Gallup-Umfrage: 66 Prozent der Ukrainer wollen Verhandlungen mit Russland

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Von Alexej Danckwardt

Zwei Drittel der Ukrainer sprechen sich laut einer aktuellen Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup für einen möglichst raschen Beginn von Verhandlungen mit Russland zur Beilegung des Konflikts aus.

Den Umfrageergebnissen zufolge sind 66 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass das Land so bald wie möglich Verhandlungen aufnehmen sollte. Weniger als ein Viertel der Befragten (laut Pressemitteilung und beigefügter Grafik 24 Prozent, jedoch liegt bei einer der drei Zahlen ein offensichtlicher Rundungsfehler vor) fordert eine Fortsetzung des Krieges. Weitere 11 Prozent konnten sich nicht festlegen.

Dazu passt eine frühere Umfrage aus dem März 2026, in der sich 61 Prozent der befragten Ukrainer zu territorialem Verzicht bereit erklärt hatten.

Eine „Stagnation“ nennt Gallup die Entwicklung bei den Erwartungen der Ukrainer hinsichtlich ihrer Zukunft in westlichen Bündnissen. Aktuell geben 30 Prozent an, dass die Ukraine ihrer Meinung nach innerhalb des nächsten Jahrzehnts der NATO beitreten wird, ein leichter Rückgang gegenüber dem Wert des Vorjahres (32 Prozent). Ein höherer Anteil (38 Prozent) glaubt, dass ihr Land niemals NATO-Mitglied werden wird.

Hinsichtlich der EU-Mitgliedschaft hält die Hälfte (49 Prozent) angeblich an der Illusion fest, dass die Ukraine in den nächsten 10 Jahren EU-Mitglied werden wird. Auch hier ein leichter Rückgang gegenüber den Ergebnissen des Vorjahres (52 Prozent), aber ein sehr starker gegenüber den Jahren 2022 und 2023.

Gefragt haben die US-Meinungsforscher offenbar nur nach den Prognosen, nicht danach, ob die Befragten sich den Beitritt zum jeweiligen Bündnis auch wünschen. Jedenfalls sind keinerlei Umfrageergebnisse zu den persönlichen Präferenzen der Befragten im öffentlich verfügbaren Material mitgeteilt. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Gallup macht im frei verfügbaren Material auch keine Angaben zur Anzahl der Befragten und gibt keine statistische Fehlerquote an. Mitgeteilt wird lediglich, dass die Krim und die anderen russisch kontrollierten Gebiete von der Untersuchung ausgenommen waren. Die Ergebnisse decken sich allerdings weitgehend mit den längerfristigen Beobachtungen zu den tief gegründeten Überzeugungen der Ukrainer.

Bekanntlich hatten im Jahr 2019 im zweiten Jahrgang der letzten ukrainischen Präsidentschaftswahl 73 Prozent der ukrainischen Wähler für Wladimir Selenskij gestimmt. Die Stichwahl wurde damals als Referendum gegen den prowestlichen und nationalistischen Kurs des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko sowie gegen den Krieg im Donbass empfunden. Dass der russischsprachige Jude Selenskij, der im Wahlkampf versprochen hatte, um des Friedens willen „sogar mit dem Teufel“ verhandeln zu wollen, den Kurs seines eindrucksvoll abgewählten Vorgängers nahtlos fortsetzen würde, kann man den ukrainischen Wählern kaum zum Vorwurf machen.

Poroschenko hat Ukrainern die Visafreiheit zur EU erstritten, das Assoziierungsabkommen unterzeichnet, EU- und NATO-Beitritt in die Verfassung aufgenommen, seine Partei heißt „Europäische Solidarität“. Wenn Ukrainer diesen Kurs wollen, warum wählen sie ausgerechnet ihn, den Muster-Westintegrator, ab? Rhetorische Frage.

Auch die Tatsache, dass es prorussische Kräfte (unter anderem die heute verbotene KPU) waren, die 2013 ein Referendum über die Bindung oder Nichtbindung an die EU forderten, und es die „Proeuropäer“ waren, die es damals verhinderten, kann ein Indiz für die langfristigen Überzeugungen der Mehrheit der Ukrainer sein.

Das wichtigste Ergebnis der Gallup-Umfrage ist, dass die kurzzeitigen durch den Start der Militärischen Sonderoperation Russlands ausgelösten Anomalien der Jahre 2022 und 2023 in den Meinungen der Ukrainer sich immer mehr auflösen und das Land zu seinem demoskopischen und soziologisch-kulturellen Normalzustand eines gespaltenen, aber mehrheitlich EU- und NATO-skeptischen Volkes zurückkehrt.

In keiner seriösen demoskopischen Untersuchung des Jahres 2013 fand sich jemals eine absolute Mehrheit für die EU-Assoziierung. Als seriös können nur die Umfragen bezeichnet werden, die den Ukrainern drei Optionen ihrer Zukunft zur Auswahl stellen: EU-Bindung, Beitritt zur russischen Zollunion oder Beibehaltung der Neutralität und Offenheit in beide Richtungen.

