{"id":9451,"date":"2026-06-13T08:04:21","date_gmt":"2026-06-13T06:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/entschuldung-veraendert-wirtschaftliche-herausforderungen-russlands\/"},"modified":"2026-06-13T08:04:21","modified_gmt":"2026-06-13T06:04:21","slug":"entschuldung-veraendert-wirtschaftliche-herausforderungen-russlands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/entschuldung-veraendert-wirtschaftliche-herausforderungen-russlands\/","title":{"rendered":"Entschuldung ver\u00e4ndert wirtschaftliche Herausforderungen Russlands"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von <\/em><em>Dmitri <\/em><em>Skworzow<\/em><a><\/a><strong><\/strong><\/p>\n<p>Der russische Finanzminister Anton Siluanow formulierte auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF) eine scheinbar einfache These: Russland sei nicht mehr von Krediten internationaler Finanzorganisationen abh\u00e4ngig. Die Auslandsverschuldung des Landes betrage lediglich rund zehn Prozent und werde in K\u00fcrze vollst\u00e4ndig getilgt sein.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Damit verschwindet Russland nicht aus dem weltweiten System der Zahlungen und Verbindlichkeiten. Russische Unternehmen und Banken haben weiterhin Auslandsschulden. Die russische Wirtschaft als Gesamtheit aus Banken, Exporteuren, Finanz- und Industriestrukturen bleibt ebenfalls durch Kredite, Zahlungen, Vorsch\u00fcsse, Anleihen und konzerninterne Darlehen mit der Au\u00dfenwelt verbunden. Der Verzicht auf eine Auslandsverschuldung ist jedoch eine grundlegende Wende in der Finanzpolitik des Landes.<strong><\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Russland f\u00fchrt die Diskussion \u00fcber die Auslandsverschuldung unweigerlich in die 1990er Jahre zur\u00fcck. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR war die Auslandsverschuldung nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein politisches Problem. Das Land war abh\u00e4ngig von Umschuldungen, IWF-Krediten, Verhandlungen mit dem Pariser Club, Bewertungen der Ratingagenturen und der Stimmung ausl\u00e4ndischer Investoren. Jede Haushaltskrise f\u00fchrte zu Verhandlungen mit ausl\u00e4ndischen Gl\u00e4ubigern. Jedes makro\u00f6konomische Programm musste den Filter der internationalen Finanzinstitutionen passieren.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Seitdem hat sich die finanzielle Lage Russlands grundlegend gewandelt. In diesem Sinne ist Siluanows Erkl\u00e4rung nicht nur eine Mitteilung \u00fcber die Schulden, sondern ein Zeichen f\u00fcr den Bruch mit jener \u00c4ra. Russland ist nicht mehr davon abh\u00e4ngig, ob eine internationale Organisation die n\u00e4chste Tranche freigibt und welche Bedingungen damit verbunden sind.<strong><\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr viele Entwicklungsl\u00e4nder ist eine solche Abh\u00e4ngigkeit bis heute Realit\u00e4t (wie beispielsweise f\u00fcr die Ukraine). Kredite internationaler Finanzorganisationen gehen oft mit Empfehlungen, \u00dcberwachung und Auflagen in Bezug auf Haushaltspolitik, Privatisierung, Tarife, Steuern und Sozialausgaben einher. Formal handelt es sich dabei um wirtschaftliche Auflagen, doch in der Praxis werden sie nicht selten zu einem Instrument zur Einflussnahme auf die Innenpolitik.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Zu den weiteren Vorteilen der Abwesenheit von Auslandsschulden geh\u00f6rt die Verringerung von W\u00e4hrungsrisiken. Wenn ein Staat aktiv Kredite in Dollar oder Euro aufnimmt, muss er st\u00e4ndigen Zugang zu dieser W\u00e4hrung haben, um seine Schulden zu bedienen. Unter normalen Umst\u00e4nden ist dies eine technische Frage, doch unter Sanktionsbedingungen wird daraus eine Frage der Zahlungsinfrastruktur: \u00dcber welche Banken sollen Zahlungen abgewickelt werden, welche Konten sind nicht gesperrt, welche Verwahrstelle erkennt die Erf\u00fcllung der Verpflichtungen an?