{"id":9198,"date":"2026-06-12T06:03:29","date_gmt":"2026-06-12T04:03:29","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/die-eu-ist-bereit-zur-schwaechung-russlands-ein-teufelsdutzend-neuer-mitglieder-aufzunehmen\/"},"modified":"2026-06-12T06:03:29","modified_gmt":"2026-06-12T04:03:29","slug":"die-eu-ist-bereit-zur-schwaechung-russlands-ein-teufelsdutzend-neuer-mitglieder-aufzunehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/die-eu-ist-bereit-zur-schwaechung-russlands-ein-teufelsdutzend-neuer-mitglieder-aufzunehmen\/","title":{"rendered":"Die EU ist bereit, zur Schw\u00e4chung Russlands ein &#8222;Teufelsdutzend&#8220; neuer Mitglieder aufzunehmen"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Dmitri Bawyrin<\/em><\/p>\n<p>Derzeit geh\u00f6ren der Europ\u00e4ischen Union 27 Staaten an. Der finnische Pr\u00e4sident schl\u00e4gt also vor, die Union um ein Drittel zu vergr\u00f6\u00dfern \u2013 im kleinen Helsinki verbergen sich gro\u00dfe geopolitische Ambitionen.<\/p>\n<p>Und das ist kein Scherz: Es ist kein Zufall, dass gerade Stubb mit einem derart weitreichenden Vorschlag auftritt. Unter den ideologischen Erzfeinden Russlands im Westen ist er einer der kl\u00fcgsten. Denker, Intrigant, Stratege und zugleich Praktiker: Eine Zeit lang flog er regelm\u00e4\u00dfig nach Washington, nur um mit US-Pr\u00e4sident Donald Trump Golf zu spielen und ihn gleichzeitig gegen Russland aufzubringen.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass er besonders viele Erfolge vorweisen k\u00f6nnte, zumal der Chef des Wei\u00dfen Hauses gerade seine eigene Agenda verfolgt, auch wenn er Stubb unter den Europ\u00e4ern positiv hervorhebt. Dem Finnen gelang es nicht, die Krise in den Beziehungen zwischen den USA und der EU zu entsch\u00e4rfen, obwohl er sich sehr darum bem\u00fchte. Das liegt daran, dass die Streitpunkte nicht nur Russland und die Ukraine betreffen, sondern beispielsweise auch Gr\u00f6nland, was Europa schlie\u00dflich dazu veranlasste, ernsthaft an der Verl\u00e4sslichkeit Washingtons als milit\u00e4risch-politischer Verb\u00fcndeter zu zweifeln \u2013 nicht nur unter Trump, der Ressourcen f\u00fcr die Konfrontation mit China umverteilt, sondern auch nach Trumps Amtszeit.<\/p>\n<p>Daraus folgt die banale Erkenntnis, dass die Europ\u00e4er ihr Schicksal selbst bestimmen m\u00fcssen \u2013 dies kl\u00e4nge an sich positiv, wenn Br\u00fcssel nicht die Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland als sein Schicksal betrachten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es gibt eine These, der zufolge es gegen Ende des 21. Jahrhunderts in Europa nur noch eine dominierende Macht geben wird: entweder die EU oder Russland. Da die M\u00f6glichkeit einer Kooperation in einem gemeinsamen Raum von Lissabon bis Wladiwostok zunichtegemacht wurde, steht nun ein Konkurrenzkampf bevor, an dessen Ende, grob gesagt, die eine Seite herrschen und die andere dahinvegetieren wird. Diese Hypothese teilt etwa der polnische Au\u00dfenminister und ausgebildete Politikwissenschaftler Rados\u0142aw Sikorski. Stubb wiederum hat mehrere Hochschulabschl\u00fcsse, darunter ebenfalls einen politikwissenschaftlichen, und allem Anschein nach stimmt er Sikorski in dieser Frage zu.<\/p>\n<p>Doch auf die Frage &#8222;Was tun?&#8220; gibt es unter den Europ\u00e4ern zwei konkurrierende Konzepte. Nach dem einen muss die Europ\u00e4ische Union ihre Reihen festigen, Schwachstellen ausbessern und interne Widerspr\u00fcche \u00fcberwinden \u2013 also im Grunde keine unn\u00f6tigen Risiken eingehen, ihre Kr\u00e4fte nicht verzetteln und mit einer Erweiterung vorerst abwarten beziehungsweise sie durch andere Formen geopolitischen Einflusses ersetzen.<\/p>\n<p>Nach der anderen strategischen Variante soll man die Risiken, dass eine EU-Erweiterung die Widerspr\u00fcche versch\u00e4rft und Tendenzen zum Auseinanderbrechen verst\u00e4rkt, bewusst in Kauf nehmen \u2013 und stattdessen aggressiv neue L\u00e4nder &#8222;absorbieren&#8220;, sie zum eigenen Bestandteil machen und dadurch sicherstellen, dass sie vom Einfluss des Konkurrenten befreit werden. Gemeint ist nat\u00fcrlich Russland.