{"id":7456,"date":"2026-06-04T13:08:57","date_gmt":"2026-06-04T11:08:57","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/kein-platz-am-tisch-die-ohrfeige-von-new-york-von-gunther-burbach\/"},"modified":"2026-06-04T13:08:57","modified_gmt":"2026-06-04T11:08:57","slug":"kein-platz-am-tisch-die-ohrfeige-von-new-york-von-gunther-burbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/kein-platz-am-tisch-die-ohrfeige-von-new-york-von-gunther-burbach\/","title":{"rendered":"Kein Platz am Tisch \u2013 Die Ohrfeige von New York | Von G\u00fcnther Burbach"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Es gibt Niederlagen, die man wegmoderieren kann. Und es gibt Niederlagen, die etwas \u00fcber den tats\u00e4chlichen Zustand eines Landes verraten. Die Abstimmung in der Generalversammlung der Vereinten Nationen geh\u00f6rt zur zweiten Kategorie.<br \/>Deutschland wollte zur\u00fcck in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Deutschland wollte mitreden, gestalten, Verantwortung \u00fcbernehmen. Deutschland wollte erneut einen der begehrten nichtst\u00e4ndigen Sitze f\u00fcr die Jahre 2027 und 2028 erhalten. Am Ende erhielt die Bundesrepublik 104 Stimmen. \u00d6sterreich erhielt 131 Stimmen. Portugal 134. Notwendig w\u00e4ren 127 Stimmen gewesen. <\/p>\n<p>Deutschland scheiterte deutlich. Erstmals \u00fcberhaupt bei einer solchen Kandidatur.<br \/>Man kann \u00fcber Zahlen lange diskutieren. Man kann Wahlergebnisse sch\u00f6nreden. Man kann auf organisatorische Fehler verweisen oder auf eine zu sp\u00e4t gestartete Kandidatur. Genau das geschieht derzeit in Berlin. Doch all diese Erkl\u00e4rungen \u00fcberdecken eine viel wichtigere Frage: Warum wollten so viele Staaten Deutschland nicht w\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Die Bundesregierung scheint darauf bisher keine \u00fcberzeugende Antwort gefunden zu haben. Statt Selbstkritik dominieren Erkl\u00e4rungen. Statt Ursachenforschung werden Ausreden gesucht. Dabei w\u00e4re genau jetzt der Zeitpunkt gekommen, den Blick nicht auf die Vereinten Nationen zu richten, sondern auf sich selbst.<\/p>\n<p>Denn Deutschland sieht sich seit Jahren als moralische F\u00fchrungsmacht. Kaum ein anderes Land betont so h\u00e4ufig seine Verantwortung f\u00fcr Menschenrechte, Demokratie, internationale Regeln und eine sogenannte wertebasierte Au\u00dfenpolitik. Deutsche Politiker reisen durch die Welt und erkl\u00e4ren anderen Staaten regelm\u00e4\u00dfig, wie internationale Ordnung auszusehen hat. Deutsche Regierungen pr\u00e4sentieren sich gern als Stimme des V\u00f6lkerrechts und als Mahner gegen Ungerechtigkeit. Doch genau dieses Selbstbild k\u00f6nnte inzwischen Teil des Problems geworden sein.<\/p>\n<p>Die Welt besteht nicht nur aus Berlin, Br\u00fcssel und Washington. Sie besteht auch aus Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten. Dort wird deutsche Au\u00dfenpolitik h\u00e4ufig anders wahrgenommen als in den Leitartikeln deutscher Zeitungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Russland wegen des Ukrainekrieges v\u00f6llig zu Recht scharf kritisiert wird, fragen viele Staaten des Globalen S\u00fcdens inzwischen, warum \u00e4hnliche Ma\u00dfst\u00e4be nicht \u00fcberall gelten. Warum manche V\u00f6lkerrechtsverletzungen laut verurteilt werden und andere deutlich vorsichtiger. Warum einige Kriege zu t\u00e4glichen Schlagzeilen werden und andere kaum Aufmerksamkeit erhalten. Warum Deutschland bei manchen Konflikten moralische Klarheit fordert, bei anderen aber auffallend zur\u00fcckhaltend wirkt. Diese Fragen m\u00fcssen nicht einmal richtig sein. Es gen\u00fcgt, dass sie weltweit gestellt werden. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der Abstimmung von New York.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wei\u00df niemand mit Sicherheit, warum einzelne Staaten gegen Deutschland gestimmt haben. Die Wahl erfolgte geheim. Niemand kann seri\u00f6s behaupten, die Ursache exakt zu kennen. Aber ebenso wenig kann man ignorieren, dass die Niederlage in eine Zeit f\u00e4llt, in der Deutschlands internationale Rolle zunehmend kritisch betrachtet wird. Selbst ehemalige Spitzenvertreter der deutschen Diplomatie verweisen auf die Kritik vieler Staaten an der deutschen Position im Gaza-Konflikt und auf den Vorwurf doppelter Standards. Dabei geht es nicht nur um Gaza. Es geht um ein grunds\u00e4tzliches Problem deutscher Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Deutschland hat sich \u00fcber Jahre angew\u00f6hnt, internationale Konflikte nicht nur politisch, sondern auch moralisch zu bewerten. Das klingt zun\u00e4chst nobel. In der Praxis f\u00fchrt es jedoch dazu, dass jede Ungleichbehandlung sofort sichtbar wird. Wer anderen Staaten st\u00e4ndig erkl\u00e4rt, wie Menschenrechte auszulegen sind, muss sich irgendwann fragen lassen, ob er dieselben Ma\u00dfst\u00e4be auch auf seine Verb\u00fcndeten anwendet. Genau an diesem Punkt scheint Deutschlands Glaubw\u00fcrdigkeit Schaden genommen zu haben.