{"id":7849,"date":"2026-06-06T11:18:21","date_gmt":"2026-06-06T09:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/ins-schweigen-geschweisst-von-dirk-c-fleck\/"},"modified":"2026-06-06T11:18:21","modified_gmt":"2026-06-06T09:18:21","slug":"ins-schweigen-geschweisst-von-dirk-c-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/ins-schweigen-geschweisst-von-dirk-c-fleck\/","title":{"rendered":"Ins Schweigen geschwei\u00dft | Von Dirk C. Fleck"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong>.<\/em>\u00a0<\/p>\n<p>Ich habe die Stadt f\u00fcr ein paar Wochen verlassen. Im Gep\u00e4ck befinden sich die fr\u00fchen Erz\u00e4hlungen von Vladimir Nabokov (1899\u20131977), die er noch in russischer Sprache verfasst hat. Nabokov z\u00e4hlt f\u00fcr mich zu den herausragendsten Poeten seit \u2026 ach, was wei\u00df ich, seit Menschengedenken meinetwegen. Seine Sprache ist von einer Eleganz, dass man glauben m\u00f6chte, sie sei vom D\u00e4mon der Anmut besessen. Sie fasst seine feinsinnigen, fast feinstofflichen Beobachtungen auf eine Art zusammen, dass selbst beschriebene Schrecken noch nach Fr\u00fchling duften. Winde, B\u00e4ume und andere Personen werden greifbar und begreifbar.<\/p>\n<p>Nabokov streckt seine Wortarme immer zu Gott aus, \u00e4hnlich wie Novalis legt er seine Poesie dem Leben zu F\u00fc\u00dfen. Hier ein dem Erz\u00e4hlband willk\u00fcrlich entnommener Textausschnitt: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch begriff, dass nicht du allein, sondern die ganze Welt meine Geliebte war. Meine Seele hatte gleichsam unz\u00e4hlige feine F\u00fchler ausgestreckt, und ich lebte in allem und sp\u00fcrte gleichzeitig, wie irgendwo jenseits des Ozeans die Niagara-F\u00e4lle tosten und hier in der Allee lange goldene Tropfen raschelten und zu Boden fielen. Ich blickte auf die gl\u00e4nzende Rinde der Birke und f\u00fchlte pl\u00f6tzlich: nicht Arme hatte ich, sondern herabh\u00e4ngende Zweige mit kleinen feuchten Bl\u00e4ttchen, und nicht Beine, sondern tausend feine Wurzeln, die sich ausbreiteten und die Erde tranken. Ich w\u00fcnschte mir, so in die Natur hinein zu flie\u00dfen\u2026\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Geheimnisse des Lebens entziehen sich dem Verstand, nur die Poesie darf sich ihnen in bescheidener Weise n\u00e4hern. Poesie klingt, sie erkl\u00e4rt nicht. Sie ist der Resonanzboden f\u00fcr die Schwingungen des Lebens. Nabokov wusste das. Er wusste, dass Worte, wenn sie vom Verstand gepr\u00e4gt sind, die Wahrheit verstellen, anstatt sie sinnlich erfahrbar zu machen.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlicher Hinweis findet sich in den Reden des S\u00fcdsee-H\u00e4uptlings Tuiavii. Sie wurden nach dessen Reise durch Europa unter dem Titel \u201eDer Papalagi\u201c 1920 erstmals ver\u00f6ffentlicht. Dort hei\u00dft es, dass die Menschen, die ausschlie\u00dflich auf den Verstand setzen, sich permanent \u201everdenken\u201c.<\/p>\n<p>Aber das ist es nicht, was ich erz\u00e4hlen wollte. Ich muss an den Traum von heute Nacht denken, er sprach zu mir in einer Sprache, die nicht von dieser Welt war und die ich dennoch verstand. Seine Stimme war kr\u00e4ftig und die Worte hatten Gesichter, junge oszillierende Gesichter, die mich eindringlich daran erinnerten, dass ich noch dieses eine Buch in mir trage, um das ich vor langer Zeit gebeten hatte und das ich scheinbar wieder vergessen wollte. Aber so einfach sei das nicht, wenn man mit einem Wunsch bei ihnen vorstellig geworden war. Es sei nun Zeit, das Werk zu heben. \u00bbEs gibt sie, die Dornenfelder, in denen die Dichter solange bluten, bis sie aufgerufen werden zu schreiben.\u00ab Das, so die Stimme, h\u00e4tte ich vor Jahrzehnten selbst geschrieben.<\/p>\n<p>Was man sich in seiner jugendlichen Wirrsal doch alles zu sagen traut! Jugend ist keine Entschuldigung, musste ich mir anh\u00f6ren. <\/p>\n<blockquote><p>\u201eGesagt ist gesagt, auch die fahrl\u00e4ssigsten Worte verpflichten. Du wolltest hinter die Sprache kommen. Hast uns gefragt, wie es sich anf\u00fchlt, nicht mehr eingebettet zu sein, in die uns zur Verf\u00fcgung stehenden Sinne. Wir zeigen es dir, vorausgesetzt, du meinst es ernst.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Normalerweise verdampfen meine Tr\u00e4ume, sobald ich die Augen \u00f6ffne. Wenn ich Gl\u00fcck habe, ziehen die schwindenden Bilder ihren Duft nach, gleich einem Blumenstrau\u00df, den man kurz unter die Nase gerieben bekommt. An diesem Morgen verfl\u00fcchtigt sich nichts. Ich kann den Stift liegen lassen, mit dem ich den Tr\u00e4umen gelegentlich auf die Schleppe trete. Ich bin sicher, dass er abrufbar bleibt, dass ich in Ruhe aufstehen, duschen und fr\u00fchst\u00fccken darf \u2013 was ich auch tue.