{"id":9991,"date":"2026-06-17T10:22:22","date_gmt":"2026-06-17T08:22:22","guid":{"rendered":"https:\/\/meiser-tv.de\/medienkritik\/brief-aus-budapest-11-netflix-politik-von-gabor-stier\/"},"modified":"2026-06-17T10:22:22","modified_gmt":"2026-06-17T08:22:22","slug":"brief-aus-budapest-11-netflix-politik-von-gabor-stier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/medienkritik\/brief-aus-budapest-11-netflix-politik-von-gabor-stier\/","title":{"rendered":"\u201eBrief aus Budapest\u201c #11: Netflix-Politik | Von G\u00e1bor Stier"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>P\u00e9ter Magyars radikale Inszenierung der Macht<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>G\u00e1bor Stier<\/strong> \u2013 aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt von <strong>\u00c9va P\u00e9li<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Das politische Leben Ungarns gleicht derzeit einem aufgew\u00fchlten Bienenstock. Die siegreiche Tisza-Partei zieht wie eine Dampfwalze voran, ihre Popularit\u00e4t ist in schwindelerregende H\u00f6hen geschossen. Die \u00d6ffentlichkeit goutiert fast jeden Schritt der Regierung \u2013 auch solche, die rechtsstaatlich h\u00f6chst fragw\u00fcrdig erscheinen. Parlamentssitzungen haben sich zu den beliebtesten \u201eSendungen\u201c entwickelt, denn die Politik von P\u00e9ter Magyar ist eine theatralische Inszenierung, an der die Menschen aktiv teilhaben wollen. W\u00e4hrend die neue Macht mit enormem Tempo alles neu ordnet und die Altlasten des Vorg\u00e4ngersystems ins Zentrum r\u00fcckt, sucht die Fidesz nach ihrer Wahlniederlage noch immer nach einer Antwort auf Magyars konfrontativen Stil.<\/p>\n<p><strong>Ein radikaler Umbruch mit hoher Geschwindigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Ungarn kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Regierung unter P\u00e9ter Magyar baut das System, das Viktor Orb\u00e1n \u00fcber 16 Jahre hinweg errichtet hat, mit atemberaubender Geschwindigkeit ab. Ein Gesetz nach dem anderen wird verabschiedet; zuletzt wurde \u2013 rechtlich umstritten und scheinbar ma\u00dfgeschneidert auf Orb\u00e1n \u2013 durch eine Verfassungs\u00e4nderung die Amtszeit eines Ministerpr\u00e4sidenten r\u00fcckwirkend auf zwei Perioden beziehungsweise acht Jahre gedeckelt. Auch von der Absetzung des Staatspr\u00e4sidenten l\u00e4sst Magyar nicht ab, obwohl Tam\u00e1s Sulyok dem Druck vorerst noch standh\u00e4lt. Nur wenige merken an, dass die Entfernung amtierender, legitim gew\u00e4hlter F\u00fchrungskr\u00e4fte mittels Verfassungs\u00e4nderung \u2013 selbst wenn dies formal m\u00f6glich ist \u2013 dem Geist der Rechtsstaatlichkeit widerspricht. W\u00e4hrenddessen hat die Regierung die reichsten Ungarn ins Visier genommen, versucht, unrechtm\u00e4\u00dfig erworbenes Verm\u00f6gen zu rekultivieren und baut die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien um. Es gibt kaum einen Lebensbereich, den die Transformation nicht ber\u00fchrt. Die Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert dabei alles, was die neue Macht tut \u2013 selbst deutlich autorit\u00e4re Schritte.<\/p>\n<p><strong>Geopolitischer Drahtseilakt und EU-Gelder<\/strong><\/p>\n<p>Unterdessen hat sich die Regierung mit der Europ\u00e4ischen Kommission auf einen Zeitplan f\u00fcr die Freigabe der Ungarn zustehenden Gelder \u2013 in einem ersten Schritt geht es um mehr als 16 Milliarden Euro \u2013 geeinigt. Das ist eine gute Nachricht, doch die Frage bleibt, welchen politischen Preis Br\u00fcssel daf\u00fcr fordert. Viele bef\u00fcrchten, dass Budapest auch in der Migrationsfrage einknicken muss. Wie durch Zauberhand hat sich zudem das ungarisch-ukrainische Verh\u00e4ltnis normalisiert: Nachdem Kiew die Wiederherstellung von Minderheitenrechten versprochen hat, gab Ungarn gr\u00fcnes Licht f\u00fcr den Beginn der Beitrittsverhandlungen. Magyar betont jedoch, dass die Integration der Ukraine in die EU noch lange dauern werde und von einer Beschleunigung keine Rede sein k\u00f6nne. Auch ein Treffen zwischen Magyar und dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj steht bevor, von dem man sich Antworten auf einige offene Fragen erhofft. Die bisherigen Auslandsreisen des Regierungschefs \u2013 Warschau, Wien, Paris, Br\u00fcssel \u2013 deuten eher darauf hin, dass der europ\u00e4ische Mainstream versucht, P\u00e9ter Magyar h\u00f6flich, aber bestimmt in die \u201egew\u00fcnschte\u201c Richtung zu lenken.