{"id":8020,"date":"2026-06-07T14:07:32","date_gmt":"2026-06-07T12:07:32","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/erwachtes-interesse-sucht-deutschand-wieder-die-annaeherung-an-russland\/"},"modified":"2026-06-07T14:07:32","modified_gmt":"2026-06-07T12:07:32","slug":"erwachtes-interesse-sucht-deutschand-wieder-die-annaeherung-an-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/erwachtes-interesse-sucht-deutschand-wieder-die-annaeherung-an-russland\/","title":{"rendered":"Erwachtes Interesse: Sucht Deutschand wieder die Ann\u00e4herung an Russland?"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Sergei Sawtschuk<\/em><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des derzeit stattfindenden Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums (SPIEF) richten ausl\u00e4ndische Medien auf die eine oder andere Weise ihr Augenmerk auf Russland und die Interaktion mit unserer Volkswirtschaft. Dabei finden sich auch recht bemerkenswerte Medienberichte.<\/p>\n<p>So gab die Deutsch-Russische Au\u00dfenhandelskammer (AHK) die Er\u00f6ffnung ihrer Niederlassung in Sankt Petersburg bekannt und ver\u00f6ffentlichte zudem die Ergebnisse einer interessanten Umfrage: Ihre Fachleute f\u00fchrten im Rahmen der AHK-T\u00e4tigkeit eine Umfrage unter Vertretern kooperierender deutscher Unternehmen durch und stellten fest, dass zwei Drittel (71 Prozent) der Firmen aus Deutschland fest entschlossen sind, ihre Gesch\u00e4fte und gemeinsamen Projekte in Russland aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Nur zwei Prozent der befragten Unternehmen beabsichtigen, den russischen Markt zu verlassen. Jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) hat Finanzmittel vorgesehen, die bis zum Jahresende in Form von Direktinvestitionen in den Agrar-, Energie- und IT-Sektor flie\u00dfen sollen. Gerade diese Bereiche gelten nach Ansicht deutscher Investoren als besonders vielversprechend, da sie die h\u00f6chsten und \u2013 was vor allem z\u00e4hlt \u2013 langfristigen Gewinne erwarten lassen.<\/p>\n<p>Interessante Erkenntnisse bietet auch einen &#8222;Blick von au\u00dfen&#8220; auf die Auswirkungen der beispiellosen Zahl von Sanktionen, die gegen Russland verh\u00e4ngt wurden und unsere Gesch\u00e4ftspartner direkt oder indirekt getroffen haben: 58 Prozent der Vertreter der deutschen Wirtschaft gaben zu, dass das Sanktionsregime ihre Finanzkennzahlen erheblich verschlechtert habe. Jeder dritte Befragte ist der Ansicht, dass die Sanktionen Deutschland st\u00e4rker geschadet haben als Russland. Acht von zehn deutschen Unternehmen mussten direkte Verluste in H\u00f6he von \u00fcber zehn Millionen Euro hinnehmen, und einzelne Unternehmen verzeichneten Einnahmeausf\u00e4lle von \u00fcber einer Milliarde Euro.<\/p>\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnte man nun schadenfroh feststellen, dass die &#8222;russische Propaganda&#8220;, die jahrelang genau vor solchen Folgen einer blinden Orientierung an der Politik der Isolation und des Abbruchs der Handelsbeziehungen gewarnt hatte, sich als vollkommen richtig erwiesen hat. Doch das ergebe keinen Sinn. Die politischen Entscheidungszentren im Westen werden sich erneut taubstellen und vorgeben, als k\u00e4men sie von einem anderen Planeten. Die Gesch\u00e4ftswelt hatte all das von Anfang an verstanden \u2013 nur spricht sie jetzt, angesichts des anhaltenden wirtschaftlichen Abw\u00e4rtstrends, offen dar\u00fcber und schert sich nicht mehr um politische H\u00f6flichkeitsfloskeln oder den Unmut der eigenen Politiker.