{"id":9339,"date":"2026-06-12T16:03:23","date_gmt":"2026-06-12T14:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/prilepin-nach-35-jahren-unabhaengigkeit-ist-ukrainern-russische-kultur-naeher-als-die-eigene\/"},"modified":"2026-06-12T16:03:23","modified_gmt":"2026-06-12T14:03:23","slug":"prilepin-nach-35-jahren-unabhaengigkeit-ist-ukrainern-russische-kultur-naeher-als-die-eigene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/prilepin-nach-35-jahren-unabhaengigkeit-ist-ukrainern-russische-kultur-naeher-als-die-eigene\/","title":{"rendered":"Prilepin: Nach 35 Jahren Unabh\u00e4ngigkeit ist Ukrainern russische Kultur n\u00e4her als die &#8222;eigene&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Sachar Prilepin<\/em><\/p>\n<p>In der Ukraine gibt es einen Schriftsteller namens Andrij Kokotjucha. Vor kurzem nahm er seinen ganzen Mut zusammen und schrieb etwas unverbl\u00fcmt, was in der Ukraine jeder Literat wei\u00df. Alle wissen es, trauen sich aber nicht, es laut auszusprechen \u2013 er hingegen hat sich nicht gescheut. Gut gemacht!<\/p>\n<p>Allerdings hat er das alles auf Ukrainisch geschrieben, deshalb werde ich es f\u00fcr Sie \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>&#8222;Dieser Beitrag wird vielen wehtun&#8220;, beginnt Kokotjucha seine Botschaft, &#8222;aber ich stimme der Aussage zu, dass ukrainische B\u00fccher und Filme so gut wie nie zitiert werden. Die Ukrainer erkennen ihre eigenen Werke nicht an Zitaten.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Diejenigen, die 45 und \u00e4lter sind&#8220;, f\u00e4hrt er fort, &#8222;kommunizieren untereinander mit Zitaten aus &#8218;Die zw\u00f6lf St\u00fchle&#8216;, &#8218;Hundeherz&#8216; und &#8218;Meister und Margarita&#8216;, mit Gedichten von Jessenin, Puschkin, Wyssozki, Texten von Dowlatow, Brodski und aus dem einzigen Werk von Wenedikt Jerofejew. Sowie aus Filmen von Gaidai (nicht allen), Serien \u00fcber Stierlitz und Sheglow.&#8220;<\/p>\n<p>Es gebe, schreibt Kokotjucha, dabei eine Kluft zwischen Generationen: &#8222;Den nach 1991 Geborenen sagt das alles nichts und wird ihnen auch nichts sagen.&#8220;<\/p>\n<p>Junge Ukrainer kennen die russische Kultur nicht mehr \u2013 au\u00dfer vielleicht den russischen Rap, der \u00fcbrigens gar nicht so schlecht ist.<\/p>\n<p>Nun, auch hier in Russland hat man eine Zeit lang versucht, unsere eigene Jugend von den Wurzeln abzubringen, indem man ihnen als Ersatz Hollywood-Filmvorbilder und koreanische Comics angeboten hat. Bevor man also \u00fcber den Nachbarn die Nase r\u00fcmpft, sollte man einen Blick in den Spiegel werfen.<\/p>\n<p>Was die \u00e4ltere Generation angeht, so sieht Kokotjucha in der Ukraine ein Problem:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wenn sich ein Ausdruck im Volk verbreitet, erreicht er die breitesten Schichten. Auch der fr\u00fche Tytschyna im Liedformat oder Rylskis &#8218;Rosen und Wein&#8216; sind in den Massen nicht verankert. Gleichzeitig erkennen Ukrainer \u00fcber 45 Puschkin an Zitaten, auch wenn sie dabei vor gerechtem Hass gegen ihn brennen. Das Ukrainische war, mit Ausnahme von &#8218;Hinter zwei Hasen her&#8216; (einer sowjetisch-ukrainischen Kom\u00f6die aus dem Jahr 1961 \u2013 Anm. d. Red.), nie massentauglich.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Da er ahnt, dass seine Worte den ukrainischen Lesern nicht gefallen werden, bittet Kokotjucha:<\/p>\n<p><em>&#8222;Bitte zitieren Sie hier nicht Schewtschenko und Franko, um meine Worte zu widerlegen: Die Natur dieses Zitierens ist eine andere. &#8218;Mir gef\u00e4llt es&#8216; ist nicht gleichbedeutend mit Kultstatus. Und sollte das Ukrainische sich in der heutigen Ukraine jemals im Ged\u00e4chtnis festsetzen und zum Kult werden, dann nicht wegen der H\u00e4ufigkeit des Zitierens in den Milieus, sondern au\u00dferhalb ihrer. Nur unter diesen Bedingungen wird etwas von uns Bulgakow verdr\u00e4ngen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das hei\u00dft, er hofft nicht l\u00e4nger, dass das Volk von sich aus die ukrainische Kultur zu lieben lernt, sondern dass sich au\u00dferhalb des Volksmilieus eine &#8222;gewichtige Meinung&#8220; bildet, die die ungl\u00fccklichen Ukrainer zwingen wird, Puschkin, Jessenin und &#8222;Zw\u00f6lf St\u00fchle&#8220; gegen Kokotjucha und Co. einzutauschen.<\/p>\n<p>Ich schreibe all dies nicht der H\u00e4me und der Schadenfreude wegen. Tats\u00e4chlich geht es mir um etwas anderes.