten w\u00fcrde, und beeilte sich, zuvor ins Ausland zu reisen, um sich von seiner Tochter zu verabschieden und seine Enkelin kennenzulernen. Als Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez &#8222;Chronik eines angek\u00fcndigten Todes&#8220; verfasste, hat er sich das nicht ausgedacht.<\/p>\n<p>Der Staat wollte ihn nicht sch\u00fctzen. Als 1984 nur\u00a0noch zwei Gr\u00fcnder der Patriotischen Union lebten (Cepeda und die Senatorin Aida Avella), baten sie den kolumbianischen Staat um Schutz. Ein Vertreter des Innenministers empfing sie in seinem B\u00fcro mit der Frage: &#8222;Und wo sind die Beweise f\u00fcr die Drohungen?&#8220; Wohlgemerkt: Dies bereits nach dem gewaltsamen Tod von 6.000 Mitgliedern der Patriotischen Union. Untereinander scherzten Cepeda und Avella: &#8222;Wer von uns wird der N\u00e4chste sein?&#8220;<\/p>\n<p>Der N\u00e4chste war Manuel. Und zwei Jahre nach seiner Ermordung wurde Aidas Auto durch einen Granatenwerfer in Brand gesetzt. Sie \u00fcberlebte wie durch ein Wunder und verlie\u00df sofort das Land.<\/p>\n<p>Manuel und Iv\u00e1n Cepeda lehrten gemeinsam an der Universit\u00e4t der Hauptstadt. Am Tag von Manuels Ermordung kam es so, dass sie getrennt zur Arbeit fuhren. Zuerst fuhr der Vater mit dem Auto los, und wenig sp\u00e4ter machte sich sein Sohn mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Der Bus geriet in einen Stau. Iv\u00e1n nahm an, dass es sich um einen gew\u00f6hnlichen Unfall handelte, und ging nach vorn, um nachzusehen, was los war. Dort erblickte\u00a0er das von Killern zerschossene Auto seines Vaters. Die Presse, die am Tatort eingetroffen war, filmte die Szenerie, und ganz Kolumbien sah sie im Fernsehen.<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><picture class=\"Picture-root Picture-original\"><!--[if IE 9]><video style=\"display: none;\"><![endif]--><source media=\"(-webkit-min-device-pixel-ratio: 2) and (min-resolution: 120dpi)\" data-srcset=\" https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/nhttps:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/6a1dbc53b480cc229d2b71ea.jpg 850w,\n                https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/6a1dbc53b480cc229d2b71ea.jpg 1960w,            \" srcset=\"data:image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\"><source data-srcset=\" https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/nhttps:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/6a1dbc53b480cc229d2b71ea.jpg 460w,\n              https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/6a1dbc53b480cc229d2b71ea.jpg 980w,\n            \" srcset=\"data:image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\"><!--[if IE 9]><\/video><![endif]--><\/picture><!-- noscript pattern --><noscript><\/noscript><\/div><figcaption class=\"RTImage-footer\"><span class=\"RTImage-caption\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Manuel Cepeda Vargas (13.04.1930 \u2012 09.08.1994, ermordet)<\/span><\/span><span class=\"RTImage-source\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Archivfoto<\/span><\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon vor dem Mord an Manuel hatte Iv\u00e1n den Genozid an der Patriotischen Union untersucht. Nach dem Geschehenen wurde die Suche nach Gerechtigkeit f\u00fcr die Opfer zum Sinn seines Lebens. So gelang es ihm, nachzuweisen, dass sein Vater und die anderen im Rahmen von zwei Operationen der staatlichen Geheimdienste ermordet worden waren. Codenamen dieser Operationen waren &#8222;Die Kirsche auf dem Kuchen&#8220; und &#8222;Der rote Tanz&#8220;.<\/p>\n<p>Iv\u00e1n Cepeda brachte die Ergebnisse seiner Nachforschungen vor den\u00a0Interamerikanischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte der Vereinten Nationen und erreichte eine offizielle Verurteilung des kolumbianischen Staates.