<\/p>\n<p><strong>Norwegen und Island w\u00e4ren willkommene Geberl\u00e4nder<\/strong><\/p>\n<p>Stubb steht f\u00fcr die zweite Variante, und sein &#8222;Teufelsdutzend&#8220; EU-Kandidaten (oder besser gesagt: &#8222;Verurteilte&#8220;) f\u00e4llt durch seinen Ehrgeiz auf. Schon allein deshalb, weil sich darunter beispielsweise Gro\u00dfbritannien befindet, das sich bewusst daf\u00fcr entschieden hat, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Finne ist jedoch der Meinung, dass dies noch ge\u00e4ndert werden kann.<\/p>\n<p>Als N\u00e4chste stehen auf seiner Liste Norwegen und Island. Von allen &#8222;Neulingen&#8220; m\u00f6chte man sie am liebsten als Erste in die EU ziehen, da sie zu Geberl\u00e4ndern w\u00fcrden (alle seit 2004 aufgenommenen Staaten sind nach wie vor Nehmerl\u00e4nder). Doch die B\u00fcrger beider skandinavischer Staaten lehnen die Idee eines EU-Beitritts ihrerseits ab (die Norweger sogar zweimal \u2013 bei Referenden in den 1970er- und 1990er-Jahren), da sie um die Grundlagen ihrer Volkswirtschaften f\u00fcrchten \u2013 um die Fischerei, die mit Quoten belegt w\u00fcrde, und um die \u00d6l- und Gasindustrie, deren Einnahmen geteilt werden m\u00fcssten (dies betrifft selbstverst\u00e4ndlich nur Norwegen).<\/p>\n<p>Was die Eliten betrifft, so ist das eine ganz andere Sache, denn diese werden schon seit Langem in die von Br\u00fcssel gew\u00fcnschte Richtung gelenkt. In Norwegen spricht sich die f\u00fchrende Oppositionspartei (die formal gesehen rechtskonservativ ist) f\u00fcr einen EU-Beitritt aus, und der amtierende Au\u00dfenminister erkl\u00e4rte, er w\u00fcrde bei einem erneuten Referendum mit &#8222;Ja&#8220; stimmen, obwohl die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung nach wie vor dagegen ist.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Situation herrscht in Island. Doch dort treiben die Beh\u00f6rden den Prozess voran und wollen im August ein eigenes Referendum abhalten \u2013 vorerst nicht \u00fcber den EU-Beitritt, sondern \u00fcber diesbez\u00fcgliche Verhandlungen (Reykjav\u00edk hatte zuvor bereits einen Beitrittsantrag gestellt, diesen jedoch sp\u00e4ter zur\u00fcckgezogen). Dabei wird dies genauso begr\u00fcndet wie in Norwegen: Trump, so hei\u00dft es, verhalte sich unberechenbar, die NATO br\u00f6ckele, die Welt sei zu komplex geworden und man m\u00fcsse sich einen Platz im engen Kreis Gleichgesinnter sichern.<\/p>\n<p>Angesichts der Tatsache, dass beide L\u00e4nder ebenso wie die meisten EU-Staaten der NATO angeh\u00f6ren, die Europ\u00e4ische Union jedoch \u00fcber keine eigene Armee verf\u00fcgt, klingt dies zwar absurd \u2013 aber nur auf den ersten Blick. Es wird eine gemeinsame Armee geschaffen werden, denn ohne sie sind Hoffnungen auf ein Handeln &#8222;nach eigenem Ermessen&#8220; illusorisch.<\/p>\n<p>Ebenfalls auf Stubbs Liste stehen alle offiziellen EU-Beitrittskandidaten: drei postsowjetische L\u00e4nder (Georgien, Moldawien, Ukraine), f\u00fcnf Balkanstaaten (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Serbien sowie Montenegro), dazu die T\u00fcrkei, die seit Jahrzehnten in der Warteschlange steht und deren Kandidatur viele als reine Formalit\u00e4t betrachten. Doch der finnische Pr\u00e4sident sieht das anders und schaut \u00fcber den Tellerrand hinaus. Vergessen ist offenbar, wie der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan die Finnen dem\u00fctigte, als diese der NATO beitreten wollten: Ankara sei &#8222;zumindest aus Sicherheitsinteressen&#8220; f\u00fcr das europ\u00e4ische Projekt wichtig.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrken verfolgen jedoch schon l\u00e4ngst ihr eigenes geopolitisches Projekt \u2013 das Osmanische Reich 2.0, dessen ma\u00dfgeblicher Einfluss sich sowohl im Nahen Osten als auch im S\u00fcdkaukasus ausweitet. In den Augen vieler EU-L\u00e4nder \u2013 von Griechenland bis Frankreich \u2013 geht die Sicherheitsbedrohung f\u00fcr das europ\u00e4ische Projekt in vielerlei Hinsicht gerade von der T\u00fcrkei aus. Doch solche Euro-Optimisten wie Stubb muss man erst einmal finden: Ihm stehen die T\u00fcrken trotz allem viel n\u00e4her als die Russen.