{"id":9692,"date":"2026-06-15T13:16:11","date_gmt":"2026-06-15T11:16:11","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/krieg-um-qualifizierte-von-paul-clemente\/"},"modified":"2026-06-15T13:16:11","modified_gmt":"2026-06-15T11:16:11","slug":"krieg-um-qualifizierte-von-paul-clemente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/krieg-um-qualifizierte-von-paul-clemente\/","title":{"rendered":"Krieg um Qualifizierte? | Von Paul Clemente"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Hintergr\u00fcnde zum Schweizer Volksreferendum<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von<strong>\u00a0Paul Clemente.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In der Schweiz fand gestern etwas statt, was deutsche Politiker kaum riskieren w\u00fcrden: Eine Volksbefragung. Und zwar zu einem Thema, f\u00fcr das schon mehr als ein Zahn rausgehauen wurde. Wo die Meinungspalette besonders viel Schwarz-Wei\u00df offeriert. Es geht um Kompensation einer \u00fcberalterten, kinderarmen Gesellschaft durch Migration.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens ist das Schweizer Referendum auch f\u00fcr Deutschland von Belang. Aber nicht wegen seiner Asylpolitik. Sondern weil zahlreiche Bundesb\u00fcrger in die Schweiz emigrieren. Schon seit Jahren. Die l\u00f6sen bei manchem Eidgenossen eine Entfremdung aus.\u00a0<\/p>\n<p>Vor 15 Jahren klagten ungef\u00e4hr 36 Prozent \u00fcber den deutschen Zuzug in die Alpenrepublik. Medial vertreten wurden diese Hater von der 35-j\u00e4hrigen Nationalr\u00e4tin der Schweizerischen Volkspartei, kurz: SVP. Ihr Name: Natalie Rickli. Die gestand klipp und klar: \u201eEinzelne Deutsche st\u00f6ren mich nicht, mich st\u00f6rt die Masse&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>Vor allem im Kanton Z\u00fcrich sorgen die Germanen f\u00fcr Entfremdung. O-Ton Rickli im \u201eSonntags-Blick&#8220;: \u201eWenn es aber nur noch deutsche Serviert\u00f6chter (Kellnerinnen) hat, deutsche \u00c4rzte, ich in den Schweizer Bergen nur noch von Deutschen bedient werde, f\u00fchle ich mich nicht mehr daheim.&#8220;<\/p>\n<p>Bevor jemand seine n\u00e4chste Reise in die Schweiz storniert: Frau Rickli hadert nicht nur mit Deutschen, sondern kritisiert Massenzuwanderung per se. Aber trotz hohem W\u00e4hlerzuspruch kann ihre SVP den deutschen Gastarbeitern keine Remigration in die Bundesrepublik befehlen. Denn das Schweizer Polit-System zwingt die st\u00e4rksten Parteien zu gemeinsamen Beschl\u00fcssen. Da muss man sich zusammenraufen. Da ist Kompromiss gefragt. Liebhaber des ungebremsten Durchregierens w\u00fcrden hier rasch frustriert.<\/p>\n<p>Trotzdem erstritt die SVP bei den Nationalratswahlen 2023 wieder eine hohe Stimmzahl mit ihren Klassikern: Dem Zuwanderungsstopp und der Garantie, nicht in die EU einzutreten. Man wolle die Souver\u00e4nit\u00e4t nicht abgeben. Vor in den Kantonen die an Deutschland angrenzen, also Thurgau, Schaffhausen und St. Gallen, erzielte die SVP ihre besten Ergebnisse. Die \u201eNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u201c kommentierte damals, man habe \u201eDeutschland medial h\u00e4ufig als abschreckendes Beispiel f\u00fcr ,unkontrollierte Zuwanderung\u2019 instrumentalisiert\u201c.<\/p>\n<p>Die aktuelle Volksabstimmung \u00fcber die Obergrenze f\u00fcr Einwohner, gilt als weltweit erstes Referendum zu diesem Thema. Im Vorfeld bem\u00fchte sich die SVP, auch B\u00fcrger ohne nationalkonservativen Background abzuholen. Leute aus dem \u00d6ko-Milieu beispielsweise. Dazu pr\u00e4sentierte sie das Konzept der Migrationsbeschr\u00e4nkung als \u201eNachhaltigkeitsinitiative\u201c: Schlie\u00dflich habe besagte Ausbremsung auch \u00f6kologischen Nutzen: Ressourcenschonung, den Erhalt unverbrauchter Landschaften und Verkehrsberuhigung.