<\/p>\n<p><strong>Das Ende des alten Systems? Die Fidesz in der Defensive<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Oppositionsseite bricht derweil das Gef\u00fcge unter Knirschen und Krachen zusammen \u2013 das gilt auch f\u00fcr das Medienimperium der Fidesz und die Institute des alten Systems. Angesichts der pl\u00f6tzlich eintretenden Finanznot bemerken viele h\u00e4misch, dass die Orb\u00e1n-Leute selbst das gestohlene Geld gestohlen haben. F\u00fcr die Partei geht es nun um das nackte \u00dcberleben. Parteivorsitzender bleibt Viktor Orb\u00e1n, doch Anzeichen einer Erneuerung sind kaum erkennbar. Das bedeutet: Die Fidesz hofft prim\u00e4r auf Fehler der Regierung; ihr Schicksal liegt in der Hand der Tisza-Partei. Sollten die eingesetzten Untersuchungsaussch\u00fcsse jedoch den Vorwurf des systemischen Diebstahls erfolgreich auf der Marke Fidesz \u201eeinbrennen\u201c, wird die Partei unter diesem Namen kaum noch Wahlen gewinnen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich wird der Moment kommen, in dem sich die M\u00fchsal des Regierens auch auf die Popularit\u00e4t von Tisza auswirken wird. Eine Zustimmung von \u00fcber 60 Prozent ist kaum dauerhaft zu halten. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Rivalen wird die gro\u00dfe Frage sein: Wohin wandern die W\u00e4hler ab, die sich von Tisza abwenden? Davon ist derzeit jedoch keine Rede; P\u00e9ter Magyar l\u00e4sst die Fidesz nicht aus dem W\u00fcrgegriff, und die ehemalige Regierungspartei hat sich in der Rolle des Verteidigers des Orb\u00e1n-Systems festgefahren, was der Strategie von Tisza in die H\u00e4nde spielt. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr Fidesz und der Christlich-Demokratischen Volkspartei (KDNP) besteht nun darin, aus der st\u00e4ndigen Defensive auszubrechen und eigene Initiativen zu ergreifen. Analytiker merken dazu an, dass langes Regieren einen langen Schatten wirft \u2013 eine Erfahrung, die die Fidesz nun schmerzhaft machen muss.<\/p>\n<p><strong>Die \u201eNetflix-Politik\u201c: Emotionen als Machtinstrument<\/strong><\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Novum ist derzeit die sogenannte performative Politik, die den \u00f6ffentlichen Diskurs beherrscht und Parlamentssitzungen zur B\u00fchne macht. Rhetorik, pers\u00f6nliche Zusammenst\u00f6\u00dfe und medienwirksame Momente wiegen schwerer als fachpolitische Debatten. Das ist der Kern dieser emotionalen Politik, die das Regieren zur \u201eNetflix-Serie\u201c degradiert. In einer Welt, in der alles zum Konsumgut wird \u2013 sei es ein Gegenstand, eine Ideologie oder eine Nagelpilzcreme \u2013, mutiert auch die Politik zur Performance. Der ungarische Politikwissenschaftler Viktor Kiss stellt fest, dass die Menschen Politik \u00fcber Medienereignisse erleben, sich emotional statt rational binden und als Akteure in die Prozesse eingreifen wollen. Seiner Analyse nach durchzog die Performativit\u00e4t bereits den Wahlkampf von P\u00e9ter Magyar \u2013 jenem Wahlkampf, der den Orb\u00e1n-Mythos zertr\u00fcmmerte \u2013 und pr\u00e4gt nun ma\u00dfgeblich sein Regierungshandeln.