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass er aus der Reihe der postsowjetischen Staaten weder Georgien gesondert hervorhebt, dessen EU-Integration auf Eis liegt, noch Moldawien, das als Vorreiter und als der einem vollwertigen EU-Beitritt am n\u00e4chsten stehende Staat bezeichnet wird (auf dem Balkan sagt man dasselbe \u00fcber Montenegro). Die Botschaft lautet: Wir brauchen alle, wir nehmen alle auf.<\/p>\n<p>Die &#8222;Schwergewichte und Geldgeber&#8220; der Europ\u00e4ischen Union \u2013 Deutschland und Frankreich \u2013 lobbyieren derzeit lediglich f\u00fcr eine beschleunigte EU-Integration Moldawiens und der westlichen Balkanstaaten. F\u00fcr die Ukraine hingegen scheint die EU-Mitgliedschaft offenbar als langfristiger Motivationsfaktor gedacht zu sein, sodass sie es m\u00f6glicherweise nicht bis zum Ziel schaffen wird. H\u00e4tte jedoch Stubb die entscheidende Stimme gehabt, w\u00e4re Wladimir Selenskij der ersehnte &#8222;beschleunigte EU-Beitritt&#8220; bewilligt worden, ungeachtet des Krieges, der Diktatur, der Korruption und des Neonazismus. Denn f\u00fcr den Finnen z\u00e4hlt offenbar vor allem Quantit\u00e4t, wenn es darum geht, Russland an allen Fronten in Schach zu halten.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren es insgesamt 39 Staaten. Wer ist also der 40., der &#8222;Jubil\u00e4umskandidat&#8220;? Dies zu erraten, stellt eine echte Herausforderung dar.<\/p>\n<p><strong>Das 40. EU-Mitglied soll nicht die Schweiz werden, sondern &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Es geht nicht um die Schweiz, die nach wie vor Einladungen zum EU-Beitritt ignoriert. Es sind auch keine Zwergstaaten wie Liechtenstein und Monaco, da diese ohnehin schon dazugeh\u00f6ren, nur ohne Stimmrecht. Es ist auch nicht Armenien, trotz der Tr\u00e4ume Nikol Paschinjans, denen dieser die Beziehungen zu Moskau untergeordnet hat und sich nicht vor einem Bruch mit Russland scheute.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist vorgesehen, Armenien sp\u00e4ter als Teil des Osmanischen Reiches 2.0 zu integrieren.<\/p>\n<p>Es geht um Kanada. Stubbs Ambitionen schreckt nicht einmal der Ozean ab; er ist bereits seit mehreren Monaten von der Idee besessen, die Kanadier in die EU zu locken. In Ottawa reagiert man zur\u00fcckhaltend, da man sich bewusst ist, dass dies einen Handelskrieg mit den USA bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der EU-Kommission (zumindest in Person ihrer Pr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen) ist die Reaktion bezeichnenderweise \u00e4hnlich. Wohl aus dem gleichen Grund.<\/p>\n<p>Stubbs Interesse an der T\u00fcrkei findet dort ebenfalls keine Unterst\u00fctzung; im Gegenteil, Ursula von der Leyen betont die Notwendigkeit, sich vom Einfluss Ankaras abzugrenzen. Mit anderen Worten: Der Wunsch Finnlands, 40 L\u00e4nder in den Reihen dieser europ\u00e4ischen Koalition zu vereinen, ist also ziemlich eigenst\u00e4ndig und eigenwillig. Der finnische Pr\u00e4sident w\u00e4re jedoch nicht er selbst, w\u00fcrde er nicht dazu aufrufen, mutiger zu handeln und in eine Zukunft zu blicken, in der sogar die T\u00fcrken als vollwertige &#8222;Europ\u00e4er&#8220; anerkannt werden, um sich noch st\u00e4rker von allem Russischen zu distanzieren.<\/p>\n<p>Da diese Mischung aus Optimismus und Russophobie bei dem Finnen keine Grenzen kennt, warten wir ab, bis die Geschichte mit ihrem bisweilen unromantischen Realismus diese Grenzen setzt.<\/p>\n<p>Vielleicht werden wir, lange bevor die EU das 40. Mitglied aufnehmen k\u00f6nnte, die Gedenkfeier f\u00fcr diese unvern\u00fcnftige Vereinigung abhalten.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Dmitri Bawyrin<\/strong><\/em><em> ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare f\u00fcr die russischen Medien &#8222;Wsgljad&#8220;, &#8222;RIA Nowosti&#8220; sowie &#8222;Regnum&#8220; und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.<\/em><\/p>\n<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v78oij8\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dmitri Bawyrin Derzeit geh\u00f6ren der Europ\u00e4ischen Union 27 Staaten an. 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