<strong><\/strong><\/p>\n<p>Nach 2022 sah sich Russland weniger mit einem Mangel an Mitteln f\u00fcr Zahlungen konfrontiert als vielmehr damit, dass die westliche Finanzinfrastruktur nicht mehr neutral war. Zahlungen, Reserven, Verm\u00f6genswerte, Abrechnungen, Wertpapiere \u2013 all dies erwies sich als politisch anf\u00e4llig. In einer solchen Situation gilt: Je weniger Devisenverbindlichkeiten der Staat hat, desto weniger Druckpunkte gibt es.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Wenn ein Land regelm\u00e4\u00dfig auf den internationalen M\u00e4rkten aktiv ist, kann man ihm mit der Sperrung des Zugangs zu Kapital, einer Herabstufung der Bonit\u00e4t, der Verweigerung von Emissionen oder der Blockierung von Zahlungen drohen. Wenn ein Staat hingegen kaum im Ausland Kredite aufnimmt, ist dieses Instrument weitaus weniger wirksam.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer Vorteil des Verzichts auf Auslandsschulden ist der Schutz des Haushalts vor externen Schocks. Auslandsschulden sind nicht nur politisch, sondern auch finanziell gef\u00e4hrlich. Bei einer Schw\u00e4chung der Landesw\u00e4hrung verteuert sich deren Bedienung. Auch inl\u00e4ndische Rubelschulden stellen eine Belastung dar, bergen jedoch nicht dasselbe direkte W\u00e4hrungsrisiko.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist es wichtig, Vereinfachungen zu vermeiden \u2013 Auslandsschulden sind an sich kein \u00dcbel, f\u00fcr viele L\u00e4nder sind sie ein normales Entwicklungsinstrument. Auslandsanleihen erm\u00f6glichen es, langfristiges und vergleichsweise g\u00fcnstiges Kapital zu beschaffen, Infrastruktur aufzubauen, die Industrie zu finanzieren sowie Verkehr, Energieversorgung und st\u00e4dtische Infrastruktur zu modernisieren.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Zumal bei der Tilgung der Auslandsschulden der Kreditbedarf des Staates bestehen bleibt. Der Bundeshaushalt muss weiterhin Ausgaben finanzieren, das Defizit decken, Anleihen platzieren und bereits aufgelaufene Verbindlichkeiten bedienen. Der Schwerpunkt verlagert sich lediglich vom externen Devisenmarkt auf den internen Rubelmarkt. Das bedeutet, dass nicht mehr die Auslands-, sondern die Inlandsverschuldung zum Hauptthema wird: das Volumen der Staatsanleihen, die Renditen, die Kosten f\u00fcr den Schuldendienst sowie die Nachfrage seitens der Banken, Pensionsfonds und privaten Investoren.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Inl\u00e4ndische Schulden sind aus Sicht der Souver\u00e4nit\u00e4t sicherer als Auslandsschulden, aber sie sind nicht kostenlos. Bei einem hohen Leitzins muss der Staat zu hohen Kosten Kredite aufnehmen. Je h\u00f6her die Rendite von Staatsanleihen ist, desto mehr Haushaltsmittel flie\u00dfen in den Schuldendienst.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Zudem konkurrieren staatliche Kreditaufnahmen mit dem privaten Sektor um inl\u00e4ndische Finanzmittel. F\u00fcr Banken kann es rentabler sein, zuverl\u00e4ssige Staatsanleihen zu kaufen, als komplexe Investitionsprojekte zu finanzieren. Daher l\u00f6st die Abkehr von der Auslandsverschuldung zwar ein Problem, schafft aber ein neues: Wie kann man die Inlandsverschuldung langfristig, kosteng\u00fcnstig und entwicklungsf\u00f6rdernd gestalten, anstatt sie nur zur Deckung des Haushaltsdefizits zu nutzen?<strong><\/strong><\/p>\n<p>Daraus ergibt sich eine weitere wichtige Frage.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Die rasche Tilgung der Auslandsverschuldung ist nicht nur finanzieller Schutz, sondern auch ein Abfluss von Ressourcen, die im Inland wirken k\u00f6nnten.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Wenn ein Unternehmen oder ein Staat Deviseneinnahmen zur Tilgung der Auslandsverschuldung verwendet, flie\u00dft dieses Geld an ausl\u00e4ndische Gl\u00e4ubiger. Aus Sicht der Bilanz verringert dies die Verbindlichkeiten. Aus Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung stellt sich jedoch die Frage: H\u00e4tten diese Mittel f\u00fcr inl\u00e4ndische Investitionen genutzt werden k\u00f6nnen?<strong><\/strong><\/p>\n<p>Lange Zeit herrschte in Russland die Logik vor, dass f\u00fcr die Entwicklung ausl\u00e4ndische Investitionen notwendig seien. Ausl\u00e4ndisches Kapital wurde als Quelle f\u00fcr Technologien, Geld und Managementpraktiken angesehen.