<\/p>\n<p>Historisch betrachtet geh\u00f6rte Deutschland immer wieder zu den f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften ausl\u00e4ndischen Investoren und engagierte sich aktiv in der russischen Wirtschaft sowie in verschiedenen strategischen (und nicht nur strategischen) Projekten. Zu den gr\u00f6\u00dften z\u00e4hlen nat\u00fcrlich die &#8222;Nord Stream&#8220;-Gaspipelines. Allein in den Bau des Pipelineabschnitts investierten die deutschen Energieriesen Uniper und Wintershall Dea mehr als drei Milliarden Euro; mehr als weitere 19 Milliarden Euro flossen von ihnen gemeinsam mit nationalen deutschen Betreibern in den Aufbau innerer Verteilernetze.<\/p>\n<p>Deutsche Unternehmer aus der Energiebranche waren nicht nur am Transport und Absatz des blauen Brennstoffs interessiert, sondern auch an der Sicherung der Ressourcenbasis f\u00fcr k\u00fcnftige Vertr\u00e4ge. BASF AG finanzierte \u00fcber ihre Tochtergesellschaft Wintershall Holding 35 Prozent des Projekts zur Erschlie\u00dfung der Gasf\u00f6rderung im Juschno-Russkoje-Feld im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen nord\u00f6stlich von Nowy Urengoi. Das Interesse der europ\u00e4ischen Unternehmen war mehr als nachvollziehbar: Das Juschno-Russkoje-Feld verf\u00fcgt \u00fcber rund eine Billion Kubikmeter bilanzierter Erdgasreserven sowie \u00fcber mehr als 50 Millionen Tonnen \u00d6l und Kondensat. Auf der offiziellen Seite von &#8222;Gazprom&#8220; wird dieses Projekt bis heute als Beispiel f\u00fcr eine effiziente und f\u00fcr beide Seiten vorteilhafte russisch-europ\u00e4ische Zusammenarbeit hervorgehoben.<\/p>\n<p>Doch es ging nicht nur um Bodensch\u00e4tze.<\/p>\n<p>Vor mehr als zehn Jahren kam der deutsche Konzern Siemens nach Russland \u2013 in ein Land, das bekanntlich unermesslich gro\u00df und daher auf Verkehrsverbindungen angewiesen ist. Im Rahmen eines Programms zur Entwicklung und umfassenden Modernisierung der Eisenbahninfrastruktur entwickelten die deutschen Maschinenbauer den heute allseits bekannten Elektrotriebzug &#8222;Lastotschka&#8220;, der speziell an russische Bedingungen und Anforderungen angepasst wurde.<\/p>\n<p>Auf Grundlage der bestehenden Desiro-Plattform entstand eine ganze Reihe von Elektroz\u00fcgen der Typen ES1, ES1P, ES2G, ES2GP, ES104 und ES105, die sp\u00e4ter auch in die Baureihe &#8222;Finist&#8220; aufgenommen wurden. Das Projekt war vielversprechend und profitabel. Ende 2021, also vor Beginn der milit\u00e4rischen Sonderoperation in der Ukraine, wurden aus dem Bundeshaushalt 67,5 Milliarden Rubel f\u00fcr den Kauf von Z\u00fcgen der genannten Baureihen bereitgestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Russische Eisenbahn bereits 1200 Wagen beziehungsweise 24 vollst\u00e4ndige Zugverb\u00e4nde bei dem russisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmen erworben.<\/p>\n<p>Die sich er\u00f6ffnenden Perspektiven versetzten Siemens in Hochstimmung.<\/p>\n<p>Bereits im Jahr 2014 wurden zehn Milliarden Rubel f\u00fcr den Produktionsausbau bereitgestellt, und 2022 gab die Russische Eisenbahn offiziell bekannt, dass das Investitionsprogramm f\u00fcr &#8222;Lastotschka&#8220; und &#8222;Finist&#8220; bis 2025 ein Volumen von vier Billionen Rubel erreichen werde. Moskau war mit dem Verlauf der Dinge zufrieden, und in diesem Zusammenhang erhielt Siemens einen beispiellosen Auftrag \u00fcber die Wartung und Reparatur des Lokomotiv- und Wagenparks f\u00fcr eine Laufzeit von 40 Jahren, wobei auch die &#8222;Sapsan&#8220;-Z\u00fcge in den Auftragsumfang aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Dann jedoch begann die milit\u00e4rische Sonderoperation, und Siemens verlie\u00df unser Land mit hochm\u00fctiger Miene. Heute entwickelt das russische Unternehmen &#8222;Sinara&#8220; dieses Projekt erfolgreich weiter \u2013 nur flie\u00dfen die milliardenschweren Investitionen nun ausschlie\u00dflich in russische H\u00e4nde.