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung spricht gern von einer regelbasierten internationalen Ordnung. Doch eine Ordnung lebt nicht von Reden. Sie lebt davon, dass Regeln f\u00fcr alle gelten.<\/p>\n<p>Viele Staaten au\u00dferhalb Europas beobachten deshalb sehr genau, wie Deutschland auf Konflikte reagiert. Sie registrieren nicht nur das, was gesagt wird. Sie registrieren auch das, was nicht gesagt wird. Sie achten darauf, welche Verst\u00f6\u00dfe gegen internationales Recht sofort benannt werden und welche eher diplomatisch umschrieben werden. Sie beobachten, wo Berlin laut wird und wo es auff\u00e4llig leise bleibt.<\/p>\n<p>Vielleicht war die Abstimmung in New York deshalb weit mehr als eine diplomatische Niederlage. Vielleicht war sie ein Misstrauensvotum gegen eine Au\u00dfenpolitik, die sich selbst moralisch h\u00f6her einordnet, als viele andere Staaten es inzwischen tun. Besonders bemerkenswert ist dabei die Reaktion aus Berlin.<br \/>Anstatt die Niederlage als Anlass zur Selbstpr\u00fcfung zu verstehen, wird bereits \u00fcber finanzielle Konsequenzen diskutiert. Wieder einmal scheint Geld als Druckmittel in den Vordergrund zu r\u00fccken. Dabei ist Deutschland einer der gr\u00f6\u00dften Beitragszahler der Vereinten Nationen. Genau deshalb m\u00fcsste besondere Verantwortung gelten. Denn hinter den Haushaltszahlen stehen keine abstrakten Institutionen. Hinter den Geldern stehen Fl\u00fcchtlingslager. Hinter den Geldern stehen Kinder, die Impfungen erhalten. Hinter den Geldern stehen Menschen in Hungersn\u00f6ten. Hinter den Geldern stehen Schulen in Krisengebieten. Hinter den Geldern stehen Trinkwasserprojekte, medizinische Versorgung und Katastrophenhilfe.<\/p>\n<p>Wer Beitr\u00e4ge k\u00fcrzt, trifft nicht die Diplomaten in New York. Er trifft die Menschen, die von diesen Programmen abh\u00e4ngig sind. Gerade deshalb wirkt die Debatte so befremdlich. Deutschland verliert eine Wahl. Die Konsequenz darf nicht sein, dass ausgerechnet diejenigen die Rechnung bezahlen, die mit den diplomatischen Machtspielen \u00fcberhaupt nichts zu tun haben. Denn genau dieses Vorgehen k\u00f6nnte mit ein Grund sein, warum man die Wahl verloren hat. Es zeigt n\u00e4mlich, welchen Geistes Kind, die Au\u00dfenpolitik von Deutschland momentan ist. Von wegen regelbasiert usw.<\/p>\n<p>Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, warum Deutschland keinen Sitz erhalten hat. Die eigentliche Frage lautet, warum die Bundesregierung offensichtlich nicht bereit ist, die M\u00f6glichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Welt Deutschland heute anders sieht als Deutschland sich selbst. Vielleicht war die Abstimmung von New York genau deshalb kein Betriebsunfall. Vielleicht war sie eine Botschaft. Und vielleicht sollte Berlin endlich damit beginnen, ihr zuzuh\u00f6ren. Diplomatie ist eine merkw\u00fcrdige Disziplin. Panzer lassen sich z\u00e4hlen. Raketen lassen sich z\u00e4hlen. Wirtschaftskraft l\u00e4sst sich messen. Selbst Staatsschulden lassen sich in Tabellen darstellen. Vertrauen dagegen l\u00e4sst sich kaum erfassen.<\/p>\n<p>Es existiert oft \u00fcber Jahre hinweg unsichtbar im Hintergrund. Und wenn es verloren geht, merkt man es h\u00e4ufig erst dann, wenn man es pl\u00f6tzlich braucht. Vielleicht war die Abstimmung in der Generalversammlung der Vereinten Nationen genau ein solcher Moment. Deutschland wollte einen Sitz im Sicherheitsrat. Deutschland bekam ihn nicht. Nat\u00fcrlich wird es daf\u00fcr viele Gr\u00fcnde geben. Wahlk\u00e4mpfe innerhalb der Vereinten Nationen sind komplex. Regionale B\u00fcndnisse spielen eine Rolle. Pers\u00f6nliche Beziehungen. Diplomatische Netzwerke. Strategische Interessen. Doch unabh\u00e4ngig von den konkreten Ursachen bleibt eine unangenehme Tatsache bestehen: Deutschland erhielt deutlich weniger Unterst\u00fctzung als erwartet.