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Nach 2022 hat sich dieses Modell radikal ver\u00e4ndert. Auf Investitionen des kollektiven Westens als stabile und politisch neutrale Quelle f\u00fcr Entwicklung kann man sich nicht mehr verlassen. Das bedeutet, dass eigene Investitionsquellen zunehmend an Bedeutung gewinnen: Exporteinnahmen, inl\u00e4ndische Ersparnisse, das Bankensystem, staatliche Programme, der Aktienmarkt und die Mittel gro\u00dfer Unternehmen. Dabei verf\u00fcgt Russland nach wie vor \u00fcber einen Au\u00dfenhandels\u00fcberschuss. Das Land verdient mehr am Export, als es f\u00fcr Importe ausgibt.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Hier entsteht ein heikles Dilemma. Der Geldzufluss in die Wirtschaft soll der Entwicklung dienen, aber nicht die Inflation anheizen. Wenn man \u00fcbersch\u00fcssige Mittel einfach in den Konsum lenkt, kann dies zu einem Preisanstieg f\u00fchren. Werden sie jedoch in Produktion, Infrastruktur, Technologie, Verkehr, Werkzeugmaschinenbau, Energiewirtschaft und industrielle Automatisierung gelenkt, ist der Effekt ein anderer: Die Wirtschaft erh\u00e4lt nicht nur Geld, sondern auch neue Kapazit\u00e4ten. Und das Produktionswachstum wird einen Bedarf an zus\u00e4tzlicher Geldmenge hervorrufen, was letztlich zu einem R\u00fcckgang der Inflation f\u00fchren kann.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Somit ist die geringe Auslandsverschuldung f\u00fcr Russland heute nicht nur ein sch\u00f6ner makro\u00f6konomischer Indikator. Sie ist eine Garantie f\u00fcr finanzielle Souver\u00e4nit\u00e4t und sogar ein Element der wirtschaftlichen Verteidigung. Und Siluanows Erkl\u00e4rung ist kein Finanzbericht, sondern ein Signal f\u00fcr einen Wandel des finanz\u00f6konomischen Modells im Land.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Russland l\u00f6st sich nicht nur von der Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Kreditgebern, sondern die russische Wirtschaft steht auch vor einer neuen Herausforderung. Es gilt, einen eigenen, internen Finanzkreislauf f\u00fcr die Entwicklung zu schaffen: mit langfristigen Finanzmitteln, einem stabilen inl\u00e4ndischen Anleihemarkt, einer gesicherten Zahlungsinfrastruktur und Investitionen, die nicht der Bedienung alter Verbindlichkeiten dienen, sondern dem Wachstum der eigenen Wirtschaft.<strong><\/strong><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem\u00a0<\/em><a target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/vz.ru\/economy\/2026\/6\/8\/1425384.html\"><em>Russischen<\/em><\/a><em>. Der Artikel ist am 8. Juni 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220; erschienen.<\/em><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dmitri Skworzow<\/em><\/strong><em>\u00a0ist Analyst bei der Zeitung &#8222;Wsgljad&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> &#8211; <a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/russland\/277612-russlands-staatsverschuldung-auf-rekordtief-im\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Russlands Staatsverschuldung auf Rekordtief im G20-Vergleich<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-all\">\n<div class=\"AllEmbed\">\n                                                <iframe title='\"Leider muss es sein\" \u2013 Kreml macht Europa klar, dass Russland keine Wahl hat' allowtransparency=\"true\" height=\"300\" width=\"100%\" style=\"border: none; min-width: min(100%, 430px);height:300px;\" scrolling=\"no\" data-name=\"pb-iframe-player\" src=\"https:\/\/www.podbean.com\/player-v2\/?from=embed&amp;i=r7duq-1ab5206-pb&amp;square=1&amp;share=1&amp;download=1&amp;fonts=Arial&amp;skin=f6f6f6&amp;font-color=&amp;rtl=0&amp;logo_link=&amp;btn-skin=7&amp;size=300\" loading=\"lazy\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe>\n                    <\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dmitri Skworzow Der russische Finanzminister Anton Siluanow formulierte auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF) eine scheinbar einfache These: Russland sei nicht mehr von Krediten internationaler Finanzorganisationen abh\u00e4ngig. 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