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten ist auf dem Territorium unseres Landes ein derart breites Spektrum russisch-deutscher Wirtschaftsprojekte entstanden, dass man dar\u00fcber eine ganze Vorlesungsreihe halten k\u00f6nnte. Doch da uns das Format Grenzen setzt, werden wir andere Richtungen des russisch-deutschen Gemeinschaftsgesch\u00e4fts nur in groben Z\u00fcgen skizzieren.<\/p>\n<p>So errichtete der deutsche Maschinenbaukonzern Claas in Krasnodar das gr\u00f6\u00dfte Werk Europas zur Herstellung von M\u00e4hdreschern und Traktoren. Knauf baute \u00fcber Jahre hinweg beharrlich ein ganzes Fabriknetzwerk f\u00fcr die Produktion von Gipsbaustoffen und Gipskartonplatten auf. Ein weiteres deutsches Unternehmen, MC-Bauchemie, nahm die Produktion von Bauchemikalien auf und errichtete Produktionsst\u00e4tten in der N\u00e4he von Moskau, Sankt Petersburg sowie in Samara und Tjumen. Bayer und Stada geh\u00f6rten zu den Miteigent\u00fcmern der Pharmabetriebe &#8222;Nischpharm&#8220; in Nischni Nowgorod und &#8222;Hemofarm&#8220; in Obninsk. Die Volkswagen Group investierte mehr als eine Milliarde Euro in den Bau eines Werks bei Kaluga, w\u00e4hrend Mercedes-Benz gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr sein Werk in Jessipowo bei Moskau hegte.<\/p>\n<p>Und so weiter \u2013 diese Auflistung lie\u00dfe sich noch lange fortsetzen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die deutschen Unternehmen, die Russland verlassen haben, mit Wehmut \u00fcber eine unsichtbare Mauer hinweg auf den russischen Markt mit seinen 145 Millionen Menschen blicken, setzen Metro Cash &amp; Carry und Globus \u2013 Einzelhandelsketten mit deutschen Wurzeln, die s\u00e4mtliche Sanktionen ignoriert haben \u2013 weiterhin Milliarden Rubel um.<\/p>\n<p>Vor genau hundert Jahren schrieb der Dichter Michail Swetlow das ber\u00fchmte Gedicht &#8222;Grenada&#8220;, in dem er fragte, woher die spanische Melancholie des jungen Mannes r\u00fchre. In der Realit\u00e4t des Jahres 2026 muss man jedoch nicht fragen, woher die Melancholie der deutschen Gesch\u00e4ftswelt mit Blick auf Russland stammt.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/ria.ru\/20260605\/peredumali-2096918787.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 5. Juni 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Sergei Sawtschuk<\/em><\/strong><em> ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit Energiewirtschaft als einem Schwerpunkt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/wirtschaft\/145594-siemens-energy-verlaesst-russland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Siemens Energy verl\u00e4sst Russland<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v78o0mc\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sergei Sawtschuk Vor dem Hintergrund des derzeit stattfindenden Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums (SPIEF) richten ausl\u00e4ndische Medien auf die eine oder andere Weise ihr Augenmerk auf Russland und die Interaktion mit unserer Volkswirtschaft. 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