<\/p>\n<p><strong>Der Mythos Magyar: Illusionen als politischer Klebstoff<\/strong><\/p>\n<p>Kiss zufolge bedient Magyar zwei zentrale Illusionen: Der sogenannten \u201aCovid-Generation\u2018 verschafft er ein Gef\u00fchl des Handelns gegen die l\u00e4hmende Ohnmacht. Er verspricht eine Befreiung aus der Kluft zwischen der erstickenden Atmosph\u00e4re der Orb\u00e1nschen Staatspartei-Politik und dem individualistischen Freiheitsversprechen der digitalen Konsumgesellschaft. Den jungen Menschen er\u00f6ffnete er mit der M\u00f6glichkeit, das NER (das Machtsystem des Orb\u00e1n-Regimes) zu st\u00fcrzen, die \u201aIllusion der gro\u00dfen Tat\u2018. <\/p>\n<p>Eine ganze Generation folgte dem systemkritischen \u201aKonzert\u2018 im Stile des bekannten, radikalen Kulturkritikers R\u00f3bert Puzs\u00e9r und erlebte in der Wahlnacht eine wahre Ekstase. Der Gesellschaft als Ganzes wiederum vermittelt er den Glauben, dass Politik weiterhin wirkm\u00e4chtig sein kann. Die Botschaft dahinter: Die Befreiung von Orb\u00e1n mache uns nicht schwach, sondern handlungsf\u00e4hig. Da auch Orb\u00e1n seinen Erfolg einst dem Image des \u201astarken Mannes\u2018 verdankte, war dieser Gegenentwurf notwendig. F\u00fcr Magyar wird es nun die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung sein, das Versprechen eines sinnvollen politischen Handelns langfristig einzul\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Dank an den Autor f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung dieses Beitrags.<\/p>\n<p><strong>+++<\/strong><\/p>\n<p>Bild: P\u00e9ter Magyar (Ministerpr\u00e4sident Ungarns)<br \/>Bildquelle: Sarkadi Roland \/ shutterstock<\/p>\n<p><!--kg-card-begin: html--><br \/>\n<img data-opt-id=575751850  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/7fe468397e0f41b893efd7849e3228e2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\u201eBrief aus Budapest\u201c #11: Netflix-Politik | Von G\u00e1bor Stier\"><br \/>\n<!--kg-card-end: html--><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div>\n<p><strong>P\u00e9ter Magyars radikale Inszenierung der Macht<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>G\u00e1bor Stier<\/strong> \u2013 aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt von <strong>\u00c9va P\u00e9li<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Das politische Leben Ungarns gleicht derzeit einem aufgew\u00fchlten Bienenstock. Die siegreiche Tisza-Partei zieht wie eine Dampfwalze voran, ihre Popularit\u00e4t<\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":9992,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_gspb_post_css":"","_uag_custom_page_level_css":"","fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-9991","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienkritik"],"blocksy_meta":[],"uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",1920,1080,false],"thumbnail":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:150\/h:150\/q:mauto\/rt:fill\/g:ce\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:300\/h:169\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:768\/h:432\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",768,432,true],"large":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:1024\/h:576\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",1024,576,true],"1536x1536":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:1536\/h:864\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",1536,864,true],"2048x2048":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",1920,1080,false],"trp-custom-language-flag":["https:\/\/mleexelnfod5.i.optimole.com\/w:18\/h:10\/q:mauto\/f:best\/dpr:2\/https:\/\/meiser-tv.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Artikel_20260617_Magyar_apolut.jpg",18,10,true]},"uagb_author_info":{"display_name":"admin","author_link":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/author\/admin\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"P\u00e9ter Magyars radikale Inszenierung der MachtEin Meinungsbeitrag von G\u00e1bor Stier \u2013 aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt von \u00c9va P\u00e9li.Das politische Leben Ungarns gleicht derzeit einem aufgew\u00fchlten Bienenstock. Die siegreiche Tisza-Partei zieht wie eine Dampfwalze voran, ihre Popularit\u00e4t","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9991"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9991\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meiser-tv.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}