{"id":9684,"date":"2026-06-15T13:15:52","date_gmt":"2026-06-15T11:15:52","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/star-tenor-benjamin-bernheim-jeder-ist-ersetzbar-sogar-maria-callas-37527956-html\/"},"modified":"2026-06-15T13:15:52","modified_gmt":"2026-06-15T11:15:52","slug":"star-tenor-benjamin-bernheim-jeder-ist-ersetzbar-sogar-maria-callas-37527956-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/star-tenor-benjamin-bernheim-jeder-ist-ersetzbar-sogar-maria-callas-37527956-html\/","title":{"rendered":"Klassische Musik: Star-Tenor Benjamin Bernheim: \u201eJeder ist ersetzbar, sogar Maria Callas\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Der Tenor Benjamin Bernheim gilt als Superstar. Nach seinem Solodeb\u00fct in der Hamburger Elbphilharmonie spricht er \u00fcber Einsamkeit auf Tournee, knappere Kassen im Kulturbereich \u2013 und den Druck moderner Sch\u00f6nheitsideale<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Wenige Stunden nach seinem Solo-Deb\u00fct in der Elbphilharmonie mit St\u00fccken von Puccini, Verdi und aus \u201eRom\u00e9o et Juliette\u201c l\u00e4dt Benjamin Bernheim zum Interview ins Hamburger Luxushotel Vier Jahreszeiten ein. Der 41-j\u00e4hrige Franko-Schweizer gilt als einer der gefragtesten lyrischen Ten\u00f6re der Welt und ist seit neun Jahren Markenbotschafter der Uhrenmanufaktur Rolex. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Adrenalin und Einsamkeit, \u00fcber Timoth\u00e9e Chalamet \u2013 und die richtige Uhr f\u00fcr den \u201eKampfmodus\u201c:<\/p>\n<p><strong>Capital: Herr Bernheim, wie haben Sie Ihr Deb\u00fct mit einem Soloprogramm in der Elbphilharmonie erlebt?<\/strong><br \/>Das erste Mal ist immer ein kleiner Schock, denn die Akustik in diesem Konzerthaus ist einzigartig. Durch die rundum von Publikum umgebene B\u00fchne muss man sich bewegen, sonst verliert man einen Teil der Zuh\u00f6rer. Die \u201eElphi\u201c macht uns S\u00e4nger quasi zu Instrumentalisten.<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie sich auf diesen 360-Grad-Einsatz vorbereitet?<\/strong><br \/>In der Branche gibt es mittlerweile einige Mythen dar\u00fcber, wie man hier richtig singt. Was davon tr\u00e4gt und zum eigenen Stil passt, muss in den Proben getestet werden. Ich habe mir zudem angeschaut, was ber\u00fchmte Kollegen wie Jonas Kaufmann, El\u012bna Garan\u010da oder Andreas Schager bei ihren Solokonzerten gemacht haben.<\/p>\n<p><strong>Dem lang anhaltenden stehenden Beifall nach hat das funktioniert.<\/strong><br \/>Ich glaube, ja. Aber ich war selten so m\u00fcde nach einem Auftritt \u2013 ich habe wirklich alles gegeben. Bis zur letzten Zugabe!<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?<\/strong><br \/>Als Kind war ich sehr sch\u00fcchtern. Ein Gespr\u00e4ch wie dieses hier \u2013 undenkbar. Dann kam der Kinderchor, sp\u00e4ter der Opernchor in Lausanne und Genf w\u00e4hrend des Studiums, dann die Solistenrollen. Schritt f\u00fcr Schritt habe ich mir beigebracht, mich vom Kontext nicht auffressen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Wann f\u00e4llt das Adrenalin nach so einem Meilenstein wieder ab?<\/strong><br \/>Gestern um ein Uhr nachts. Pl\u00f6tzlich geht es runter \u2013 wie bei Athleten oder Politikern nach einer gro\u00dfen Rede.<\/p>\n<p><strong>Und dann sitzen Sie allein im Hotel.