{"id":9558,"date":"2026-06-14T10:06:58","date_gmt":"2026-06-14T08:06:58","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/politik\/ueberlebensspiel-europas-gasversorgung-geraet-ins-trudeln\/"},"modified":"2026-06-14T10:06:58","modified_gmt":"2026-06-14T08:06:58","slug":"ueberlebensspiel-europas-gasversorgung-geraet-ins-trudeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/politik\/ueberlebensspiel-europas-gasversorgung-geraet-ins-trudeln\/","title":{"rendered":"\u00dcberlebensspiel: Europas Gasversorgung ger\u00e4t ins Trudeln"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em>Von Sergei Sawtschuk<\/em><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte endlos dabei zusehen, wie das Feuer brennt, wie das Wasser flie\u00dft und wie die Europ\u00e4ische Union &#8222;der Neuzeit&#8220; jeden Sommer fieberhaft nach Erdgas sucht, um ihre Gasspeicher im Rahmen der Vorbereitungen auf die kommende Herbst- und Wintersaison zu f\u00fcllen. Der Verband Gas Infrastructure Europe (GIE), der die Interessen der europ\u00e4ischen Gasinfrastrukturbetreiber vertritt, teilt mit, dass die Bef\u00fcllung der unterirdischen Gasspeicher (UGS) zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt, also praktisch Mitte Juni, deutlich hinter dem Zeitplan zur\u00fcckliegt. Derzeit sind die unterirdischen Speicher zu 42 Prozent gef\u00fcllt, was fast 15 Prozentpunkte unter dem durchschnittlichen F\u00fcllstand der vergangenen f\u00fcnf Jahre liegt. Allein in der vergangenen Woche verlangsamte sich das Tempo im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um weitere 0,5 Prozentpunkte.<\/p>\n<p>Nein, dies ist kein weiterer Artikel dar\u00fcber, dass Europa in diesem Winter garantiert frieren wird. Die Sache liegt deutlich tiefer.<\/p>\n<p>Von einem kritischen Scheitern der Speicherf\u00fcllpl\u00e4ne zu sprechen, ebenso wie von einem tiefgreifenden gesamteurop\u00e4ischen Erdgasmangel, w\u00e4re nat\u00fcrlich falsch. Doch diese Tendenz ist durchaus interessant, vor allem, wenn man die Dynamik im Zusammenhang mit den Ereignissen der vergangenen Jahre betrachtet. Zu Beginn der milit\u00e4rischen Sonderoperation in der Ukraine beliefen sich allein die Liefermengen von Pipelinegas aus Russland in die L\u00e4nder des vereinten Europas auf 110 Milliarden Kubikmeter, und dessen Anteil am Gesamtverbrauch erreichte 30 Prozent. Auch Fl\u00fcssigerdgas (LNG) trug seinen Teil dazu bei: 2022 betrug das Liefervolumen 19,5 Millionen Tonnen (22 Milliarden Kubikmeter). Damit erreichte die Abh\u00e4ngigkeit der EU von den Importkan\u00e4len aus dem Osten insgesamt 43 Prozent.<\/p>\n<p>Danach folgten zahlreiche Sanktionen, Blockaden und Embargos, und bereits Ende 2025 bezog dieselbe EU bei einem Gesamtbedarf von 313 Milliarden Kubikmetern Gas nur noch 38,3 Milliarden Kubikmeter aus Russland. Auch der LNG-Import ging zur\u00fcck, wenn auch nicht ganz so stark. Die EU-L\u00e4nder importierten etwas mehr als 20 Milliarden Kubikmeter Fl\u00fcssiggas, also fast die H\u00e4lfte des gesamten in Russland produzierten LNG, und zahlten daf\u00fcr 7,2 Milliarden Euro an unsere Gasexporteure. Im gesamten Jahr 2024 wurden f\u00fcr denselben Bedarf 6,3 Milliarden Euro ausgegeben, doch hier geht es nicht um einen Anstieg der Verkaufsmengen, sondern um die Verteuerung von Fl\u00fcssiggas als Handelsware. Einfach ausgedr\u00fcckt: Der Preis f\u00fcr Fl\u00fcssigerdgas (LNG) ist im Zuge der Ereignisse der letzten Jahre schrittweise gestiegen. Die Ereignisse reihten sich aneinander: Sanktionen, die Sprengung der &#8222;Nord Stream&#8220;-Pipelines, die Sperrung der ukrainischen Transitroute und als Kr\u00f6nung die Ereignisse rund um den Iran, die schlie\u00dflich zur Blockade der Stra\u00dfe von Hormus f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Sowohl Russland, das rund 70 Prozent seiner Exporte in den Westen verlor, als auch die EU, die jedes Jahr am Rande eines Zusammenbruchs der Heizperiode und der Versorgung ihrer Industrie mit Brennstoffen und Rohstoffen balanciert, geh\u00f6rten zu den Leidtragenden. Hauptnutznie\u00dfer davon sind die USA: Sie konnten nicht nur die russische Gasnische besetzen, sondern diese sogar noch ausweiten. Das Volumen der LNG-Lieferungen von jenseits des Atlantiks hat sich seit 2021 verdreifacht, und heute liegt die Abh\u00e4ngigkeit der EU von amerikanischem Wohlwollen in diesem Bereich bei \u00fcber 60 Prozent. Diese Abh\u00e4ngigkeit ist so kritisch und eklatant, dass selbst deutsche Politiker inzwischen offen dar\u00fcber sprechen und die Lage als besorgniserregend bezeichnen. Washington zieht nicht nur zus\u00e4tzliche Milliarden US-Dollar aus den europ\u00e4ischen Taschen, sondern nutzt LNG-Tanker auch als Steuerungsinstrument f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der europ\u00e4ischen Industrie.