<\/p>\n<p>Liest man Memoiren aus dem 19. Jahrhundert \u00fcber das Leben in Kleinrussland, ergibt sich ein fast diametral entgegengesetztes Bild. Das damalige Kleinrussland war l\u00e4ndlich gepr\u00e4gt, bestand aus kleinen Geh\u00f6ften, und kannte weder Puschkin noch Dostojewski. Daf\u00fcr waren die Gedichte von Taras Schewtschenko als Volkslieder verbreitet, die der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Kleinrussen bekannt waren. Und insgesamt lebten die Bewohner der Ukraine im Kontext ihrer eigenen Folklore \u2013 mit ihren vielf\u00e4ltigen D\u00e4monengeschichten, die Gogol f\u00fcr das russische Ohr adaptiert hat.<\/p>\n<p>Manche bei uns behaupten gern, die Sowjetmacht habe die Kleinrussen &#8222;ukrainisiert&#8220;. Doch ausgehend von Kokotjuchas Botschaft erscheint dies als v\u00f6lliger Unsinn.<\/p>\n<p>Die Sowjetmacht hat durch die sowjetische russischsprachige Schule, russische Universit\u00e4ten, russische Museen, das sowjetische Radio, das sowjetische Theater, das sowjetische Fernsehen, sowjetische Zeichentrickfilme und das russische sowjetische Kino (Gelobt sei unter anderem das Filmstudio Odessa!) den Kleinrussen so russifiziert, dass er bis heute \u2013 35 Jahre sp\u00e4ter! \u2013 nicht in der Lage ist, sich von Puschkin, den Liedern Wyssotzkis, von Stierlitz und den Kom\u00f6dien Gaidais zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der durchaus russifizierte Kleinruss&#8216; begann erst nach 1991 wieder, sich allm\u00e4hlich in einen Petljura- und Masepa-Chochljak zu verwandeln.<\/p>\n<p>Wenn wir also ernsthaft die Ukraine zur\u00fcckgewinnen wollen, m\u00fcssen wir den Einfluss der russischen und sowjetischen Kultur im ukrainischen Umfeld um jeden Preis aufrechterhalten.<\/p>\n<p>In Kiew verstehen die das selbst \u2013 genau deshalb rei\u00dfen sie Denkm\u00e4ler nieder und legen Br\u00e4nde in Museen. Eine andere Frage ist, dass sie damit keineswegs in die Zeiten Gogols zur\u00fcckkehren. Sie verwandeln sich selbst in die D\u00e4monen aus Gogols Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a href=\"https:\/\/t.me\/special_authors\/9262\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russischen<\/a>. Der Artikel wurde f\u00fcr den Telegramkanal &#8222;Exklusiv f\u00fcr RT&#8220; verfasst.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Sachar Prilepin<\/strong>\u00a0ist ein russischer Schriftsteller und Journalist, der in den 1990er Jahren im Krieg in Tschetschenien k\u00e4mpfte.\u00a0Sp\u00e4ter hat er als stellvertretender Kommandeur eines Freiwilligenbataillons\u00a0der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk in der Ukraine gek\u00e4mpft. Im Mai 2023 wurde Prilepin bei einem Sprengstoffanschlag auf sein Auto schwer verwundet, sein Fahrer starb dabei. Sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/kurzclips\/video\/201318-sbu-chef-maljuk-redet-offen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">prahlte<\/a> der damalige Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Wassili Maljuk, der Anschlag sei von seinem Dienst ausgef\u00fchrt worden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2013 <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/meinung\/163967-klassische-ukrainische-literaturgeschichte-alles-russen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Klassische ukrainische Literaturgeschichte? Alles Russen<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-all\">\n<div class=\"AllEmbed\">\n                                                <iframe title=\"Die Ukraine ist ein Terrorstaat\" allowtransparency=\"true\" height=\"300\" width=\"100%\" style=\"border: none; min-width: min(100%, 430px);height:300px;\" scrolling=\"no\" data-name=\"pb-iframe-player\" src=\"https:\/\/www.podbean.com\/player-v2\/?from=embed&amp;i=898ae-15d0c94-pb&amp;square=1&amp;share=1&amp;download=1&amp;fonts=Arial&amp;skin=f6f6f6&amp;font-color=&amp;rtl=0&amp;logo_link=&amp;btn-skin=7&amp;size=300\" loading=\"lazy\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe>\n                    <\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sachar Prilepin In der Ukraine gibt es einen Schriftsteller namens Andrij Kokotjucha. Vor kurzem nahm er seinen ganzen Mut zusammen und schrieb etwas unverbl\u00fcmt, was in der Ukraine jeder Literat wei\u00df. 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