<\/p>\n<p>Und genau deshalb lohnt sich die Frage, wie die Bundesrepublik heute au\u00dferhalb ihrer eigenen politischen und medialen Blase wahrgenommen wird. In Berlin herrscht seit Jahren die \u00dcberzeugung vor, Deutschland sei eine Art moralische Mittelmacht. Eine Nation, die aus ihrer Geschichte gelernt habe. Eine Demokratie, die ihre Verantwortung kenne. Ein Staat, der sich f\u00fcr Menschenrechte, V\u00f6lkerrecht und internationale Zusammenarbeit einsetze.<\/p>\n<p>Dieses Selbstbild wird im Inland kaum hinterfragt. International sieht die Lage l\u00e4ngst komplizierter aus. Vor allem im Globalen S\u00fcden w\u00e4chst seit Jahren die Kritik an westlicher Au\u00dfenpolitik. Dabei richtet sich die Kritik nicht nur gegen die Vereinigten Staaten. Auch Deutschland ger\u00e4t zunehmend in den Fokus. Der zentrale Vorwurf lautet dabei immer wieder gleich:<\/p>\n<p>Die Regeln gelten nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen. Und er wird immer lauter. Viele Staaten erinnern daran, dass westliche Regierungen bei manchen Konflikten innerhalb weniger Stunden von Kriegsverbrechen sprechen, w\u00e4hrend bei anderen Konflikten wesentlich vorsichtiger formuliert wird. Viele Staaten fragen, warum das Selbstbestimmungsrecht von V\u00f6lkern mal als unverzichtbar gilt und in anderen Zusammenh\u00e4ngen kaum erw\u00e4hnt wird. Viele Staaten beobachten aufmerksam, welche Opfer \u00f6ffentlich betrauert werden und welche Opfer weitgehend aus dem politischen Diskurs verschwinden. Deutschland steht dabei zunehmend im Zentrum dieser Debatte.<\/p>\n<p>Wer moralische Autorit\u00e4t beansprucht, muss damit rechnen, an den eigenen Anspr\u00fcchen gemessen zu werden. Man kann also sagen, dass Ergebnis der Abstimmung ist eine schallende Ohrfeige f\u00fcr die politische F\u00fchrung Deutschlands. Und solange kein Umdenken stattfindet, wird Deutschland immer mehr an Glaubw\u00fcrdigkeit verlieren. Allerdings darf bezweifelt werden, dass diese Regierung \u00fcberhaupt im Stande ist Fehler zuzugeben und endlich seinen Innen- wie Au\u00dfenpolitischen Kurs zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>UN-Wahl 2026: Deutschland scheitert mit 104 Stimmen bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat<br \/><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/un-sicherheitsrat-wahl-deutschland-scheitert-100.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/un-sicherheitsrat-wahl-deutschland-scheitert-100.html<\/a><\/p>\n<p>Reuters: \u00d6sterreich und Portugal gewinnen die Wahl, Deutschland erh\u00e4lt nur 104 Stimmen<br \/><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/americas\/austria-portugal-trinidad-tobago-zimbabwe-elected-un-security-council-2026-06-03\/?ref=apolut.net\">https:\/\/www.reuters.com\/world\/americas\/austria-portugal-trinidad-tobago-zimbabwe-elected-un-security-council-2026-06-03\/<\/a><\/p>\n<p>UNRIC (Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen): Deutschland scheitert bei Wahl in den Sicherheitsrat<br \/><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/unric.org\/de\/deutschland-scheitert-bei-wahl-in-un-sicherheitsrat\/?ref=apolut.net\">https:\/\/unric.org\/de\/deutschland-scheitert-bei-wahl-in-un-sicherheitsrat\/<\/a><\/p>\n<p>Tagesspiegel: Deutschland scheitert mit 104 Stimmen gegen \u00d6sterreich und Portugal<br \/><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/weniger-stimmen-als-portugal-und-osterreich-deutschland-scheitert-bei-wahl-in-un-sicherheitsrat-15674280.html?ref=apolut.net\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/weniger-stimmen-als-portugal-und-osterreich-deutschland-scheitert-bei-wahl-in-un-sicherheitsrat-15674280.html<\/a><br \/>S\u00fcddeutsche Zeitung: Deutschland verpasst nichtst\u00e4ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat<br \/><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/wahl-deutschland-oesterreich-portugal-un-sicherheitsrat-vereinte-nationen-eu-li.3493111?ref=apolut.net\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/wahl-deutschland-oesterreich-portugal-un-sicherheitsrat-vereinte-nationen-eu-li.3493111<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Es gibt Niederlagen, die man wegmoderieren kann. 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