Wurden die Befragten nicht auf die falsche Dichotomie „exklusive Westbindung“ vs. „exklusive Russlandbindung“ beschränkt, ging die Zahl der EU-Anhänger trotz massiver Westpropaganda und all der falschen Verheißungen eines schnellen und anstrengungslosen Wohlstands bis Ende 2013 nie über 40 Prozent hinaus. Gewöhnlich waren bis Mitte 2013 die Anhänger des östlichen Integrationsvektors, später die Anhänger des Status quo, also der Nichtbindung, auf Platz eins. Beide – und beide sind spätestens ab Ende 2013 EU-Gegner – erreichten zusammen in der Summe eine Zwei-Drittel-Mehrheit oder verfehlten sie nur knapp.

Leider sind diese Umfragen heute online nicht mehr verfügbar (proeuropäische Zensur, Löschung der Internetseiten der Institute selbst und aller Presseerzeugnisse, die darüber berichtet hatten), aber selbst in den Untersuchungen westorientierter Hofdemoskopen des KMIS (engl. Abkürzung KIIS – Kiev International Institute of Sociology) sieht man noch die Spuren des vorstehend Geschilderten.

Wie man an dem nachstehenden Graph von KIIS erkennt (Quelle: Pressemitteilung aus dem Herbst 2015), war bis zum Einsetzen der durch EU (Brüssel gab 2013 500 Millionen Euro allein für „Imagewerbung“ in der Ukraine aus), USA, NATO und die eigenen Oligarchen finanzierten massiven Gehirnwäsche eine relative Mehrheit der Ukrainer für den Beitritt zu postsowjetischen („russischen“) Integrationsprojekten.

Noch im Februar 2013 stand es 38 Prozent pro Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan, Russland, Weißrussland und anderen (roter Graph), 37 Prozent für den Beitritt zur EU (blauer Graph) und 11 Prozent für Nichtbindung (grüner Graph). 15 Prozent legten sich damals nicht fest – auch hier stimmt etwas mit den Rundungen nicht, wie bei Gallup führt die Addition zu 101 Prozent, muss ein typisches Problem prowestlicher Demoskopie sein. 

Nach Einsetzen der westlichen Psy-Ops stieg die Zahl der EU-Anhänger und erreichte ihr Maximum mit 47 Prozent im Februar 2015. Danach fiel sie wieder. Ein halbes Jahr später waren die EU-Gegner ohne Berücksichtigung der Unentschlossenen wieder in der Mehrheit.

Nochmals: Das sind Zahlen prowestlicher „Forscher“, ich verzichte auf Spekulationen über die Quellen ihrer Finanzierung. Der Zeitraum des Grafs ist auch nicht ohne Grund so ausgewählt, wie er auf dem Bild sichtbar ist: Im Dezember 2012 stand es in einer anderen Meinungsumfrage noch 46 Prozent zu 35 Prozent zugunsten des östlichen, russischen Integrationsprojekts, wie hier beiläufig erwähnt. Just damals versprach Victoria Nuland, eine Reintegration der Sowjetunion niemals zulassen zu wollen. Was immer sie die Entscheidung der Völker der Sowjetunion auch angehen darf – frei und natürlich war an dem nachfolgenden „Meinungsumschwung“ rein gar nichts.

Ein Beitritt zur NATO wurde damals und auch später von der absoluten Mehrheit der Ukrainer entschieden abgelehnt. Die Umfrageergebnisse selbst der besagten prowestlichen Institute fielen für den militaristischen Teil Brüssels noch vernichtender aus als für den wirtschaftsimperialistischen: So zeigte sich beispielsweise in gemeinsamen Umfragen des KIIS und der Stiftung „Demokratische Initiativen“, dass bei der Frage nach Sicherheit und militärischer Integration (NATO versus Bündnis mit Russland versus Blockfreiheit) die Anhänger der Blockfreiheit mit großem Abstand führten und landesweit stets 40–50 Prozent erreichten. Die Idee eines Militärbündnisses mit Russland kam auf 15–20 Prozent, während die Unterstützung für die NATO zwischen 15 und 18 Prozent schwankte. 

All diese Grundüberzeugungen kommen nun allmählich wieder zum Vorschein. Jede andere Darstellung ist auf Lügen und Manipulation beruhende EU- und NATO-Propaganda: Eine ernst zu nehmende Soziologie und Demoskopie gibt es in der Ukraine heute nicht – beide sind in einer faschistischen und terroristischen Diktatur schlicht unmöglich. Und Westinstitute müssen wesentliche Teile geheim halten – sie sind nur für den internen Gebrauch der Strippenzieher erhoben worden.

Aber auch die wenigen Krümel, die sie uns zuwerfen dürfen, genügen, um feststellen zu können: Da ist etwas in Bewegung. Und das ganz sicher nicht im Sinn der Strippenzieher, die sich nun neue Psy-Ops einfallen lassen werden.  

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