<\/strong><br \/>Ja, deshalb nutze ich oft Videoanrufe mit meiner Familie. Ein Freund hat als Jugendlicher ein Jahr lang Roberto Alagna und Angela Gheorghiu begleitet. Was er sah: den riesigen Hype um dieses Paar im Londoner Covent Garden, in Berlin, in M\u00fcnchen \u2013 gefolgt von der Stille im Taxi unterwegs ins Hotel. Diesen st\u00e4ndigen, raschen Wechsel zwischen zwei Extremen muss man aushalten lernen. Trotzdem ist es in unserer Branche noch immer ein Tabu, \u00fcber Einsamkeit zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><br \/>Die Leute denken, wir seien st\u00e4ndig von Menschen umgeben, einer ganzen Entourage. Das stimmt so in der Regel aber nicht. Doch Einsamkeit hat auch ihr Gutes: Man kann in Ruhe lesen, Sport treiben, in irgendeiner Form ganz konzentriert kreativ sein. Daf\u00fcr verpasst man durch die starren Termine der Engagements und das Reisen oft die Geburtstage von Freunden und auch Hochzeiten. \u201eNein\u201c zu sagen, ist die wahre Kunst unseres Metiers. Mein fr\u00fcherer Manager sagte mir einmal: \u201eJeder ist ersetzbar, sogar Maria Callas.\u201c Bis zu diesem Punkt aber trage ich eine gro\u00dfe Verantwortung, zu funktionieren.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Sie vergleichen sich gern mit Athleten.<\/strong><br \/>Wir sind wie Formel-1-Fahrer oder Abfahrtsl\u00e4ufer: Wir kennen die Strecke und unser gr\u00f6\u00dfter Gegner sind wir meist selbst. Siege gelingen nur mit ausreichend Schlaf und gen\u00fcgend Erholungsphasen, gerade wenn man nicht mehr 25, sondern 41 Jahre alt ist, wie ich. Die ersten zwei, drei T\u00f6ne auf der B\u00fchne sind dann wie das Gef\u00fchl des Schnees unter den Skiern: Wird es holprig oder smooth? Gerade habe ich vier Verdi-Requiems innerhalb von acht Tagen gesungen. Im Fu\u00dfball nennt man das wohl eine \u201eenglische Woche\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Hollywood-Schauspieler Timoth\u00e9e Chalamet hat im Fr\u00fchjahr die Oper und das Ballett sehr schlagzeilentr\u00e4chtig als sterbende Kunstformen bezeichnet. Trifft Sie das?<\/strong><br \/>Er liegt nicht falsch \u2013 aber auch nicht ganz richtig. Und ehrlich: Danke, Timoth\u00e9e! Er hat der Oper die beste Werbung seit Jahren beschert. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wurde bei den Oscars \u00fcber klassische Musik und Tanz gesprochen.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Also keine Verteidigungsrede?<\/strong><br \/>Nein. Wir sind eine Nische, das waren wir immer. Das sollten wir umarmen, statt die Oper als etwas zu verkaufen, das sie nicht ist. Stimmt, ich bin nicht Bad Bunny, den ich \u00fcbrigens sehr mag. Trotzdem sind die meisten Opernh\u00e4user weltweit voll, ob in Mailand, in Wien oder in Paris. Und wir haben keine Stadien zu f\u00fcllen, uns reichen jeweils 1000 bis 4000 Besucher. Wenn ich also von 100 jungen Menschen, etwa durch den Besuch von Gratis-Generalproben, so zwei bis f\u00fcnf f\u00fcr klassische Musik begeistern kann, ist die Zukunft auf der Nachfrageseite gesichert.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Trotzdem sinken die \u00f6ffentlichen Mittel. Wie wichtig sind Luxusmarken als M\u00e4zene?