{"id":9514,"date":"2026-06-13T18:09:44","date_gmt":"2026-06-13T16:09:44","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/mitarbeitergespraech-nur-das-schlechte-gespraech-gehoert-abgeschafft-37535108-html\/"},"modified":"2026-06-13T18:09:44","modified_gmt":"2026-06-13T16:09:44","slug":"mitarbeitergespraech-nur-das-schlechte-gespraech-gehoert-abgeschafft-37535108-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/mitarbeitergespraech-nur-das-schlechte-gespraech-gehoert-abgeschafft-37535108-html\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag: Schafft nicht das Mitarbeitergespr\u00e4ch ab \u2013 schafft das schlechte Gespr\u00e4ch ab"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die j\u00e4hrlichen Gespr\u00e4che zwischen F\u00fchrungskraft und Mitarbeiter scheinen oft nicht zu wirken \u2013 manche wollen sie deswegen abschaffen. Doch ein Experiment zeigt eine bessere L\u00f6sung<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Julian Kirchherr, Antoinette Weibel und Cawa Younosi haben an dieser Stelle einen klugen Aufruf formuliert: #NoFeedback. Ihre Kritik trifft einen wunden Punkt, denn das j\u00e4hrliche Feedback-Ritual, in dem eine F\u00fchrungskraft einer anderen Person den Spiegel vorh\u00e4lt und eine Note \u00fcberreicht, scheint oft nicht zu wirken und kann vielleicht manchmal sogar Schaden anrichten. Dem ist wenig hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Aufhorchen l\u00e4sst allerdings der Satz, mit dem die Autoren schlie\u00dfen, ihr Aufruf sei \u201ekein Aufruf dazu, dass man nicht mehr \u00fcber Leistung spricht\u201c. Hier m\u00f6chte ich anschlie\u00dfen, denn die eigentliche Frage ist nicht, ob \u00fcber Leistung gesprochen wird, sondern wie. Und dazu gibt es kausale Evidenz, die in der Debatte bisher kaum vorkommt.<\/p>\n<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Kathrin Manthei und Dirk Sliwka habe ich ein randomisiertes Feldexperiment in einer gro\u00dfen deutschen Einzelhandelskette durchgef\u00fchrt, das in der renommierten Fachzeitschrift \u201eManagement Science\u201c erschienen ist. In 224 Filialen haben wir zwei HR-Instrumente miteinander verglichen, n\u00e4mlich regelm\u00e4\u00dfige Gespr\u00e4che \u00fcber Leistung und einen finanziellen Leistungsbonus.<\/p>\n<h2>Gespr\u00e4che steigerten Gewinn<\/h2>\n<p>Die Gespr\u00e4che waren dabei bewusst schlicht gehalten. Alle zwei Wochen setzten sich Vorgesetzte mit den Filialleitungen zusammen und gingen drei Fragen durch: Was haben Sie konkret getan, um die Filiale profitabler zu machen, welche Probleme sind aufgetreten, und was nehmen Sie sich bis zum n\u00e4chsten Mal vor? Es ging also nicht um eine Benotung und auch nicht nur um den R\u00fcckspiegel auf vergangene Fehler, sondern um konkrete Ma\u00dfnahmen und n\u00e4chste Schritte.<\/p>\n<p>Das Ergebnis war recht eindeutig. Diese Gespr\u00e4che steigerten den Gewinn der Filialen um etwa sieben Prozent, w\u00e4hrend der finanzielle Bonus allein keinen messbaren Anstieg bewirkte. Reden \u00fcber Leistung schlug also das Bezahlen f\u00fcr Leistung.