<\/p>\n<p>Man sagt, Geld regiere die Welt. Doch was tun, wenn es daf\u00fcr schlicht nichts zu kaufen gibt? LNG-Tanker k\u00f6nnen ohne Weiteres von ihrer Route in Richtung Asien abweichen, wo ein st\u00e4ndiger Mangel an Energieressourcen herrscht, der zu Spitzenpreisen pro Tonne und Kubikmeter f\u00fchrt. Sie k\u00f6nnen aber auch die Regasifizierungsterminals in D\u00fcnkirchen, Barcelona und auf der Isle of Grain nicht anlaufen, wenn sie auf direkten Befehl aus Washington den Kurs \u00e4ndern, wie es im vergangenen Jahr der Fall war. Damals wurden die europ\u00e4ischen Abnehmer \u00fcber die einseitige Stornierung der Liefervertr\u00e4ge informiert und erhielten ihr Geld zur\u00fcck, w\u00e4hrend das begehrte LNG nach Japan, Indien und S\u00fcdkorea geliefert wurde.<\/p>\n<p>Um das sich abzeichnende Gesamtbild zu verstehen, muss noch eine Sache erw\u00e4hnt werden.<\/p>\n<p>\u00dcber Erdgas, sei es als Pipelinegas oder als Fl\u00fcssiggas, wird st\u00e4ndig als Energieressource gesprochen und geschrieben, was im Gro\u00dfen und Ganzen v\u00f6llig zutreffend ist. Dabei wird jedoch ein wenig bekannter Umstand oft \u00fcbersehen: Innerhalb der Europ\u00e4ischen Union wird der geringste Teil dieses Brennstoffs speziell f\u00fcr den Energiebedarf, also f\u00fcr die Stromerzeugung, verwendet.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Struktur des gesamten Erdgasverbrauchs in der EU, so zeigt sich, dass lediglich 25 Prozent des Erdgases f\u00fcr die Stromerzeugung aufgewendet werden. Auf die Bed\u00fcrfnisse der Industrie entfallen im Durchschnitt bereits 35 Prozent. Den L\u00f6wenanteil davon beanspruchen dabei Bereiche wie die Chemie- und Erd\u00f6lverarbeitungsindustrie sowie die Herstellung von Stickstoffd\u00fcngemitteln.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Verbrauchsposten entf\u00e4llt jedoch auf den Haushaltssektor, n\u00e4mlich 41 Prozent des Gesamtverbrauchs. Von dem gesamten Erdgas werden 41 Prozent f\u00fcr die Beheizung von Wohn- und Gewerbegeb\u00e4uden (ohne B\u00fcrogeb\u00e4ude, die separat erfasst werden) sowie f\u00fcr die Warmwasserversorgung verwendet. Innerhalb dieser Kategorie wiederum werden 60 Prozent f\u00fcr den Betrieb von Heizkraftwerken verwendet, also konkret f\u00fcr die W\u00e4rmeerzeugung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich variiert dieses Verh\u00e4ltnis von Land zu Land: Am st\u00e4rksten abh\u00e4ngig sind die Niederlande (60 Prozent) und Italien (50 Prozent). Sollte es bis Anfang September nicht gelingen, die europ\u00e4ischen Erdgasspeicher bis zu den geplanten Zielwerten zu f\u00fcllen, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass Vertreter genau dieser Staaten von der Trib\u00fcne der Europ\u00e4ischen Kommission aus f\u00fcr eine weitere Verschiebung der Fristen f\u00fcr den vollst\u00e4ndigen Verzicht auf russisches LNG eintreten werden.<\/p>\n<p>August und September werden zu einem entscheidenden Zeitraum. Sollten die Gasvorr\u00e4te nicht ausreichen und den Wettervorhersagen zufolge ein kalter Winter bevorstehen, stehen Br\u00fcssel als politisches Zentrum und die nationalen Regierungen vor einer recht einfachen Wahl: entweder die verf\u00fcgbaren Gasmengen in den realen Sektor umzuleiten, damit Airbus mit dem US-Unternehmen Boeing konkurrieren kann und die am Abgrund stehenden Automobilhersteller sich noch ein weiteres Jahr gegen die Flut chinesischer Elektroautos behaupten k\u00f6nnen, oder aber H\u00e4user, Krankenh\u00e4user und Schulen mit W\u00e4rme zu versorgen. Die naheliegende Antwort w\u00e4re, dass man den einfachen Europ\u00e4ern &#8222;den Hahn zudreht&#8220;, doch die europ\u00e4ischen politischen Eliten haben in den letzten Jahren mehr als einmal die objektive Logik au\u00dfer Kraft gesetzt.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: Unabh\u00e4ngig davon, wie sich die Ereignisse entwickeln, wird am Ende ohnehin Russland zum Schuldigen erkl\u00e4rt. Aber daran sind wir ja gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Juni 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Sergei Sawtschuk<\/em><\/strong><em> ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit Energiewirtschaft als einem Schwerpunkt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong>\u00a0<strong>\u2013\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/international\/282972-plant-russland-angriff-auf-nato\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Plant Russland einen Angriff auf die NATO? 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