<\/strong><br \/>Die \u00f6ffentliche F\u00f6rderung war jahrzehntelang das R\u00fcckgrat unserer Branche. Ein Segen, der uns zugleich etwas tr\u00e4ge gemacht hat. Selbst die Berliner Philharmoniker mussten vor zwei Jahren ihr Budget k\u00fcrzen, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war f\u00fcr unsere Zunft wie, wenn der sprichw\u00f6rtliche Kanarienvogel im Minenschacht von der Stange kippt. Ein Weckruf. Jetzt muss man sich sexy machen \u2013 f\u00fcr das Publikum, soziale Medien, f\u00fcr potenzielle Geldgeber. Interessant: F\u00fcr die Opern von San Francisco l\u00e4gen die Tech-Milliard\u00e4re im Silicon Valley nahe. Doch, wenn ich Freunden Glauben schenken kann, von dort kommt kein einziger Cent. Dabei komponierte vor Jahren sogar jemand eine \u201eSteve Jobs\u201c-Oper\u00a0\u2026<\/p>\n<p><strong>Sie sind seit dem Beginn Ihrer Karriere ein Markenbotschafter von Rolex. War das ein Ritterschlag damals oder ein zus\u00e4tzlicher Druck?<\/strong><br \/>Sicherlich beides. Man muss immer in Bestform sein, weil man die Spitze der Uhrenbranche repr\u00e4sentiert. Aber es war auch ein Antrieb, sehr fr\u00fch mein Niveau stetig weiter anzuheben.<\/p>\n<p><strong>Der richtige Look geh\u00f6rt inzwischen dazu?<\/strong><br \/>Absolut, da hat die Welt der Klassik \u00fcber die Jahre definitiv von der Popmusik gelernt. Mit nicht nur positiven Folgen m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen. Ein Beispiel: Vor zwei Jahren war ich krank, konnte zwei Wochen lang nicht ins Gym und nahm etwas zu. Jemand fotografierte mich dann nach einer Vorstellung, und am n\u00e4chsten Morgen stand auf Facebook: \u201eEr ist fett geworden!\u201c Jetzt mache ich seit drei Monaten gezieltes Krafttraining und h\u00f6re st\u00e4ndig: \u201eSie sind wirklich Operns\u00e4nger? Ich dachte, die sind alt, dick und haben keine Haare.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Bei Ihren Kolleginnen d\u00fcrfte der Druck noch gr\u00f6\u00dfer sein.<\/strong><br \/>Wenn eine S\u00e4ngerin zweimal in derselben Robe an wichtigen H\u00e4usern gesehen wird, hei\u00dft es sofort: \u201eOh, die hat wohl keinen Designer als Sponsor oder gibt sich keine M\u00fche mehr.\u201c F\u00fcr 98 Prozent der Frauen auf der B\u00fchne ist das eine Tyrannei im Kopf, st\u00e4ndig etwas Neues suchen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Auch das Publikum kleidet sich anders als fr\u00fcher.<\/strong><br \/>Vor zehn, f\u00fcnfzehn Jahren begann der R\u00fcckzug des \u201eBlack Tie\u201c-Zwangs, und au\u00dfer im Trainingsanzug oder in Badeshorts kam man in viele H\u00e4user problemlos rein. Ich habe Birkenstocks im Haus f\u00fcr Mozart in Salzburg gesehen! Seit drei, vier Jahren dreht es sich: Pl\u00f6tzlich wollen junge M\u00e4nner sich formeller kleiden, junge Frauen w\u00fcnschen sich Kleider, die auch ihre Gro\u00dfm\u00fctter einst getragen h\u00e4tten. Dazu Schmuck und Uhren, gern auch etwas \u00fcppiger.<\/p>\n<p><strong>Sie selbst tragen eine Rolex Daytona am Handgelenk.<\/strong><br \/>Mit Absicht! Ich h\u00e4tte auch meine neue Rolex Land-Dweller nehmen k\u00f6nnen. Doch ich mag die Verbindung des Modells zum Rennsport, da ich f\u00fcr mein Deb\u00fct im \u201eKampfmodus\u201c war, mich als Herausforderer sah. Was ich am Handgelenk trage, ist eher meine R\u00fcstung als der Anzug.<\/p>\n<p><strong>Erinnern Sie sich an Ihre erste Uhr?<\/strong><br \/>Das war eine Casio, also mit Digitalanzeige, und ich habe sie geliebt. Ich bekam sie mit acht Jahren von meinen Eltern geschenkt und f\u00fchlte mich damit sehr erwachsen, als H\u00fcter der Zeit. Wenige Monate sp\u00e4ter habe ich sie beim Baden im Meer verloren. Ich war am Boden zerst\u00f6rt. Danach trug ich jahrelang keine Uhr mehr, aus Angst, meiner Verantwortung daf\u00fcr nicht gerecht zu werden.<\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Der Tenor Benjamin Bernheim gilt als Superstar. 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