<\/p>\n<\/p>\n<p>Am aufschlussreichsten war f\u00fcr mich aber ein dritter Befund, mit dem wir so nicht gerechnet hatten. Eigentlich hatten wir erwartet, dass Gespr\u00e4ch und Bonus zusammen am besten wirken. Dass sie sich gegenseitig best\u00e4rken. Tats\u00e4chlich trat aber das Gegenteil ein, denn sobald zum Gespr\u00e4ch ein Bonus hinzukam, verpuffte der positive Effekt der Gespr\u00e4che vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, woran das liegt, haben wir die Gespr\u00e4chsprotokolle ausgewertet. Ob es einen Bonus gab oder nicht, \u00e4nderte kaum etwas daran, wie viele Ma\u00dfnahmen die Filialleitungen berichteten, aber es \u00e4nderte sehr viel daran, wie offen sie \u00fcber Probleme sprachen. Ohne Bonus nannten sie fast dreimal so viele Probleme pro Gespr\u00e4ch. Mit Bonus erw\u00e4hnten 60 Prozent \u00fcber die gesamte Laufzeit hinweg kein einziges Problem, w\u00e4hrend es ohne Bonus nur 22 Prozent waren.<\/p>\n<p>Man kann sich das an einem Beispiel vorstellen: Eine Filialleiterin f\u00e4llt auf, dass die Wursttheke regelm\u00e4\u00dfig zu sp\u00e4t best\u00fcckt wird und ihr deshalb die umsatzstarke Mittagskundschaft wegbricht. Das ist kein Vers\u00e4umnis, das sie allein l\u00f6sen kann, denn es h\u00e4ngt an der Belieferung und am Schichtplan, also br\u00e4uchte sie ihren Bezirksleiter daf\u00fcr. Ohne Bonus spricht sie es im Gespr\u00e4ch an, weil ein offen benanntes Problem schlicht zeigt, dass sie ihren Laden im Griff haben will. Bekommt sie aber einen Bonus auf den Filialgewinn, f\u00fcrchtet sie wom\u00f6glich, dass genau dieses Eingest\u00e4ndnis als Ausrede gelesen wird, als Versuch, die schwache Zahl auf die Logistik abzuw\u00e4lzen. Also sagt sie nichts und versucht, es selbst zu l\u00f6sen, und die Mittagskundschaft bleibt weg.<\/p>\n<h2>Sobald am Gespr\u00e4ch Geld h\u00e4ngt, will niemand mehr \u00fcber Probleme reden<\/h2>\n<p>Genau dieses Schweigen kostet am Ende die Leistung, und das l\u00e4sst sich auch zeigen: Beschr\u00e4nkt man die Auswertung auf jene Gespr\u00e4che, in denen \u00fcberhaupt Probleme zur Sprache kamen, verschwindet der sch\u00e4dliche Effekt des Bonus.<\/p>\n<p>Die Autoren des #NoFeedback-Aufrufs setzen auf psychologische Sicherheit als Bedingung f\u00fcr gute Gespr\u00e4che, und unser Experiment zeigt, wie handfest das gemeint ist. Sobald an einem Gespr\u00e4ch unmittelbar Geld h\u00e4ngt, sinkt die Bereitschaft, ehrlich \u00fcber Probleme zu reden. Sicherheit ist insofern nicht nur eine Frage der Kultur, sondern auch der Anreize, die man daneben stellt.<\/p>\n<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das f\u00fcr die Praxis? Ein schlechtes Leistungsgespr\u00e4ch ist eines, in dem ein Formular abgearbeitet wird, in dem es eigentlich um die Note f\u00fcr die Bonusrunde geht und in dem am Ende nur Erfolge pr\u00e4sentiert werden. Ein gutes Gespr\u00e4ch kl\u00e4rt dagegen Erwartungen, macht Probleme sichtbar und vereinbart konkrete n\u00e4chste Schritte, ohne dass am Ergebnis sofort das Gehalt h\u00e4ngt. Es lebt, und das haben wir gezeigt, davon, dass jemand sagen darf, was nicht funktioniert.<\/p>\n<p>Die Lehre ist also nicht, weniger \u00fcber Leistung zu sprechen, sondern besser. Wer das Mitarbeitergespr\u00e4ch ganz abschafft, wirft m\u00f6glicherweise genau das Instrument weg, das wirkt und obendrein wenig kostet.\u00a0Schafft also nicht das Gespr\u00e4ch ab, sondern das schlechte.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Die j\u00e4hrlichen Gespr\u00e4che zwischen F\u00fchrungskraft und Mitarbeiter scheinen oft nicht zu wirken \u2013 manche wollen sie deswegen abschaffen. 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