<\/p>\n<p>Dieses Querfront-Experiment ist keinesfalls neu: Bereits vor zw\u00f6lf Jahren verfolgte die B\u00fcrgerinitiative Ecopop ein Programm, das den Stopp von \u00dcberbev\u00f6lkerung mit der Sicherung nat\u00fcrlicher Lebensgrundlagen kombinierte. Die von der SVP geforderte Obergrenze der Einwohnerzahl liegt bei 10 Millionen f\u00fcr das Jahr 2050. Derzeitiger Stand: 9,1 Millionen. Laut unabh\u00e4ngiger Prognosen werden die 10 Millionen bereits 2042 erreicht sein. Gr\u00fcnde f\u00fcr den dynamischen Anstieg: Asyl, Familiennachzug und die Freiz\u00fcgigkeit f\u00fcr EU-B\u00fcrger.<\/p>\n<p>So, und wie entschieden die Schweizer? Hochrechnungen zeigten bereits am sp\u00e4ten Mittag: Die Eidgenossen haben den Limitierungsvorschlag der SVP zu 54,8 Prozent abgelehnt. Auf den Webseiten alternativer Medien herrschte \u00fcberwiegend Schweigen \u00fcber den Misserfolg des Referendums. Lediglich in den Leserkommentaren wird mentaler Dampf abgelassen. Manche User hatten dem Votum eine Vorbildfunktion f\u00fcr Europa zugetraut.<\/p>\n<p>Bleibt noch die Frage, woran das Referendum gescheitert ist. Bereits erste Analysen zeigen deutlich: Die Volksbefragung ist vor allem im franz\u00f6sischsprachigen Teil der Schweiz durchgefallen. Die SVP fand ihre Unterst\u00fctzer \u00fcberwiegend im deutschsprachigen Raum. In Orten, die auch von bundesdeutschen Wirtschafts-Migranten geflutet werden.\u00a0<\/p>\n<p>Gegner des Referndums begr\u00fcndeten ihr Nein mit \u00f6konomischer Argumentation. So erkl\u00e4rt der Finanzdienstleister Deloitte auf seiner Webseite, warum die Schweiz trotz \u00dcberalterung ungebremstes Wachstum verzeichne: Wegen der Zuwanderung. Schon jetzt gingen mehr Schweizer in Rente als junge Landsleute nachr\u00fcckten. Aber die Zuwanderung gleiche das aus.<\/p>\n<p>Deloitte prognostiziert sogar einen bevorstehenden \u201eWar for Talent\u201c: einen globalen Kampf um qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte. Auch die Schweiz ben\u00f6tige sie. Aber die \u201ekommen mehrheitlich aus den L\u00e4ndern, die besonders von der demografischen Alterung erfasst werden.\u201c Also aus Westeuropa und asiatischen Staaten. Zu den radikalsten Kritikern des SVP-Referendums z\u00e4hlte der ber\u00fchmte, k\u00fcrzlich verstorbene, Schweizer Soziologe Jean Ziegler. Ihm galt derartige Abgrenzung als Diktat eines \u201eRaubtierkapitalismus\u201c.<\/p>\n<p>Nach der gestrigen Hochrechnung versuchte die SVP, ihr Desaster in einen Erfolg umzudeuten. So jubelte Stephanie Gartenmann, Wahlkreispr\u00e4sidentin im Berner Oberland gegen\u00fcber dem SRF: \u201eDas ist ein klares Signal, dass wir etwas machen m\u00fcssen&#8220;. Man solle auf\u00a0 \u201equalitative Zuwanderung&#8220; setzen, \u201edamit wir die Schweiz noch so haben, wie sie eben ist: lebenswert, mit Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t.&#8220; Auch SVP-Nationalrat Thomas Matter k\u00fcndigte an, den Druck aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Fu\u00dfnote: Die Obergrenze der Einwohnerzahl war nicht das einzige Referendum, \u00fcber das Schweizer B\u00fcrger am Sonntag entschieden haben. Es gab noch ein weiteres Thema: Ob man Wehrpflichtigen den Ausweg in den Zivildienst erschweren sollte? Eine knappe Mehrheit stimmte mit Ja. Die Zivis wolle man k\u00fcnftig h\u00e4rter anpacken. Die Alternative zum Milit\u00e4r, die Arbeit als zivile Hilfskraft soll ihre Sexyness verlieren. Ja. Auch bei den Schweizern ist Aufr\u00fcstung wieder angesagt.<\/p>\n<p>\u00a0<strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor\u00a0f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung des Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Stoppschild vor schweizer Nationalflagge<br \/>Bildquelle:\u00a0Bartolomiej Pietrzyk \/ shutterstock\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Hintergr\u00fcnde zum Schweizer Volksreferendum<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von<strong>\u00a0Paul Clemente.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In der Schweiz fand gestern etwas statt, was deutsche Politiker kaum riskieren w\u00fcrden: Eine Volksbefragung. Und zwar zu einem Thema, f\u00fcr das schon mehr als ein Zahn rausgehauen wurde. 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