{"id":9864,"date":"2026-06-16T14:02:35","date_gmt":"2026-06-16T12:02:35","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/wirtschaft\/gaspreise-wie-social-media-das-heizen-teurer-macht-37542824-html\/"},"modified":"2026-06-16T14:02:35","modified_gmt":"2026-06-16T12:02:35","slug":"gaspreise-wie-social-media-das-heizen-teurer-macht-37542824-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wirtschaft\/gaspreise-wie-social-media-das-heizen-teurer-macht-37542824-html\/","title":{"rendered":"Energie: Wie Social Media die Gaspreise nach oben treibt"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p>Die Gaspreise schwanken im Zuge des Irankriegs stark. Dahinter stecken Algorithmen, die automatisch auf Grundlage von Social-Media-Informationen handeln, erkl\u00e4rt Energieexperte Tobias Federico<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"rtf-content-wrapper\">\n<p><strong>Herr Federico, was passiert gerade am Gasmarkt? Inwiefern sehen Sie Preisschwankungen, die \u00fcber das zu erwartende Ma\u00df in Krisenzeiten hinausgehen?<\/strong><br \/>TOBIAS FEDERICO: Wir m\u00fcssen zwei Dinge unterscheiden: eine Art Normalbetrieb und Sondersituationen wie jetzt nat\u00fcrlich durch die Iran-Krise. Prinzipiell haben wir in allen Bereichen mittlerweile sogenanntes Algotrading: Handel wird nicht nur durch menschliche Marktteilnehmer betrieben, sondern Computer platzieren Gebote und Angebote, aus denen dann Transaktionen werden auf Basis von mathematischen Formeln. Im \u00d6lmarkt wissen wir das schon l\u00e4nger. F\u00fcr den Gasmarkt haben wir das jetzt von den Regulierungsbeh\u00f6rden best\u00e4tigt bekommen, und auf dem Strommarkt gibt es das auch.<\/p>\n<p><strong>Was war jetzt neu im Zuge der Iran-Krise?\u00a0<\/strong><br \/>Das Spannende ist, womit diese Modelle gef\u00fcttert werden. Die Algorithmen k\u00f6nnen mit sogenannten Fundamentaldaten gespeist werden, Wettervorhersagen beispielsweise. Wird es n\u00e4chste Woche kalt, d\u00fcrfte offensichtlich die Gasnachfrage steigen und der Preis anziehen. Im Verlauf der aktuellen Krise haben wir aber bemerkt, dass die Preise insbesondere auf dem Gasmarkt immer wieder erratisch reagieren. Wir sehen Schwankungen von zehn Prozent und mehr, die nicht mit solchen fundamentalen Entwicklungen erkl\u00e4rbar sind. Auff\u00e4llig ist der Zusammenhang mit Social-Media-Posts \u2013 unter anderem von Donald Trump. Diese Algorithmen werden direkt durch soziale Netzwerke gef\u00fcttert.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Ist das ein neues Ausma\u00df oder handeln die gleichen Bots, die es schon l\u00e4nger gibt, nun einfach auf neuer, problematischer Informationslage?\u00a0<\/strong><br \/>Das Ausma\u00df, das der Handel dieser Algorithmen inzwischen hat, ist schwer nachzuvollziehen. Es gibt keine offiziellen Zahlen. Man h\u00f6rt, dass sich die Zahl der Gebote auf dem Gasmarkt, die an unterschiedlichen B\u00f6rsen platziert werden, im Durchschnitt mehr als verzehnfacht, zeitweise w\u00e4hrend des Iran-Kriegs sogar fast verhundertfacht hat. Das d\u00fcrfte auf diese Bots zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Tats\u00e4chlich problematisch wird das aber erst dadurch, dass dieser extrem beschleunigte, automatisierte Handel weniger auf fundamentalen Daten, sondern vermehrt auf Ger\u00fcchten beruht. Diese Kombination f\u00fchrt zu den erh\u00f6hten Preisschwankungen.<\/p>\n<p><strong>Warum sind diese Schwankungen an der B\u00f6rse aus \u00f6konomischer Sicht \u00fcberhaupt problematisch?\u00a0<\/strong><br \/>Das ist tats\u00e4chlich relevant f\u00fcr die Realwirtschaft, weil der Erdgasbezug vieler Versorgungsunternehmen \u00fcber die B\u00f6rse fixiert wird. Denen tut es weh, wenn durch solche Preisschwankungen die Preise nach oben gehen. Aber auch Unternehmen, die \u00fcberhaupt kein Gas an der B\u00f6rse handeln, sind betroffen. Denn der B\u00f6rsenpreis gilt als Referenz f\u00fcr bilaterale Vertr\u00e4ge zwischen Gaslieferanten und K\u00e4ufern. Dadurch entsteht diese Br\u00fccke vom rein technischen Handel zur physischen Lieferung.<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dft das, die Kosten, die durch diese Schwankungen verursacht werden, werden am Ende zu den Privat- und Gesch\u00e4ftskunden weitergereicht?