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck lege ich mich auf die Couch. Ich trage den Schlaf noch in den Klamotten, ruhig und farblos ist er gewesen. Die Sonne w\u00e4rmt mein Gesicht. Ich soll darum gebeten haben, hinter die Sprache zu kommen? Die Idee konnte unm\u00f6glich von mir sein. Erstens w\u00fcrde ich mich an sie erinnern und zweitens war ich bis vor wenigen Jahren viel zu eitel, um ohne Worte ins Risiko zu gehen. Vielleicht war mein Wunsch der Emp\u00f6rung geschuldet, die sich junge Autoren mit Blick auf den Zeitgeist leisten, um sich im Ausdruck zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Ich hatte lange darauf gewartet, mich einer Idee widmen zu d\u00fcrfen, die auf h\u00f6herer Warte ersonnen war, der ich aber als Handlanger dienen darf. Gestern Nacht war ich f\u00fcr diesen Frondienst f\u00fcr w\u00fcrdig befunden worden. In den letzten Jahren habe ich der Faulheit gefr\u00f6nt und umtriebigen Menschen zynisch folgendes Statement entgegen gehalten: <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbWenn ihr nicht gen\u00fcgend Energie f\u00fcr die Faulheit aufbringen k\u00f6nnt, die uns das Leben entspannt betrachten l\u00e4sst, dann setzt eure Neugier und Wachheit ruhig weiter daf\u00fcr ein, der vorbeiziehenden Zeit Gedanken und Bilder zu entrei\u00dfen, die dir euch als Erkenntnistapete ins Wohnzimmer eurer Seele kleben k\u00f6nnt.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich war unter Freunden nicht gut gelitten, als ich noch sprach. Sobald ich ihren eitlen Versuchen, sich die Wahrheit verbal zu erschleichen, mit dem Satz begegnete, dass nicht Wissen, sondern Nichtwissen der Zement der Wahrheit ist, wurde ich m\u00fcde bel\u00e4chelt. Es hat aber Spa\u00df gemacht, auf der intellektuellen Eisbahn ein wenig Granulat zu verstreuen, um die Pirouetten der Selbstdarsteller ungelenk bis albern aussehen zu lassen.<\/p>\n<p>Gut, das war gemein. Aber ich wei\u00df bereits, wie ich anfangen werde. Zun\u00e4chst muss ich der Wand, die uns von der Wahrheit trennt, die Worttapete entrei\u00dfen, welche tollk\u00fchne Denker ihr im Laufe der Jahrhunderte Schicht f\u00fcr Schicht aufgetragen haben. Ich werde so lange hart zu Werke gehen, bis man sie nicht mehr sieht, sie nicht einmal mehr sp\u00fcrt \u2013 und wenn ich mir an ihr die Finger wund kratzen muss, um sie von den gesammelten \u201eErkenntnissen\u201c zu befreien, die Wissenschaftler, Philosophen, Poeten und religi\u00f6se F\u00fchrer auf ihr hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Egal wie unterschiedlich und tiefsch\u00fcrfend ihre Bem\u00fchungen gewesen sein m\u00f6gen, sie dokumentieren doch nur Ohnmacht und Verzweiflung. Mein Ehrgeiz ist es, eine Schneise durch die Postulate der Ohnmacht zu schlagen, um letztlich an jenes Licht zu gelangen, in dem Worte verdampfen, weil sie dort nichts zu sagen haben. Jeden Tag werde ich im Schwei\u00dfe meines Angesichts durch frisch abgetragene Tapetenfetzen waten und nicht einmal mehr aufheben, was den Hirnen eines Heraklit, eines Descartes oder Voltaires, eines Leibniz, Schopenhauers, Kants und Hunderten anderer genialer und bem\u00fchter Denker im Laufe der Jahrhunderte entsprungen ist. Kurz: Mir sind die Aussagen derjenigen egal, die sich \u00fcber den Verstand auf die Suche gemacht haben. Ihre gemeinsam aufgestellte Wand der Erkenntnis, die Einfluss auf die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit genommen hat, ist den wahren Himmelsdurchbrechern im Weg. Sie konnte nur entstehen, weil wir Menschen uns st\u00e4ndig verdenken.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eLebendigkeit\u201c geht der Biologe und Philosoph Andreas Weber (59) der Frage nach, wie wir die Welt ber\u00fchren und wie wir uns von ihr ber\u00fchren lassen. Am Ende wird klar, dass Antworten nur \u00fcber das Herz zu haben sind. Das Herz ist die Membran, mit der wir die Schwingungen des Lebens wahrzunehmen verm\u00f6gen. Nur \u00fcber das Herz geraten wir in den Zustand der alles durchdringenden Liebe. Hoff ich doch. Aber erst einmal muss ich mich durch die gedachten und postulierten Denker-Wahrheiten der Firma Philo &amp; S\u00f6hne ans Licht arbeiten.<\/p>\n<p>NICHTWISSEN IST DER ZEMENT DER WAHRHEIT. Mit anderen Worten: Wo Wissen stirbt, wird Weisheit geboren. Das wird mein Kompass sein. Ich l\u00e4chle der Katze zu, die an meinem Fenster vorbei durchs hohe, saftige Gras streift.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken dem Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: alte Tapetenreste an einer Wand<br \/>Bildquelle: LIAL \/ shutterstock<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Dirk C. Fleck<\/strong>.<\/em>\u00a0<\/p>\n<p>Ich habe die Stadt f\u00fcr ein paar Wochen verlassen. Im Gep\u00e4ck befinden sich die fr\u00fchen Erz\u00e4hlungen von Vladimir Nabokov (1899\u20131977), die er noch in russischer Sprache verfasst hat. 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