<\/p>\n<p>Ein Zufall half dabei, die M\u00f6rder von Manuel Cepeda zu \u00fcberf\u00fchren. Iv\u00e1n studierte in seiner Jugend Philosophie in Bulgarien an der Universit\u00e4t Sofia. Der Mord an Manuel wurde von den Insassen eines kolumbianischen Gef\u00e4ngnisses diskutiert, unter denen sich ein Arzt befand, der aufgrund einer erfundenen Anklage verurteilt worden war. Dieser Arzt hatte ebenfalls in Bulgarien studiert. Im Fernsehen wurden Aufnahmen von Iv\u00e1n neben der Leiche seines Vaters gezeigt. In diesem Moment befand sich einer der Killer und Drogenh\u00e4ndler in der N\u00e4he des Arztes, der pl\u00f6tzlich sagte: &#8222;Der Junge tut mir sehr leid, und ich wei\u00df, wer den Auftrag gegeben hat.&#8220;<\/p>\n<p>Der Arzt kannte Iv\u00e1n noch aus seiner Zeit in Bulgarien und bat seine Frau bei einem Besuch, sich mit Iv\u00e1n in Verbindung zu setzen und ihm auf Bulgarisch mitzuteilen, dass es Informationen \u00fcber die M\u00f6rder gebe.<\/p>\n<p>Die Killer entpuppten sich als zwei Soldaten, die einen Befehl von oben erhalten hatten. Nach dem Attentat hatte einer von ihnen versehentlich seine Pistole zu Hause liegen lassen, und seine kleine Tochter hatte beim Spielen mit der Waffe den Abzug bet\u00e4tigt und war ums Leben gekommen. Die Ermittler, die sich mit dem Unfall des Kindes befassten, konnten schnell nachweisen, dass die Patronenh\u00fclsen, die in dem von den M\u00f6rdern zur\u00fcckgelassenen Auto gefunden wurden, mit der pers\u00f6nlichen Waffe des M\u00f6rders \u00fcbereinstimmten. Ein weiterer Zufall, der dazu f\u00fchrte, dass dieser politische Mord \u2013 anders als die Tausenden anderer politischer Morde in Kolumbien \u2013 aufgekl\u00e4rt werden konnte und wenigstens die Ausf\u00fchrenden f\u00fcr ihn b\u00fc\u00dfen mussten.<\/p>\n<p>Wie auch immer die zweite Runde der Wahlen in Kolumbien ausgehen mag, eines ist sicher: Die linken Kr\u00e4fte des Landes werden dieses Mal von einem wahren Helden vertreten.<\/p>\n<p><em><strong>Oleg Jassinski\u00a0<\/strong>ist ein aus der Ukraine stammender Journalist und Lateinamerika-Experte. Er schreibt f\u00fcr\u00a0<a href=\"https:\/\/actualidad.rt.com\/opinion\/oleg-yasinsky\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">RT\u00a0Espa\u00f1ol<\/a>\u00a0sowie unabh\u00e4ngige lateinamerikanische Medien wie Pressenza.com und Desinformemonos.org. Man kann ihm auch auf seinem\u00a0<a href=\"https:\/\/t.me\/olegyasynsky\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Telegram-Kanal<\/a>\u00a0folgen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/261249-ukraine-afrika-lateinamerika-nie-diente-teilte-und-herrschte-den-geteilten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ukraine, Afrika, Lateinamerika \u2013 Nie diente das imperiale &#8222;Teile und herrsche&#8220; den Geteilten<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-all\">\n<div class=\"AllEmbed\">\n                                                <iframe title=\"Luis Posada Carriles: Terrorist und M\u00f6rder im Auftrag der CIA\" allowtransparency=\"true\" height=\"300\" width=\"100%\" style=\"border: none; min-width: min(100%, 430px);height:300px;\" scrolling=\"no\" data-name=\"pb-iframe-player\" src=\"https:\/\/www.podbean.com\/player-v2\/?from=embed&amp;i=aht2s-18bd78f-pb&amp;square=1&amp;share=1&amp;download=1&amp;fonts=Arial&amp;skin=f6f6f6&amp;font-color=&amp;rtl=0&amp;logo_link=&amp;btn-skin=7&amp;size=300\" loading=\"lazy\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe>\n                    <\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Oleg Jassinski In Kolumbien fand am Sonntag der erste Wahlgang der Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt. 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