\u00a0<\/strong><br \/>Energieversorger, die f\u00fcr gro\u00dfe Industriekunden Energie einkaufen, reichen das eins zu eins weiter. Haushaltskunden haben in laufenden Vertr\u00e4gen dagegen einen fixen Preis, und der Versorger muss schauen, wie er die n\u00f6tigen Mengen beschafft. Preis\u00e4nderungen kann er in der Regel nur an Neukunden weiterreichen. In der Ukraine-Krise kam es dazu, dass einige Gasversorger ihre Kunden nicht mehr zu dem versprochenen Preis bedienen konnten. Diese Endkunden landeten dann bei ihrem regionalen Grundversorger, wo sie deutlich mehr f\u00fcrs Gas bezahlen mussten.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Wer profitiert von diesen Bots? Wenn die auf Grundlage von Ger\u00fcchten handeln, m\u00fcssten sie doch Verluste machen, wenn sich die Informationen als falsch herausstellen.<\/strong><br \/>Der Wahrheitsgehalt ist nicht entscheidend. Es reicht aus, dass sich das Ger\u00fccht auch bewahrheiten k\u00f6nnte. Das Entscheidende f\u00fcr den H\u00e4ndler ist, die Information fr\u00fchzeitig aufzuschnappen und ganz fr\u00fch am Markt zu agieren, eine Position aufzubauen. Das tun die Bots sehr schnell und effizient. Um den Gewinn zu realisieren, muss diese Position wieder geschlossen werden: Entweder, wenn sich das Ger\u00fccht nicht best\u00e4tigt, oder der H\u00e4ndler setzt ein Limit. Das hei\u00dft, sobald der Preis unter eine festgelegte Schwelle f\u00e4llt, verkauft der Bot wieder. Er nimmt seinen Profit und steigt schnell wieder aus. Mit solchen einem Vorgehen kann man Gewinne erzielen \u2013 wobei es nat\u00fcrlich auch das Risiko gibt, einmal komplett danebenzuliegen.<\/p>\n<p><strong>In den vergangenen Monaten reagierten der \u00d6l- und Gasmarkt teilweise heftig auf \u00c4u\u00dferungen von US-Pr\u00e4sident Trump zu m\u00f6glichen Durchbr\u00fcchen in Friedensverhandlungen mit dem Iran, obwohl f\u00fcr die meisten Beobachter klar war, dass mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht viel dahintersteckte. Steckte hinter solchen Kursbewegungen weniger die Hoffnung von Marktteilnehmern auf baldigen Frieden als vielmehr Bots, die aufgrund von Social-Media-Informationen Positionen aufbauen?<\/strong><br \/>Genau! Wenn Algorithmen mit fundamentalen Daten gef\u00fcttert werden, k\u00f6nnen diese \u00fcberpr\u00fcft werden. Bei den Ger\u00fcchten aus sozialen Medien wird derzeit nicht mal mehr gepr\u00fcft, ob sie \u00fcberhaupt Sinn ergeben. Das ist total egal. Der Algorithmus nimmt diese Informationen f\u00fcr bare M\u00fcnze und handelt entsprechend.\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Zu Beginn von Trumps Pr\u00e4sidentschaft gab es auch am Aktienmarkt sehr starke Bewegungen, wenn er sich ge\u00e4u\u00dfert hat. Dann setzte sich aber die Erkenntnis durch, dass er beispielsweise Zolldrohungen oder andere Ank\u00fcndigungen am Ende doch nicht umsetzt. Investoren und H\u00e4ndler stellten sich darauf ein und entsprechende Posts oder \u00c4u\u00dferungen Trumps verloren am Aktienmarkt weitgehend ihre Wirkung. Ist das auch an den Energiem\u00e4rkten denkbar, dass sich diese Algorithmen anpassen?\u00a0<\/strong><br \/>Das kann ich nicht voraussagen. Ich glaube, mit der Zeit werden sich auch die Algorithmen am\u00a0Gasmarkt darauf einstellen, dass viele dieser Posts auf Social Media hei\u00dfe Luft sind. Meiner Beobachtung nach waren etwa die Reaktionen am Markt auf die j\u00fcngsten Angriffe im Iran auch schon etwas geringer als bei \u00e4hnlichen Situationen vor einigen Wochen. Allerdings gibt es am Gasmarkt, im Gegensatz zum Aktienmarkt, saisonale Kr\u00e4fte, die f\u00fcr eine zunehmende Nervosit\u00e4t sorgen k\u00f6nnten, wenn der Sommer und dann der Herbst kommt und wir die Gasspeicher f\u00fcllen m\u00fcssen. Wenn sich der Konflikt und damit die Knappheit beim Erdgas hinzieht, w\u00e4hrend wir wieder mehr davon brauchen \u2013 dann k\u00f6nnte auch der Markt wieder sensibler auf jede \u00c4u\u00dferung des US-Pr\u00e4sidenten oder andere Ger\u00fcchte bei Social Media reagieren.<\/p>\n<p><strong>Wie blicken Sie auf die kommenden Monate und den n\u00e4chsten Winter?<\/strong><br \/>Eine physische Gasknappheit erwarte ich nicht, weil die USA zumindest f\u00fcr uns in Europa die n\u00f6tigen Erdgasmengen liefern k\u00f6nnen. Wenn sich im Iran-Konflikt nichts bewegt, d\u00fcrfte sich aber ab August der Preiswettbewerb versch\u00e4rfen. Dann m\u00fcssen die Gasspeicher nicht nur in Europa, sondern auch in Asien bef\u00fcllt werden. Im Herbst kommen dann die ersten K\u00e4ltewellen. Das werden wir bei den Preisen sp\u00fcren.<\/p>\n<p><em>Der Beitrag ist zuerst bei\u00a0ntv.de\u00a0erschienen. Das Nachrichtenportal geho\u0308rt wie Capital zu RTL Deutschland.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>Die Gaspreise schwanken im Zuge des Irankriegs stark. 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